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Break the walls
by Uli (02.06.2004)
Sie war nicht viel älter als 8 und er war 12 oder 13, als er nach einem Straßenkonzert in Hamburg plötzlich neben ihr stand, seine Hände waren fast schwarz und auch sein Gesicht und die schulterlangen wirren blonden Haare, die es umrahmten, sahen aus, als hätten sie ganz dringend mehr als eine Katzenwäsche nötig, aber seine hellblauen Augen waren so klar und rein wie Quellwasser und sein Lächeln war offen und freundlich. „Hey, ihr seid gut“, sagte er zu ihr, nahm sie an der Hand und tanzte laut singend mit ihr über den Marktplatz. Sie hatte immer viel lieber mit Jungs als mit Mädchen gespielt, Mädchen waren ihr zu zickig und zu eingebildet, aber mit Jungs konnte man Fußball spielen, man konnte mit ihnen raufen oder auf Bäume klettern, ja, das war Maites Welt, nicht die der Prinzessinnen in ihren rosa Spitzenkleidern.
Zwei Tage später fuhr Tom mit ihnen weiter. Er lebte im Waisenhaus in Hamburg, seine Eltern hatte er nie gekannt und das Leben, das Maite und ihre Familie führten, faszinierten ihn so sehr, dass er Dan Kelly bat, mit ihnen weiterziehen zu dürfen, und das Oberhaupt der Familie hatte nichts dagegen, sie konnten einen Helfer gut gebrauchen und auf eine Person mehr oder weniger kam es nicht an.
Als sich Dan Kelly mit seinen Kindern in Köln niederließ und Tom volljährig wurde, wollte er eine eigene Wohnung haben und schon bald fand er die kleine Hütte am See, die er zu einem günstigen Preis mieten konnte. Und diese kleine Hütte wurde zu Maites zweitem Zuhause, wann immer sie Streit mit ihren Geschwistern hatte oder sich von ihrem Vater ungerecht behandelt fühlte, lief sie zu Tom, sie wusste, dass er immer für sie da war, dass er immer einen Rat hatte, wenn sie einen brauchte. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel, auch wenn sie sich jeden Tag wegen irgendwelcher Kleinigkeiten fetzten, abends war immer alles wieder gut. In welche Schwierigkeiten Maite durch ihre forsche Art auch geriet, Tom war da, um sie wieder herauszuboxen. Er war derjenige, der sie in ihrem ersten Liebeskummer tröstete, es war Tom, dem sie mit geröteten Wangen von ihrem ersten Kuss erzählte, und sie verbrachten viele Nächte zusammen vor dem Lagerfeuer, während der Rest der Familie längst schlief. Sie waren wie Bruder und Schwester, mehr noch, wie waren wie Zwillinge, jeder wusste, was der andere dachte oder fühlte, längst bevor er es aussprach.
Die Tatsache, dass Tom schwul war, machte die Dinge noch viel einfacher, er sprach es zwar nie offen aus, aber niemals sah Maite eine Freundin bei ihm, niemals schaute er irgendwelchen Mädchen hinterher und manchmal, wenn sie abends überraschend zu ihm kam, saß er mit dem einen oder anderen Freund in seiner Hütte. Nein, Tom interessierte sich nicht für Mädchen, das war ganz klar, nur so konnte auch die Beziehung zwischen ihnen so gut funktionieren, es gab keine Eifersucht, keine Flirts zwischen ihnen, über sein Liebesleben sprach er nicht und Maite dachte auch gar nicht darüber nach, viel zu sehr war sie damit beschäftigt, ihm von ihren fast täglich wechselnden Eroberungen zu erzählen und sich bei ihm auszuweinen, wenn sich wieder einmal herausstellte, dass ihr Auserkorener nicht das war, was sie in ihm sah. Und immer sagte Tom es ihr voraus, er kannte die Jungen fast nicht, mit denen Maite zuweilen ausging, aber fast immer hatten sie hitzige Auseinandersetzungen, wenn sie wieder einmal bis über beide Ohren verliebt war und er ihr erklärte, ihr Auserwählter sei nicht der Richtige.
Sie hatte noch keine wirklich ernsthafte Beziehung mit einem Jungen gehabt, aber vor drei Wochen hatte sie IHN getroffen, Mike, einen Jungen, in den sie sich so sehr verliebte, dass sie zu allem bereit war. Sie war 17 inzwischen und als ihr Schwarm sie zu seiner Geburtstagsfeier einlud, da war sie völlig aus dem Häuschen und nervte Tom bei jeder Gelegenheit mit diesem Thema. Er sagte nicht viel dazu, fast schien es, als traue er sich nicht, Maite einmal mehr von einem Jungen abzuraten, weil er sah, wie verliebt sie war. Sie erzählte ihm nicht, dass sie ihren Vater belogen hatte wegen der Party, dass sie ihm erzählt hatte, sie würde bei einer Freundin übernachten, aber der nachdenkliche Blick, mit dem Tom sie anschaute, als sie ihm zum tausendsten Mal von der bevorstehenden Party erzählte, ließ sie ahnen, dass er viel mehr wusste als er zugab, aber es war ihr egal, sie war verliebt, verliebt bis über beide Ohren, nur das zählte. Und es war ihr völlig egal, ob Tom damit einverstanden war. Er war so ernst in den letzten Wochen, so in sich gekehrt, fast glaubte Maite, er meide ihre Nähe und ihre Berührungen, aber sie hatte jetzt einfach Wichtigeres zu tun als sich über Toms Verhalten Gedanken zu machen.
Bevor sie zur Party ging, schaute sie noch einmal bei ihm vorbei, aber sie hätte es sicher gelassen, hätte sie geahnt, wie idiotisch er sich aufführen würde. Als sie in ihrer dünnen, fast durchsichtigen Bluse und dem engen Rock bei Tom ankam, musste sie lange klopfen, bevor er ihr die Tür öffnete. Ihr fröhliches Lachen blieb ihr förmlich im Hals stecken, als sie den Blick sah, mit dem er sie anschaute. Da war ein Ausdruck von Verachtung in seinen Augen, der ihr gar nicht gefiel. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie betont locker, aber nur wenig später bereute sie ihre Frage. „Nicht in Ordnung?“, fragte Tom und seine Stimme war ganz leise. „Schau dich doch mal im Spiegel an, bitte!“ Nun, der Rock war vielleicht wirklich ein bisschen eng und vielleicht hatte sie auch ein bisschen zu viel Make-Up aufgetragen, aber sie fand, sie sah gut aus, richtig gut. „Was hast du vor, willst du ihn verführen, deinen neuen Schwarm?“
Sie hatte keine Ahnung, was mit Tom los war, und sie hatte auch keine Lust, mit ihm zu streiten. Heute Abend sollte der schönste Abend ihres Lebens werden, sie war so verliebt, warum verstand er das nicht, warum war er so kalt zu ihr? Sie ging auf ihn zu und wollte ihn in den Arm nehmen, ihm einen Kuss auf die Wange drücken, aber er stieß sie weg. „Lass mich, geh weg!“ Erst jetzt roch sie den Alkohol. „Tom, ist alles in Ordnung? Verdammt, was ist los mit dir? Ich werde zu dieser Party gehen heute Abend, er hat mich eingeladen, kannst du dich denn gar nicht für mich freuen?“ Einen Moment lang sah er aus, als wolle er etwas sagen, aber dann schüttelte er nur den Kopf. „Bitte..., es tut mir leid, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Geh, geh auf deine Party, Maite, geh und amüsiere dich!“ Er schien es ernst zu meinen, aber sie wollte ihn so nicht zurücklassen. „Komm doch mit“, sagte sie, „Mike hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich einen Freund mitbringe.“ Plötzlich war da ein Ausdruck in seinen Augen, den sie nicht deuten konnte. Wortlos ging er zum Kühlschrank, holte sich eine Flasche Tequila heraus und nahm einen tiefen Schluck. „Du wirst mir nicht glauben, was ich dir jetzt sage, aber ich kenne diese Sorte von Jungs. Er spielt mit dir und wenn er bekommen hat, was er will, dann lässt er dich fallen.“
Maite wurde wütend. „Sag mal, was soll das? Spinnst du jetzt total? Meinst du, weil wir uns schon so lange kennen, kannst du mir vorschreiben, was ich tue? Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, mein Lieber. Habe ich dich jemals gefragt, was das für Jungs sind, die du für eine Nacht in irgendwelchen Bars aufreißt? Du hast dein Liebesleben, also lass mir meins!“ Einen Moment lang glaubte sie, er werde sie schlagen, als er die Hand hob, aber er ließ sie wieder sinken, ohne sie zu berühren.
Sie amüsierte sich gut auf der Party, wirklich gut, und als Mike sie endlich in seine Arme nahm und mit ihr tanzte, ganz eng, da fühlte sie sich wie im siebten Himmel. „Lass uns ein bisschen nach draußen gehen“, hörte sie ihn flüstern, sie spürte seinen warmen Atem in ihrem Nacken und sie fühlte sich ein bisschen, als würde sie schweben, und daran war sicher nicht nur der Sekt schuld, den sie getrunken hatte. Er führte sie hinaus in den großen Garten hinter dem Haus in die kleine Laube und Maites Gefühle schlugen Purzelbäume. Heute Abend würde es passieren, sie würde mit ihm schlafen und es würde wunderschön werden. Aber nur wenige Minuten später platzten ihre Träume wie Seifenblasen. „Komm schon“, drängte Mike und zog sie zu der kleinen Couch in der Ecke der Gartenlaube. Ungeduldig zerrten seine Finger an den Knöpfen ihrer Bluse, während er mit der anderen Hand seine Hose öffnete. Plötzlich bekam Maite Angst. Das ging ihr alles viel zu schnell, so wollte sie das nicht, so sollte ihr erstes Mal nicht sein. Sie versuchte, Mikes Hände, die jetzt ungestüm ihre Brust umfassten, wegzuschieben. „Ich..., ich hab’ noch nie...“, sagte sie leise, aber er schien es gar nicht zu hören.
Seine Hände waren überall an ihrem Körper, er schob ihr den Rock über die Schenkel, er drängte sie auf die Couch, warf sich über sie und zerrte an ihrem Slip. „Mike, hör auf, bitte, ich will das nicht!“ Maite hatte Angst, sie wollte nur noch weg von diesem Jungen, der da keuchend über ihr lag und sie gar nicht mehr wahrzunehmen schien. Sie fühlte, wie ihre dünne Bluse zerriss, sie spürte, wie er ihr den Slip nach unten zog, und versuchte verzweifelt, ihn von sich weg zu stoßen. „Verdammt, spinnst du?“ Mike war völlig außer sich. „Was glaubst du, warum ich dich eingeladen habe, zum Trinken oder zum Tanzen? Mein Gott, Mädchen, wie naiv bist du? Vögeln will ich dich, sonst gar nichts!“ Maite handelte nur noch instinktiv. So fest sie konnte, trat sie nach ihm und traf ihn an seiner empfindlichsten Stelle. Einen Moment lang lähmte ihn der Schmerz und diesen Moment nutzte Maite, um sich von ihm loszureißen und dann lief sie einfach weg, sie wollte nur noch weg, weit weg von hier, so weit weg wie möglich.
Als sie endlich vor der Hütte steht, hat sie plötzlich Angst. Was ist, wenn er sie wegschickt, was soll sie ihrem Vater sagen? Sie klopft, aber niemand macht auf. Ist er weg gegangen, sucht er sich einen Jungen für die Nacht? Langsam geht Maite um die Hütte herum zu der kleinen Terrasse direkt vorm See, da steht er am Ufer, offensichtlich ist er gerade aus dem Wasser gekommen, denn er ist nackt, das Wasser tropft aus seiner blonden Mähne und die Wassertropfen auf seinem sonnengebräunten Körper sehen aus wie kleine Perlen. Er schwankt ein kleines bisschen, als er auf sie zukommt und erst jetzt sieht sie die leere Tequila-Flasche auf dem Terrassentisch stehen. „Na, wie war deine Party? War es schön? War er gut?“ Seine Stimme ist ebenso unsicher wie sein Gang. Und plötzlich sieht sie den Schmerz in seinen Augen, er steht da wie ein kleiner Junge, seine Schultern zucken und Tränen laufen ihm übers Gesicht. In diesem Moment wird ihr klar, warum er sie nicht zu der Party gehen lassen wollte, warum er so kalt zu ihr war in den letzten Wochen, seit sie sich in Mike verliebt hat. Er ist nicht schwul und er ist es auch nie gewesen, der einzige Grund, warum er nie eine Freundin hatte, ist sie. Ganz langsam geht sie auf ihn zu, ganz vorsichtig nimmt sie ihn in ihre Arme, sie spürt, wie er zurückzuckt vor ihrer Berührung, aber noch viel mehr spürt sie, wie sehr sein Körper sie begehrt.
Wie blind ist sie gewesen, wie dumm! Die vielen Streits, die sie hatten in den letzten Wochen, die Kälte, mit der er ihr begegnet ist. Stein für Stein hat er eine Mauer um sich gebaut, es war der einzige Weg, sich zu schützen, der einzige Weg, den er sah, um zu verhindern, dass sein Herz gebrochen wird von der Frau, die er liebt, die er immer geliebt hat, von ihr. Er will sie wegstoßen, aber sie hält seine Hände ganz fest und legt ganz vorsichtig ihre Lippen auf seinen kalten Mund. Langsam, ganz langsam spürt sie, wie sein Widerstand nachlässt, und als er ihren Kuss erwidert, kann sie fühlen, wie sie fällt, die Mauer, die er um sein Herz gebaut hat. Er schaut sie an und sie glaubt, in seinen hellblauen Augen zu versinken. „Ich liebe dich“, hört sie ihn flüstern und sie sieht die Frage in seinen Augen, die er nicht zu stellen wagt. Lange schaut sie ihn an, sie weiß nicht, was sie sagen soll, aber in diesem Moment wird ihr klar, dass er der Mann ist, den sie immer wollte, ohne es zu wissen. Wortlos nickt sie und sie ist ganz sicher, das Richtige zu tun.
Seine Hände, die ihr die zerrissene Bluse von den Schultern streifen, sind so zärtlich, so sanft, wie sie es sich immer gewünscht hat. Sie spürt seinen Körper auf dem ihren, sie fühlt seinen warmen Atem, der immer noch ein wenig nach Alkohol riecht, seine unendlich zärtlichen und doch so leidenschaftlichen Berührungen nehmen sie gefangen und dann gibt es nur noch sie beide und diese Nacht, diese einmalige, wunderschöne Nacht, die alles verändern wird. Die Freundschaft, die sie hatten, wird es nicht mehr geben, aber jetzt gibt es etwas anderes, aus Freundschaft ist Liebe geworden und als sie in seinen Armen liegt, die sie ganz festhalten, als sie in seine Augen schaut, in denen Tränen schimmern, da weiß sie, es wird nie wieder eine Mauer zwischen ihnen geben...
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