Stronger than ever

(Die Geschichte von Prince Charming)

by Uli (28.02.2001)

Paddy Kelly hatte alle seine Vorhaben in die Tat umgesetzt: Er hatte den Führerschein gemacht und machte seit einiger Zeit voller Freude mit seinem kleinen Auto die Gegend unsicher, manchmal im wahrsten Sinn des Wortes, wenn ihm wieder einmal eine ganze Traube von aufdringlichen Fans folgte. Seine CD war fast fertig und er war sehr gespannt, wie die Fans auf seinen neuen, rockigen Sound reagieren würden. Nun war es an der Zeit, auch noch die letzte Hürde zu nehmen: den PC. Fast täglich saß er bei seinem computer-begeisterten Bruder Angelo und ließ sich von ihm in die Geheimnisse und Tücken seines geliebten Laptops einweihen. Paddy lernte schnell und schon bald entstanden seine neuesten Songs nicht mehr flüchtig dahingekritzelt auf zahllosen Fetzen Papier, die in seinem Zimmer auf Schloss Gymnich verstreut auf dem Boden lagen, sondern in geradezu akribisch ordentlicher Form auf Angelos Laptop.

Als er zum ersten Mal im Internet surfte, war Paddy restlos begeistert von der Vielfalt, die das Netz zu bieten hatte. Er suchte nach alten Songs, nach Informationen über Irland oder anstehenden Volksläufen oder Marathons, an denen er in letzter Zeit begeistert mit Joey teilnahm, und nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, die ihn sonst noch interessierten. Aus reiner Neugierde schaute er sich eines Tages die Fan-Server-Seite an, eine Kelly-Homepage von Fans für Fans, auf der stets die neuesten Infos, Tourdaten und ähnliches zu finden waren. Die offizielle Kelly-Family-Homepage war, so musste Paddy feststellen, dagegen mehr als dürftig. Außer einem Tourtagebuch der Weihnachtstour von vor zwei Jahren und den Userpages verschiedener Kelly-Fans, die ihm zum Teil sehr gut gefielen, gab es da wahrlich nichts besonderes zu sehen. Paddy nahm sich vor, sich dieser Homepage persönlich anzunehmen, sobald seine PC-Künste ihm dies erlaubten. Neugierig las er in den einzelnen Rubriken der Fan-Server-Seite und als er ins Gästebuch schaute, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen: Die einzigen Sorgen seiner Fans schienen darin zu bestehen, ob er denn nun eine Freundin habe oder nicht und ob seine Haare noch lang oder womöglich kurz waren. Na, solche Sorgen möchte ich haben, dachte Paddy belustigt. Wahrscheinlich diskutieren sie auch noch darüber, welche Farbe meine Unterhosen haben und ob ich mir abends die Zähne mit einer grünen oder einer gelben Zahnbürste putze.

Er stöberte weiter in verschiedenen Fan-Homepages, die ihm Kira, ein wahres Computergenie, empfohlen hatte. Es waren ein paar wirklich schöne Seiten dabei und Paddy war richtig erstaunt, wie viel Mühe sich seine Fans gaben. Er fing an, ein paar Konzertberichte zu lesen, und wunderte sich, wie genau sich die Fans an alle Einzelheiten eines Konzerts erinnern konnten. Da wurde jedes Detail erwähnt und auch genauestens darüber berichtet, was sie für einen Platz in den vorderen Reihen alles auf sich nahmen, und es war verblüffend, wie treffend die Fans manchmal seine oder die Gefühle seiner Geschwister nur aus Blicken oder Gesten erkennen konnten. Es schien, als wüssten sie sehr genau Bescheid, ob sich ein Mitglied seiner Familie gut oder schlecht fühlte. Als nächstes las er ein paar von Fans selbstgeschriebene Gedichte und auch diese beeindruckten ihn sehr. Vielleicht sollte er sich ein paar Songtexte von ihnen schreiben lassen.

Am besten aber gefielen ihm die Phantasiegeschichten, die es massenhaft auf den verschiedenen Fanseiten gab. Paddy war begeistert. Die Phantasie der Fans schien wahrhaft grenzenlos zu sein. Sehr viele der Geschichten handelten von ihm und davon, wie er sich unsterblich in einen Fan verliebte, anscheinend der absolute Traum eines jeden Paddy-Kelly-Fans. Er fand diese Geschichten wirklich amüsant und saß bis spät am Abend an Angelos PC. Und dann, kurz vor Mitternacht, las er zum ersten Mal eine Geschichte, die damit endete, dass er sich umbrachte, nachdem sich seine Freundin von ihm getrennt hatte, weil sie all den Rummel um seine Person, all die Verfolgungen durch die Fans nicht mehr ertragen konnte. Die Geschichte war wirklich traurig und er fragte sich, ob das Mädchen, das sie geschrieben hatte, ihn wohl wirklich so sah, wie sie ihn beschrieb, als traurigen, einsamen, tragischen Helden, der sein Leben nicht mehr erträgt und nur noch einen Ausweg sieht: sich umzubringen.

Tag für Tag fand er ganz ähnliche Geschichten auf einer der zahllosen Homepages. Es gab mehrere Versionen: manchmal brachte er sich um und hinterließ Barby einen Abschiedsbrief, in dem er ihr mitteilte, dass er gehen müsse, dass sie aber unbedingt kämpfen solle und nicht aufgeben wie er. In anderen Geschichten brachte er sich wegen, mit oder nach seiner Freundin um und in wieder anderen tötete er sich, weil er die Fans nicht mehr ertragen konnte, die ihn unablässig verfolgten, ihm seine Privatsphäre raubten. Paddy wurde immer nachdenklicher und dachte viel darüber nach, was seine Fans wirklich in ihm sahen. Sie schienen sich so viele Sorgen um ihn zu machen und einerseits gefiel ihm das, zeigte es ihm doch, wie sehr sie ihn mochten, aber andererseits sah er sich nicht gerne in der Rolle des Verzweifelten, der keinen Ausweg mehr sieht. Wie hatte sich doch alles verändert: Früher, als die Kelly Family ganz am Anfang ihres Ruhmes in Deutschland stand, da war er der Freund, der Kumpel der Fans, das war eine sehr schöne Zeit für ihn, da konnte er noch ganz er selbst sein und mit seinen Fans viel Spaß haben. Und dann, nur ein paar Jahre später, als die Kellys längst berühmt waren und er ohne es zu wollen zum Mädchenschwarm avancierte, wurde er zum Held einer ganzen Generation, zum schönen, ewig lächelnden Helden, der keinen Schmerz kennt und alle Situationen spielend meistert: Prince Charming wurde geboren, er selbst erweckte ihn zum Leben, indem er für jeden sein zauberhaftestes Lächeln parat hatte, egal ob ihm danach zumute war oder nicht. Manchmal wusste er selbst nicht mehr genau, wer er eigentlich war, aus jeder Zeitschrift lächelte er sich selbst entgegen. Unfreundlichkeiten gegenüber seinen Fans konnte und wollte er sich gar nicht erlauben, zu schön war das Gefühl, von allen geliebt zu werden.

Und auch in der Zeit, in der es ihm alles andere als gut ging, verstand er es perfekt, Prince Charming am Leben zu halten, indem er weiter seine Rolle für die Fans spielte. Er konnte ihnen doch nicht zeigen, wie schlecht es ihm ging, seine Furcht, sie könnten ihn dann nicht mehr lieben, war viel zu groß, sie brauchten doch ihren strahlenden Prince Charming. Aber offensichtlich war er doch nicht so perfekt gewesen wie er geglaubt hatte oder er hatte seine Fans einfach unterschätzt. Sie hatten sehr wohl bemerkt, was mit ihm los war, dass er längst nicht mehr der strahlende Held war. Er hatte immer weiter seine Rolle gespielt, aber manchmal konnte er einfach nicht mehr und dann sahen sie seine Ausbrüche, seine Wut, manchmal weinte er sogar, aber immer nur für kurze Momente, um dann sofort wieder sein Lächeln aufzusetzen. Und ohne es zu wissen, hatte er ihnen damit ein noch viel schöneres Heldenbild geliefert: den tragischen, einsamen Prince Charming. Dieses Bild des Helden war für seine Fans noch viel faszinierender, was kann es schöneres geben für einen Fan als einen Helden, mit dem man nicht nur lachen sondern auch weinen kann, der schwach und einsam ist und dem jeder Fan liebend gerne sofort all seine Liebe und all seine Unterstützung geben würde??? Nachdem Paddy noch viele weitere Geschichten über sein trauriges Ableben gelesen hatte, wurde ihm klar, dass er etwas unternehmen musste. Nein, er wollte nicht länger der Prince Charming der Fans sein, nicht der strahlende und schon gar nicht der tragische. Er musste sie irgendwie davon überzeugen, dass er weit davon entfernt war, ein Held zu sein, dass er nicht mehr und nicht weniger war als ein junger Mann aus Fleisch und Blut und dass er auch gar nichts anderes sein wollte. Er fasste einen Entschluss: Prince Charming musste sterben, aber wie???

Angelo fand seinen Bruder gegen 2:30 Uhr schlafend über seinem Laptop hängend. „Sag mal, bist du jetzt total dem Internet-Fieber verfallen?“ neckte er ihn, nachdem er ihn sanft geweckt hatte. „Ach Angelo, wenn es das nur wäre. Hast du schon mal das Gefühl gehabt, alles falsch gemacht zu haben, obwohl oder gerade weil du es allen Recht machen wolltest?“ Angelo sah die Sorgen im Gesicht seines Bruders. Er hatte gewusst, dass es eines Tages dazu kommen würde. Paddy hatte immer versucht, das Beste für seine Fans zu tun, er hing so sehr an ihnen, dass er Angst hatte, sie könnten weglaufen, wenn er sich nicht genug um sie kümmerte, wenn er ein Zeichen von Schwäche zeigte. Er hatte alles still ertragen, ohne sich je wirklich zur Wehr zu setzen, all die Unverschämtheiten, die Beschimpfungen und das ständige Auflauern seiner Fans hatte er hingenommen. „Du musst dich wehren, Paddy, sonst machen sie dich eines Tages kaputt. Zeig ihnen ihre Grenzen auf, das ist deine einzige Chance!“ Sie schliefen beide nicht mehr in dieser Nacht. Bis am anderen Morgen saßen sie zusammen im Wohnzimmer, tranken eine Flasche Wein und redeten über die Fans. Jeder Fan braucht seinen Helden, das war klar, aber Paddy war kein Held. Sie überlegten, was wohl passieren würde, wenn Paddy der Befürchtung seiner Fans nachkommen und sich wirklich umbringen würde. Angelo war es, der seinem Bruder klar machte, was dann ablaufen würde: „Sie würden um dich trauern, logisch, bestimmt einige Wochen oder Monate, manche vielleicht auch länger, aber irgendwann würden sie sich einen neuen Helden suchen, irgendeinen anderen Star, von dem sie träumen können. Tote Helden sind nicht lange interessant!“ Genau das war es: Es ging hier gar nicht um Paddy, es ging nur um Prince Charming, den einsamen, tragischen Helden. Und plötzlich wusste Paddy, was er zu tun hatte. Er würde ihnen zeigen, wer er wirklich war, so wie er es früher auch getan hatte. Die, die ihn wirklich mochten, würden nicht enttäuscht sein, sie würden ihn genauso lieben wie vorher, ihn, Paddy Kelly, und nicht Prince Charming.

Ein paar Tage später lernte Paddy im Fitness-Studio, in das er regelmäßig mit Joey ging, ein Mädchen kennen. Sie war erst vor kurzem mit ihrem Vater, einem Diplomaten aus Südafrika, nach Deutschland gekommen und sprach kaum deutsch und irgendwie tat sie ihm leid, wie sie so allein und verloren an der Bar saß und auf ihren Vater wartete. Außerdem sah sie mit ihrem kaffeebraunen Teint und ihren langen schwarzen Locken sehr attraktiv aus. Spontan lud Paddy sie auf einen Kaffee ein, aber vorher wollte er noch seine Sporttasche nach Gymnich bringen. Vor dem Schloss sah es aus wie immer: Ungefähr zwanzig Mädchen saßen davor, jene zwanzig, die fast immer da waren und die er überhaupt nicht leiden konnte. Er mochte seine Fans wirklich sehr, aber das hier hatte mit Fan-Sein nichts mehr zu tun. Sie waren von einer unglaublichen Unverfrorenheit, lauerten überall wie die Geier auf ihre Beute und hatten ständig ihre Fotos griffbereit. Paddy hielt an und stieg kurz aus, da kamen sie auch schon gerannt und versuchten, ins Auto zu spähen, um einen Blick auf seine Begleiterin zu werfen. Kurz darauf schrie eine von ihnen, ein kräftiges Mädchen mit langen dunkelblonden Haaren, die ihm schon oft das Leben zur Hölle gemacht hatte: „Hey Leute, schaut mal, Paddy hat eine Negerhure dabei!“ Eine unglaubliche Wut stieg in ihm auf und in diesem Augenblick erkannte, dass es keine bessere Gelegenheit geben konnte, Prince Charming, den einsamen, tragischen Helden, sterben zu lassen.

Er drehte sich um, ganz langsam, und kalte Wut blitzte in seinen Augen, während er auf das Mädchen zuging. „Was hast du da eben gesagt?“ fragte er gefährlich ruhig, aber sie merkte es gar nicht. Provozierend sah sie ihn an: „Stimmt doch, was ich gesagt habe. Anscheinend treibst du es ja neuerdings mit Negern, oder wieso sitzt die da sonst in deinem Auto?“ Triumphierend begann sie zu lachen und sie hätte niemals mit dem gerechnet, was jetzt passierte, nicht von Paddy, dem ewig lächelnden Prince Charming: Ohne Vorwarnung klatschte seine Hand mitten in ihr Gesicht und man konnte alle seine Finger auf ihrer Wange sehen, während sie hysterisch zu schreien begann. „Was schreist du denn so, ich hab auch nicht geschrien all die Jahre, in denen ihr mich verfolgt habt, gequält mit eurer Impertinenz!“, meinte er nur ganz ruhig. Dann ging er auf ihre Freundin zu, die ein Foto nach dem anderen geschossen hatte, nahm ihr mit einer schnellen Bewegung den Foto aus der Hand und zog den Film heraus. Ganz langsam wickelte er ihn auf und gab ihr dann Foto und Film mit dem spöttischsten Lächeln, zu dem er fähig war, zurück. „Oh sorry, tut mir echt leid, ich glaube, ich habe aus Versehen deinen Film kaputt gemacht!“, säuselte er zuckersüß, während die Blonde immer noch hysterisch kreischte, ihr Vater werde ihn verklagen. „Soll er doch“ meinte Paddy nur. Eigentlich hätte er sich jetzt schlecht fühlen müssen angesichts der Tatsache, dass er jemanden geschlagen hatte und noch dazu ein Mädchen, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Er fühlte sich gut, richtig gut und stärker als je zuvor. Er war frei! Es gab keinen Prince Charming mehr, er war einfach wieder Paddy Kelly, der Mensch, Prince Charming war tot, aber Paddy lebte, lebte und freute sich auf sein neues Leben. Er ließ die Mädchen stehen und fuhr weg, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen.

Nachdem er den Kaffee mit dem Mädchen aus dem Fitness-Studio getrunken hatte, einem sehr netten Mädchen übrigens, fuhr er direkt zu Angelo und Kira, die bereits im Wohnzimmer vor dem Laptop saßen. „Ich sag’ nur eins, Brüderchen, echt cool, dein Auftritt. Hätte ich dir gar nicht zugetraut!“ Die Meldungen im Internet waren vernichtend: Von „Paddy, das Schwein“ über „Patrick schlägt Fan“ bis hin zu „Paddy, wie konntest du uns so etwas antun?“ war alles vertreten. Die Fans schienen zutiefst verunsichert über die Verwandlung ihres Helden zu sein. Aber Paddy war das völlig egal, zum ersten Mal in seinem Leben war es ihm wirklich gleichgültig, was seine Fans über ihm dachten oder sagten. Sie würden lernen müssen, damit zu leben: Prince Charming gab es nicht mehr, weder den strahlenden noch den tragischen. Nie wieder wollte Paddy versuchen, ihnen etwas vorzumachen. Sie würden ihn so nehmen müssen wie er wirklich war: ein Mensch aus Fleisch und Blut mit all seinen Stärken, aber auch all seinen Schwächen. Und die, die ihn wirklich mochten, die würden das auch akzeptieren, da war er ganz sicher. Und die anderen würden sich eben einen anderen Helden suchen müssen, Robbie Williams vielleicht oder Nick Carter...

Diese Geschichte habe ich für alle geschrieben, die Angst haben, dass Paddy sich umbringt. Ich mache mir auch oft Sorgen um ihn, aber ich glaube, dass er ganz tief in seinem Innern viel stärker ist als wir alle annehmen, er weiß es nur nicht. Steh endlich auf und wehr dich, Paddy!