By myself but not alone

by Uli (16.02.2001)

Kathy Kelly steht vor dem Spiegel und betrachtet sich kritisch. Sie kommt sich heute alles andere als hübsch vor, vielmehr findet sie sich alt und ziemlich hässlich. Dabei ist heute der Tag, ihr Tag, an dem sie ihre neue Single zum ersten Mal live präsentieren wird. Sie kann sich nicht erinnern, jemals so aufgeregt vor einem Auftritt gewesen zu sein. Misstrauisch beäugt sie die feinen Fältchen in ihrem Gesicht, viel zu viele, wie sie findet. Nein, das ist nicht die „neue schöne Kathy Kelly, die sich vom hässlichen Entchen in einen schönen Schwan verwandelt hat“, wie sie unlängst in einer Fernsehsendung über sich gehört hat. Heute fühlt sie sich einfach nur wie eine Achtunddreißigjährige, die mit den Tücken des Älterwerdens kämpft. Sie versucht, gegen die aufkommende Depression anzukämpfen, aber es will ihr nicht gelingen. Den Tränen nahe verlässt sie das Badezimmer und geht in die Küche, um sich das Frühstück zu richten. Wieder einmal zweifelt sie, ob ihr Entschluss, eine Solo-Karriere zu starten, richtig war. Sie hat sich das alles so einfach vorgestellt, fühlte sich so stark und dann kam alles ganz anders. In Gedanken hat sie ihn mindestens hundert Mal erlebt, diesen Tag, an dem sie ihren Bruder verloren hat:

Als Kathy mit Sean Schloss Gymnich verließ und sich eine eigene Wohnung in Köln nahm, hatten alle noch Verständnis. Es ist ja auch nichts Außergewöhnliches, wenn man mit 37 von zu Hause auszieht, außer natürlich, man heißt mit Nachnamen Kelly und gehört dieser Familie an, von der jeder denkt, sie alle müssten bis an ihr Lebensende zusammen wohnen, alles zusammen machen und immer in trauter Eintracht zusammen überall auftauchen. Sie hatte so lange gebraucht, bis sie diesen Schritt endlich tun konnte, aber als sie ihn getan hatte, war sie mehr als froh. Anfangs war sie noch oft auf dem Schloss, um ihren Vater zu besuchen oder sich mit ihren Geschwistern zu treffen, aber mit der Zeit kam sie immer seltener. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie nur noch für sich selbst verantwortlich und für ihren Sohn. Sie hatte immer für die anderen gesorgt, sich um alles gekümmert, es war einfach an der Zeit, einmal an sich zu denken. Sie beschloss, sich eine Zeitlang ganz zurückzuziehen und sich nur noch um sich selbst zu kümmern.

Ein paar Monate lang war Kathy wirklich glücklich mit ihrem neuen Leben, sie trieb viel Sport und aß dafür weniger, was ihrer Figur sehr zugute kam, und sie war rundum zufrieden, bis zu dem Tag, an dem sie begann, über ihre Zukunft nachzudenken. Eigentlich wollte sie nicht mehr mit ihren Geschwistern auf der Bühne stehen, aber sie wusste nicht, wie sie es ihnen beibringen sollte. Sie träumte schon so lange davon, ihre eigene Musik zu machen, ihren Stil zu verwirklichen, und das war in einer Gruppe von neuen Leuten einfach nicht möglich. Längst hatte sie neue Songs geschrieben, andere Songs als früher, Lieder, die von ihrem neuen Leben erzählten und von der Frau, die sie geworden war, einer sinnlichen, schönen Frau. Ja, sie würde ein neues Album aufnehmen, aber allein, nicht mit ihren Geschwistern, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie ihnen das sagen sollte. Sie hatte sie schon lange nicht mehr gesehen und die Sehnsucht nach ihnen wurde immer größer, aber sie wollte noch eine Weile für sich sein, bis sie endgültig wusste, wer sie eigentlich war und was sie in ihrem weiteren Leben tun wollte.

Als John bei ihr anrief, um ihr mitzuteilen, dass ein großes Treffen auf Schloss Gymnich stattfinden würde, weil sie über die neue Platte sprechen wollten, war Kathy klar, dass sie es ihnen jetzt sagen müsse. Und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Angst, richtig große Angst. Was würden sie sagen? Eigentlich konnten sie es ihr nicht abschlagen, versuchte sie sich einzureden, schließlich hatten sie ihr so viel zu verdanken, aber sicher war sie sich nicht. Mit gemischten Gefühlen fuhr sie zum Schloss, wo sich ihre Geschwister schon versammelt hatten. Als sie das Wohnzimmer betrat, spürte sie sofort die staunenden Blicke, die sich auf sie richteten. „Wow, Kathy, du siehst ja toll aus, da hätte ich dich doch beinahe nicht erkannt!“ sagte Maite bewundernd. Die Geschwister redeten wild durcheinander und schienen alle begeistert von ihrem neuen Outfit, nur John saß still da und sagte gar nichts. Er betrachtete sie nur mit einem Blick, der ihr gar nicht gefiel. Paddy brachte schließlich die Rede auf die neue Platte: „Ich habe mir gedacht, wir sollten so langsam mal darüber reden, welche Songs wir auf die Platte nehmen. Zwei von jedem, ist das okay?“ Eigentlich hätte sie es ihnen jetzt sagen müssen, aber Kathy fühlte sich seltsam befangen in ihrer eigenen Familie.

Sie kam sich plötzlich vor, als gehöre sie nicht mehr dazu. Hatten sie sich so sehr entfremdet in den Monaten ihrer Abwesenheit? Nein, das konnte es nicht sein, John war viel länger weg gewesen als sie, aber er saß da und gehörte dazu, genau wie früher. Wieder spürte sie seinen Blick auf sich und sie fühlte sich zunehmend unwohler. Es musste raus und zwar jetzt: „Ich..., ich werde nicht dabei sein, wenn ihr die Platte aufnehmt, und ich werde auch nicht mehr mit euch auf der Bühne stehen. Bitte versteht, ich möchte eine eigene Platte aufnehmen, möchte eine eigene Karriere starten.“ sagte sie viel schneller, als sie es eigentlich wollte. Im Zimmer wurde es schlagartig still. Unsicher blickte sie von einem zum nächsten. In Paddys Augen sah sie Verständnis, es schien, als habe er es gewusst, noch bevor sie es aussprach, aber die anderen waren völlig fassungslos und begannen wild durcheinander zureden. Nein, das könne sie nicht tun, meinten sie, sie würden sie brauchen und die Kelly Family wäre doch nicht komplett ohne sie. Nur John saß weiter still da und schaute sie nur an und sein Blick tat ihr weh. Er sprach es nicht aus, aber sie wusste, was er dachte: „Wie kannst du das unserer Mutter antun? Aber genau genommen war sie ja auch gar nicht deine Mutter!“ Nein, er brauchte nichts zu sagen, sein Blick sprach mehr als Worte.

Kathy spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten, und rannte aus dem Wohnzimmer nach oben zum Zimmer ihres Vaters. Er freute sich aufrichtig, sie zu sehen, denn er hatte sie schrecklich vermisst in den letzten Monaten, aber er wollte sie nicht anrufen, wollte ihr die Gelegenheit geben, zu sich selbst zu finden. „Du wirst nicht mehr mit ihnen auf der Bühne stehen oder?“ fragte er sanft, als er ihre Tränen sah. Nie hatte Kathy ihren Vater mehr geliebt als in diesem Moment. Wieder einmal fragte sie sich, warum alle Welt ihn als Tyrannen, als rücksichtslosen Menschen darstellte. Dabei war er so sensibel, spürte immer genau, was in seinen Kindern vorging, lange bevor sie es ihm erzählten. Er nahm seine Älteste in den Arm und bestärkte sie in ihrem Entschluss. „Es ist dein Leben, Kathy, leb es und hör auf, dir Gedanken zu machen, was das Beste für deine Geschwister ist. Ich sage das nicht gern, aber in diesem Fall musst du einzig und allein an dich denken. Ich glaube an dich, was immer du auch tust, und ich werde immer für dich da sein, vergiss das nie!“ Ja, sie würde ihren Weg gehen, sie würde alleine weiter machen, dessen war sich Kathy sicher, als sie wieder nach unten ging.

Ihre Geschwister hatten sich inzwischen alle beruhigt, alle bis auf John. Er saß da und sagte nichts, aber die Fassungslosigkeit in seinem Gesicht, seinen traurigen Augen taten Kathy mehr weh als wenn er sie angeschrien hätte. „Sag doch etwas“, fuhr sie ihn an, „sag endlich etwas, damit ich es dir erklären kann!“ Aber er schaute sie nur stumm an, während ihre anderen Geschwister sie bestärkten in ihrem Entschluss. „Wir werden auch ohne dich klar kommen, Kathy, es ist deine Entscheidung“, fasste Paddy die Meinung der Geschwister zusammen, bevor Kathy nach Hause fuhr. Eigentlich hätte sie stolz auf sich sein können, aber sie konnte Johnnys Blick nicht vergessen, es tat einfach zu weh. Verdammt, wie kam er dazu, über sie zu urteilen? Hatte er sich nicht selbst schon über ein Jahr eine Auszeit genommen, war in Spanien gewesen, während seine Geschwister auf der Bühne standen?? Kathy wurde wütend und vielleicht war das auch gut so. Es würde ihr helfen, damit fertig zu werden.

Ja, sie hat wirklich gehofft, dass sie damit fertig wird, aber es ist ihr einfach nicht gelungen. Jeden Tag sieht sie ihn vor sich, seine traurigen Augen, sie kann es einfach nicht vergessen. Ihre anderen Geschwister kommen regelmäßig bei ihr vorbei, um sich die neuen Lieder anzuhören, die sie geschrieben hat, aber er ist nie gekommen, hat nie mehr bei ihr angerufen und als sie einmal versucht hat, mit ihm zu reden, ist er einfach weggegangen, ohne ein Wort zu sagen. Warum ist er so zu ihr? Was hat sie ihm nur getan? Kathy versteht die Welt nicht mehr. Aber heute hat sie wirklich keine Zeit und auch keine Lust, sich mit ihrem Bruder zu beschäftigen. Sie hat alles versucht, jetzt muss er zu ihr kommen, wenn er mit ihr reden will.

Sie ist wütend, wütend auf ihn und auf sich selbst, weil sie nicht aufhören kann, daran zu denken. Hastig öffnet sie den Kleiderschrank, um sich etwas für ihren heutigen Auftritt auszusuchen. Spontan greift sie nach einem langen Kleid, hängt es aber gleich zurück. Nein, das ist nicht mehr ihr Stil, das war früher. Früher, als die Welt noch in Ordnung war, drängt sich ein Gedanke in ihren Kopf, aber sie schiebt ihn weg. Nein, die Welt ist in Ordnung so wie sie ist. Sie ist eine Frau, die noch viel erreichen will im Leben. Soll sie warten, bis sie Sechzig ist? Nein, heute, heute Abend wird sie ihre neue Karriere starten, sie wird allen beweisen, dass sie auch alleine etwas wert ist und nicht nur in der Gruppe mit ihren Geschwistern. Kathys Aufregung wird immer größer. Die Zeit scheint nur so dahin zu schleichen und sie wünscht sich, es wäre schon heute Abend und sie müsse nicht allein zu der Fernsehshow. Am liebsten würde sie anrufen und absagen, aber das hat sie schon getan, als sie zum ersten Mal alleine zu einer Show gehen wollte, wenn auch nur zu einer Talkshow. Die Grippe hätte sie erwischt, hat sie gesagt, aber das war gelogen. In Wahrheit hatte sie ganz plötzlich der Mut verlassen. Aber heute, heute wird sie nicht absagen. Als das Telefon klingelt, hofft sie ganz plötzlich, es könne John sein und ihr sagen, dass er ihr Glück wünscht, aber es ist „nur“ ihr Vater, der ihr Mut machen möchte für heute Abend. Was würde sie nur tun ohne ihn??

Noch fünf Minuten bis zu ihrem Auftritt. Kathy sitzt in ihrer Garderobe und trinkt ein Glas Sekt, etwas, das sie früher nie getan hätte, Alkohol vor einem Auftritt. Aber heute muss es sein, sonst wird sie das nicht durchstehen. Noch kritischer als heute morgen betrachtet sie sich im Spiegel. Eigentlich gibt es nichts auszusetzen, sie sieht wirklich gut aus in der schwarzen Hose und dem engen roten Oberteil, das ihre neugewonnene Figur wirklich sehr vorteilhaft betont und perfekt zu ihren schwarzen Haaren passt, aber Kathy ist mehr als unsicher. Wird es gut gehen? Was für Leute werden im Studio sein? Hysterische Kelly-Fans, die nur darauf lauern, ob wohl einer ihrer Brüder mit kommt oder vielleicht ein paar der älteren Fans, die sie wirklich vermisst haben? Sie kann keinen klaren Gedanken mehr fassen und ist fast froh, als sie endlich das Zeichen bekommt, ins Studio zu gehen.

Verhaltener Jubel empfängt sie, als sie das Studio betritt. Ein Blick auf die Zuschauer zeigt ihr, dass viele junge Kelly-Fans gekommen sind, aber sie sieht auch ein paar ältere Frauen in den ersten Reihen sitzen. Sie versucht, ungezwungen mit dem Moderator zu plaudern, aber sie fühlt sich, als ob ihr jeder die Unsicherheit ansehen würde. Am liebsten würde sie ihnen einfach erklären, dass alles nur ein Irrtum ist, und dann so schnell wie möglich das Studio wieder verlassen. Unsicher blickt sie ins Publikum, wo eine Frau in ihrem Alter verstohlen ein Schild hoch hält, auf dem zu lesen ist: „Welcome home on stage, Kathy“. Sie fühlt sich ein bisschen besser. Ja, die Menschen haben sie wirklich vermisst, freuen sich über ihre Rückkehr, auch wenn sie wissen, dass sie nicht mehr mit ihren Geschwistern auftreten wird. „Und jetzt wird uns Kathy Kelly ihren neuen Song vorstellen, Save me in the morning“, kündigt der Moderator an, während Kathy mit schweißnassen Händen das Mikrofon nimmt. Und dann ist plötzlich alles ganz einfach: Sie schließt die Augen und beginnt zu singen, ihre Aufregung und ihre Anspannung verschwinden, sie geht auf in ihrer Musik, in ihrem Gesang. Mit geschlossenen Augen hört sie den Jubel der Fans, ihr Klatschen und ihre begeisterten Rufe. Ja, sie ist zu Hause, zu Hause auf der Bühne, und erst jetzt wird ihr bewusst, wie sehr ihr die Auftritte gefehlt haben. Sie wird es schaffen, sie wird ihren Weg gehen, dessen ist sie plötzlich ganz sicher.

Als sie geendet hat, brandet tosender Jubel auf und Kathy lächelt glücklich ins Publikum. Und dann, während der Moderator ihr noch ein paar Fragen stellt, hört sie plötzlich aufgeregte Schreie aus der Menge und sie hört jemanden Gitarre spielen und sie erkennt das Lied sofort: „I’m by myself but not alone“, das Lied, das sie zusammen mit Johnny für die Jubiläums-CD aufgenommen hat. Ungläubig dreht sie sich um und als sie ihn sieht, spürt sie, wie ihr Tränen übers Gesicht laufen. Er steht einfach da und spielt auf seiner Gitarre, er sagt nichts, aber das braucht er auch nicht, denn das Lächeln in seinen Augen sagt ihr mehr als tausend Worte ihr sagen könnten. Er lässt die Gitarre sinken und sie läuft weinend auf ihn zu und nimmt in in ihre Arme.

Eine ganze Weile stehen die beiden so da, während es im Saal ganz still geworden ist. „Hey, Leute“ ruft Kathy schließlich mit tränenerstickter Stimme, „ich denke, ihr wisst alle, wer das hier ist. Es ist Johnny, mein Lieblingsbruder, und wir werden euch jetzt ein Lied singen, das davon handelt, dass, auch wenn man alleine wohnt und seinen eigenen Weg geht, man niemals wirklich alleine ist, wenn man eine Familie und ein Heim hat!“ Als sie zu singen beginnen, weiß Kathy, dass sie jetzt wirklich zu Hause ist. Er hat endlich verstanden, dass ihr Abschied von der Gruppe kein Abschied von der Familie ist. Auch wenn irgendwann jeder seinen eigenen Weg geht, so werden sie doch immer eine Familie sein, eine starke Familie, die zusammen hält, was auch immer passiert...

Für Kathy: Geh deinen Weg, wohin er dich auch führen wird!