|
Crisis
by Uli (20.08.2001)
Als er in Köln aus dem Zug steigt, ist es Mittagszeit und viele Leute stehen auf dem Bahnhof, warten auf ihre Züge, verabschieden sich von Menschen, die verreisen. Keiner achtet auf den jungen Mann, der mit seiner Tasche und seiner Gitarre aus dem Zug steigt und langsam in Richtung Ausgang geht. Sein Blick fällt auf den Friseursalon des Bahnhofs und ohne zu zögern betritt er ihn. Die junge Friseurin bedauert seine Entscheidung, aber schließlich tut sie, um was er sie gebeten hat. Eine lange Haarsträhne nach der anderen fällt auf die weißen Fliesen des Salons und es kommt ihm vor, als trenne er sich mit jeder Strähne auch von einem Stück Erinnerung, als erwache er mit jeder Strähne, die fällt, zu neuem Leben. „Lange Haare sind für mich ein Zeichen von Stärke,“ hat er immer gesagt, aber das war nicht die Wahrheit. Ein Schutz waren sie, seine Haare, ein Vorhang, hinter dem er seine Gefühle, seine Tränen zu verbergen suchte. Jetzt braucht er keinen Vorhang mehr. Er ist bereit, sich der Realität zu stellen, so schwer es auch sein wird. Die kurzen Haare stehen ihm gut und er fühlt sich wie befreit, als er den Salon verlässt.
Langsam läuft er durch die Stadt, schaut sich alles an, als habe er es nie vorher gesehen. Vor dem Kölner Dom spielen ein paar Straßenmusiker und er wünscht sich plötzlich, auch da zu sitzen und zu singen für die Passanten. Er geht ein Stück weiter und packt seine Gitarre aus. Er weiß, er wird nie mehr auf einer großen Bühne stehen, die Straße wird von nun an wieder seine Bühne sein, so wie früher, und die Menschen, die vorbeikommen, sein Publikum. Er schließt die Augen und beginnt zu spielen und zu singen, Lieder, die niemand kennt, die es nur in seinem Kopf gibt, die entstanden sind in dem unendlich langen Jahr, das er in dem großen alten Haus inmitten des wunderschönen Parks verbracht hat. Eine Frau kommt vorbei mit einem kleinen Mädchen an der Hand, er sieht die kleinen Hände, die leicht schräg stehenden Augen und den etwas geöffneten Mund des Kindes, aus dem die Zungenspitze ein wenig herausschaut. „Down-Syndrom“, schießt es ihm durch den Kopf und „Wie unendlich lieb dieses kleine Mädchen aussieht, welche Freude sie in ihren Augen hat. Warum können nicht alle Menschen so lieb sein?“. Das kleine Mädchen läuft auf ihn zu, lacht ihn an und beginnt zu tanzen zu seiner Musik. In den Augen der Mutter sieht er bedingungslose Liebe für ihr Kind und diese Liebe scheint auch ihn ein wenig zu wärmen. Schön, dass es so etwas noch gibt in dieser kalten Welt. Als er aufhört zu spielen, kommt das Mädchen zu ihm, streckt seine warme, kleine Hand aus und streichelt ihm ganz zart über die Wange. „Du traurig?“, fragt das Mädchen und ein Lächeln huscht über das Gesicht des jungen Mannes. „Nein, kleines Mädchen, ich bin nicht traurig, nicht mehr!“, sagt er nur, nimmt sie auf den Arm und drückt ihr einen Kuss auf die vom Tanzen erhitzte Wange. Er geht weiter und spürt wieder diese Furcht in sich aufsteigen, Furcht davor, seine Wohnung zu betreten. Werden die Erinnerungen auf ihn einstürmen? Wird er ihn in seinen Träumen wieder erleben, diesen Tag, der sein ganzes früheres Leben mit einem Schlag zunichte gemacht hat?
Eigentlich hatte es sich schon so lange angedeutet, Wochen, Monate, wenn nicht sogar Jahre, aber sie hatten es alle nicht bemerkt oder wollten sie es nur nicht merken? Ein fröhlicher, unbekümmerter Junge war er gewesen mit seinem hübschen Gesicht, den niedlichen roten Wangen und diesem unwiderstehlichen Lächeln, kein Wunder eigentlich, dass die Mädchen so auf ihn flogen. Der Ruhm kam viel zu schnell, viel zu früh für ihn, er konnte ihn gar nicht verkraften, er war so jung und so naiv. Ein Star war er plötzlich, ein Star inmitten einer großen Schar von Geschwistern. Manchmal waren die anderen neidisch auf ihn, wenn alle seinen Namen riefen, nur ihn sehen wollten. Keiner kann heute mehr genau sagen, wann sie anfing, die Veränderung, aber sie ging rasend schnell vonstatten. Er wurde ein richtiger Pascha, sonnte sich in seiner Beliebtheit, seinem Erfolg bei den Mädchen. Schon bald konnte er gar nicht mehr zählen, wie viele Freundinnen er gehabt hatte, er genoss es regelrecht, mit den Mädchen zu spielen. Und dann, irgendwann, ganz unmerklich, drehte sich das Geschehen, wurde er vom Jäger zum Gejagten, und damit konnte er noch weniger umgehen als mit seiner Beliebtheit. Er fing an, sich zu verstellen und das konnte er perfekt. Als seinen Geschwistern auffiel, wie es wirklich in ihm aussah, wie unglücklich er war, da war es schon zu spät, da gehörten Alkohol und Tabletten schon zu seinem Leben wie Brot oder Milch. Nur wenig später fingen seine Ausbrüche an, zuerst waren es unkontrollierte Weinkrämpfe auf der Straße, dann Beschimpfungen und schließlich musste man ihn vor jedem Konzert geradezu anflehen, sich auf der Bühne nichts anmerken zu lassen. Oft war er so betrunken, dass er kaum gerade stehen konnte oder er war so mit Tabletten vollgepumpt, dass es ihm schwer fiel, seine Lieder verständlich zu singen, aber er weigerte sich, etwas zu unternehmen, weigerte sich, eine Pause zu machen, so sehr ihn seine Geschwister auch darum baten. „The show must go on“, war seine Devise, und nichts und niemand konnte ihn davon abbringen.
Und schließlich kam es, wie es kommen musste: Es war ein regnerischer, kalter Wintertag und eines der Weihnachtskonzerte stand an. Es ging ihm nicht gut an diesem Morgen, blass und irgendwie leblos sah er aus, sein Kopf dröhnte vom Whisky und den Tabletten des Vorabends und als er dann zur Halle kam und sie alle da stehen sah, rastete er einfach aus: Völlig außer sich schrie er die Fans an, sie sollten verschwinden, er schlug nach ihnen und rannte ihnen nach, als sie verschreckt davon liefen. Seine Geschwister konnten ihn beruhigen, aber jeder von ihnen fürchtete, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm war und genau so war es auch: Während des Konzerts sah er die Mädchen von morgens wieder direkt vor der Bühne stehen und dann tat er etwas, das seine Karriere und die seiner Geschwister für immer beendete: Er hörte mitten im Lied auf zu singen und begann, die Mädchen, ja das ganze Publikum zu beschimpfen. Viele Fans fingen an zu weinen, aber das stachelte ihn nur noch mehr an. Er war so außer sich, dass es selbst seinen Brüdern nicht gelang, ihn zu bändigen. Er schrie und tobte, die Maske des Lächelns, die er all die Jahre getragen hatte, fiel und sein hübsches Gesicht glich nur noch einer verzerrten Fratze. Erst als er seine jüngere Schwester tränenüberströmt vor sich stehen sah, schien er zu sich zu kommen. Sein Gesicht war totenblass und er sah sich verwirrt um, als wisse er gar nicht, wo er war. „Es tut mir leid“, murmelte er nur, bevor er losrannte hinter die Bühne und jeder im Saal ahnte, dass er sie nie wieder betreten würde.
Das Konzert wurde abgebrochen und schon am nächsten Tag wurde die Frühjahrstour abgesagt. All seinen Geschwistern war klar, dass sie nie wieder zusammen auf der Bühne stehen würden, und jeder machte sich Vorwürfe, dass sie nicht früher erkannt hatten, wie schlecht es um ihn stand. Und dann, noch in derselben Nacht, zerschlug er seine Whiskyflasche in tausend Scherben. Die Scherben waren scharf, sehr scharf, als er mit dem Finger darüber fuhr, fing er sofort an zu bluten. Nur ein tiefer Schnitt in jedes seiner Handgelenke, dann würde alles vorbei sein, dann hätte er alles hinter sich gebracht. Er wollte es tun, ja, aber er hatte nicht den Mut dazu. Schluchzend saß er auf dem Bett, die Scherbe in der Hand, als seine Schwester das Zimmer betrat. Sie sah sofort, was er dachte, lief auf ihn zu, nahm ihm zitternd die Scherbe aus der Hand und umarmte ihn weinend. „Bitte nicht, ich würde es nicht ertragen“, murmelte sie und er nahm sie in die Arme und hielt sie ganz fest. Er bekam vom Arzt eine Beruhigungsspritze und seine Geschwister wachten die ganze Nacht an seinem Bett, während sein Vater mit ihm bekannten Ärzten und Therapeuten telefonierte, von denen einer ihm schließlich von einer Privatklinik erzählte, die sehr empfehlenswert sei. Schon am nächsten Morgen brachten sie ihn in dieses große, alte Haus und er wusste, er würde lange Zeit hier verbringen, aber es war ihm egal, er fühlte nur noch Leere in sich, grenzenlose Leere, als sei er schon tot. Als die Wirkung der Beruhigungsmittel nachließ, rebellierte sein Körper, forderte die Tabletten und den Alkohol, den er all die Monate zuvor täglich bekommen hatte. Er hatte nur noch einen Wunsch: tot zu sein, einfach zu verschwinden aus diesem Leben, aber sie ließen ihn nicht gehen. Seine jüngere Schwester schrieb ihm jeden Tag und fast jede Woche kam sie, obwohl sie genau wusste, dass er keinen Besuch empfangen durfte, sie sagte immer, sie wolle einfach nur da sein, weil sie ganz sicher war, er würde ihre Anwesenheit spüren.
Monatelang wehrte er sich gegen die Therapie, obwohl sein Verstand ihm sagte, dass sie die einzige Chance war, die er noch hatte. Aber die Ärzte in der großen, alten Privatklinik gaben nicht auf, ließen sich nicht entmutigen von seiner scheinbaren Gleichgültigkeit und irgendwann, als er wieder klar denken konnte, als sein Körper nicht mehr nach Alkohol und Tabletten lechzte, begann er zu begreifen, dass es das Ziel dieser Menschen war, ihm zu helfen, nicht, ihn zu zerstören. Ganz langsam begann er, ihn zu öffnen, den Panzer, den er in all den Jahren um sich aufgebaut hatte, er ließ zu, dass sie in seine Seele blickten, die so zart, so verwundbar war. Von diesem Tag an machte er Fortschritte und als sie ihm schließlich seine Gitarre brachten, war er fast ein wenig glücklich. Tag für Tag saß er da und spielte und sang, denn das einzige, das ihm noch geblieben war, war seine Musik, die vielen Lieder, die er in seinem Herzen trug. Nach einem halben Jahr durften ihn seine Geschwister und sein Vater zum ersten Mal besuchen und wieder war es seine jüngste Schwester, die als Erste Zugang zu ihm fand. Sie sah ihn nur an und streckte dann ganz langsam die Hand nach ihm aus. Und dann weinte er nur noch, weinte sich all die Schmerzen von der Seele und auch sie weinte, aber vor Freude, denn in seinen Augen sah sie die Hoffnung, dass er es schaffen würde, eines Tages wieder ein normales Leben zu führen. Und dann, nach diesem unendlich langen Jahr, war er plötzlich da, der Tag, an dem er die Klinik verlassen durfte, und er war bereit, den Kampf aufzunehmen, zurückzukehren ins Leben.
Es ist schon dunkel draußen, als er seine Wohnung erreicht. Langsam geht er die Stufen hinauf und schließt die Tür auf. Alles sieht genauso aus wie immer. Seine Schwester hat sich um alles gekümmert, während er weg war, sie hat seine Blumen gegossen, hat die Wohnung in Ordnung gehalten und hat aufgeräumt. Sogar den Kühlschrank hat sie für ihn aufgefüllt und einen kleinen Zettel hineingelegt: „Willkommen zu Hause!“. Seine Alkoholvorräte sind alle verschwunden, aber es macht ihm keine Angst. Er wird ihn nicht mehr brauchen! Er geht in die Küche, um sich einen Tee zu machen, vorher aber schaut er in dem kleinen Medikamentenkasten im Bad nach, ob sie noch da sind, seine Tabletten, nur für alle Fälle, redet er sich ein. Ja, sie liegen noch genau da, wo sie immer waren, komisch, dass sie sie nicht gefunden hat. Als er mit seiner Teetasse ins Wohnzimmer zurück geht, klingelt es an seiner Tür. Haben sie schon herausgefunden, dass er wieder da ist?? Zögernd öffnet er und als er sie vor der Tür stehen sieht, ihren fast ängstlichen Blick, da streckt er einfach nur die Arme nach ihr aus und sie lässt sich hineinfallen. Seine kleine Schwester, die niemals das macht, was man ihr sagt, die fast noch dickköpfiger ist als er selbst. Er hätte wissen müssen, dass sie kommen würde, obwohl er es ihr verboten hat, und zum ersten Mal in seinem Leben ist er ihr nicht böse, dass sie sich widersetzt hat. Erstaunt schaut sie ihn an, ihr Blick ruht auf seinen kurzen Haaren. „Du... du siehst toll aus, einfach toll. Alles Liebe zum Geburtstag, Paddy“, flüstert sie ihm ins Ohr und er genießt die Wärme ihres weichen Körpers, als sie sich an ihn schmiegt, er hat nicht viel davon bekommen im letzten Jahr. „Dir auch, Maite, und danke für alles“, mehr braucht er nicht zu sagen, sie weiß, wie sehr er sie liebt, wie dankbar er ihr ist für ihre Liebe, für ihren Glauben an ihn. Während sie in der Küche die Torte aufschneidet, die sie mitgebracht hat, geht er leise ins Bad und nimmt die Tabletten aus dem Medizinschrank. Eine nach der anderen drückt er aus der Packung und wirft sie in die Toilette. Er weiß plötzlich, er wird sie nicht mehr brauchen. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn finden werden, aber diesmal wird er stärker sein als sie, diesmal wird er gewinnen. Er schaut sich im Spiegel an, fährt sich durch die kurzen Haare und lächelt seinem Spiegelbild zu. Zum ersten Mal an diesem Tag freut er sich auf sein neues Leben. Es wird nicht einfach sein, das ist ihm klar, und es wird ein anderes Leben sein als das, das er früher gelebt hat. Aber es wird SEIN Leben sein, nicht mehr das der Fans und der Reporter...
Auch diese Geschichte ist frei erfunden, nichts davon ist wahr, GAR NICHTS
|