I really love you

by Uli (08.02.2001)

Santa Castagna ist ein winziges Fischerdörfchen an der rauen ungezähmten Nordwestküste Spaniens: Hier in diesem Dörfchen gibt es keinen Reichtum, keinen Wohlstand. Die Menschen, die hier leben, haben manchmal nicht mehr als die Kleider, die sie an ihrem Körper tragen, und vielleicht ein kleines Plätzchen zum Schlafen, aber trotzdem sind sie glücklicher als mancher, der in einer sogenannten Wohlstandgesellschaft lebt und damit nicht zurecht kommt. Touristen gibt es in Santa Castagna nicht, sie kommen höchstens vorbei, wenn sie sich auf einer Tour verirrt haben. Aber wenn sie erst einmal da sind, wollen sie gar nicht mehr weg, so stark ist die Faszination des kleinen Örtchens.

In Santa Castagna gibt es einen wunderschönen Hafen, der Strand besteht aus feinem weißen Sand und es gibt nichts Schöneres als hier den Sonnenuntergang zu beobachten und den Fischern zuzuschauen, wie sie mit ihren Booten aufs Meer hinaus fahren, um die Mahlzeiten für die Bewohner des kleinen Dorfes zu fangen. Jeden Abend, wenn die Sonne untergeht, sieht man auch das alte Paar am Strand. Sie sitzen zusammen auf einer kleinen selbstgezimmerten Holzbank am Strand, dicht aneinandergeschmiegt, lauschen dem Rauschen der Wellen und beobachten, wie der glühende Feuerball im Meer versinkt. Um sie herum sitzen immer ein paar der Dorfkinder, die die beiden sehr verehren, haben sie ihnen doch so viel zu verdanken.

Die Frau ist klein und zierlich, ihre langen schwarzen Haare sind von vielen silbernen Fäden durchzogen und ihr Gesicht leuchtet vor Güte und vor Liebe, wenn sie ihren Mann ansieht, einen großen, schlanken Mann mit heller Haut und wunderschönen hellblauen Augen, die immer ein wenig traurig, ein wenig melancholisch dreinblicken. Er trägt seine blonden Haare schulterlang, ungewöhnlich für einen alten Mann, aber das ist nicht das einzig Ungewöhnliche an ihm. Seine Gesichtszüge sind fein, fast weiblich, und man erkennt auch jetzt noch, dass er einmal ein sehr gut aussehender Mann war. Und wenn er lächelt, scheint die Sonne aufzugehen. Jeden Abend sitzt er hier mit seiner Frau am Strand und wenn er seine Gitarre in die Hand nimmt und zu spielen beginnt, kommen mehr und mehr Menschen an den Strand und lauschen seiner wunderschönen Stimme. Er wirkt irgendwie exotisch unter all den dunkelhäutigen und –haarigen Menschen, aber in seinem Herzen ist er einer von ihnen, schon seit langer Zeit.

Die Sonne ist schon lange untergegangen, alle Menschen sind zum Schlafen in ihre Hütten oder ihre armseligen Häuser gegangen, nur das alte Paar sitzt immer noch engumschlungen am Strand. „Mi amor“, sagt die Frau unendlich liebevoll, „weißt du eigentlich, dass ich dich immer noch genau so liebe wie damals, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe?“ Er schaut ihr in die Augen und sieht die Zärtlichkeit, die Liebe darin. Fast unmerklich nickt er und schließt seine Frau noch fester in die Arme. Damals, ja er erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie sich zum ersten Mal getroffen haben und auch an alles, was danach passiert ist:

Es war in Spanien, lange bevor die Kelly Family berühmt wurde. Sie hatten wieder einmal ihr Lager an einem neuen Ort aufgeschlagen und saßen am ersten Abend alle zusammen am Strand und sangen und spielten. Es dauerte nicht lange, bis sich einige Dorfbewohner zu ihnen gesellten, unter ihnen auch der Mann, der später der Gitarrenlehrer der Kellys werden sollte. Er war mit seiner Tochter gekommen, einem ausgesprochen hübschen Mädchen, das den gleichen Namen hatte wie die jüngste Kelly-Tochter, Maite. Die beiden stellten sich vor und gaben jedem der Kellys die Hand und schon damals fühlte Johnny, dass dieses Mädchen eine ganz besondere Rolle in seinem Leben spielen würde. Er war vierzehn damals und begann gerade, sich für das andere Geschlecht zu interessieren. Aber dieses Mädchen war jung, sehr jung, ein kleines Mädchen noch und viel zu jung für ihn. Trotzdem trafen sich die beiden jeden Tag und streiften durch die Wälder. Eines Tages, als sie wieder einmal ganz allein im Wald unterwegs waren, stolperte Maite und fiel ihm direkt in die Arme. Er fühlte sich irgendwie verlegen, aber sie schaute ihn nur an mit ihren wunderschönen dunklen Augen und sagte: „Ich weiß, du denkst, ich bin zu jung für dich, aber du wirst sehen, eines Tages spielt das keine Rolle mehr. Eines Tages werden wir ein Paar sein und wir werden uns lieben, für immer!“ Er musste schmunzeln über den Ernst und die Entschlossenheit in ihren Worten. Eines Tages, so nahm er sich vor, eines Tages in ferner Zukunft, würde er sie an ihre Worte erinnern, wenn sie sich dann überhaupt noch kannten.

Als die Kellys dann Spanien verließen, dachte Johnny noch häufig an seine kleine Freundin und fragte sich oft, wie sie jetzt wohl aussehen würde. Zehn Jahre dauerte es, bis die beiden sich wiedersahen. Es war in den Ferien, die die Kellys wieder in Spanien verbrachten. Sein erster Weg führte ihn zum Haus seines früheren Gitarrenlehrers und er erkannte sie sofort: Sie stand im Garten und hängte die Wäsche für ihre Mutter auf, ihre langen schwarzen Haare glänzten im Wind und als sie sich umdrehte und ihn ansah, wusste er, dass sie Recht gehabt hatte mit ihren Worten, dass sie zusammen gehörten. Ihre Liebe wuchs ganz langsam, ganz behutsam und wurde tiefer und tiefer. Er hatte Freundinnen gehabt, ja, aber für keine von ihnen hatte er das gefühlt, was er für sie empfand. Es dauerte lange, bis auch ihr Vater einsah, dass Johnny der richtige Mann für seine Tochter war, und ihr erlaubte, mit ihm nach Deutschland zu kommen.

Nun begann eine wunderschöne Zeit für die beiden. Sie lebten zusammen in Deutschland, sie waren so glücklich, wie zwei Menschen nur sein können, und sie schworen sich, für immer zusammen zu bleiben. Schon bald darauf wünschten sie sich nichts mehr als ein Kind, eine ganze Schar von Kindern. Nie würde Johnny den Tag vergessen, als sie ihm sagte, sie sei schwanger. Ihr Glück schien perfekt bis zu dem Tag, als er den Anruf vom Krankenhaus bekam. Maite, im sechsten Monat schwanger, war von einem Auto angefahren worden und hatte das Kind verloren. Der Schmerz in ihren Augen, als sie ihm sagte, dass sie nie wieder ein Baby haben könne, brach ihm fast das Herz. Danach war nichts mehr wie es vorher war. Johnny veränderte sich. Aus dem sensiblen, liebevollen Mann wurde ein in sich gekehrter, trauriger Mensch, der nur noch einen Gedanken im Kopf zu haben schien: ein Kind, das Kind, das sie verloren hatten. Er merkte gar nicht mehr, wie verzweifelt seine Frau war. Auch sie wünschte sich nichts mehr als ein Kind und jedes Mal, wenn sie die Trauer in Johnnys Augen sah, wenn er eine Frau mit Kinderwagen beobachtete, blutete ihr das Herz. Sie begannen, aneinander vorbei zu leben, ihre Liebe, die so stark gewesen war, schien zu erlöschen und eines Tages hielt sie es nicht mehr aus.

Mi amor, ich liebe dich über alles, und ich hoffe, du weißt das, aber ich kann es nicht länger ertragen, dich so unglücklich zu sehen. Bitte verstehe, dass ich nicht bei dir bleiben kann. Suche dir eine Frau, die dir deinen größten Wunsch erfüllen kann und vergiss mich! Diese Worte standen in dem Brief, den Johnny eines Tages fand, als er nach Hause kam. Maite war gegangen, hatte ihn verlassen aus Liebe zu ihm. Er suchte nicht nach ihr sondern stürzte sich in zahllose Affären mit willigen Frauen. Eine Zeit lang glaubte er sogar, damit glücklich zu sein, aber schon bald stellte sich eine schreckliche Leere in seinem Leben ein. Was hatte er nur getan? Er hatte die einzige Liebe seines Lebens verloren, weil er nur an sich gedacht hatte. Hatte sie nicht genau so gelitten wie er? Er schrieb ein Lied für sie, in dem er seine Gefühle ausdrückte: „I really love you“. Das Lied nahm er auf eine Cassette auf und schrieb einen langen Brief dazu, in dem er ihr erklärte, dass sie die Liebe seines Lebens sei und dass er mit ihr alt werden wolle, auch ohne Kinder. Dann setzte er sich ins Auto und fuhr zu dem Ort, an dem er sie vermutete, dem Haus ihrer Eltern. Zuerst warf er die Cassette und den Brief in den Briefkasten und am nächsten Tag nahm er all seinen Mut zusammen und klingelte an ihrer Tür. Als sie ihm öffnete und sie sich in die Augen blickten, brauchte keiner von ihnen ein Wort zu sagen. Ja, sie gehörten zusammen, für immer.

Schon am nächsten Tag machten sie sich auf eine große Reise quer durch Spanien und schließlich gelangten sie in das kleine Dörfchen Santa Castagna. Hier war es so schön, so ruhig und so friedlich, dass sie blieben. Nach einiger Zeit schrieb Johnny seiner Familie einen Brief und teilte ihnen mit, wo er war und dass er nicht zurück kommen würde. Er hatte seinen Platz gefunden und die Liebe seines Lebens war an seiner Seite. Geheiratet hatten sie nie, ihre Liebe brauchte keinen Trauschein. Und in ihrem kleinen Haus hörte man immer Kinder lachen, auch wenn sie keine eigenen hatten, die Dorfkinder liebten sie und kamen gerne zu ihnen. Von dem Geld, das ihm seine Geschwister ab und zu schickten, kaufte Johnny Bücher, Schulsachen und Musikinstrumente für die Dorfkinder und zusammen mit den Dorfbewohnern bauten sie eine kleine Schule. Maite gab den Kindern Unterricht im Lesen und Schreiben und Johnny lehrte sie die Musik, die immer noch ein wichtiger Teil seines Lebens war. Er tauschte seine Berühmtheit gegen ein unscheinbares Leben, seinen Reichtum gegen Armut, aber er war der glücklichste Mensch der Welt. Und seine Geschwister kamen ihn oft besuchen in seinem kleinen Paradies, immer, wenn es einem von ihnen schlecht ging, machte er sich auf die Reise nach Santa Castagna, um dort neue Kraft zu tanken.

„Mi amor, träumst du?”, holt ihn Maites sanfte Stimme in die Gegenwart zurück. Glücklich blickt er in ihre dunklen Augen, in ihr zartes Gesicht, das auch im Alter noch sehr hübsch ist. „Ja, Maite, manchmal kommt es mir wirklich vor, als lebe ich hier in einem Traum, in einem wunderschönen Traum. Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“ Sie verschließt seinen Mund mit einem Kuss. „Denkst du nie daran, wie es gewesen wäre, wenn du eine andere Frau geheiratet hättest und mit ihr eigene Kinder gehabt hättest?“ fragt sie ihn dann. „Nicht ein einziges Mal“ antwortet er und es ist die Wahrheit. „Wenn ich eines Tages sterbe, dann als glücklicher Mann, denn ich habe alles, was ein Mensch nur haben kann: Ein wunderschönes Leben und eine Frau, die ich mehr liebe als alles andere! Weißt du noch, was du damals im Wald, als du in meine Arme gefallen bist, zu mir gesagt hast? Eines Tages werden wir ein Paar sein und wir werden uns lieben, für immer!“ Glücklich schmiegt sie sich an ihn. Dann nimmt er seine Gitarre und beginnt im Dunkel der Nacht ihr Lied zu singen: „I really love you“, und plötzlich scheinen die Sterne heller zu leuchten und der Mond scheint zu lächeln, zu lächeln über ein altes Paar, dessen Liebe noch genau so stark, noch viel stärker ist als zu Beginn ihrer Liebe...