History

by Uli (11.03.2003)

Still und friedlich liegt er da, der alte Friedhof irgendwo in Spanien, da sind nicht sehr viele Gräber, viel zu klein ist das Dorf und viel zu wenige Menschen leben hier, als dass es häufig Beerdigungen gäbe. Auch die Kirche ist nicht groß, aber eine friedliche Geborgenheit geht von ihr aus, die Fenster strahlen in wunderschönen, warmen Farben und bilden einen natürlichen Gegensatz zu den schneeweißen Steinen, aus denen einst die Männer des Dorfes das Gotteshaus errichtet haben. Viele der Grabsteine sind schon alt und verwittert und ihre Patina lässt erahnen, wie lange sie schon hier stehen, einige Gräber sind schon ganz verwildert, weil es niemanden mehr gibt, der sie pflegt, andere aber sind wunderschön geschmückt mit Blumen und kleinen Erinnerungen an die Toten, die darin ihre letzte Ruhe gefunden haben. Manchmal, wenn der Wind die Blätter an den Bäumen des kleinen Friedhofs rascheln lässt, dann klingt es fast, als ob sie singen würden, und wenn die alten Grabsteine reden könnten, dann gäbe es eine ganze Menge Geschichten, die sie uns erzählen könnten, so wie die der beiden Menschen, die sich gar nicht kannten, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun hatten und deren Wege sich doch immer wieder auf schicksalhafte Weise kreuzten:

Das erste Mal sah sie ihn, als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie liebte es, auf der Bank des kleinen Friedhofes in ihrem Heimatdorf zu sitzen und einfach den Vögeln zuzuhören, die in den Baumwipfeln sangen, oder den Menschen zuzuschauen, die die Gräber pflegten. Viele Menschen empfinden einen Friedhof als traurigen, düsteren Ort, aber sie nicht. Sie schaute sich aufmerksam die Grabsteine an, erfreute sich an den bunten Blumen, mit denen die Menschen sie schmückten, und die Stille, die auf dem Friedhof herrschte, empfand sie als etwas Wunderschönes. Und als sie eines Tages wieder früh morgens den Friedhof betrat, da stand dieser Junge da und betrachtete ganz in sich versonnen einen wunderschönen weißen Grabstein. Leise setzte sie sich auf ihren Lieblingsplatz auf der kleinen Bank und beobachtete ihn, wie er langsam die Gräber entlang ging und aufmerksam die Inschriften auf den Grabsteinen las. Auf seinem Weg zum Ausgang des Friedhofs kam er an der kleinen Bank vorbei und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Seine blonden Haare fielen ihm bis auf die Schultern und seine Augen spiegelten eine seltsame Traurigkeit wider, die auch sie manchmal in ihrem Herzen fühlte. Sein Lächeln war ebenso scheu wie das ihre und sein Gruß nur ein flüchtiger Hauch, dann war er auch schon wieder verschwunden.

Sie sah ihn noch öfter in den nächsten Monaten, er verbrachte genauso viel Zeit auf dem kleinen Friedhof wie sie und immer, wenn er sie sah, erschien dieses schüchterne Lächeln auf seinen Lippen, aber niemals sprach er ein einziges Wort mit ihr und auch sie war viel zu scheu, ihn anzusprechen. Am Tag, bevor er mit seiner Familie das Dorf wieder verließ, kam er noch einmal auf den Friedhof, wo sie schon auf der kleinen Bank saß, er lief auf sie zu, blieb direkt vor ihr stehen und dann drückte er ihr ein kleines Päckchen in die Hand, drehte sich um und lief davon. Sie öffnete das Päckchen erst drei Tage später, als ihr klar wurde, dass er nicht mehr kommen würde, und sie fand ein gepresstes vierblättriges Kleeblatt darin, das sie fortan in einem kleinen silbernen Medaillon um ihren Hals trug.

Als einige Jahre später ihr Vater krank wurde und ihre Mutter ihr schonend beizubringen versuchte, dass er sterben würde, führte ihr Weg sie noch öfter als sonst auf den kleinen Friedhof, er schien ihr der einzige Ort zu sein, an dem sie das Unfassbare begreifen, an dem sie ihren Vater loslassen konnte, damit er in Frieden sterben konnte. Jeden Tag saß sie auf der kleinen Bank, tief in ihre Gedanken versunken, und versuchte zu verstehen, warum das Schicksal ihr jetzt schon den Vater nahm, er war doch noch so jung, hatte doch noch so viele Pläne. Und eines Tages stand er plötzlich vor ihr, seine Haare reichten ihm jetzt über die Hüften, sein Gesicht war männlicher geworden, aber sein Lächeln war immer noch so scheu wie damals und in seinem Gesicht sah sie tiefe Verzweiflung, dieselbe Verzweiflung, die auch sie fühlte. In dieser Zeit sah sie ihn fast jeden Tag, oft saß er auf den Steinstufen vor der kleinen Kirche und in seinen Augen sah sie viele unausgesprochene Fragen, Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Tod und nach dem, was danach kommt. Ab und zu merkte sie, dass er sie anschaute, und sie errötete unter seinem Blick, aber keiner von ihnen wagte es, den anderen anzusprechen, viel zu sehr schienen sie beide mit ihren dunklen Gedanken beschäftigt zu sein.

Der Tag, an dem sie ihren Vater zu Grabe trugen, war nicht schön, es war stürmisch und regnerisch, und erst, als sie eine rote Rose in das offene Grab ihres Vaters warf, sah sie, dass noch ein weiteres Grab auf dem Friedhof ausgehoben worden war. Am nächsten Tag sah sie ihn wieder, er kniete vor dem schlichten Holzkreuz, das das frische Grab seiner Mutter schmückte, und legte eine weiße Nelke darauf nieder. Der Schmerz und die Trauer in seinen Augen vermischten sich mit dem ihren, sie ging langsam zu ihm hin und er nahm sie wortlos in seine Arme und hielt sie ganz fest. Als er sie wieder losließ, huschte für einen Moment dieses schüchterne Lächeln über sein tränennasses Gesicht, ganz sanft berührte seine Hand ihre Wange und bevor er den Friedhof verließ, hob er noch einmal die Hand und winkte ihr zu. Wenige Wochen später verließ er mit seiner Familie das Dorf.

Ihre Hochzeit war ein unvergessliches Fest, die kleine Kirche war mit frischen bunten Blumen geschmückt und der Pfarrer hielt eine wunderschöne Rede. Als sie mit ihrem Mann auf der kleinen Treppe vor der Kirche stand und ihren Freunden zuwinkte, sah sie schon die nächste Hochzeitsgesellschaft durch den Friedhof auf die Kirche zukommen. Seine Frau war sehr hübsch, langes dunkles Haar umrahmte ihr Gesicht und er sah umwerfend gut aus in dem schwarzen Anzug, auf dem sein langes blondes Haar leuchtete. Wieder trafen sich ihre Blicke für einen Moment, wieder sah sie das scheue Lächeln in seinem Gesicht und wieder fühlte sie, wie sie errötete. Er war glücklich, das konnte sie in seinen Augen sehen, genauso glücklich wie sie. Sie ging auf ihn zu, reichte ihm die Hand und wünschte ihm Glück und als sie ihm in die Augen schaute, als sich dieses schüchterne Lächeln über sein Gesicht ausbreitete, schien die Welt um sie herum für einen Moment stehen zu bleiben und in seinen Augen konnte sie sehen, was er dachte, was er fühlte, und dieselben Gefühle waren auch in ihrem Herzen. Sie nickte ihm noch einmal zu und ging dann zurück zu ihrem Mann, zurück zu dem Leben, das das Schicksal für sie bestimmt hatte.

Ihre Ehe war glücklich, aber kinderlos, eine stille, tiefe Liebe verband sie mit ihrem Mann und sie war mehr als zufrieden mit dem Leben, das sie führten. Immer noch ging sie fast jeden Tag auf den Friedhof und schmückte das Grab ihres Vaters mit frischen Blumen und manchmal, wenn sie auf der alten Holzbank saß und den Vögeln lauschte, hatte sie ein Gesicht vor Augen, sie sah ein schüchternes Lächeln und wunderschöne Augen, in denen ein wenig Traurigkeit stand. Es waren nur flüchtige Momente und doch bedeuteten sie etwas ganz Besonderes für sie. In diesen Momenten dachte sie daran, was hätte sein können, wenn..., ja, wenn das Schicksal anders bestimmt hätte. Aber das Schicksal hatte nicht anders bestimmt und sie hätte sich keinen besseren Ehemann wünschen können als den ihren. So vergingen viele Jahre, längst waren ihre Haare weiß geworden und ihre Schritte, die sie zum Friedhof führten, langsamer, aber immer noch liebte sie es, auf der kleinen Bank zu sitzen und den Vögeln zu lauschen.

Als ihr Mann starb, starb auch ein Teil von ihr, ihre Beine schienen nachzugeben, als der helle Sarg in das Grab hinabgelassen wurde, sie nahm nicht mehr wahr, was um sie herum vorging, nur schemenhaft erkannte sie, dass auf dem Friedhof noch eine weitere Trauergesellschaft war, dass nach der Beerdigung ihres Mannes noch eine weitere stattfand. Am nächsten Morgen führte ihr erster Weg sie zum Friedhof, wo sie ihrem verstorbenen Mann nahe sein konnte. Sie hörte die Schritte, die sich ihr langsam näherten, und noch bevor sie sich umdrehte, wusste sie, wer auf das frische Grab neben dem ihres Mannes zuging. Auch seine Haare waren weiß geworden und das Leben hatte tiefe Falten in sein Gesicht gegraben. Einen Moment lang schauten sie sich an, aber diesmal gab es kein Lächeln, es gab nur diesen furchtbaren Schmerz, diese furchtbare Trauer, die ihrer beiden Herzen lähmte. Flüchtig berührten sich ihre Hände, als sie sich gegenseitig ihr Beileid bekundeten und dann knieten sie beide betend vor den Gräbern ihrer Liebsten, die das Schicksal ihnen am selben Tag genommen hatte. Als sie ihr Gebet beendet hatte, war er schon weg.

Ein paar Jahre vergingen und sie lernte, mit ihrer Trauer zu leben. Ihr Mann war immer noch bei ihr, in ihren Erinnerungen lebte er weiter. An seinem fünften Todestag kaufte sie einen großen Strauß roter Rosen und legte sie auf sein wunderschön bepflanztes Grab. Dann setzte sie sich auf die kleine Bank, lauschte dem Zwitschern der Vögel und wartete darauf, dass er kam, so wie jedes Jahr am Todestag seiner Frau. Er kam immer zur selben Zeit, um die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten stand und die Vögel am lautesten sangen. Und dann standen sie nebeneinander vor den Gräbern, manchmal berührten sich ihre Hände für einen Moment, manchmal schaute er sie an und sie sah dieses Lächeln, das immer noch so scheu war wie am Tag ihrer ersten Begegnung vor vielen Jahren, und ebenso scheu lächelte sie zurück. Und dann saßen sie nebeneinander auf der kleinen alten Holzbank und lauschten gemeinsam den Vögeln und keiner von ihnen wagte es, ein Wort zu sprechen, als hätten sie beide Angst, den Zauber des Augenblicks zu zerstören.

Lange saß sie auf der Bank, aber er kam nicht. Als sie endlich Schritte hörte, drehte sie sich hoffnungsvoll um und im nächsten Moment fühlte sie sich, als umkrampfe eine kalte Hand ihr Herz. Es war niemand gestorben im Dorf in den letzten Tagen, es konnte keiner der Dorfbewohner sein, der in dem schlichten braunen Holzsarg lag, den die Totengräber auf den Friedhof brachten. ER war es, der jetzt seine letzte Ruhe auf dem Friedhof finden sollte, deshalb war er nicht gekommen, er konnte nicht kommen, er würde nie wieder kommen, nie wieder würden sie zusammen auf der kleinen Bank sitzen und den Vögeln lauschen. In diesem Moment erkannte sie, dass sie ihn liebte, ihn ihr ganzes Leben lang geliebt hatte, einen Mann, den sie nicht kannte und der doch ein fester Teil ihres Lebens war. Es waren nicht viele Leute auf der Beerdigung, niemand hielt eine Rede, als der Sarg in die Erde versenkt wurde. Unbeweglich blieb sie auf der kleinen Bank sitzen, die ihr plötzlich so kalt, so leblos vorkam, und erst als die Totengräber das Grab zugeschüttet hatten, stand sie langsam auf. Sie spürte die Tränen nicht, die ihr über die Wangen liefen, als sie vor dem Grab stand und mit einer langsamen Bewegung das silberne Medaillon von ihrem Hals nahm. Mit zitternden Fingern öffnete sie es und das kleine gepresste Kleeblatt, das er ihr vor so vielen Jahren geschenkt hatte, fiel in ihre Hand. „Ich liebe dich“, flüsterte sie und sie schämte sich ihrer Gefühle nicht. Diese Liebe hatte mit der zu ihrem Mann nichts zu tun, es war eine Liebe, die angefangen hatte, lange bevor sie ihn gekannt hatte. Noch einen Moment lang hielt sie das Kleeblatt in der Hand und dann, als sie es behutsam auf die frische Erde auf dem Grab fallen lassen wollte, schob sich eine warme Hand unter die ihre und schloss ganz sanft ihre Finger um das kleine Kleeblatt.

Ganz langsam drehte er sie zu sich um und da war wieder dieses schüchterne Lächeln in seinem Gesicht, das sie so sehr liebte und dem das Alter nichts anhaben konnte, und wieder sah sie in seinen Augen dieselben Gedanken, dieselben Gefühle, die auch sie hatte. Langsam schüttelte er den Kopf: „Noch nicht“, sagte er leise, „der Tod wird noch eine Weile warten müssen...“. Als er sie in seine Arme nahm, wussten die beiden alten Menschen, dass sie das letzte Stück ihres irdischen Weges gemeinsam gehen würden...