Angelo Kelly hatte die Schnauze voll, wie man so schön sagt. Es hing ihm alles so zum Hals raus, diese ständige Fahrerei zu Konzerthallen, diese kreischenden Wesen, die sich Fans nannten, die vorgaben, sie zu lieben, die sie aber in Wirklichkeit nur besitzen wollten, die ewigen Streits mit Kira, die sich so oft vernachlässigt fühlte, obwohl er sich doch wirklich alle erdenkliche Mühe gab, sie immer spüren zu lassen, wie sehr er sie liebte. Er wollte sie beschützen, aber das konnte er nicht. Es waren zu viele, die ihnen überall auflauerten und, wenn es gut lief, um ein Autogramm baten, wenn es aber schlecht lief, seine Freundin beschimpften. Was wollten die bloß alle von ihm? Er war doch kein Gott, nein, er war nur ein ganz normaler 18jähriger mit all seinen Hoffnungen und Träumen. Manchmal wünschte er sich, es wäre alles gar nicht so weit gekommen. Und heute war wieder so ein Tag. Gleich morgens hatte ihm Kira eine Riesenszene gemacht, weil wieder mal diese aufdringlichen Mädchen vor ihrer Tür standen. Normalerweise konnte er sie besänftigen, aber heute hatte er nicht die Kraft dazu. Er wollte einfach nur seine Ruhe haben, nur weg von allem. Nein, er wollte das alles nicht mehr ertragen, er würde aufhören, einfach aufhören, und dann mit Kira wegziehen, irgendwohin, wo sie niemand kannte. Sie waren so jung, sie würden auch noch etwas anders machen können als Musik. Spontan lief er aus dem Haus zur nächsten Telefonzelle und rief bei seinem Vater an und sagte ihm, dass am Abend alle nach Schloss Gymnich kommen sollten, er hätte ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Er hatte Angst, Angst davor, was sie sagen würden. Bestimmt würden sie versuchen, ihn zu überreden weiter zu machen, so wie auch er wieder und wieder auf Paddy einredete, wenn es ihm schlecht ging, aber er war wild entschlossen, sich nicht mehr beeinflussen zu lassen. Er fühlte sich schon besser und ging zurück zu Kira, um ihr von seinem Entschluss zu erzählen. Vor Freude fiel sie ihm um den Hals. Dann fuhr Angelo nach Gymnich. Er musste jetzt auf seinem Schlagzeug spielen, all seine Wut und seinen Frust heraustrommeln und sich dann auf die große Aussprache vorbereiten. Vielleicht würde er vorher noch mit Kathy sprechen, sie hatte eigentlich immer Verständnis für ihren „Kleinen“. Vor dem Tor traf er sie auch schon, sie kam ihm entgegen mit Sean und einem Mädchen, das er noch nie gesehen hatte. „Hi Kathy“ sagte er in gezwungen heiterem Tonfall und Kathy blickte ihn schon misstrauisch an, als sich plötzlich das kleine Mädchen zu Wort meldete. „Hallo Angelo“ sagte sie nur und strahlte ihn an. Oh nein, fangen jetzt die Kleinen auch schon an, dachte er, aber da war irgend etwas an diesem Mädchen, das ihn fast zwang, ihr ins Gesicht zu schauen. Ihre Augen waren hell und klar und sie blickte ihm ganz unbefangen ins Gesicht, da war nicht dieser Ausdruck von Gier, den er so oft in den Augen seiner sogenannten Fans sah. „Hallo“, sagte sie nochmal, „ich bin Anja und ich finde, du kannst ganz toll trommeln!“ Höflichkeitshalber fragte er Kathy, wer die Kleine war. Sean habe sie mit ihrer Großmutter, bei der sie zu Besuch war, beim Bäcker kennen gelernt, erklärte ihm seine große Schwester, und er fand sie so lieb, dass er sie spontan zu sich einladen wollte. Und er solle bitte vorsichtig mit ihr umgehen, sie habe eine leichte geistige Behinderung und verstehe einige Sachen nicht. Angelo hatte keine Lust, sich weiter mit diesem Mädchen zu beschäftigen, also ging er in den Keller zu seinem Schlagzeug und fing an, wie besessen darauf einzudreschen, aber ihm wurde nicht besser. Er grübelte, ob er wirklich aufhören sollte oder vielleicht lieber alles noch einmal überdenken. Wie sollte er es nur seinen Geschwistern beibringen? Er war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht merkte, wie sich die Tür öffnete und jemand den Raum betrat. Erst als eine Stimme sagte: „Du trommelst aber wild!“, schreckte er auf. Vor ihm stand dieses kleine Mädchen und blickte ihm wieder unverwandt in die Augen. Er wollte sie wegschicken, aber er konnte diesem Blick nicht widerstehen. Sie sah sehr hübsch aus, zart, mit langen dunkelblonden Haaren und blaugrauen Augen, irgendwie erinnerte sie ihn ein bisschen an einen Engel. Kathy hatte ihm gesagt, sie sei elf Jahre alt, aber mit ihrem kindlichen Gesicht wirkte sie viel jünger auf ihn. „Was willst du denn hier?“ fragte er schließlich etwas unwirsch, „wolltest du nicht mit Sean spielen?“ „Ach, der spielt immer nur mit seinem He-Man, das mag ich nicht. Ich will dir lieber beim Trommeln zuhören, darf ich?“ Sie sprach sehr langsam, aber sonst deutete nichts auf eine Behinderung hin. Warum werden Menschen eigentlich immer gleich als behindert eingestuft, nur weil etwas an ihnen anders ist als bei anderen? Irgendwie rührte ihn dieses Mädchen, auch wenn er nicht sagen konnte warum. „Also gut, bleib hier, du darfst ein bisschen zuhören“. Er trommelte weiter und beobachtete die Kleine, die fasziniert zuschaute. Ihre Füße wippten im Takt und ihre Augen strahlten vor Begeisterung. „Woher kennst du mich eigentlich?“ fragte er irgendwann. „Ich gehe manchmal mit Mama und meiner Schwester auf eure Konzerte und am besten gefällt mir dein Trommelsolo!“ Und dann, ganz schüchtern, fragte sie: „Darf ich auch mal trommeln?“ Die Ausstrahlung des Mädchens war unglaublich, er rückte sofort zur Seite. Und dann trommelten sie zusammen. Sie hatte ziemliche Schwierigkeiten mit der Koordination, aber das konnte ihrer Begeisterung keinen Abbruch tun. Noch nie hatte Angelo so strahlende Augen gesehen. Dann kam Sean, der seine kleine Spielkameradin vermisst hatte. „Wann ist wieder Konzert, Angelo?“ fragte Anja. Wie sollte er ihr das jetzt erklären? Er wurde plötzlich wütend und meinte nur knapp, dass es gar keine Konzerte mehr geben würde, weil er keine Lust mehr hätte, zu trommeln. Ihre Augen wurden ganz dunkel, das Strahlen verschwand und sie schaute ihn nur ernst an. „Aber ... aber dann bin ich doch ganz arg traurig ... und meine Mama und meine Schwester auch ... und die anderen Leute ...“ Sie stockte kurz. „Aber wenn du halt keine Lust mehr hast ...“ Dann ging sie mit Seany weg, aber bevor sie die Tür zum Studio schloss, drehte sie sich noch einmal um und schaute ihn mit ihren großen traurigen Augen wortlos an. Angelo wurde noch wütender und trommelte wie wild auf sein Schlagzeug ein, aber er konnte diesen Blick und ihre Worte nicht vergessen. „Aber dann bin ich doch ganz arg traurig und die anderen Leute auch.“ Verdammt, warum rührte ihn dieses Mädchen so? Plötzlich wusste er, warum er so wütend war. Nein, es war nicht das Mädchen, das ihn in Wut brachte, es war er selbst. Schlagartig wurde ihm klar, dass seine Entscheidung falsch war. Ja, sie hatte Recht, es gab so viele Menschen, die die Kellys ihrer Musik wegen liebten. Er konnte nicht aufhören, nein, er wollte es auch gar nicht, da waren so viele , denen er mit seiner Musik Freude machen konnte, die ihn und seine Geschwister brauchten, was waren dagegen die wenigen, die ihm das Leben zur Hölle machten? Was hatte Kathy gesagt, dieses Mädchen verstehe viele Dinge nicht? Ja, gut möglich, dass mathematische Formeln oder Fremdsprachen zu schwierig für sie waren, aber instinktiv hatte sie die Situation genau erfasst und mit ihren einfachen Worten das ausgedrückt, was ihm seine Geschwister in unzähligen Gesprächen nicht begreiflich machen konnten. Spontan fielen ihm zwei Zeilen aus einem von Johnnys alten Songs ein: „They made my feelings cry, they touched my heart inside“. Ja, genau das war es. Dieses Mädchen hatte sein Herz berührt mit ihren Worten und ihrem Blick. In dem Moment ging die Tür vom Studio auf und Kira kam herein. Sie hatte geweint, das sah man deutlich. „Angelo, ich muss dir war sagen, ich glaube, es ist falsch ...“. Er nahm sie in seine Arme und gab ihr einen langen Kuss. „Ich weiß, ich weiß“, antwortete er nur. Sie brauchten keine Worte mehr, sie wussten beide, er würde weiter machen und sie würden es schaffen. Plötzlich standen auch seine Geschwister im Studio, die wissen wollten, was er ihnen mitzuteilen hatte, aber vorher hatte er noch etwas zu tun. „Habt ihr dieses kleine Mädchen irgendwo gesehen?“ Ja, da wäre ein Mädchen am Tor, sie würde gerade abgeholt. Angelo rannte quer durch den Park und erwischte sie gerade noch. „Hey Anja, ich werde weiter trommeln und beim nächsten Konzert nehme ich dich mit und du darfst neben mir am Schlagzeug sitzen. Wie wäre das?“ „Schön“ sagte sie nur und ihre Augen strahlten heller als die Parkbeleuchtung. So konnten nur die Augen eines Engels leuchten. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Angelo wieder das schöne Gefühl, das Richtige zu tun ...
Diese Geschichte ist meiner Tochter Anja gewidmet, einem wunderbaren Mädchen, das ein bisschen anders ist als „normale“ Menschen