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I’ll be there
(Ignatius)
by Uli (15.03.2004)
Sie hatten lange darüber nachgedacht, welchen Namen sie ihrem zweiten Sohn geben würden, aber es war ihnen nicht gelungen, sich für einen Namen zu entscheiden. „Ich werde es wissen“, hatte Patricia schließlich gesagt, „ich werde seinen Namen wissen, wenn ich ihm in die Augen schaue.“ Und dabei war es geblieben. Patricia lächelte ihren Mann erschöpft an. „Er schläft, Schatz, warte, bis er aufwacht, dann werde ich dir sagen, wie er heißt!“ Ganz vorsichtig streichelte sie den zarten Flaum auf dem Kopf des Babys. „Hallo, mein Kleiner“, flüsterte sie dann, „willkommen im Leben.“ Das Baby seufzte leise auf und dann öffnete es die Augen und schaute seiner Mama mitten ins Gesicht und Patricia glaubte zu versinken in diesen großen Augen. Sie konnte nicht sagen, welche Farbe sie hatten, da waren ganz verschiedene Farben, die sie sah, aber nicht nur das, sie sah viel mehr, sie konnte lesen in den Augen ihres kleinen Sohnes und sie sah Dinge darin, die er gar nicht wissen konnte. „Oh mein Gott“, flüsterte Patricia, „das kann nicht sein, das...“ und im nächsten Augenblick befand sie sich in einer Zeit, die so kurz war, viel zu kurz, die Patricia aber nie vergessen konnte:
Patricia war fünfundzwanzig, als sie ihn traf. Es ging ihr nicht besonders gut damals, sie suchte nach einem Sinn in ihrem Leben und schließlich kam sie auf die Idee, in das Alten- und Pflegeheim zu gehen, das nicht weit von dem Schiff entfernt war, in dem Dan Kelly mit seinen Kinder lebte. Vielleicht konnte sie dort ein wenig helfen, vielleicht konnte sie einem alten oder kranken Menschen eine Freude machen, ihm etwas vorlesen, ein wenig mit ihm im Park spazieren gehen... Er kam ihr auf dem Gang entgegen, seine Schritte waren unsicher und langsam und er taumelte ein wenig und sie lief zu ihm hin und stützte ihn. Mit großen Augen schaute er sie an und sie meinte, in diesen Augen zu versinken, da war so viel, das sie darin sah, vom ersten Moment an konnte sie lesen in seinen Augen, sie hatte diesen Mann noch nie gesehen und doch genügte ein einziger Blick in seine Augen, ihr mehr über ihn zu erzählen als tausend Worte es gekonnt hätten. Sie konnte nicht sagen, was für eine Farbe seine Augen hatten, sie sah alle Farben darin, mal schimmerten sie grün, dann wieder blau, sie konnte sich nicht lösen von seinem Blick, von diesen Augen, die ihr so viel erzählten. „Ich bin Ignatius“, sagte er schließlich und Patricia kam es vor, als sei eine Ewigkeit vergangen, seit er ihr mit unsicheren Schritten direkt in die Arme gelaufen war. „Patricia“, stellte sie sich vor und ihre Stimme zitterte. Seine Augen begannen zu lächeln. „Ein schöner Name“, flüsterte er und in diesem Moment kam eine Schwester mit schnellen Schritten auf sie zu.
„Ignatius“, rief sie mit strenger Stimme, „Ignatius, du weißt doch, dass du dein Zimmer nicht verlassen darfst, du könntest dich verlaufen.“ Sie nahm ihn am Arm und zog ihn von Patricia weg. „Danke“, sagte sie knapp und zog ihn mit sich und er wehrte sich nicht. Langsam und folgsam ging er mit der Schwester den Gang entlang, aber bevor sie ihn in sein Zimmer brachte, drehte er sich noch einmal um und Patricia konnte seinen Blick spüren. „Bis bald“, schienen seine Augen zu sagen. Entschlossen betrat sie das Zimmer der Heimleiterin und bat um ein Gespräch. Sie wolle helfen, erzählte sie ihr wenig später, sie wolle sich ein wenig kümmern um die Menschen, die in dem Heim lebten und keine Angehörigen hatten. Und dann brach es von einem Moment auf den anderen aus ihr heraus: „Wer ist der Mann in Zimmer 10?“ Sie hatte die Zimmernummer gesehen, als die Schwester die Tür geöffnet hatte.
Die Augen der Heimleiterin wurden dunkel. „Ignatius? Das ist ein tragischer Fall. Er ist 78 Jahre alt und leidet an einer besonders schlimmen Form von Alzheimer, von einem Tag auf den anderen vergisst er viele Jahre seines Lebens, manchmal wacht er morgens auf und kann sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern und dann, an anderen Tagen, ist er ganz wach, erinnert er sich an jede Einzelheit seines Lebens. Er hat keine Angehörigen, er ist immer allein, und er...“. Erschrocken unterbrach die Frau das Gespräch. „Eigentlich darf ich gar nicht mit Ihnen über ihn sprechen.“ Aber Patricia ließ nicht locker. „Bitte, ich möchte mich um ihn kümmern, wenn Sie es erlauben, ich weiß nicht warum, aber dieser Mann hat etwas in mir berührt, ich möchte da sein für ihn, ich möchte ihm ein wenig Freude geben im Leben.“ Sie hatte keine Ahnung, warum sie das sagte, aber es schien plötzlich nichts Wichtigeres zu geben in ihrem Leben als für diesen Mann da zu sein, den sie gar nicht kannte. „Ich weiß“, sagte die Heimleiterin sanft, „ich weiß, was Sie meinen. Da ist etwas ganz Besonderes an ihm. Wenn Sie möchten, können Sie ihn besuchen, so oft sie wollen.“
Patricia kam jeden Tag. Sie ging mit Ignatius im Park spazieren, sie las ihm Geschichten vor, aber meist saßen sie einfach nur da und schauten sich an und seine faszinierenden Augen, die in den verschiedensten Farben schimmerten, erzählten ihr so viele Dinge, sie erzählten ihr von fernen Ländern, die sie nicht kannte, sie sprachen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, über Dinge, die er unmöglich erlebt haben konnte. „Glaubst du an Wiedergeburt?“, fragte er sie eines Tages und Patricia wusste nicht, was sie antworten sollte. „Es gibt sie“, sagte er dann sanft, „wir leben nicht nur einmal, Patricia, wir kommen oft wieder, manche nur wenige Male, andere aber leben so viele Leben und alles, was wir in einem früheren Leben gelernt haben, nehmen wir mit in unser neues! Es passiert oft, ein Mensch wird geboren und genau im selben Moment stirbt ein anderer, seine Seele aber bleibt da, lebt weiter im Körper des neugeborenen Kindes. Und so treffen sich oftmals Menschen wieder, die sich schon aus einem anderen Leben kennen, und meist wissen sie es gar nicht, aber manchmal, wenn die Menschen besonders feinfühlig sind, besonderes sensibel, dann erkennen sie, dass das Schicksal sie wieder zusammengeführt hat!“ Patricia schaute ihn zweifelnd an und die Gewissheit, die sie in seinen Augen sah, ließ sie frösteln.
Am nächsten Tag war er völlig verwirrt, er wusste nicht mehr, wer er war, er erkannte Patricia gar nicht, als sie sein Zimmer betrat, und die Schwestern erlaubten ihr nicht, ihn mit nach draußen in den Park zu nehmen. „Es ist zu gefährlich für ihn“, erklärte ihr die Heimleiterin, „wenn er in einem unbemerkten Moment den Park verlässt und in die Stadt läuft, findet er nicht mehr zurück und er kann niemanden fragen, weiß er doch nicht einmal mehr seinen Namen!“ Patricias Augen füllten sich mit Tränen. „Wenn ich ihm doch nur helfen könnte“, flüsterte sie hilflos, „wenn ich doch nur etwas für ihn tun könnte.“ Ein sanftes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Heimleiterin aus. „Wenn Sie wüssten, wie sehr Sie ihm helfen“, sagte sie leise. „Sie sollten ihn sehen abends, wenn Sie längst zu Hause sind, Sie sollten ihn hören. Er spricht nur von ihnen und dabei strahlt sein Gesicht vor Glück.“ Ein wenig getröstet ging Patricia nach Hause, aber am nächsten Morgen hatte sich Ignatius’ Zustand noch mehr verschlechtert. Mit ausdruckslosem Gesicht lag er in seinem Bett und starrte gegen die Decke und so sehr sich Patricia auch bemühte, es gelang ihr nicht, ihn in die Wirklichkeit zurück zu holen, seine großen Augen schienen wie tot, sie sagten ihr nichts mehr, sie konnte nicht mehr darin lesen.
Ein paar Wochen später verlegten sie ihn auf die geschlossene Station, in der er keinen Besuch mehr empfangen durfte. Die Heimleiterin gestattete Patricia ein letztes Mal, zu ihm zu gehen, und als sie ihn ganz sanft auf die Wange küsste, da wurden seine Augen für einen kurzen Moment noch einmal klar. „Danke, dass du für mich da warst“, las Patricia darin, „und danke, dass du für mich da sein wirst, wenn es soweit ist“. Patricia verstand nicht, was er ihr sagen wollte, aber schon im nächsten Augenblick waren seine Augen wieder ganz verschwommen und nahmen nicht mehr wahr, was um ihn herum vor sich ging. Als sie ging, gab die Heimleiterin ihr zum Abschied das Gedicht, das Ignatius für sie geschrieben hatte in der Zeit, in der er noch am Leben teilgenommen hatte:
Für meinen Engel Patricia in Liebe Ignatius
„Patricia? Patricia, was ist denn mit dir?“ Die Stimme ihres Mannes holte Patricia in die Wirklichkeit zurück, sie lag immer auf dem Bett des Geburtssaales und hielt ihren neugeborenen Sohn in den Armen, der sie mit seinen großen Augen anschaute, die in den verschiedensten Farben schimmerten und die ihr so viele Dinge erzählten, die er gar nicht wissen konnte. Patricia schaute ihren Mann lange an. „Ignatius“, sagte sie dann mit fester Stimme. „Sein Name ist Ignatius, Denis.“
Noch am selben Abend rief Patricia in dem Pflegeheim an, in dem sie vor langer Zeit jeden Tag gewesen war. Was sie dort hörte, bestätigte ihre Ahnung. „Er ist gestorben“, sagte die Heimleiterin, die sich sofort an Patricia erinnerte, mit leiser Stimme. „Er ist gestorben heute Morgen, einfach so. Es war merkwürdig, so viele Jahre schon dämmerte er vor sich hin, aber heute Morgen wachte er plötzlich auf, schaute die Schwester an und sagte mit ganz klarer Stimme: „Es ist soweit, ich komme.“ Und dann schlief er einfach ein und wachte nicht mehr auf.“ Mit belegter Stimme fragte Patricia nach der Uhrzeit, zu der Ignatius gestorben war, obwohl sie sie eigentlich schon längst wusste. Es war auf die Minute genau die Geburtsstunde ihres kleinen Sohnes. Mit Tränen in den Augen ging sie zurück in ihr Zimmer und dann stand sie lange vor dem Babybett, in dem der kleine Ignatius schlief. „Du hattest Recht“, flüsterte sie, „du hast es gewusst. Ich werde für dich da sein, von jetzt an werden wir immer für dich da sein, dein Papa, dein Bruder und ich. Willkommen in unserer Familie, kleiner Ignatius!“...
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