Hope

by Uli (28.06.2001)

Eigentlich war es nur ein Zufall, dass Jimmy Kelly an diesem kalten Wintertag in Moskau war, denn eigentlich hätte nicht er sondern sein Bruder Joey da sein sollen, der aber wegen eines dringenden Pressetermins verhindert war. Es war wohl auch nur ein Zufall, dass er sich verlaufen hatte und jetzt ziellos durch die Gegend irrte. Und natürlich war es auch nur ein Zufall, dass er in dem Moment an dem großen alten Gebäude vorbeikam, als der Wind das Bild aus dem Fenster wehte. Wahrscheinlich war es auch nur ein Zufall, dass das Fenster an diesem kalten Tag offen war, ja, wahrscheinlich war alles nur eine Reihe von Zufällen, aber wie seine ganze Familie glaubte auch Jimmy Kelly nicht an Zufälle. Seit er denken konnte, hatten ihm seine Eltern und nach dem viel zu frühen Tod seiner Mutter sein Vater immer wieder erklärt, dass alles im Leben seinen Sinn hat, auch wenn man es im ersten Moment oft gar nicht erkennt.

Jimmy bückte sich und hob das Bild, auf das schon einige dicke Schneeflocken gefallen waren, auf. Neugierig betrachtete er die Zeichnung und schon in diesem Moment spürte er die Faszination, die von dem Bild ausging. Es war nur ein einfaches DIN A4-Blatt, auf das jemand etwas gemalt hatte, aber Jimmy spürte instinktiv, dass viel mehr dahinter steckte. Das Blatt war in der Mitte gefaltet worden und die linke Seite zeigte ein lachendes Mädchen mit langen dunklen Haaren, auf der rechten Seite war ein Vogel mit einem Menschengesicht zu sehen, ein schwarzer Vogel mit dem Gesicht des Mädchens von der linken Seite, aber die Haare des Mädchens waren von einem Kopftuch bedeckt. Er hätte das Bild einfach achtlos wegwerfen können, aber eine innere Stimme sagte ihm, dass er genau das nicht tun sollte. Und Jimmy hörte immer auf seine innere Stimme. Minutenlang stand er im Schneetreiben, wohl wissend, dass er seine Verabredung mit dem Bürgermeister, mit dem er einen Termin für ein Konzert in Moskau, dem ersten, das die Kellys dort gaben, ausmachen sollte, verpassen würde, wenn er sich nicht gleich auf den Weg machte. Er stand einfach da, das Bild in der Hand, und überlegte, was der- oder diejenige, die es gemalt hatte, damit sagen wollte. Sein Blick schweifte an dem großen düsteren Gebäude entlang und fiel auf ein weit geöffnetes Fenster im vierten Stock, aus dem ein Mädchen das Treiben der Schneeflocken beobachtete. Jimmy sah das bunte Kopftuch, das ihr Haar bedeckte, und ein zartes, blasses Gesicht, von dem er nicht viel erkennen konnte.

Ohne genau zu wissen warum betrat Jimmy langsam das Gebäude. Alles wirkte sehr steril, aber auch kalt und düster, keine sehr schöne Atmosphäre. An den weißgekleideten Schwestern, die überall herum liefen, erkannte Jimmy, dass es sich wohl um ein Krankenhaus handeln musste, aber niemand nahm Notiz von ihm. Er ging die Treppen nach oben bis in den vierten Stock und betrat ohne zu überlegen einfach eines der Zimmer, das Zimmer, von dem er vermutete, dass er hier den oder die Malerin des Bildes finden würde. Sein Eindruck trog ihn nicht, denn das Fenster des Zimmers war weit geöffnet und auch das junge Mädchen stand unverwandt da und blickte hinaus. Sie war klein und sehr zart, wie sie da stand, ganz allein in diesem dunklen Zimmer. Leise ging er auf sie zu und legte ihr den Arm auf die Schulter. Erschrocken drehte sie sich um und sah ihn mit schreckgeweiteten Augen an. Jimmy fürchtete, dass sie jeden Augenblick zu schreien beginnen würde, aber das Gegenteil war der Fall: Sie schien wie erstarrt und schaute ihn nur wortlos an. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, und das einzige, was ihm einfiel, war, ihr das Bild hinzuhalten und sie auf englisch zu fragen, ob sie es gemalt hätte. Die Frage erübrigte sich eigentlich, denn die Stifte lagen noch auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Zimmers. Sie nickte nur und Jimmy erschrak, wie elend sie aussah. Ihre Haut war blass, fast durchsichtig, und ihre Augen waren ganz dunkel und beherrschten ihr zartes Gesicht. Sie konnte nicht älter als vierzehn sein, aber ihre Augen sahen aus wie die eines Erwachsenen, der schon sehr viel Leid erfahren hat. Scheu lächelte sie ihn an und antwortete ihm in abgehacktem Englisch, ja, sie habe das Bild gemalt. Ob sie ihm erzählen wolle, was es bedeute?

Während sie bewundernd seine langen Haare betrachtete, wurden ihre Augen noch ein wenig dunkler, als sie ihm erklärte, dass das Mädchen mit den langen dunklen Haaren sie darstellen solle, als sie noch gesund war, als diese schreckliche Krankheit noch nicht Besitz von ihr ergriffen hatte. Jimmy fühlte sich auf seltsame Weise zu diesem Mädchen hingezogen, da war etwas in ihrem Blick, das ihn nicht mehr losließ. Er vergaß seinen Termin und verbrachte den ganzen Nachmittag in dem kleinen Zimmer in dem düsteren Krankenhaus. Die rechte Seite des Bildes, erzählte Natascha ihm, stelle sie dar, wenn sie jetzt bald auf die große Reise ginge in ein anderes Land, ein Land, in dem all ihre Schmerzen vergessen sein würden. Sie sagte das mit einer solchen Ruhe, ja, fast einer Sehnsucht, dass Jimmy die Tränen in die Augen stiegen. Wie konnte ein so junges Mädchen sich kampflos in sein Schicksal ergeben? Kampflos? Oh nein, sie hatte gekämpft, am Anfang, als die Ärzte ihr gesagt hatten, sie könne die Krankheit besiegen, damals war sie erst neun Jahre alt gewesen. Sie hatte alle Chemotherapien tapfer ertragen und eine zeitlang sah es auch so aus, als hätte sie den Krebs wirklich besiegt, aber dann, vor einem halben Jahr war die Leukämie zurück gekommen und jetzt konnte, jetzt wollte sie nicht mehr. Wieder hatte sie die Therapie stillschweigend ertragen, aber dann waren ihr alle Haare ausgefallen, ihre wunderschönen Haare, auf die sie immer so stolz gewesen war. Seitdem trug sie dieses Kopftuch, nicht einmal zum Schlafen nahm sie es ab, niemand sollte ihren kahlen Kopf sehen, sie kam sich so nackt und so hässlich damit vor. Jimmy konnte gar nicht anders, er zog sie in seine Arme und hielt sie fest, während ihr Tränen über die Wangen liefen.

Er versprach ihr, morgen wiederzukommen, und sprach anschließend mit ihrem Arzt. Sie habe eine Chance, meinte dieser, eine gute Chance sogar, aber sie habe die Hoffnung aufgegeben und ohne Hoffnung kann kein Mensch gesund werden. Es gäbe eine ganz neue Methode, die gerade bei jungen Menschen sehr gute Heilungschancen böte, aber sie wehre sich mit aller Gewalt dagegen. Ihr einziger Wunsch sei es, keine Therapie mehr zu bekommen, damit ihre Haare wieder ein wenig wachsen würden, bevor sie starb. Sie wollte nicht mit kahlem Kopf die große Reise in eine andere Welt antreten. Jimmy war verzweifelt. Seine Mutter fiel ihm ein. Sie hatte so gekämpft, aber am Ende hatte sie doch verloren, weil man den Krebs zu spät entdeckt hatte. Aber für dieses Mädchen gab es eine Chance. Er wollte sie wachrütteln, wollte ihr den Glauben ans Leben zurück geben, aber er wusste beim besten Willen nicht, wie ihm das gelingen sollte.

Eine Woche blieb Jimmy noch in Moskau und jeden Tag verbrachte er an Nataschas Krankenbett, führte stundenlange Gespräche mit ihr über den Tod, aber auch über das Leben. Die Ehe ihrer Eltern war zerbrochen an der Krankheit, an dem zermürbenden Kampf gegen den Tod, ihr Vater hatte die kleine Familie verlassen und Natascha war das einzige, was ihre Mutter noch hatte. Jeden Tag kam die zierliche Frau zu ihrer Tochter und Jimmy sah die Verzweiflung in ihren Augen, wenn sie wieder und wieder versuchte, ihre Tochter zu überzeugen, die Therapie anzunehmen. Aber Natascha hatte den Glauben an ihre Genesung verloren. Manchmal, wenn Jimmy ihr eine Geschichte erzählte oder ihr ein Lied vorsang, dann sah er ein Leuchten in ihren Augen aufblitzen, aber mehr auch nicht. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben und es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Krankheit sie endgültig besiegen würde.

Als Jimmy nach Hause fuhr, fiel ihm der Abschied von ihr so schwer wie er es selten erlebt hatte. Er versprach ihr, so bald wie möglich wiederzukommen, aber er war sich nicht sicher, ob er sie dann noch lebend antreffen würde. Tag und Nacht grübelte er darüber nach, wie er ihr helfen könne, und dann, eines Nachts, fiel ihm etwas ein. Es war nur eine Idee, ein Hirngespinst, aber vielleicht war es eine Chance, eine kleine Chance für Natascha. Gleich am nächsten Morgen rief er ihren Arzt an und fragte, ob er sie für eine Woche nach Deutschland holen könne. Der Arzt war mehr als skeptisch, aber schließlich stimmte er zu, denn er und seine Kollegen wussten sehr genau, dass ihnen die Zeit davon lief, und sie waren bereit, jede noch so kleine Chance zu nutzen. Als Jimmy kam, um Natascha abzuholen, erschrak er, als er sie sah. Ihr Körper war noch zarter geworden, schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen und die dunklen Augen blickten noch ernster als vor vier Wochen, dem Tag, an dem das Bild aus dem Fenster gefallen war, direkt vor Jimmys Füße.

Es war nicht einfach gewesen, auf die Schnelle ein Konzert zu organisieren, aber Joey hatte während Jimmys Abwesenheit alles geregelt. In einer kleinen Halle wollten sie spielen, vor ganz wenigen Fans und Natascha würde dabei sein. Sie war aufgeregt, denn sie hatte noch nie an einem Pop-Konzert teilgenommen, und ein wenig Farbe war in ihr blasses Gesicht zurück gekehrt. Am Tag des Konzerts war es Paddy, der Natascha zur Halle fuhr und sie in ihrem Rollstuhl zu dem Platz brachte, von dem sie alles besonders gut sehen konnte, denn Jimmy war am Abend zuvor nach Dortmund gefahren zu einem wichtigen Termin, den er unmöglich verschieben konnte. Spät in der Nacht hatte er angerufen, dass es länger dauern würde als geplant und er wohl erst kurz vor Konzertbeginn wieder in Köln eintreffen würde. Kurz vor dem Auftritt kam er dann endlich zu Natascha, sie erkannte ihn kaum, denn er war in einen dunklen Regenmantel gehüllt, da es draußen heftig regnete. Natascha konnte sein Gesicht unter der Kapuze kaum sehen, wohl aber seine Augen, die strahlten, als er ihr ein Geschenk übergab, ein ganz besonderes Geschenk, über das sie sich freute wie ein kleines Kind. Es war eine Perücke, keine dieser künstlichen, nein, eine wunderschöne Perücke aus seidigem langem Haar. Ganz behutsam nahm Jimmy ihr das Kopftuch ab und setzte ihr die langen Haare auf. Als er ihr dann einen Spiegel vors Gesicht hielt, weinte Natascha Freudentränen. Es sah so echt aus, keiner würde merken, dass das nicht ihre echten Haare waren. „Danke, Jimmy, du bist so lieb“, flüsterte sie unter Tränen, und wieder sah Jimmy ein leichtes Leuchten in ihren Augen. Gab es vielleicht doch noch Hoffnung für Natascha??

Als die Kellys auf die Bühne stürmten, war Natascha begeistert. Jimmy hatte den Regenmantel gegen eine beige Hose, ein grünes T-Shirt und einen beigen Hut getauscht. Beim zweiten Lied kam er nach vorne und sagte, den nächsten Song möchte er einem ganz speziellen Gast widmen, der ihm sehr viel bedeute und mit dem er auch in Zukunft noch sehr viel Zeit verbringen wolle. Das Lied handle von Hoffnung, sagte er, und davon, wie wichtig Hoffnung sei, Hoffnung und Glaube. Natascha war so glücklich, dass er ihr dieses Lied widmen wollte, dass sie zuerst gar nicht bemerkte, warum plötzlich ein Aufschrei durch die Menge ging. Dann erst sah sie, dass Jimmy seinen Hut abgenommen hatte und sie sah noch etwas anderes, nämlich seinen kahlen Kopf. Strahlend lächelte er ihr zu und rief: „Sie werden wieder wachsen, genau wie deine, Natascha, aber erst musst du gesund werden.“ Die Fans im Publikum verstanden nicht, warum Jimmy ein paar Minuten später zu weinen anfing, sie verstanden auch nicht, warum er plötzlich mitten im Lied abbrach. Sie sahen nur, dass er auf ein kahlköpfiges Mädchen zulief, das am Rande der Bühne in einem Rollstuhl saß und eine Perücke in der Hand hielt, die Perücke, die Jimmy ihr aus seinem Haar hatte machen lassen. Er hob sie aus dem Rollstuhl und trug sie mitten auf die Bühne und es war ein rührender Anblick, wie Jimmy da stand, dieses Mädchen in seinen Armen, beiden liefen Tränen übers Gesicht und beide hatten kahle Köpfe. „Das ist Natascha“, schrie Jimmy, „sie kommt aus Russland und sie ist sehr krank, aber ich bin ganz sicher, sie wird wieder gesund werden, wenn sie es nur wirklich will!“ Natascha lächelte ihm zu und aus ihren Augen strahlte das, auf das Jimmy verzweifelt gewartet hatte: die Hoffnung auf Heilung und der Glaube an das Leben.

Schon zwei Tage später begannen Nataschas Ärzte mit der neuen Therapie und sie reagierte sehr gut darauf. Ihre Chancen, wieder ganz gesund zu werden, waren sehr gut. Und ihre Haare würden wieder wachsen, das hatten ihr die Ärzte ganz fest versprochen. Jimmy besuchte sie oft und erzählte ihr wieder und wieder, wie er sich an diesem kalten Wintertag in Moskau verlaufen hatte und ihm Nataschas Bild vor die Füße gefallen war. Natascha schrieb ihm viele Briefe und zwei Jahre später legte sie ein Foto von sich bei, das sie zeigte mit wunderschönen schulterlangen Haaren und ihre Augen waren nicht mehr die eines Erwachsenen sondern die eines hübschen jungen Mädchens, das sich auf die Zukunft freut. Ja, sein Vater hatte Recht gehabt: Es gibt keine Zufälle. Alles im Leben hat seinen Sinn, auch wenn man ihn im ersten Moment oft gar nicht erkennt...