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I feel love
(Eine Faschingsgeschichte)
by Uli (25.01.2001)
Jenny saß in ihrem Zimmer und telefonierte mit ihrer besten Freundin Heike. Sie diskutierten darüber, was sie zu der großen Faschingsfete in der Kölner Innenstadt anziehen würden. Es war nicht leicht, Karten für dieses Event zu bekommen, zu dem allerhand Stars und Sternchen erwartet wurden, aber der Vater von Jennys Freundin hatte Beziehungen. Jenny freute sich schon wahnsinnig auf die Party und hatte sich für ihre Verkleidung etwas ganz Besonderes einfallen lassen, auch wenn das ihrer Freundin gar nicht gefiel: Sie würde als Paddy Kelly gehen, Paddy, dem ihr Herz gehörte, auch wenn Heike sie deswegen oft auslachte. Nein, Jenny liebte Paddy nicht, sie kannte ihn ja gar nicht, aber er hatte einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen, einfach weil sie seine Lieder ganz besonders liebte. Sie war ganz sicher, dass er etwas Besonderes war, wie sonst könnte er solche Lieder schreiben.
Als sie das Telefonat mit ihrer Freundin beendet hatte, machte Jenny eine Kostümprobe. Sie hatte eines ihrer weißen T-Shirts mit dem kelly-typischen Tatto-Muster bemalt und sich von ihrem Vater die breiten braunen Hosenträger ausgeliehen, dazu hatte sie sich aus einer alten karierten Wolldecke einen Original-Paddy-Schottenrock angefertigt. Außerdem wollte sie dicke naturfarbene Wandersocken tragen und die braunen Birkenstock-Latschen, versteht sich. An ihren kastanienbraunen Haaren musste sie nichts verändern, die waren auf den ersten Blick kaum von Paddys zu unterscheiden. Ja, manche Leute behaupteten sogar, sie sähe ihm ähnlich mit ihrem hübschen Gesicht und den blauen Augen. Als besonderen Clou hatte sich Jenny in mühsamer Kleinarbeit eine dieser grässlichen Wollmützen gestrickt, die Paddy neuerdings so gerne trug, eine babyblaue mit rosa Streifen und Ohrenschützern. Dazu noch die bis ins Detail nachempfundene blaue Kartongitarre – Jenny war zufrieden mit dem, was sie im Spiegel sah. Sie fühlte sich fast ein bisschen wie Paddy, als sie vor dem Spiegel ein paar Lieder sang. Ihr Kostüm war perfekt, die Party konnte beginnen.
Zwei Wochen später war es endlich soweit: Jenny stand aufgeregt in voller Montur in der Diele und wartete auf Heike, die sie abholen sollte. Sie war schon sehr gespannt, ob wirklich irgendwelche Stars auf die Party kommen würden. Endlich klingelte Heike und die beiden Mädchen fuhren zusammen in die große Halle, in der das Ereignis stattfinden sollte. Heike sah geradezu umwerfend gut aus in ihrem knappen Faschingskostüm, toll geschminkt und mit aufgestylten Haaren, und Jenny kam sich plötzlich ein bisschen albern vor in ihrer Paddy-Aufmachung, aber jetzt war es zu spät. Und außerdem hatte sie nicht vor, einen Typen mit ihrer Aufmachung aufzureißen.
Kaum waren sie in der Halle, wurde Heike auch schon von ein paar Jungs umschwärmt und es kam, wie es kommen musste: Sie verzog sich mit einem Typ auf die Tanzfläche und ward nicht mehr gesehen, während Jenny gelangweilt durch die Menge ging. Die Leute, die sie sah, wirkten alle total affektiert auf sie, viele davon waren Möchtegern-Stars, die sich in die raffiniertesten Kostüme geworfen hatten, um die echten Stars, falls irgendwo welche auftauchen sollten, zu beeindrucken. Jenny ging an die Sektbar und bestellte sich einen Sekt-Orange. Sie wollte gerade ihr Portemonnaie zum Bezahlen zücken, als sie von hinten eine Stimme sagen hörte: „Moment, Paddy Kelly, das übernehme ich für dich!“ Erschrocken fuhr Jenny herum und blickte in die schönsten blauen Augen, die sie je gesehen hatte. Eine Haremsdame stand vor ihr, sie trug ein hellrosa Haremskostüm und ein halbdurchsichtiger Schleier verdeckte ihre Haare und ihr Gesicht. Die Stimme allerdings klang nicht unbedingt wie die eines Mädchens. Jenny war fasziniert von diesen Augen. „Äh, danke schön“, stammelte sie nur. „Sag mal, woher weißt du, dass ich Paddy Kelly darstelle?“ „Oh Gott, das ist eine lange Geschichte“, meinte der verkleidete Mann nur, „weißt du, meine Schwester schwärmt tierisch für diesen Typen und seine Geschwister, echt nervig. Und außerdem siehst du ihm wirklich ähnlich. Weißt du, ich muss oft mit der Kleinen auf Konzerte und hab’ die Kellys schon oft live gesehen!“
Jenny nahm ihr Sektglas und betrachtete ihr Gegenüber neugierig. Was sie sah, gefiel ihr. Der Typ war schlank und hatte doch an den Armen ein paar Muskeln, sein Gesicht konnte sie ja nicht sehen, aber wer solche Augen hat, kann eigentlich nur gut aussehen. Schon bald befanden sich die beiden in einer angeregten Unterhaltung über Gott und die Welt und natürlich auch über die Kellys. Mike, wie der Junge sich vorgestellt hatte, wollte genauestens wissen, was sie an den Kellys und besonders an Paddy so toll fände, und Jenny geriet regelrecht ins Schwärmen. „Weißt du, ich bin keine von diesen Verrückten, die behaupten, sie lieben ihn, aber da ist etwas, das er ausstrahlt, ich kann es schwer erklären, er hat einfach etwas ganz Besonderes. Und hast du ihn schon mal lächeln gesehen? Auf der ganzen Welt gibt es so ein Lächeln nicht noch einmal. Aber es ist nicht nur sein Aussehen, nein, viel mehr sind es seine Lieder, die ich so toll finde. Du kennst sie ja bestimmt, wenn du schon oft auf Konzerten warst oder? Da ist so viel Gefühl, so viel Leidenschaft in seinen Songs, welcher Musiker schreibt denn heute noch solche Lieder?“
„Du kennst ihn aber doch gar nicht“ erwiderte Mike, „vielleicht ist der Typ ja ein vom Erfolg verwöhntes Riesenarschloch, das ein Mädchen nach dem anderen abschleppt!“ „Ja, vielleicht ist er das, aber ich glaube es nicht. Sonst könnte er nicht diese Lieder schreiben. So, jetzt haben wir aber genug von Paddy Kelly geredet, erzähle mir doch mal was von dir!“ Mike erzählte ihr, dass er ein sehr romantischer Typ sei, er hörte sehr gerne Musik der verschiedensten Stilrichtungen und in seiner Freizeit beschäftigte er sich wahnsinnig gerne mit seinen Tieren, er hätte fast einen ganzen Zoo daheim. Genau wie Paddy, dachte Jenny. Dieser Junge gefiel ihr, er kam ihr nicht so draufgängerisch vor wie die Jungs, die sie sonst kennen lernte, und in seine Augen hatte sie sich sofort verliebt. Noch nie hatte sie so wunderschöne Augen gesehen, sie waren von einem undefinierbaren blau, nicht dieses helle wasserblau, nein, sie waren ganz dunkel und wenn er lachte, tanzten Funken darin. Jenny und Mike hatten viel Spaß miteinander an diesem Abend, sie ließen fast keinen Tanz aus und lachten viel. Jenny verliebte sich mit jeder Minute mehr in ihren Begleiter. Er war so lustig und gleichzeitig auch so ernst, eine faszinierende Mischung, wie sie fand.
Sie tanzten den ganzen Abend miteinander und Jenny war begeistert, was für ein guter Tänzer Mike war. Dann, kurz vor Mitternacht, ging plötzlich die Musik aus und ein Ansager kündigte an, dass jetzt der große Karaoke-Wettbewerb stattfinden würde. Alle, die mitmachen wollten, sollten sich bei ihm melden. „Hey, Paddy Kelly, das wäre doch was für dich“ neckte Mike sie, „du kannst doch bestimmt alle Kelly-Songs auswendig oder?“ Klar konnte sie das, aber einfach auf die Bühne gehen und singen? Nein, Jenny traute sich nicht. Sie verfolgten den Wettbewerb und ganz am Ende kam der Ansager erneut auf die Bühne und fragte, ob sich wohl auch jemand trauen würde, live zu singen. Sie hätten Instrumente da. „Hey, Jenny, komm, das machen wir“ sagte Mike. Und ehe sie sich versah, hatte er sie auch schon auf die Bühne gezogen und sich eine Gitarre geschnappt. Jenny war platt. „Also hör mal, wenn man so eine Kelly-begeisterte kleine Schwester hat wie ich, wird man doch wohl einen Kelly-Song auf der Gitarre spielen können“, meinte Mike nur. Sie entschieden sich für „One more song“, Jennys absolutes Lieblingslied, und sie war verblüfft, wie gut Mike den Song spielte. Als sie geendet hatten, brandete tosender Beifall auf und Jenny fühlte sich wirklich ein bisschen wie Paddy. Als dann auch noch diese Fotografen auftauchten, die „Paddy Kelly und seine zauberhafte Haremsdame“ unbedingt fotografieren mussten, war Jenny total happy. Spontan drückte sie Mike einen Kuss auf den verschleierten Mund.
Als sie sich verabschiedeten spät in der Nacht, nahm Mike zärtlich ihre Hand. „Du bist ein tolles Mädchen, Jenny, wirklich schade, dass dein Herz Paddy Kelly gehört!“ Sie schrieb ihm ihre Adresse und ihre Telefonnummer auf und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich sage dir mal was: Paddy ist bestimmt ein toller Typ, aber gegen dich hätte er keine Chance!“ Seine blauen Augen strahlten noch heller als vorher. „Mach die Augen zu“, sagte er leise. Sie tat es und dann spürte sie nur noch seine weichen Lippen auf ihrem Mund. Und als er sie küsste, unendlich zärtlich, drehte sich alles um sie. Noch nie war sie so verliebt gewesen. Er brachte sie noch zu ihrem Taxi und versprach ihr, sich bei ihr zu melden, und dann war er auch schon weg und Jenny blieb allein zurück mit ihren Träumen. Nie hätte sie gedacht, dass sie sich so Knall auf Fall verlieben könnte in einen Jungen, den sie nie vorher gesehen hatte.
Zwei Tage später klingelte nachmittags ein Bote bei Jenny und übergab ihr einen großen Umschlag, den Jenny neugierig öffnete. Sie fand eine Ausgabe des Kölner Express darin und auf dem Titelblatt, sie konnte es kaum glauben, war sie zu sehen, wie sie mit Mike auf der Bühne stand. „Paddy Kelly beim Karneval“ stand über dem Foto und darunter war eine kleine Erklärung: „Paddy Kelly (rechts, als Haremsdame verkleidet) mit Doppelgänger auf einer Faschingsparty in Köln“. Jenny fiel vor Schreck fast in Ohnmacht. Wie hatte sie so blind sein können? Es war doch eigentlich nicht zu übersehen: Die blauen Augen, das Gitarrenspiel und sogar der Name: Mike. Michael Patrick Kelly. Und wie er sie ausgefragt hatte! Oh Gott, und sie hatte ihm vorgeschwärmt wie eine Idiotin.
Erst jetzt sah sie den Zettel, der an der Zeitung befestigt war. Darauf stand eine Handy-Nummer und ein paar kleine Sätze: „Danke für den wunderschönen Abend. Sorry, aber ich konnte dir nicht sagen, wer ich bin. Sehen wir uns wieder??? Wenn du möchtest, ruf mich einfach an. Paddy“. Jenny erschrak. Was sollte sie tun? Plötzlich war das, was sie sich am meisten wünschte, zum Greifen nah, und jetzt wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie würde darüber nachdenken. Aber eines wusste sie: Was immer die Zukunft bringen würde, die Erinnerung an diesen wunderschönen Abend mit Paddy und an seinen zärtlichen Abschiedskuss konnte ihr niemand nehmen. Ja, die schönsten Dinge im Leben passieren oft ganz plötzlich, wenn man sie gar nicht erwartet...
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