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Don’t be so unhappy
by Uli (23.-26.02.2004)
Seine Angst, nach Bagdad zu fliegen, war groß, sehr groß sogar, aber instinktiv wusste er, die Visionen, die er seit Tagen beim Beten hatte, würden nicht verschwinden, wenn er es nicht tat. Dieses Gesicht, diese großen schwarzen Augen, die von so viel Traurigkeit erfüllt waren, ließen ihn einfach nicht mehr los. „Ich sehe sie vor mir, wenn ich einschlafe, und ich sehe sie vor mir, wenn ich aufwache, Maite. Sie ruft mich, durch meine Gebete ruft sie mich.“ Maite wurde wütend. „Verdammt noch mal Paddy, dann hör auf zu beten!“ Sofort bereute sie diesen Satz, wusste sie doch genau, welch wichtige Rolle Paddys Gebete in seinem Leben spielten. Sie legte ihrem Bruder die Hand auf die Schulter. „Was ist das für eine Vision, die du hast, Paddy? Bitte erklär’ es mir, ich möchte es so gerne verstehen!“
Paddys Augen wurden ganz dunkel, als er seiner Schwester leise erzählte, was er immer wieder sah, wenn er zur Ruhe kam, wenn er eintauchte in seine Gespräche mit Gott. „Da ist dieses Mädchen, Maite, sie steht an einer Haltestelle in einer Stadt, in der der Terror regiert. Sie wartet auf den Bus und ihre Augen schauen mich an, Maite, da ist so viel Schmerz und so viel Trauer in diesen Augen, das Mädchen kann kaum älter sein als 12 Jahre, aber in ihren Augen ist mehr Leid als es ein Mensch in seinem ganzen Leben ertragen kann.“ Tränen schimmerten in Paddys Augen und Maite nahm ihn erschrocken in ihre Arme. „Und warum Bagdad?“, fragte sie leise. „Du hast es selbst gesagt vorhin, jeden Tag sterben dort Menschen durch feige Anschläge. Ich muss es tun, ich muss dieses Mädchen finden, ich muss herausfinden, was sie von mir will.“ Paddys Blick war entschlossen. „Wirst du mich zum Flughafen bringen?“ Als Maite sich am nächsten Tag am Flughafen von ihrem Bruder verabschiedete, brach sie in Tränen aus. „Versprich mir, dass du wiederkommst, Paddy, versprich mir, dass du vorsichtig bist!“ Er schaute ihr lange in die Augen. „Ja“, sagte er dann ruhig, „ja, ich werde wiederkommen, ich verspreche es dir.“
Er hatte sich Bagdad anders vorgestellt, schmutziger, ärmlicher und irgendwie nicht so normal, fast hatte er erwartet, dass das Leben hier still stehen würde, dass die Menschen wie gelähmt in ihren Häusern sitzen würden, um nicht Opfer des täglichen Terrors zu werden, aber so war es nicht. Überall liefen Menschen auf den Straßen herum, auf dem Wochenmarkt herrschte reges Treiben und an den vielen Bushaltestellen standen unzählige Menschen und warteten auf den Bus, der sie zur Arbeit oder nach Hause bringen sollte. Er spürte, wie ihn aller Mut verließ. Wie sollte er hier ein Mädchen finden, von dem er nicht einmal wusste, ob es überhaupt existierte oder ob es nicht nur ein Produkt seiner Fantasie war? Er kaufte sich ein Brot und ein paar Früchte auf dem Wochenmarkt und beschloss, sich eine Unterkunft zu suchen. Das kleine Hotel, das nicht weit vom Wochenmarkt direkt gegenüber einer Bushaltestelle lag, sah einfach, aber sauber aus, genau das Richtige für ihn.
Ein schwarzer Lieferwagen fuhr langsam die Straße entlang, an der Bushaltestelle stand eine Gruppe von Menschen, alles war ganz normal, nichts deutete darauf hin, dass immer noch der Terror in dieser Stadt herrschte. Als er das kleine Hotel betrat, hörte er, wie der Lieferwagen beschleunigte, er drehte sich um und dann sah er das Mädchen, das sich in diesem Moment aus der Gruppe löste. Die nächsten Minuten erlebte Paddy wie in Zeitlupe. Sein Blick blieb an dem Mädchen hängen, ihre langen schwarzen Haare fielen wie ein dunkler Wasserfall um ihr Gesicht, sie war bildhübsch, aber in ihren großen schwarzen Augen lagen Trauer, Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Einen kurzen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke, er sah den schwarzen Lieferwagen, der jetzt immer schneller auf die Bushaltestelle zuraste, und ohne nachzudenken rannte er über die Straße. „Lauft weg“, rief er den Menschen zu und gleichzeitig griff er nach der Hand des Mädchens und zog sie mit sich über die Straße zu dem kleinen Hotel. Wenige Sekunden später ging der Lieferwagen in Flammen auf und die Explosion, die die Straße erschütterte, war so gewaltig, dass sie Paddy von den Beinen riss. Er hörte die Schreie der Menschen, Glas splitterte und aus dem Augenwinkeln sah er die Steinplatten, die von der einstürzenden Wand des kleinen Hotels auf ihn herabfielen. In einem Reflex stieß er das Mädchen in eines der großen Löcher, die die Explosion in den Gehweg vor dem Hotel gerissen hatten, er warf sich über sie und dann wurde es dunkel um ihn.
Als er wieder zu sich kam, spürte er keinen Schmerz, er fühlte nur die warme Flüssigkeit, die über sein Gesicht lief, und den weichen Körper des Mädchens, das unter ihm lag. Er versuchte, die Steinplatten, unter denen sie lagen, mit seinem Körper wegzudrücken, aber sie waren viel zu schwer. „Bist du okay?“, hörte er das Mädchen auf Englisch flüstern und der Klang ihrer Stimme erfüllte ihn mit unbändiger Freude. Sie lebte! „Ja, ich bin okay, und du?“ Ganz fest drückte ihre warme Hand die seine. Es gelang ihm, sich unter den Steinplatten ein wenig aufzurichten und kurz darauf kauerten sie nebeneinander in der kleinen höhlenartigen Mulde. Er spürte die weiche Hand des Mädchens auf seiner Wange. „Du bist verletzt“, flüsterte sie und erst jetzt spürte er die brennende Wunde an seiner Stirn und ihm wurde schwindlig. Maites Worte fielen ihm ein: „Versprich mir, dass du wiederkommst!“ Er durfte jetzt hier nicht sterben, er hatte seiner Schwester ein Versprechen gegeben! Um nicht ohnmächtig zu werden, fing er an zu reden. „Wie heißt du?“ Leise nannte sie ihren Namen. „Leila, ein schöner Name.“ Die Wunde an seiner Stirn schmerzte höllisch, aber er war nicht bereit, jetzt einfach aufzugeben. Irgendetwas hatte ihn hierher geführt und er wollte wissen, was er hier sollte, was für eine Aufgabe er hier zu erfüllen hatte.
Die Schreie der Menschen waren verstummt und man konnte jetzt Schritte von hektisch hin- und herlaufenden Männern und Frauen hören. Ganz langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er sah das Gesicht des Mädchens, er konnte ihr direkt in die Augen schauen, in diese großen schwarzen, unsagbar traurigen Augen. Wahrscheinlich war es die Situation, in der sie sich befanden, vielleicht war es auch der Schock, der ihn ihren Blick nicht ertragen ließ. „Bitte schau nicht so traurig, bitte, bitte sei nicht so traurig“, sagte er und war sich nicht sicher, ob sie ihn verstand. Ihre Stimme klang wie die eines Menschen, der alles verloren hat, der den Tod gesehen hat. „Wie sollte ich sonst aussehen?“, fragte sie. „Sie haben mir alles genommen, meine Eltern, meine Geschwister, meine Großeltern, ich habe niemanden mehr, ich bin ganz allein. Wie sollte ich da nicht traurig sein? Alles, was mir geblieben ist, sind meine Erinnerungen und meine Gebete.“ „Deine Gebete?“ Paddys Stimme klang belegt. „Du betest? Für was betest du?“ „Ja, ich bete. Jeden Morgen und jeden Abend bete ich dafür, dass jemand kommt, dass jemand mir hilft, dass jemand mir ein neues Leben schenkt.“ In diesem Moment wusste Paddy, warum er hier war.
Eine weitere Explosion erschütterte die Stadt und Paddy spürte, wie die schwere Steinplatte, die sie in dem kleinen Loch gefangen hielt, zu beben begann. Angst kroch in ihm hoch, dieselbe Angst, die er jetzt in den Augen des Mädchens sah. Er wusste nicht, ob er das Versprechen, das er ihr im nächsten Moment aus einem Impuls heraus gab, würde halten können, aber er wusste, dass das Wichtigste, das sie und auch er jetzt brauchten, Hoffnung war, Hoffnung auf ein Leben nach dem Terror. „Ich habe dich gesehen in meinen Gebeten und bin gekommen, um dich zu holen. Ich werde dich an einen Ort bringen, an dem es keinen Krieg gibt, keinen Schmerz und keine Furcht, ich werde dich in das schönste Land der Welt bringen, dahin, wo ich herkomme, nach Irland.“ Es war nur eine Idee, nur eine vage Vorstellung, aber jetzt hier in diesem dunklen Loch war es viel mehr als das, es war die Zukunft, es war das Leben. Sein Cousin Gary hatte sechs Kinder, seine Frau war eine wundervolle Mutter und Paddy war ganz sicher, dass die beiden sich über ein weiteres Kind freuen würden, auch wenn es nicht ihr eigenes war. „Irland?“ Die Stimme des Mädchens klang neugierig. „Wo ist das?“
Und dann fing er einfach an, ihr von Irland zu erzählen, von den grünen Wiesen, den unberührten Stränden, von den herzlichen Menschen und von den Sonnenuntergängen, den schönsten, die es auf der Welt gibt. Und während er sprach, sah er, wie die Augen des Mädchens immer größer wurden, und er meinte ein klein wenig Hoffnung darin zu sehen. Sanft strich er mit der Hand über ihre Wange. „Du wirst wieder glücklich werden, kleine Leila, das verspreche ich dir.“ Ein zaghaftes Lächeln huschte über das Gesicht des Mädchens, über dieses zarte Gesicht eines Kindes mit dem Ausdruck eines Erwachsenen.
Er hatte keine Ahnung, wie lange sie in diesem Loch saßen, aber irgendwann spürte er, wie die schwere Steinplatte angehoben wurde, Hände griffen nach ihnen und zogen sie heraus. Sie brachten ihn ins nächste Krankenhaus und das Mädchen wich nicht von seiner Seite, während die Wunde an seiner Stirn genäht wurde. Er rief Maite an und irgendwie gelang es ihr, innerhalb eines Tages alle Formalitäten zu erledigen. Zwei Tage später saß er mit Leila an der wunderschönen Südwestküste Irlands im Haus seines Cousins, dessen Familie neugierig und gleichzeitig betroffen Leilas Geschichte lauschte. Ganz sanft nahm Garys Frau das Mädchen in ihre Arme. „Willkommen bei uns, Leila, willkommen bei deiner neuen Familie.“ Später ging er mit ihr an den Strand und als die Sonne unterging, saß Leila mit großen Augen da und beobachtete, wie der rote Feuerball im Meer versank. Am nächsten Tag flog Paddy nach Hause und Leila stand noch lange da und schaute dem Flugzeug nach, das langsam in den Wolken verschwand, und ihre schwarzen Augen leuchteten. Ihr Leben hatte wieder einen Sinn, es gab wieder eine Zukunft für sie. Ihre Gebete waren erhört worden...
Diese Geschichte möchte ich all den unschuldigen Menschen im Irak und den vielen anderen Krisengebieten überall auf der Welt widmen, die so viel Leid ertragen müssen. Ich wünschte, es wäre so einfach, ihnen allen ein neues Leben zu schenken...
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