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She's crazy
by Uli (19.01.2001)
Während sie sprach, stürmte plötzlich Johnny, ihr Ältester, in die große Wohnküche und erzählte ganz aufgeregt, in dem unwegsamen Gelände hinter dem Haus, bei dem großen Wasserfall, würde eine junge Frau liegen und sich vor Schmerzen krümmen. Dan Kelly zögerte keine Sekunde und lief mit seinem Sohn zum Wasserfall. Im Gras lag eine hochschwangere junge Frau offensichtlich in den Wehen. Dan konnte sich nicht erinnern, die Frau hier jemals gesehen zu haben, aber Johnny meinte, die anderen Jungs des Dorfes hätten ihm erzählt, sie würde ganz allein irgendwo tief im Wald in einer kleinen Hütte wohnen. Ihr Mann sei vor kurzem gestorben und sie sei „irgendwie seltsam“.
Dan nahm die junge Frau auf den Arm und brachte sie zu Barbara-Anne ins Haus. „Ich glaube, ich kann euch gleich beide in die Klinik bringen“ meinte er nur. Behutsam nahm Barbara-Anne die zitternde Frau, die sie mit schreckgeweiteten Augen ansah, in die Arme. Oh ja, sie wusste noch gut, wie das gewesen war, als sie Kathy, ihre Älteste, bekommen hatte. Sie dachte damals, sie müsse sterben und der jungen Frau ging es offensichtlich genauso. Ihr hübsches Gesicht war schmerzverzerrt, die langen schwarzen Locken hingen wirr um ihr Gesicht.
Als sie in dem kleinen Krankenhaus in Belascoain ankamen, wusste Barbara-Anne, dass die Geburt ihres Kindes unmittelbar bevorstand und auch das Baby der jungen Frau konnte es offensichtlich kaum erwarten, auf die Welt zu kommen. So kam es, dass in dem kleinen Krankenhaus zur selben Stunde, ja, zur selben Sekunde zwei kleine Mädchen das Licht der Welt erblickten, ein engelsblondes und ein schwarzhaariges, beide das Abbild ihrer Mutter. Als Barbara-Anne zwei Stunden später in die Säuglingsstation kam, um ihren kleinen Schatz zu sehen, war das andere Mädchen verschwunden und auch von der jungen Frau fehlte jede Spur. Sie hatte nur einen Zettel hinterlassen, auf dem in krakeliger spanischer Schrift stand: „DANKE! Das Schicksal hat unsere Kinder untrennbar miteinander verbunden.“ Niemand konnte sich erklären, wohin die beiden verschwunden waren und irgendwann dachte auch Barbara-Anne nicht mehr an die rätselhafte junge Frau.
5 Jahre später, die kleine Barby war inzwischen zu einem hübschen, fröhlichen Mädchen herangewachsen, das nichts mehr liebte als Musik zu machen und zu tanzen, gingen die Kelly-Kinder wie jeden Tag zum Versteck-Spielen in den Wald. An diesem Tag geschah etwas, das die Kinder von Dan und Barbara-Anne nie vergessen sollten: Barby verschwand spurlos. Sie hatte sich beim Verstecken zu weit von den anderen entfernt und alles Suchen war vergebens. Dan und Barbara-Anne waren ganz verrückt vor Sorge. Die ganze Nacht suchten sie den Wald ab, aber sie konnten Barby nicht finden. Irgendwann beschlossen sie, ein wenig zu schlafen, und die Suche am nächsten Morgen fortzusetzen. Johnny aber, der sich für seine Schwester verantwortlich fühlte, stand heimlich wieder auf und suchte weiter.
Im Morgengrauen kam er zu dem großen Wasserfall und traute seinen Augen nicht, als er seine Schwester mit einem etwa gleichaltrigen dunkelhaarigen Mädchen vor dem Wasserfall tanzen sah. Die aufgehende Sonne spiegelte sich im Wasser und die beiden Mädchen tanzten mit solcher Anmut vor dem Wasserfall, dass Johnny unwillkürlich den Atem anhielt. Sie waren so versunken in ihren Tanz, dass sie ihn gar nicht bemerkten. Sie sahen aus wie zwei Elfen, ihre Bewegungen waren so synchron, als hätten sie diesen Tanz monatelang geübt, es schien, als wisse jede, welchen Schritt die andere tun würde, noch bevor sie ihren Fuß auf die Erde setzte. „Barby“ rief Johnny, während er fühlte, wie ihm Tränen der Erleichterung die Wangen hinabliefen, „Barby, wo warst du denn nur?“
Langsam kehrten die beiden Mädchen in die Wirklichkeit zurück. Johnny sah die Angst im Gesicht des dunkelhaarigen Mädchens. Sie fing an zu laufen, immer weiter in den Wald hinein, während Johnny seine Schwester in die Arme nahm und sie nach Hause brachte. Das Mädchen sei plötzlich wie aus dem Nichts erschienen und habe ihr den Weg zu dem Wasserfall gezeigt, sie habe kein Wort gesprochen, aber trotzdem hätte sie genau gewusst, was sie ihr sagen wolle.
Barbara-Anne erinnerte sich flüchtig an die junge Frau, die sie am Tag von Barbys Geburt mit ins Krankenhaus genommen hatten. Konnte es sein, dass diese Frau mit ihrem Kind ganz allein irgendwo im Wald lebte? Als sie das nächste Mal in den kleinen Dorfladen ging, fragte sie den Ladenbesitzer nach den beiden. Ja, da gäbe es eine Frau mit einem kleinen Mädchen, sie seien verrückt, alle beide. Sie lebten irgendwo im Wald und ernährten sich von Wurzeln und Pflanzen und von dem, was ihnen mitleidige Dorfbewohner zuweilen an den Waldrand stellten. Das Mädchen könne nicht sprechen und benehme sich wie ein Tier, manchmal stoße es schrille Laute aus.
Seit dem Tag ihrer Begegnung mit dem dunkelhaarigen Mädchen war Barby irgendwie verändert. Sie verschwand immer öfter im Wald, ganz allein, manchmal war sie den ganzen Tag verschwunden und tauchte erst abends wieder auf und ihr Gesicht schien zu glühen, aber sie erzählte weder ihren Eltern noch ihren Geschwistern, wo sie gewesen war. Johnny machte sich große Sorgen um seine kleine Schwester und eines Tages, als sie wieder einmal morgens nach dem Frühstück einen großen Korb mit Essen zusammen packte, folgte er ihr unbemerkt.
Ihr Weg führte sie direkt zu dem großen Wasserfall, wo das schwarzhaarige Mädchen sie schon erwartete. Die beiden Mädchen redeten kein Wort miteinander, sie schienen sich ohne Worte zu verständigen, und als sie wieder zu tanzen begannen, lag ein seltsamer Zauber in der Luft. Wieder sah Johnny den elfenhaften Tanz der Mädchen und er sah noch etwas anderes: Die wilden Rosen, die überall um den Wasserfall herum wuchsen, begannen zu blühen, noch nie in seinem Leben hatte Johnny so etwas Schönes gesehen, er kam sich vor wie in einem Zauberland, in dem zwei Elfen einen Tanz zwischen wunderschönen roten Rosen aufführen.
Plötzlich trat Johnny auf einen dürren Ast, der laut zu knacken begann. Sofort hörten die Mädchen auf zu tanzen und all die roten Rosenblüten waren wie von Zauberhand verschwunden. Wieder rannte das schwarzhaarige Mädchen weg, tief in den Wald. Als Johnny seine Schwester nach dem Mädchen fragte, erzählte sie ihm unter Tränen, dass die Kinder im Dorf ihr erzählt hätten, das Mädchen sei verrückt. „Aber sie ist nicht verrückt, Johnny, glaub mir. Sie kann nicht sprechen, aber wenn ich in ihre Augen schaue, kann ich den Himmel darin sehen. Ich weiß genau, was sie mir sagen will, auch ohne Worte. Sie heißt Carmen, ich weiß es, auch wenn sie es mir nicht sagen kann. Und wenn sie lächelt, Johnny, dann ist es, als ob die Sonne aufgeht. Schon als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, damals, als ich mich im Wald verlaufen habe, wusste ich, dass wir irgendwie zusammen gehören. Bitte erzähle niemanden davon, Johnny, bitte, versprichst du es mir?“ Johnny erschrak über den Ernst, mit dem Barby diese Worte hervor brachte, und er versprach ihr, niemandem von ihrem Geheimnis zu erzählen.
Als die Kellys Spanien verließen, fuhr Barby, sooft es ging, nach Belascoain und wenn sich die beiden Mädchen trafen und vor dem Wasserfall zu tanzen begannen, fingen die Rosen wieder an zu blühen. Johnny hatte sein Versprechen gehalten und niemandem von Barbys Geheimnis erzählt und er hatte es fast vergessen, als Barby ihn viele Jahre später, als die Kellys längst berühmt waren, auf die Begegnung im Wald ansprach. „Ich weiß jetzt, was es ist, Johnny. Wir sind Schwestern, Carmen und ich, keine leiblichen Schwestern sondern Seelenschwestern. Das Band zwischen uns ist stärker als alles andere. Papa hat mir erzählt, dass sie und ich am selben Tag zur selben Sekunde geboren wurden, verstehst du, was ich meine? Ich fühle immer, was sie fühlt, wie es ihr geht, und wenn ich auf der Bühne tanze, tanzt sie mit mir. Sie ist ein Teil von mir und ich ein Teil von ihr.“
Und dann, ganz plötzlich, ging es Barby von einem Tag auf den anderen immer schlechter. Ihre Geschwister dachten, sie käme mit dem Ruhm nicht zurecht, aber das war es nicht. „Ich spüre, dass sie mich braucht“, vertraute sie ihrem Bruder an, „etwas ist passiert, aber ich weiß nicht was. Kannst du nicht versuchen, den anderen zu erklären, dass ich ein paar Wochen frei brauche?“ Schon am nächsten Tag erklärte Johnny seinen Geschwistern, er müsse ganz dringend mit Barby nach Belascoain fahren wegen des alten Hauses, das sie dort noch hatten. Barby fragte sofort im Laden des Dorfes nach Carmen und ihrer Mutter und was sie hörte, erschreckte sie zutiefst. Man hatte den beiden aufgelauert und sie in einer Anstalt untergebracht, in der sie vor sich hin vegetierten wie zwei wilde Tiere.
Sofort fuhr Barby in die Anstalt, aber als sie Carmen in die Augen sah, konnte sie nicht mehr den Himmel darin sehen und die Sonne war aus ihrem Lächeln verschwunden. Sie versuchte, die beiden mitzunehmen, aber das ging nicht, da sie nicht mit ihnen verwandt war. Barby fuhr nach Hause und versank in Trostlosigkeit. Die Freude verschwand aus ihrem Leben, nicht einmal die Musik, die einst ihr Leben gewesen war, konnte sie aus ihrer Lethargie reißen. Sie, die die Fans immer mit ihrem Tanz erfreut hatte, stand fast bewegungslos auf der Bühne, es schien, als habe alle Kraft sie verlassen, als sei alles Leben aus ihr gewichen. Johnny machte sich große Sorgen um seine Schwester, er wusste, sie würde das alles nicht mehr lange durchhalten. Also erklärte er seinen Geschwistern, sie bräuchte eine Pause und er würde mit ihr wegfahren, irgendwohin, wo sie alle ihre Sorgen vergessen könne.
Ohne bestimmtes Ziel fuhren sie los und fanden sich schließlich in Belascoain wieder, wo das alte Haus der Kellys immer noch leer stand, sie hatten es nie übers Herz gebracht, das Haus zu verkaufen, zu sehr erinnerte es sie alle an ihre tote Mutter. Gleich am nächsten Tag gingen die beiden in die Anstalt, aber sie fanden dort niemanden mehr. Die beiden Verrückten seien in einem unbeobachteten Moment geflohen, erklärte ihnen der Anstaltsleiter. Sie seien irgendwo im Wald verschwunden und seither habe sie niemand mehr gesehen und keiner wisse, wo sie sich aufhielten.
Barby war verzweifelt. Warum war sie nicht früher gekommen? Am Abend ging sie spazieren und ihre Schritte führten sie zu dem großen Wasserfall. Sie setzte sich ins feuchte Moos und weinte lange, bis sie merkte, dass sie allmählich ruhiger wurde. Es war ein wunderschöner Sommerabend, die Sonne fing gerade an unterzugehen und der Wasserfall leuchtete in den schönsten Farben. Und dann begann Barby zu tanzen, wie von selbst bewegten sich ihre Füße auf dem weichen Boden, sie fühlte sich schwerelos und frei in ihrem Tanz. Verrückt? Was heißt denn verrückt? Carmen war nicht verrückt, sie war nur anders als andere Menschen, ihre ganze Welt bestand aus Gefühlen, die sie mit ihren Augen, ihrem Mund und ihrem Tanz ausdrückte.
Während Barby weitertanzte, bemerkte sie plötzlich, dass die Rosen am Wasserfall wieder zu blühen begannen, der ganze Wasserfall schien in eine Flut aus roten Rosen gebettet zu sein. Und dann sah sie sie: Carmen, sie kam aus dem Wald auf sie zu, ihre Augen leuchteten, ihr Mund strahlte, und als die beiden Mädchen sich in die Augen sahen, wusste jede von ihnen, was die andere in den vergangenen Jahren erlebt hatte.
Carmen nahm Barby bei der Hand und führte sie zu der Stelle, zu der sie noch nie jemanden geführt hatte, zu dem kleinen Haus im Wald, in dem sie mit ihrer Mutter lebte. Das Häuschen war alt und winzig, aber es war so viel Wärme, so viel Herzlichkeit darin, Barby war fasziniert. Und dann geschah etwas, das Barby mitten ins Herz traf: Carmen kam auf sie zu und begann zu sprechen, ganz langsam, aber doch ganz deutlich: „Yo te quiero, mi hermana, ich liebe dich, meine Schwester!“
Als Barby mit ihrem Bruder wieder nach Hause fuhr, wusste sie, sie würde wieder kommen zu ihrer Seelenschwester, sie würden wieder zusammen tanzen und die Rosen würden wieder blühen.
Dedicated to Barby: Ich wünsche dir, dass du eines Tages wieder tanzen kannst, so wie früher...
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