Brother brother

by Uli (01.10.2001)

„Hey Jimmy, komm schnell, ich glaub’, ich hab’ einen!!!“ Jimmy Kelly musste lächeln über den Eifer seines jüngeren Bruders Joey. Seit er ihn vor vier Wochen zum ersten Mal zum Angeln mitgenommen hatte, war der „Kleine“ nicht mehr zu bremsen. Von morgens bis abends saß er mit seiner Angel fast bewegungslos am Ufer des kleinen Flusses und wartete darauf, den Riesenfisch zu fangen, auf den er verzweifelt wartete. Und jeden Tag rief er mindestens fünf mal völlig aufgeregt nach Jimmy, er solle ihm helfen, seinen Fang aus dem Wasser zu ziehen, aber meist entpuppte sich seine „Beute“ als alte Schuhe, große Blechdosen oder ähnlich wertloser Plunder. Betont langsam näherte sich Jimmy, der gerade dabei war, die gefangenen Fische in ihrem „Beuteeimer“ zu zählen, seinem Bruder, der verzweifelt versuchte, seine zappelnde Angel festzuhalten. Jimmy sah sofort, dass Joey dieses mal wirklich einen großen Brocken gefangen hatte. Er lief schneller, um seinem Bruder zu Hilfe zu kommen, und zusammen schafften sie es schließlich, den Fisch aus dem Wasser zu bringen. Völlig erschöpft kamen die beiden Jungen dann abends zu Hause an und zeigten ihrer großen Schwester Kathy stolz ihren Fang. Während sie dann später alle gemütlich beisammen saßen und die gefangenen Fische verzehrten, erzählte Joey wieder und wieder von seinem Riesenfisch und es schien, als wachse er mit jeder Erzählung noch ein wenig. Jimmy beobachtete seinen jüngeren Bruder stolz. Er liebte Joey mehr als alles auf der Welt, es gab niemanden, zu dem er mehr Vertrauen hatte, die beiden Jungen verbrachten jeden Tag zusammen und es gab nichts und niemanden, der sie trennen konnte.

Schon als er noch ein ganz kleiner Junge war, hatte Joey seinen großen Bruder vergöttert, er war ihm auf Schritt und Tritt gefolgt und Jimmy hatte den Kleinen überall hin mitgenommen. Inzwischen war Joey genauso groß wie sein älterer Bruder und viel kräftiger, aber immer noch bewunderte er Jimmy über alles. Jimmy war so wortgewandt, er wusste immer, was er sagen sollte, hatte immer einen flotten Spruch auf den Lippen, während Joey viel ruhiger, fast in sich gekehrt war. Er brauchte nicht viele Worte, es war sein Gesicht, das immer zeigte, was er dachte, was er fühlte, ein Blick in Joeys Augen genügte und jeder wusste, was er sagen wollte. Obwohl sie inzwischen längst keine kleinen Jungs mehr waren, verbrachten die beiden Brüder jeden Tag zusammen und besonders jetzt, da Jimmy Joey endlich in die Angelkunst eingeweiht hatte, schienen sie unzertrennlicher zu sein als je zuvor.

Als die beiden am nächsten Tag mit ihren Angeln bepackt wieder am Fluss ankamen, war ihr Platz schon besetzt. Ein junges Mädchen saß da mit langen roten Locken und blickte die Brüder aus ihren undefinierbar grauen Augen erwartungsvoll an. Wieder war es Jimmy, der sofort das Wort ergriff und die Aufmerksamkeit des Mädchens mit einem locker vorgetragenen Kompliment über ihre Haare auf sich zog, während Joey sich fast schüchtern an seiner Angel zu schaffen machte. Es dauerte nicht lange, da war Jimmy in eine lebhafte Unterhaltung mit Annie, wie das Mädchen sich vorgestellt hatte, vertieft, während Joey schweigend daneben saß und sehnsuchtsvoll auf den Fluss hinaus schaute, wo er noch viel mehr Riesenfische vermutete. Annie war zwei Jahre älter als Jimmy und sie verstand sich vom ersten Moment an prächtig mit den beiden Brüdern. Schon bald verbrachten die drei jeden Tag gemeinsam am Fluss beim Angeln und auch als Jimmy und Annie sich längst ineinander verliebt hatten, nahmen sie Joey auch weiterhin zum Angeln mit. Aus dem Zweier- wurde ein Dreiergespann und Annie liebte es, mit den beiden Brüdern zu angeln. An den Wochenenden durften sie manchmal im Fischerhaus von Annies Großvater übernachten, dann schliefen Jimmy und seine Freundin in dem kleinen Schlafzimmer und „Little Joe“, wie Annie Joey zärtlich nannte, machte es sich im Wohnzimmer bequem. Es war eine wunderschöne Zeit und keiner der Drei ahnte, wie grausam das Schicksal nur wenig später ihr aller Leben verändern würde.

Es war im Februar, kurz vor Jimmys neunzehntem Geburtstag. Jimmy schlief lange an diesem Morgen und als er endlich aufstand, war Joey schon längst mit seinem geliebten Moped unterwegs, keiner wusste genau, was er vorhatte, aber das war nichts besonderes. Wenn sie nicht beim Angeln waren, fuhr Joey oft den ganzen Tag mit dem Moped durch die Gegend. Wenn er dann abends nach Hause kam, hatte er immer viel zu erzählen. Aber an diesem Abend kam er nicht. Es war schon lange dunkel draußen und Dan Kelly und seine Kinder begannen, sich Sorgen um ihren Wildfang zu machen. Joey war manchmal regelrecht unberechenbar, er sprach nie viel, aber er schien eine unbändige Energie in sich zu tragen. Von einem Moment auf den anderen fielen ihm die wildesten Dinge ein, die er dann unbedingt sofort realisieren musste, und heute war nicht der beste Tag, um mit dem Moped unterwegs zu sein. Es hatte den ganzen Tag geregnet und die Straßen waren nass und glitschig. Als dann das Telefon klingelte, dachten alle, es sei Joey, dessen klappriges Moped irgendwo den Geist aufgegeben hatte und der jetzt abgeholt werden wollte, aber es war nicht Joey am Telefon, es war Annies Mutter und als Dan Kelly ihr Weinen hörte, wusste er, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Jimmy wurde kreidebleich, als er das Furchtbare hörte. Immer wieder von Weinkrämpfen unterbrochen, bat Annies Mutter ihn, sofort ins Krankenhaus zu kommen. Annie hätte einen Unfall gehabt. Sofort fuhr Jimmy ins Krankenhaus, aber es war schon zu spät, den Ärzten war es zwar gelungen, Annie am Unfallort wiederzubeleben, aber sie war gestorben, noch bevor Jimmy das Krankenhaus erreichte. Mit versteinertem Gesicht saß er an ihrem Bett, hielt ihre kalten Hände und küsste ihre bleichen Lippen. Weinen konnte er nicht, es schien, als hätte der Schmerz jegliches Gefühl in ihm ausgelöscht. Erst als Annies Mutter ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn in ihre Arme nahm, begannen seine Tränen zu fließen und er schrie seinen Schmerz heraus.

„Du solltest zu deinem Bruder gehen, Jimmy“, hörte er Annies Mutter wie durch einen Nebelschleier sagen, „auch er wurde verletzt, er liegt im Zimmer nebenan. Joey?? Verletzt?? Jimmy verstand nicht. „Was..., was hatte Joey mit dem Unfall zu tun?“ „Oh mein Gott, Jimmy, wusstest du es nicht?“, fragte Annies Mutter tonlos. „Er hat Annie abgeholt heute morgen und ich habe mich noch gewundert, dass du nicht dabei warst. Aber sie meinte nur mit einem Augenzwinkern, ich solle mir keine Sorgen machen, es sei ein kleines Geheimnis! Und sie sah so glücklich aus heute morgen, so, als ob sie etwas ganz besonderes vor hätte, aber sie wollte mir nicht verraten, was!" Ein kleines Geheimnis!! Bilder tauchten vor Jimmys Augen auf, Bilder, wie Annie, seine Annie, seinen kleinen Bruder zärtlich in den Arm nahm, ihn „Little Joe“ nannte, ihm während des Essens liebevoll in die Augen schaute, sich spielerisch mit ihm balgte auf dem Bett in dem kleinen Fischerhaus. Nein, es konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Nicht Annie und Joey, die beiden Menschen, die er am meisten liebte! Sein Gesicht war aschfahl und seine Mine versteinert, als Jimmy Joeys Krankenzimmer betrat. Er sah nicht den Schmerz in Joeys Gesicht, er sah nicht die Verletzungen, die sein kleiner Bruder hatte, er hatte nur ein Bild vor Augen: Seine tote Freundin und seinen Bruder in inniger Umarmung! Tränen liefen Joeys Wangen hinab, als er sagte: „Es tut mir so leid, Jimmy, glaub mir, ich konnte nichts dafür, das Auto...“, aber Jimmy ließ ihn gar nicht ausreden. „Du konntest nichts dafür? Mein Gott, Joey, wie konntest du mir das antun? Weißt du denn nicht, wie sehr ich sie geliebt habe?“ Jimmys Stimme klang ganz ruhig, ruhig und eiskalt.

„Jimmy, bitte, lass es mich erklären“, aber Jimmy Kelly schaute seinen Bruder nur noch ein einziges Mal an und in seinen Augen stand Hass, kalter Hass, als er sagte: „Du bist nicht mehr mein Bruder, ich will dich nie wieder sehen, nie wieder!“ Dann verließ er das Zimmer und Joey blieb allein zurück, allein mit seinem Schmerz, allein mit seinem schlechten Gewissen. Noch einmal öffnete sich die Tür und Jimmy schaute ihn hasserfüllt an, bevor er fragte: „Wie lange habt ihr es schon miteinander getrieben, Annie und du? Hat es euch aufgegeilt zu wissen, dass es dein Bruder ist, den ihr betrügt? Verschwinde aus meinem Leben, Joey, verschwinde und komm nie wieder zurück!“ Die Tür fiel zu und Joey stieg mühsam aus seinem Bett, zog sich seine Kleider an und kletterte aus dem Fenster seines Krankenzimmers. Als seine Geschwister und sein Vater im Krankenhaus ankamen, war er schon weg und die Geschichte, die der gebrochene Jimmy ihnen erzählte, klang so unwahrscheinlich und doch auf eine geradezu unheimliche Weise glaubhaft. Ja, sie alle hatten gewusst, wie gut Joey sich mit Annie verstanden hatte und was um alles in der Welt hatten die beiden zusammen gemacht an diesem Tag? Nur Patricia, der Joey sich manchmal anvertraute, wenn er ein Problem hatte, über das er mit Jimmy nicht reden konnte, verteidigte ihren jüngeren Bruder, aber niemand wollte ihre Einwände gelten lassen, zu eindeutig war die Situation. Joey selbst hatte den Beweis seiner Schuld geliefert, indem er einfach abgehauen war.

Die Zeit verging und Jimmy lernte, mit dem Verlust von Annie zu leben, er nahm ganz langsam wieder am alltäglichen Leben teil, aber seinen Bruder, den er einst so sehr geliebt hatte, erwähnte er nie wieder. Und dann, eines Nachts, wachte Patricia schweißgebadet auf, sie spürte, dass etwas passiert war, aber sie wusste nicht was. Joey kam ihr in den Sinn. Sie vermisste ihn, aber sie konnte mit niemandem darüber reden, es war, als ob er gestorben sei für den Rest der Familie. Mitten in der Nacht stand Patricia auf und lief ziellos durch die Gegend, bis sie schließlich zu dem kleinen Friedhof kam, auf dem Annie begraben war. „Ach Annie, wenn du doch noch leben würdest, du wärst die einzige, die uns sagen könnte, was damals wirklich passiert ist“, flüsterte Patricia vor sich hin. Und dann sah sie die gebeugte Gestalt, die vor Annies Grab auf den Knien lag, sie sah verfilzte lange Haare, eine zerschlissene schwarze Lederhose, ausgelatschte weiße Turnschuhe und sie hörte jemanden beten, jemanden, dessen Stimme sie so gut kannte, jemanden, den sie so sehr vermisste...

Ganz langsam ging sie auf das Grab zu, um ihn nicht zu erschrecken, ganz leise sprach sie ihn an: „Joey, um Gottes Willen Joey, wo warst du nur?“ Als er sich umdrehte, ganz langsam, und sie sein Gesicht sehen konnte, das vom fahlen Licht einer der Friedhofslaternen beleuchtet wurde, erschrak Patricia bis ins Innerste. Seine Haut war ganz grau, tiefe Falten durchzogen sein Gesicht und jeder Lebenswille schien aus seinen Augen gewichen zu sein. Er sah aus wie tot. Als habe er ihre Gedanken erraten, sagte er mit brüchiger Stimme: „Ja, du hast Recht, ich bin tot, alle meine Gefühle sind gestorben, aber dieser verdammte Körper wacht immer wieder auf, jeden Morgen, so sehr ich auch versuche, ihn zu vernichten.“ Sie sah die Whiskyflasche, die aus seiner Jackentasche herausschaute und sie roch den Alkohol in seinem Atem. Schwankend zog er die Flasche aus der Tasche und nahm einen tiefen Schluck. „Prost, Schwesterchen“, lallte er und streckte die Hand nach ihr aus. Patricia wollte ihn in ihre Arme nehmen, aber er wich vor ihr zurück. „Nein, tu das nicht, sonst wirst du womöglich genauso wie ich. Ein Schwein, das die Freundin seines Bruders getötet hat.“ Er taumelte ein wenig und fiel direkt in ihre Arme und sie hielt ihn ganz fest, bis sie merkte, dass seine Abwehr langsam nachließ, bis sein Körper sich ein wenig entspannte. Langsam führte sie ihn zu der kleinen Friedhofsbank, setzte ihn sanft darauf und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Joey, hör mir zu, bitte hör mir zu. Es wurden Dinge erzählt, die ich nicht glauben will, nicht glauben kann, sag mir die Wahrheit, bitte, sag mir, was damals passiert ist.“ Wieder wurde sein Körper ganz steif vor Abwehr. „Du weißt es doch, oder hat es dir mein Lieblingsbruder nicht erzählt?“ Plötzlich fühlte sich Patricia so müde, so hilflos, dass sie in Tränen ausbrach. Sie stand auf und ging ein paar Schritte auf den Ausgang des Friedhofs zu, als sie ihn schluchzen hörte. Er saß schwankend auf der Bank, beide Hände vor seinem Gesicht, und weinte, weinte wie ein kleines Kind, das ganz allein ist, ganz allein, von allen verlassen. Sie lief zu ihm zurück und nahm seine Hände in ihre. „Du musst es mir erzählen, Joey, mir und vor allem Jimmy, sonst wirst du nicht zur Ruhe kommen.“ Und plötzlich fing er an zu schreien, so laut, dass Patricia fürchtete, der Friedhofswärter, der in seinem kleinen Häuschen direkt neben dem Friedhof schlief, könne ihn hören.

„Was soll ich ihm erzählen, Patricia, was denn?? Dass ich sie geliebt habe, mindestens genauso sehr wie er, dass ich manchmal fast verrückt wurde, wenn ich hörte, wie sie sich liebten nachts, wenn wir zusammen am Fluss übernachtet haben? Dass ich mich verzehrt habe nach ihr, ohne es zu wollen??“ Er schaute sie an und seine Augen glänzten fiebrig, sein Gesicht war verzerrt und plötzlich nahm er sie in seine Arme und hielt sie ganz fest. Sie strich ihm über die fieberheiße Stirn und ganz langsam wurde er ruhiger. „Ja, Patricia, es ist wahr, ich habe Annie geliebt, aber ich hätte doch niemals versucht, sie ihm wegzunehmen. Ich liebe Jimmy und ich würde mein Leben für ihn geben, wie könnte ich da auch nur im Traum daran denken, ihn zu betrügen!“ Noch einmal fragte Patricia ihn sanft: „Joey, was ist geschehen an jenem Tag?“ und er fing ganz langsam an zu erzählen: „Ich war früh wach an diesem Morgen und sie hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich mir ihr in die Stadt fahren würde, um ein Geschenk für Jimmy auszusuchen, einen Anhänger wollte sie ihm zum Geburtstag schenken. Ich fand es schön, dass sie mich gefragt hat, also bin ich zu ihr gefahren und habe sie abgeholt. Wir sind in die Stadt gefahren und sie hat stundenlang in diesem kleinen Schmuckladen herumgestöbert, bis sie endlich das passende Geschenk gefunden hatte, einen kleinen Anhänger in Form eines Sterns. „Das ist es, Little Joe“, hat sie zu mir gesagt, „er holt mir die Sterne vom Himmel, dafür soll er diesen Stern haben.“ Und dann wollte sie unbedingt noch etwas eingravieren lassen und warten, bis es fertig ist. Ich habe ihr gesagt, wir sollten besser nach Hause fahren, aber sie bestand darauf. Mein Gott, Patricia, sie war so glücklich, als wir den Laden verließen, lachend setzte sie sich auf den Rücksitz meines Mopeds, das Päckchen mit dem Anhänger fest in der Hand. Und dann, auf der Kreuzung zu ihrem Haus, kam uns dieses Auto entgegen, ich konnte es nicht sehen, die Lichter waren kaputt. Ich habe versucht auszuweichen, aber die Straße war so nass und glitschig und dann...“, seine Stimme brach und es dauerte eine ganze Weile, bis er weiterreden konnte.

„Es ging alles so schnell, so furchtbar schnell. Das Auto fuhr einfach weiter und ich lag auf der Straße, mein Bein blutete, aber ich merkte es gar nicht. Ich lief an den Straßenrand zu der Wiese und da sah ich sie im Gras liegen, sie lag ganz ruhig da, mein Helm, den sie getragen hatte, war ihr bei dem Unfall vom Kopf gerissen worden und ich bekam so furchtbare Angst. Ich lief hin zu ihr und rief ihren Namen, aber sie schien mich gar nicht zu hören. Und als ich dann loslaufen wollte, um Hilfe zu holen, da hörte ich sie plötzlich etwas flüstern. „Bleib bei mir, little Joe, bitte bleib bei mir.“ Ich nahm sie in meine Arme und als sie mich weinen sah, sagte sie nur: „Hab keine Angst, little Joe, es tut nicht weh, es tut gar nicht weh.“ Und da war das Blut, überall war Blut, aber ich konnte doch nicht weg, ich konnte sie doch nicht alleine lassen. Und plötzlich wurden ihre Augen ganz trüb und sie sagte: „Küss mich, Jimmy, bitte küss mich.“ Jimmy, hat sie gesagt, sie hat Jimmy gemeint, nicht mich, aber sie schlang die Arme um meinen Hals und küsste mich und es war so schön, sie war so zärtlich, oh Gott, Patricia, es war so furchtbar. Ich habe die sterbende Freundin meines Bruders geküsst anstatt ihr zu helfen, verstehst du das? Und als sie dann die Augen wieder öffnete, waren sie wieder ganz klar und sie sagte: „Gib ihm den Anhänger, little Joe, gib ihn Jimmy und sag’ ihm, dass ich ihn liebe, wirst du das tun?“ Und ich nickte und nahm den Anhänger und hielt sie einfach fest und plötzlich wurde sie ganz ruhig und schwer in meinen Armen und bewegte sich nicht mehr. Sie war tot, Patricia, sie war einfach tot und ich saß da, die tote Freundin meines Bruders in den Armen, und schämte mich dafür. Ich legte sie ins Gras und rannte los zum nächsten Haus, um einen Krankenwagen zu rufen, aber es dauerte unendlich lange, bis er kam. Sie schafften es, Annies Herz wieder zum Schlagen zu bringen, und brachten uns beide ins Krankenhaus, aber sie ist einfach nicht mehr aufgewacht, sie konnten nichts mehr für sie tun. Und als Jimmy dann in meinem Krankenzimmer stand, als ich den Schmerz in seinem Gesicht sah, da kam ich mir wirklich vor, als hätte ich ihn betrogen, als hätte ich versucht, ihm seine Freundin wegzunehmen.

Ich habe gedacht, ich könnte ein neues Leben anfangen, irgendwo, ganz allein, aber ich kann nicht leben ohne ihn, ich brauche ihn, er ist doch mein Bruder. Und plötzlich kam ich auf diese idiotische Idee, ich könnte vielleicht einfach zurückkommen, aber ich sehe jetzt, dass es nicht geht. Ich werde wieder fortgehen, Patricia, aber ich möchte dich um etwas bitten. Gib ihm den Anhänger, bitte, er soll wissen, wie sehr sie ihn geliebt hat.“ Joey zog ein kleines Päckchen aus der Tasche und reichte es Patricia. Ein silberner Stern war darin an einem Lederband und auf der Rückseite waren ein paar Worte eingraviert: Für Jimmy in ewiger Liebe. Annie. „Geh jetzt bitte, Patricia, ich möchte noch ein wenig bei ihr bleiben, und morgen früh werde ich wieder weg sein.“ Sie küsste ihn zum Abschied und ging nach Hause. Joey aber blieb an Annies Grab sitzen und hielt stumm Zwiesprache mit ihr, bat sie um Verzeihung für das, was er glaubte, ihr angetan zu haben. Als sich eine Hand auf seine Schulter legte, fuhr er wütend herum. Er hatte ihr gesagt, sie solle ihn alleine lassen. Aber es waren nicht Patricias Augen, in die er schaute, es waren die seines Bruders, den er mehr liebte als alles andere. Und was er darin sah, war kein Hass, es war Liebe, Liebe und Sehnsucht. An seinem Hals hing der silberne Stern und er wirkte fast schüchtern, als er sagte: „Patricia hat mir alles erzählt. Kannst du mir verzeihen, little Joe?“. In dem Moment, als Joey nickte, ging die Sonne auf und ein kleiner Vogel setzte sich auf Annies Grabstein und fing an zu zwitschern und es hörte sich fast an wie das Lachen eines Mädchens. „Sie ist bei uns, Joey, sie wird immer bei uns sein“, sagte Jimmy, bevor er seinen kleinen Bruder in die Arme schloss...