Calling heaven

by Uli (08.01.2001)

Am 23.12. gaben die Kellys eines ihrer letzten Konzerte der Wintertour 1999. In Karlsruhe sollten sie spielen und bis zuletzt wussten nicht einmal sie selbst, ob das Konzert stattfinden würde oder nicht, denn Paddy war krank. Er hatte sich eine schwere Grippe eingefangen und eigentlich sollte er angesichts seines hohen Fiebers im Bett liegen und ganz bestimmt nicht auf der Bühne stehen.

Aber weil sie das Konzert in Karlsruhe bereits verschoben hatten, entschloss Paddy sich kurzfristig, heute Abend aufzutreten, zumal er wusste, dass viele Fans schon seit dem frühen Morgen vor der Europahalle standen und auf ihn und seine Geschwister warteten. Er konnte es diesen Mädchen nicht antun, jetzt einfach abzusagen.

Also schleppte er sich auf die Bühne, mit fieberglänzenden Augen und roten Wangen, seine Stimme versagte so manches Mal und das Konzert war deutlich kürzer als sonst, aber das tat der Begeisterung der Fans keinen Abbruch. Einerseits war Paddy wirklich froh, dass er nicht abgesagt hatte, andererseits ärgerte er sich heute Abend furchtbar über Johnny, der überhaupt nicht bei der Sache war, wie so oft in letzter Zeit. Ständig verpasste er seinen Einsatz sein Gitarrenspiel hatte unerwartet viele Fehler und irgendwie schien er völlig abwesend zu sein.

Nachdem die letzten Fans die Halle verlassen hatten und die Kellys ihre Lieblingsinstrumente, die kein Bühnenarbeiter anfassen durfte, von der Bühne holten, sprach Paddy seinen Bruder an, was denn mit ihm los sei, aber Johnny schaute ihn nur wortlos an. Paddy hasste diesen Blick, er ertrug es nicht, wenn sein Bruder ihn mit diesen sanften und zugleich unendlich schmerzerfüllten Augen ansah. „Okay, ist gut, wenn du nicht darüber reden willst...“ grummelte er, während er eine unerklärliche Wut in sich aufsteigen fühlte.

Warum musste Johnny immer so sanft sein, warum konnte er nicht einfach einmal seinen Gefühlen Luft machen, seine Wut herausschreien und einfach zugeben, dass er keine Lust mehr hatte? Warum musste er immer so freundlich, so perfekt sein? Wütend griff Paddy nach seiner blauen Gitarre und wollte sie von der Bühne tragen, als das Unglück geschah: Er hörte seine Geschwister schreien und das letzte, was er sah, war der schwere Stahlträger, der sich von der Decke gelöst hatte und direkt auf ihn zuflog. Dann wurde es Nacht um ihn.

Als er wieder zu sich kam, waren seine Geschwister verschwunden und er stand allein in einem dunklen Gang. Es war stockfinster, aber als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er am Ende des Tunnels ein helles Licht erkennen. Er tastete seinen Kopf ab und murmelte: „Mensch, Junge, da hast du aber wirklich einen guten Schutzengel gehabt, nicht mal ’ne kleine Schramme!“ Aber wie war er in diesen Tunnel gekommen und wo waren die anderen? Unsicher ging er in Richtung des hellen Lichtes und glaubte plötzlich, eine Stimme zu hören, die seinen Namen rief, eine sanfte, wunderschöne Stimme. Er ging immer weiter und bald verschwand die Dunkelheit, er sah nur noch das strahlende Licht und glaubte, eine schemenhafte Gestalt zu erkennen, eine kleine zierliche Gestalt, die außerhalb des Tunnels auf ihn zu warten schien. Sie erinnerte ihn an jemanden, aber er konnte nicht sagen, an wen.

Als er die fast unerträglich helle Lichtquelle passiert hatte, wusste er nicht, wo er sich befand. Er war sich sicher, dass er an diesem Ort noch nie gewesen war, aber er fühlte sich sehr wohl. Alle Hektik schien einer angenehmen Stille gewichen zu sein und irgendwie strahlte dieser Ort eine unglaubliche Geborgenheit aus, wunderschön. Und dann sah er wieder die zarte Gestalt, die langsam näher kam und dann ganz sanft mit der Hand seine Wange berührte. „Paddy, mein kleiner Paddy“ sagte sie unendlich zärtlich. „Mama?“ flüsterte er ungläubig. „Nein, das kann doch nicht sein. Was ist passiert? Wo bin ich?“ Er wartete darauf, dass sie verschwinden würde, aber das tat sie nicht. Sie war es wirklich, seine geliebte Mutter.

Unendlich liebevoll strich sie noch einmal über seine Wange und zog ihn dann in ihre Arme. Sie war so schön und so jung und sie sah genauso aus wie er sie in Erinnerung hatte, vor ihrer Krankheit. „Mama, ich ... aber, wie kann das sein?“ Paddy glaubte zu träumen. Wie lange hatte er sich nach dieser Umarmung gesehnt, sich gewünscht, sie noch einmal zu sehen, nur ein einziges Mal, damit er ihr sagen konnte, wie sehr sie ihm fehlte, wie sehr er sie liebte, und jetzt stand sie plötzlich vor ihm. „Paddy, ich bin es wirklich, auch wenn es dir noch so unwirklich erscheint!“ Paddy fing an zu weinen, aber ihre sanften Hände wischten seine Tränen fort. „Nein, Paddy, weine nicht, ich kann es nicht ertragen, dich weinen zu sehen! Wenn du wüsstest, wie oft ich hier sitze und fast verrückt werde, wenn ich sehe, wie unglücklich du bist, mein kleiner Paddy, mein geliebter kleiner Paddy!“

„Du weißt es?“ fragte er nur. „Ich weiß alles über dich, ich bin immer bei dir, wo immer du auch bist, was immer du auch tust, und nicht nur bei dir. Auch deine Geschwister kann ich immer sehen!“ Jetzt endlich konnte Paddy ihr alles erzählen und er spürte, wie alle Last, alle Qual von ihm abfiel, während sie ihn in ihren Armen hielt. Er wollte nicht wissen, warum er bei ihr war, er wollte einfach nur hier bleiben. Als könne sie seine Gedanken lesen, sagte sie: „Es ist allein deine Entscheidung, Paddy, du kannst bleiben, wenn du möchtest, aber du kannst auch zurück gehen zu deinen Geschwistern, zu den Menschen, die dich lieben!“ „Wer könnte mich mehr lieben als du, Mama“, meinte er nur und schmiegte sich an sie. „Komm mit, ich möchte dir etwas zeigen!“ Barbara-Anne führte ihn in einen wunderschönen hellen Raum zu einem großen Spiegel. „Hier in diesem Spiegel kann ich euch sehen, wann immer ich es möchte.“

Paddy schaute zögernd in den Spiegel und sah seine Geschwister, sie standen alle in einem kleinen Raum an einem Bett, in dem jemand lag. Als er genauer hinsah, erkannte er, dass die Gestalt in dem Bett er war, sein Körper war an unzählige Schläuche angeschlossen und seine Geschwister weinten. „Der Unfall in der Halle“ murmelte er. „Bin ich, bin ich ... etwa ... tot?“ Barbara-Anne nahm ihn wieder in ihre Arme. „Nein, Paddy, du bist nicht tot, du befindest dich in einer Zwischenwelt, nur deshalb konnte ich Kontakt mit dir aufnehmen. Dein Körper liegt in einem tiefen Koma und es ist deine Entscheidung, ob du zurück kehren möchtest oder nicht. Aber bevor du dich entscheidest, möchte ich, dass du dir deine Geschwister ganz genau anschaust.“ Er sah Maite, tränenüberströmt, die mit leiser Stimme zu der auf dem Bett liegenden Gestalt sprach, er sah Jimmy und Joey, totenblass und mit verweinten Gesichtern. Barby saß auf dem Bett und betete, Patricia klammerte sich an Denis und auch Angelo wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt. Kathy stand mit versteinertem Gesicht am Fußende des Bettes, ihren Sohn in den Armen.

Und dann, ganz plötzlich, ging die Tür des Krankenzimmers auf und Dan trat herein, gestützt auf seinen ältesten Sohn. Er weinte nicht, aber sein Gesicht war starr vor Angst und Trauer. Und dann sah Paddy wieder diesen Blick in Johnnys Augen, diesen Blick voller Sanftmut und Schmerz, den er nicht ertragen konnte. „Sag mir, warum schaut er immer so? Mama, bitte sag es mir, ich ertrage es nicht. Warum ist er immer so pflichtbewusst, warum kann er sich nicht einmal gehen lassen, nur ein einziges Mal?“ „Weißt du es nicht, Paddy? Nein, du kannst es nicht wissen, du warst noch zu klein. Wenn du wüsstest, wie sehr mir dieser Blick weh tut, denn ich bin Schuld daran, ich allein. Ich habe sie zu ihm gesagt, bevor ich starb, diese Worte, die er nie vergessen hat und für die er lebt: Keep on singing . Die ganze Welt schaut nur auf dich, Paddy, auf deinen Schmerz, aber deinen Bruder beachtet niemand. Nach außen hin scheint er so stark zu sein, aber in seinem Herzen sieht es ganz anders aus. Er würde niemals aufhören mit der Musik, obwohl es ihn kaputt macht, er hat es mir versprochen, verstehst du?“ Diesmal war es Barbara-Anne, die zu weinen begann, und es war Paddy, der seine Mutter in den Armen hielt und sie tröstete.

„Ich verstehe, was du mir sagen möchtest“ meinte er dann entschlossen, „ja, ich habe es endlich verstanden. Mir geht es gut, auch wenn die Fans, die mich verfolgen, mir manchmal das Leben zur Hölle machen, aber ich kann meinen Schmerz zeigen, ihn herauslassen, ich werde nicht daran kaputt gehen, denn ich habe Spaß an meiner Musik, sie bringt mir so viel Freude, sie ist mein Leben. Ich muss zurück und Johnny sagen, dass er sich nicht länger quälen muss, verstehst du das, Mama?“ Barbara-Anne nickte nur sanft und nahm ihren geliebten Sohn ein letztes Mal in die Arme. „Wir werden uns wiedersehen, irgendwann. Aber ich möchte dir etwas geben, bevor du gehst, er wird dir sonst nicht glauben.“ Mit diesen Worten zog sie eine kleine rote Glasmurmel aus der Tasche ihres Kleides. „Die hat er mir in die Tasche gesteckt, damals, nach meinem Tod und ich konnte sie mit hierher nehmen. Gib sie ihm und sag’ ihm, sag’ allen und ganz besonders deinem Vater, wie sehr ich sie liebe und dass es mir gut geht, da wo ich jetzt bin!“

Paddy umarmte seine Mutter ein letztes Mal, dann ging er den Weg zurück, den er gekommen war, durch den dunklen Tunnel. Er war nicht traurig, nein, er schien zu schweben, hatte sich doch sein größter Wunsch erfüllt, seine geliebte Mutter noch einmal zu sehen. Er wusste jetzt, dass es ihr gut ging und er wollte es allen erzählen. Plötzlich drehte sich alles um ihn und er verlor erneut das Bewusstsein.

Als er zu sich kam, lag er in dem Bett in dem Raum, den er gesehen hatte. Alle seine Geschwister waren weg, nur Johnny saß noch an seinem Bett und hielt seine Hand und er sah so blass, so übernächtigt aus. Noch nie hatte Paddy seinen Bruder so geliebt wie in diesem Moment. „Johnny“, sagte er leise, „ich bin wieder da!“ Als Johnny ihn ansah, wich der Schmerz für einen Moment aus seinem Blick und Paddy sah nur Freude, Freude und unendliche Liebe darin.

„Ich muss dir etwas sagen, Johnny, ich weiß, du hast es ihr versprochen, aber Mama will nicht, dass du auf der Bühne stehst, wenn du es nicht möchtest. Mach eine Pause, sie wünscht es sich!“ Johnny starrte seinen jüngeren Bruder verständnislos an. „Ich war bei ihr, Johnny, und es geht ihr gut. Sie ist so schön und so jung und es ist wunderschön dort, wo sie jetzt ist.“ John glaubte kein Wort. „Das soll ich dir von ihr geben und ich soll dir sagen, sie liebt dich sehr und sie ist immer bei dir. Und eines Tages, da werden wir sie alle wiedersehen!“

Als Johnny die kleine rote Glasmurmel in Paddys Hand sah, war es um seine Beherrschung geschehen. Er fing an zu weinen und während ihm die Tränen übers Gesicht liefen und er sich regelrecht an der Murmel festklammerte, da kam es ihm vor, als ob seine Tränen allen Schmerz, alles Leid, das sich in den letzten Monaten in ihm aufgestaut hatte, aus seiner Seele herausspülten. Es dauerte lange, bis er sich beruhigt hatte, aber dann wusste er endlich, was er tun würde, und dass es richtig so war, dass seine Mutter es so gewollt hätte.

Paddy erholte sich zusehends von seinen Verletzungen und konnte bereits bei der neuen Tour im Frühjahr 2000 wieder auftreten. Und Johnny? Er machte noch das letzte Konzert der Wintertour mit und dann, endlich, gönnte er sich die Pause, nach der er sich so lange gesehnt hatte. Die Musik war sein Leben und das würde sie immer sein, aber im Moment gab es etwas Wichtigeres. Er brauchte Zeit, viel Zeit, um zu sich selbst zu finden, um herauszufinden, wer er wirklich war und was er wirklich wollte. Und jetzt endlich konnte er sich diese Zeit nehmen ohne Angst zu haben, seine geliebte Mutter zu enttäuschen...

Diese Geschichte möchte ich Johnny widmen. Viele glauben, er würde nie mehr auf die Bühne zurück kommen, aber ich bin ganz sicher, dass er eines Tages wieder kommt, eines Tages, wenn die Wunden in seiner Seele verheilt sind...