Seit Wochen schon fühlte John Kelly eine merkwürdige Unruhe in sich aufsteigen. Er konnte nicht sagen, wann es angefangen hatte und er wusste auch nicht, woher es kam. Er kannte solche Gefühle nicht. Seine Geschwister bewunderten ihn immer wegen der Ruhe, die er auf andere Menschen ausstrahlte. Er ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen, analysierte immer mit klarem Verstand die Situation und löste jedes Problem auf geradezu geniale Weise. Seine ganze Familie kam mit ihren kleinen und großen Sorgen immer zu ihm, weil sie alle wussten, Johnny würde eine Lösung finden. Sein Leben lief in ganz klaren geregelten Bahnen ab, er tat nie etwas Unüberlegtes, so etwas kannte er gar nicht, nein, alle seine Handlungen waren genau durchdacht und geplant. Er war glücklich mit seiner Frau Maite, die er schon aus Kindertagen kannte, und mit der ihn eine stille, tiefe Liebe verband, in die nichts und niemand einbrechen konnte, so glaubte er jedenfalls bis zu diesem Tag, der sein ganzes Leben, seine ganze Philosophie auf den Kopf stellte. Es war an einem Freitag im August, sie gaben ein großes Open-Air in der Nähe von Köln. Wieder fühlte er diese seltsame Unruhe in sich, die ihm so fremd war, ja, die ihm sogar ein bisschen Angst machte. Eigentlich war alles wie immer, die Show ging ihren Gang und John betrachtete mehr aus Neugier die Girls in den ersten Reihen. Immer die gleichen Gesichter, nichts Neues. Und dann, ganz plötzlich, sah er dieses Mädchen, das seltsam unberührt in der ersten Reihe stand, um ihren Hals hing ein Gästepass. Sie war jung, sehr jung, höchstens siebzehn, und sie war von einer geradezu atemberaubenden Schönheit. Ihr langes feuerrotes Haar glänzte in der Abendsonne und in ihrem ebenmäßigen leicht gebräunten Gesicht funkelten zwei grüne Augen wie die einer Katze. Nur einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke, aber danach war nichts mehr wie es vorher war. Johnny fühlte sich, als sei ein Feuer in ihm entzündet worden, ihm wurde heiß und kalt zugleich. Er konnte den Blick nicht mehr von diesem Mädchen wenden, das da lässig über der Absperrung lehnte und ihn herausfordernd, ja fast ein wenig spöttisch aus ihren Katzenaugen musterte. Drei Mal verpasste er seinen Einsatz, er wusste plötzlich die Liedreihenfolge nicht mehr, sodass Paddy sich sogar einen kleinen Scherz erlaubte: „Hey Leute, habt ihr es gemerkt, Johnny ist heute völlig aus dem Häuschen, weil seine Frau hinter der Bühne steht. Typisch mein Bruder: Jetzt ist er schon so lange mit Maite zusammen, aber immer noch verliebt wie am ersten Tag.“ Die Fans lachten, aber John konnte nichts Witziges an Paddys Bemerkung finden. Er spürte, wie ihn seine Geschwister beobachteten und das war ihm mehr als unangenehm. Er versuchte, das Mädchen zu ignorieren, aber er konnte nicht. Er wusste nicht, was mit ihm los war. Wieder und wieder suchte er ihren Blick, saugte ihren Anblick förmlich in sich auf, ihr wunderschönes Gesicht und ihren wohlgeformten Körper, von dem ihre leichte Sommerkleidung mehr zeigte, als sie verbarg. Als das Konzert vorbei war, konnte er sich kaum mehr daran erinnern, er sah nur immer diese grünen Katzenaugen vor sich. Hinter der Bühne wartete Maite auf ihn und er versuchte, sich zusammenzunehmen, aber es gelang ihm nicht. Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und murmelte dann, er würde noch kurz zum Backstageeingang gehen und ein paar Autogramme geben. Maite schaute ein wenig verwirrt, weil er normalerweise nach den Konzerten immer sofort nach Hause wollte, aber sie sagte nichts. Er wusste, ja er fühlte es ganz genau, sie würde da sein. So schnell er konnte, rannte er zum Ausgang, wo sich ein paar Fans versammelt hatten, aber er beachtete sie gar nicht, er sah nur sie. Sie hatte sich ein wenig abseits gestellt, halb verborgen von einem der LKWs, auf denen die Bühnenausstattung transportiert wurde, aber er sah sie sofort. Zögernd ging er auf sie zu, während seine Geschwister sich mit den anderen Fans beschäftigten. „Hallo“, war alles, was er hervorbrachte, „ich bin ...“. „Ich weiß, wer du bist“ sagte sie nur spöttisch und ihre Augen, diese magischen Augen, musterten ihn ungeniert. „Was willst du?“ Er glaubte, jeden Moment durchzudrehen. Er hatte nur noch einen Wunsch, sie in seine Arme zu reißen und zu küssen, sie zu berühren, aber noch war sein Verstand klar genug, um ihm zu sagen, dass er das nicht tun durfte. „Würdest du ..., ich meine, hättest du Lust ..., wollen wir zusammen etwas trinken gehen?“ „Ja, klar, aber ich glaube kaum, dass du heute Zeit hast, wenn dein kleines Frauchen auf dich wartet!“ Der Spott in ihrer Stimme verletzte ihn, er wollte weggehen, aber er konnte nicht, er kam sich vor, als würde das Feuer, das in ihm brannte, ihn gleich verzehren. Sie reichte ihm eine Visitenkarte mit ihrem Namen und ihrer Handynummer. „Ruf mich an, wenn du willst, wenn nicht, auch nicht schlimm!“ Wieder hörte er den Spott in ihrer Stimme. Und dann war sie weg und er stand da wie ein begossener Pudel. Eine Stimme riss ihn aus seiner Erstarrung. „Hey, Johnny, was machst du da? Ich warne dich, lass die Finger von ihr, sie ist eine Schlampe, und ich weiß wovon ich rede, glaub mir!“ Jimmy war es, der da zu ihm sprach. Er stammelte eine Entschuldigung, er habe ihr nur ein Autogramm gegeben, aber in den Augen seines Bruders sah er, dass er ihm nicht glaubte. Zu Hause ging er sofort ins Schlafzimmer, er sei so müde, erklärte er seiner Frau. Maite schaute ihn lange schweigend an. „Da ist doch etwas, das du mir verschweigst. Ich kenne dich schon so lange, mi amor, mir kannst du nichts vormachen. Du bist nicht gut im Lügen.“ Er fühlte sich wie ein Verräter, aber er konnte nicht mit ihr darüber sprechen. Er würde das mit sich selbst ausmachen, so hatte er seine Probleme immer gelöst. Er hoffte, am nächsten Tag würde es ihm besser gehen, aber was immer er tat, wo immer er war, er sah nur dieses wunderschöne Gesicht, die roten Haare und die grünen Augen vor sich. Drei Tage lang kämpfte er mit sich, drei Tage, in denen er durch die Hölle ging. Alles, was er immer gerne getan hatte, erschien ihm plötzlich öde, sein ganzes Leben kam ihm sinnlos vor und sogar Maite, die Liebe seines Lebens, erschien ihm irgendwie ... langweilig. Es dauerte nicht lange, bis auch seinen Geschwistern auffiel, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Jimmy nahm ihn zur Seite. „Hör mal zu, ich weiß genau, was mit dir los ist. Aber ich sage dir nochmal: Sie ist eine kleine Schlampe, mehr nicht. Ich hab’ sie vor drei Monaten kennen gelernt und sie hat mich so angemacht, dass ich nur noch eines wollte, mit ihr ins Bett gehen. Danach war ich nicht mehr interessant für sie.“ John glaubte ihm kein Wort. „Wie kannst du nur denken, dass ich mit ihr ...“ fuhr er seinen Bruder in ungewohnt scharfem Ton an, „schließlich bin ich verheiratet!“ „Ich war damals auch in einer festen Beziehung“ entgegnete Jimmy nur. Noch am selben Abend gab Johnny seinen Widerstand auf und rief sie an und als er ihre Stimme hörte, fühlte er sich wie ein Teenager. Was war nur los mit ihm? Dieses Mädchen war gerade mal halb so alt wie er, was wollte er nur von ihr? Er verabredete sich zum Essen mit ihr in diesem kleinen Lokal, in das er manchmal ging, wenn er allein sein wollte. Und dann tat er etwas, das er noch nie getan hatte: Er belog seine Frau und er wurde noch nicht einmal rot dabei. Ein Geschäftsessen mit dem Leiter der Video-Produktionsfirma und es könne spät werden. Maite sagte nichts, sie schaute ihn nur an und nickte. Viel zu früh war er in dem kleinen Lokal und spät, viel zu spät kam sie. Sie sah atemberaubend aus in dem langen, engen Rock und dem umso kürzeren schwarzen Top, das ihre roten Haare noch besser zur Geltung brachte. Er bestellte das teuerste Essen und den besten Champagner, während er ständig ihren spöttischen Blick auf sich spürte. Schließlich hielt er es nicht mehr aus: „Was willst du von mir, ich könnte dein Vater sein!“ „Was ich von dir will? Die Frage ist doch eher, was du von mir willst, oder habe ich dich vielleicht angerufen?“ Sie beugte sich ein wenig vor und kam mit ihrem Gesicht ganz nahe an seines, er konnte ihr Parfum riechen, ihre Lippen waren so nah, so verführerisch, er kam sich vor, als habe eine fremde Macht von ihm Besitz ergriffen, und er konnte sich nicht dagegen wehren. „Musst du nach Hause zu deinem Frauchen oder hast du noch Zeit?“ fragte sie nach dem Essen. Wieder dieser Spott. Er wusste nicht mehr, was er tat, als er Maite anrief und ihr mitteilte, dass die Besprechung doch länger dauern würde als er gedacht hätte und dass er die Nacht im Hotel in Köln verbringen würde. Selbst Maites Antwort konnte ihn nicht in die Wirklichkeit zurück holen: „Johnny, du weißt, dass ich dich liebe. Ich möchte dir nur eines sagen: Wenn du zurück kommst, dann nicht, weil du denkst, du musst es tun, sondern nur, weil du mich liebst, hörst du?“ Sie schien Bescheid zu wissen, aber es war ihm egal. Er bestellte beim Ober noch eine Flasche Champagner und ein Zimmer für die Nacht und sah das triumphierende Funkeln in den grünen Katzenaugen. Er, der sonst so vernünftige Realist, konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das Zimmer war nicht sehr schön und irgendwie hatte es etwas Billiges. Er ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen, und was er sah, als er wieder ins Zimmer kam, raubte ihm fast den Atem. Sie stand mitten im Zimmer, nur in BH und Slip, und darunter sah er den schönsten Körper, den er je gesehen hatte. Er stöhnte leise auf und ging langsam auf sie zu. Ganz zart umfasste er ihr Gesicht mit den Händen, strich ihr eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. Sein Mund näherte sich dem ihren und er hatte nur noch einen Wunsch: Sie zu küssen. Vorsichtig und unendlich sanft legte er seine Lippen auf ihre, aber sie drehte den Kopf zur Seite. „Bitte“, flüsterte er heiser, „bitte küss mich!“, und wollte ihr Gesicht wieder zu sich drehen, aber sie stieß ihn weg und schrie: „Sag mal, spinnst du, du kannst mich haben, wenn du willst, aber küssen gibt’s nicht!“ In diesem Moment erwachte John Kelly aus seinem Rausch. Zum ersten Mal sah er die Kälte in ihren Katzenaugen und sein Verstand begann wieder zu arbeiten. „Nein“ sagte er nur, „zieh dich an und dann geh bitte!“ Was tat er denn bloß hier? Er war im Begriff gewesen, sein ganzes Leben aufzugeben für diese schöne seelenlose eiskalte Puppe, die ihn anbrüllte: „Ich soll gehen? Was glaubst du eigentlich, wen du vor dir hast? Ich habe sie alle gehabt, Robby Williams, Nick Carter, ja sogar Michael Jackson, ob du’s glaubst oder nicht! Und du bildest dir ein, du kannst mich einfach hier rausschmeißen? Da war dein Bruder aber nicht so zimperlich!“ Jimmy! Er hatte ihn also nicht belogen. „Geh einfach“ sagte er noch einmal und dann geschah etwas, auf das er nicht gefasst war. Die Kälte verschwand aus ihren Augen, sie begann zu weinen, und vor ihm saß ein kleines Mädchen, ein furchtbar unglückliches kleines Mädchen. Plötzlich empfand er nur noch Mitleid für sie. „Möchtest du es mir erzählen“ fragte er sanft und alles brach aus ihr heraus. Vor über vier Monaten, kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag, war sie von Zuhause abgehauen, weil sie mit ihren Eltern nicht klar kam. Ziemlich schnell hatte sie gemerkt, dass sie alle Männer, ja, sogar die größten Stars, mit ihrem Aussehen, ihrem Körper verrückt machen konnte. Es war so einfach: Sie musste nur einen Security becircen und schon hatte sie einen Gästepass. Bei jedem Konzert stand sie in der ersten Reihe und jedes Mal wurde einer der Stars auf sie aufmerksam. Es war nicht schwer für sie, die Männer so weit zu bringen, dass sie nur noch den einen Wunsch hatten, sie zu besitzen, und dafür taten sie alles. Sie ließ sich von ihnen aushalten und genoss das Gefühl der Macht, die sie über diese Männer hatte, aber in ihrem Herzen fühlte sie nur Leere, sehnte sie sich nach echter Liebe. Johnny redete die ganze Nacht mit ihr, bis sie endlich begriff, dass sie nicht den Männern sondern nur sich selbst weh tat, sich selbst und ihren Eltern, die nicht wussten, wo sie war. Am nächsten Morgen brachte er sie nach Hause, wo sie und ihre Mutter sich weinend in die Arme fielen. „Danke, dass Sie mir mein kleines Mädchen zurück gebracht haben“ flüsterte ihre Mutter unter Tränen. Zum Abschied küsste ihn das Mädchen zärtlich auf den Mund. „Danke, danke für alles. Schade eigentlich, dass du verheiratet bist, obwohl ... du bist ja viel zu alt für mich.“ Ihr Kuss hatte keine Wirkung mehr auf ihn. Er wusste, wo er hin gehörte. Dann fuhr er nach Hause zu seiner Frau, die auf dem Sofa saß und wartete. Sie sah blass aus und ihr schönes Gesicht war vom Weinen verquollen. Er empfand eine fast schmerzhafte Liebe für sie. „Es ist nichts passiert ...“ begann er, „ich ...“, aber sie sagte nur: „Du bist hier, alles andere ist nicht wichtig!“ Und als sie sich küssten, lag darin alle Liebe, alle Sehnsucht und alles Vertrauen der ganzen Welt.
Für Johnny: Bitte komm bald wieder ...