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Imagine
by Uli (13.09.2001)
Als sie Holger kennen lernte, da war sie vom ersten Augenblick fasziniert von der Ruhe, die er ausstrahlte. Er schien immer ganz genau zu wissen, was er wollte, er zweifelte nie an sich und hatte ganz klare Vorstellungen über seine Zukunft. Er war der Mann, der Ruhe in Susannas bewegtes Leben brachte. Früher war sie ein richtiger Feger gewesen, hatte keine Party ausgelassen, war Tag und Nacht unterwegs gewesen und hatte ein mehr als unstetes Leben geführt. Sie hatte ihre Freunde wie die Wäsche gewechselt und war mit keinem länger als drei Monate zusammen gewesen, bis sie Holger kennen lernte. Er war so ruhig und ausgeglichen, der perfekte Gegenpol zu der ausgeflippten Susanna, die immer auf der Suche nach Abenteuern war. Es dauerte lange, bis er ihr Herz eroberte, aber irgendwann konnte sie sich sogar vorstellen, ihn zu heiraten, obwohl so etwas früher für sie niemals in Frage gekommen wäre.
Ein paar Monate lang war sie wirklich glücklich mit ihm, aber dann begann ihre Beziehung sich langsam und unmerklich zu verändern. Am Anfang waren sie manchmal noch ausgegangen, aber jetzt saßen sie nur noch zu Hause, jeden Abend, und wenn Susanna fragte, ob sie nicht wieder einmal weggehen könnten, meinte Holger nur, er brauche das nicht, er sei glücklich, wenn er mit ihr allein sei. Er wollte auch nicht, dass sie alleine wegging und sie fügte sich, weil sie ihm nicht weh tun wollte, weil sie ihn liebte, aber nach einiger Zeit merkte sie, wie seine Liebe sie zu erdrücken schien, sie kam sich vor, als wolle er sie vereinnahmen mit Haut und Haaren. Sie hatten immer öfter Streit, der jedes Mal damit endete, dass Susanna weinte wie ein kleines Mädchen und Holger sie dann in seine Arme nahm und ihr versicherte, er liebe sie mehr als alles andere und das glaubte sie ihm auch. Und trotzdem kam sie sich vor wie eine Blume, die langsam verdurstet. Etwas musste geschehen. Und als sie dann an dem kleinen Reisebüro vorbeikam und im Schaufenster das große Plakat sah, das mit großen Lettern eine Reise nach Venedig anpries, da ging sie einfach hinein und buchte. Sie war ganz sicher, diese Reise würde ihrer Liebe zu Holger gut tun. Aber als sie ihm abends freudestrahlend die Buchungsbestätigung auf den Tisch legte, reagierte er ganz anders, als sie gehofft hatte. Wie sie dazu käme, einfach über seinen Kopf hinweg eine Reise zu buchen? Zum ersten Mal hatte dachte Susanna darüber nach, ob seine Liebe zu ihr wirklich echt war oder ob er nicht nur ein fügsames Püppchen suchte, das immer das tat, was er von ihr verlangte.
Trotzdem ließ sie sich nicht beirren, zu sehr freute sie sich auf diese Reise und sie war ganz sicher, dass es ihr gelingen würde, in Venedig, der Stadt der Liebe, ihre Beziehung wieder zum Guten zu wenden. Aber dann brach Holger sich bei einem Fahrradunfall das Bein, 6 Wochen musste er im Krankenhaus liegen, und Susanna wollte die Reise absagen, aber er bestand darauf, dass sie fuhr. „Ich liege sowieso hier in der Klinik und werde versorgt, fahr allein, Susanna, es wäre zu teuer, die Reise so kurzfristig zu stornieren.“ Zu teuer! Als ob das jetzt eine Rolle spielte! Seine Worte taten ihr weh, weckten aber auch ihren Trotz. Ja, sie würde fahren, sie würde sich eine wunderschöne Woche machen in Venedig. Als sie sich von ihm verabschiedete, hatte sie ein merkwürdiges Gefühl, das sie nicht deuten konnte, das ihr aber irgendwie Angst machte, auch wenn sie nicht wusste, warum. Als sie ihn anrief am ersten Abend, war er schon so komisch, er sprach kaum ein Wort, gab nur einsilbige Antworten und machte komische Bemerkungen von wegen, sie solle sich gut amüsieren. Was war nur los mit ihm? Er hörte sich an, als sei ihm völlig egal, dass sie alleine verreist war, als wartete er nur darauf, dass sie hier einen anderen Mann kennen lernen würde. Susanna konnte sich keinen Reim darauf machen.
Auch am zweiten und dritten Abend war er mehr als komisch am Telefon gewesen und jetzt, nach diesem erneuten Gespräch mit ihm, hatte Susanna sich vorgenommen, ihn nicht mehr anzurufen. Das Klappern des Geschirrs riss sie aus ihren Gedanken, die Vorspeise wurde serviert, aber sie hatte keinen Hunger. Lustlos stocherte sie in ihrem Essen herum und beobachtete die anderen Gäste im Speisesaal, während sie schon wieder Tränen in sich aufsteigen fühlte. Überall saßen Paare, die sich verliebt in die Augen blickten, Paare, die so glücklich aussahen, dass es Susanna fast das Herz brach. Sie wollte schon aufstehen und den Speisesaal verlassen, als das Paar am Nebentisch ihre Aufmerksamkeit erregte. Eine hübsche, zierliche dunkelhaarige junge Frau sprach mit lauter Stimme in einer fremden Sprache auf ihren Begleiter ein, Susanna konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber ihre Stimme glich einem Flehen. Von dem Mann sah Susanna nicht viel, eigentlich nur den blonden Zopf, der ihm über den Rücken fiel. „Ein Hippie“, dachte Susanna, während ihre Gedanken schon wieder bei Holger waren, bei ihrem Holger, der immer ganz genau plante, was er tat. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie Holger wohl mit einem Zopf aussehen würde, und ein leichtes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Nein, nicht Holger, der korrekte Holger, der jeden Morgen minutenlang vor seinem Kleiderstand stand, bevor er sich für ein Hemd oder eine Hose entscheiden konnte. Nach dem Essen, das sie kaum angerührt hatte, ging Susanna gleich auf ihr Zimmer, sie wollte nicht länger die glücklichen Paare beobachten, es tat ihr zu weh. Das Pärchen am Nebentisch war immer noch in eine lautstarke Diskussion vertieft, der jungen Frau liefen die Tränen über die Wangen und der Mann, den Susanna nur von hinten sah, gestikulierte mit den Händen.
Susanna ging gleich ins Bett, aber sie fand keinen Schlaf. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie sich unruhig hin- und hergewälzt hatte, aber schließlich stand sie auf und ging auf den Balkon ihres Zimmers, um ein wenig Luft zu schnappen. Es war eine wunderschöne Nacht, die die ganz besondere Faszination Venedigs besonders gut zur Geltung brachte. Susanna beschloss, noch einen Drink an der Hotelbar zu nehmen, sie zog sich ein leichtes Sommerkleid über und ging langsam hinunter. Fast alle Gäste waren in ihren Zimmern und wieder überkam Susanna Traurigkeit bei dem Gedanken an die vielen glücklichen Paare, die sie hier gesehen hatte. Nur ein Mann saß noch an der Bar, vor sich ein Glas Wein, und starrte nachdenklich vor sich hin. Als sie näher kam, erkannte Susanna, dass es sich um den Mann mit dem Zopf handelte, und sie setzte sich neben ihn, aber er beachtete sie gar nicht. Offensichtlich war er sehr verärgert und von seiner Begleiterin war weit und breit nichts zu sehen. Susanna bestellte sich ein Glas Rotwein und schaute sich den Mann neben sich genauer an. Er erinnerte sie an jemanden, aber sie konnte nicht sagen, an wen. Schließlich bemerkte er, dass sie ihn anstarrte, drehte seinen Kopf zu ihr und schaute sie ungläubig an. „Susanna?“, hörte sie ihn fragen und in diesem Moment wusste sie, wen sie vor sich hatte. Johnny, ihren Johnny, mit dem sie drei der schönsten Monate ihres Lebens verbracht hatte in ihrem „wilden“ Leben. Sie hatte ihn auf einem Fest kennen gelernt, auf dem er mit seiner Familie Musik gemacht hatte, Susanna hatten die Lieder so gut gefallen, dass sie in ihrer spontanen Art mitten auf dem Marktplatz zu tanzen begonnen hatte, sie war eingetaucht in diese Musik, hatte sich gefühlt wie in einer anderen Welt. Und dann, nach dem Auftritt, war er plötzlich vor ihr gestanden und hatte sie angeschaut mit seinen großen blauen Augen. Noch bevor er ein Wort sagte, hatte sie sich schon in ihn verliebt, in ihn und seine wunderschöne Stimme. Von diesem Abend an waren sie unzertrennlich gewesen und hatten eine wunderschöne Zeit miteinander verlebt. Hippie-Johnny hatte sie ihn immer genannt wegen seiner langen Haare. Ja, das war ihr Johnny, der sie mit seiner Musik mitten ins Herz getroffen hatte. Susanna musste lächeln, als sie sich an ihre gemeinsame Zeit erinnerte. Sie waren nie allein gewesen, immer mit ihren vielen Freunden zusammen, und sie hatten niemals miteinander geschlafen, er war nicht der Typ, den man irgendwo in einem stickigen Keller auf einem Matratzenlager inmitten vieler Menschen vernascht. So wolle er es nicht, hatte er immer gesagt, und dann war er ganz plötzlich weg gezogen mit seiner Familie und Susanna hatte ihn nie wieder gesehen.
„Ist deine Frau schon zu Bett gegangen?“ fragte sie ihn und sein Blick verfinsterte sich. „Sie ist nicht meine Frau, noch nicht“, sagte er leise und Susanna spürte, wie unglücklich er war. „Wir wollen heiraten in ein paar Monaten, aber in letzter Zeit frage ich mich immer wieder, ob es richtig ist, was ich tue. Sie ist so jung, so verletzlich und sie liebt mich über alles, aber kann ich es ihr wirklich zumuten, mit mir zu leben? Sie hat so viel aufgegeben für mich, hat ihre Familie verlassen, um mit mir nach Deutschland zu kommen, aber sie ist nicht glücklich dabei, nicht wirklich. Und jetzt, ganz plötzlich, fordert sie eine Entscheidung von mir, die ich nicht treffen kann. Sie will mich ganz für sich haben, mit Haut und Haaren, sie verlangt, dass wir nach der Hochzeit in Spanien leben, dass ich die Bühne verlasse, dass ich nicht länger mit meinen Geschwistern Musik mache, aber das kann ich nicht, wenn ich es täte, würde ich mich selbst aufgeben, würde ich alles verleugnen, an das ich glaube. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.“ Mit Haut und Haaren! Genau diese Worte hatte sie so oft gedacht in den letzten Wochen. Susanna spürte den Blick ihres Hippie-Johnnys auf sich und sie fühlte eine tiefe Vertrautheit zu ihm, obwohl sie ihn schon seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, und schon bald sprachen sie nicht mehr über seine Freundin sondern über die Zeit, in der sie sich so nah gewesen waren. Sie saßen noch lange an der kleinen Bar, bis Susanna vor Müdigkeit kaum noch die Augen offen halten konnte und ins Bett ging.
Als sie am nächsten Morgen in den Speisesaal kam, sah sie ihn schon von weitem alleine an seinem Tisch sitzen, er sah blass und müde aus und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Spontan trat sie auf ihn zu und fragte ihn, was los sei. „Sie ist weg“, sagte er nur, „sie ist einfach abgereist und jetzt liegt es allein an mir, was aus unserer Beziehung wird. Ich liebe sie wirklich, aber ich weiß einfach nicht, ob ich ihre Erwartungen erfüllen kann. Ich werde ihr jetzt nicht nachlaufen, ich brauche noch ein paar Tage für mich, bevor ich eine Entscheidung treffen kann. Hast du nicht Lust, dich zu mir an den Tisch zu setzen?“ Oh ja, Susanna hatte Lust, musste sie doch so ihr Frühstück nicht allein einnehmen. Und als er sie dann fragte, ob sie eine Gondeltour mit ihm machen wolle, sagte sie gerne zu. Der Tag verging wie im Flug, sie liefen quer durch Venedig, blieben an den vielen Ständen stehen, fütterten sich gegenseitig mit Trauben von dem kleinen Obststand und Susanna kam es ein bisschen vor, als sei es erst gestern gewesen, dass sie sich getrennt hatten. Sie kam sich vor wie in einem anderen Leben, alles, was sie noch gestern für ihre Zukunft gehalten hatte, war so weit weg, und jetzt war sie hier in Venedig mit diesem Mann, den sie so lange nicht gesehen hatte und der ihr doch so vertraut war. Als sie dann zusammen auf dem Markusplatz saßen und einen Kaffee tranken, hatte sie plötzlich eine Idee. „Hast du deine Gitarre dabei?“ Seine Gitarre! Er hatte sie immer bei sich getragen, Susanna erinnerte sich an so viele Ausflüge, die sie zusammen unternommen hatten, und immer hatte er seine Gitarre dabei gehabt, sie und ihre Freunde waren zusammen im Gras gelegen und er hatte Lieder für sie gesungen. Auch seine Augen begannen zu leuchten, als er ihr von den vielen Liedern erzählte, die er in der Zwischenzeit geschrieben hatte.
Sie gingen ins Hotel und holten die Gitarre und dann setzte er sich einfach auf den Markusplatz und begann, für die Passanten zu spielen und zu singen, während Susanna ihn fasziniert beobachtete. Wie gut er aussah, noch besser als früher. Wieder traf seine Stimme sie mitten ins Herz und als er dieses wunderschöne Lied sang darüber, was alles passieren könnte, wenn das Leben ein Traum wäre, da wünschte sie sich plötzlich, das Leben könnte wirklich ein Traum sein, ihr Traum und sie wollte ihn mit ihm zusammen träumen. Sie fing an, auf dem Markusplatz zu tanzen, und sie spürte die Blicke, mit der er sie beobachtete, mit jeder Faser ihres Körpers. Spontan nahm sie einem Tourist den Sonnenhut vom Kopf und ging damit sammeln und viele Menschen warfen Münzen in den Hut. Drei Stunden später war der Hut voll und John und Susanna betraten den kleinen Weinladen und kauften sich eine Flasche Champagner, die sie tranken, während sie die untergehende Sonne betrachteten, so wie früher. „Darf ich bitten?“, fragte er plötzlich und sie schmiegte sich in seine Arme und ließ sich über den Markusplatz führen, die Welt um sie herum nahm sie gar nicht mehr wahr. Ja, das Leben war ein Traum und sie war mitten drin. Sie löste sich von ihm und lief ihm davon, quer durch die schmalen Gassen von Venedig, aber er war schneller als sie und holte sie bald ein. Völlig außer Atem nahm er sie auf seine Arme und schwenkte sie durch die Luft, bevor er sie ganz langsam wieder auf die Erde gleiten ließ. Susanna spürte, wie sie sich sehnte nach ihm, nach seinen Berührungen, nach seinen Küssen, und obwohl sie wusste, dass es nicht richtig war, schlang sie einfach die Arme um seinen Hals und küsste ihn und er erwiderte ihren Kuss mit einer Leidenschaft, die ihr zeigte, dass er genauso fühlte wie sie.
Sie sprachen kein Wort, als sie Hand in Hand zurück gingen ins Hotel, aber jeder wusste, was der andere dachte, und dann standen sie beide unschlüssig am Empfang, nahmen ihre Schlüssel und plötzlich herrschte verlegenes Schweigen. „Wir sehen uns morgen“, sagte Susanna schließlich, obwohl sie eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte. Er nickte nur und ging die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Susanna duschte sich und wusch ihre Haare und konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Es war schon so spät, aber sie wusste, sie würde nicht schlafen können. Schließlich rief sie in der Hotelbar an und bestellte sich noch eine Flasche Rotwein. Sie schloss die Zimmertür für den Kellner auf und ging dann hinaus auf den kleinen Balkon. Während sie auf das Wasser starrte und dem Flirren, das in der Luft lag, lauschte, versuchte sie, sich über ihre Gefühle klar zu werden, zu verstehen, was gerade mit ihr passierte. Sie war überzeugt gewesen, Holger zu lieben, aber jetzt war sie sich gar nicht mehr sicher. Die Begegnung mit Johnny, ihrem Hippie-Johnny, hatte Gefühle in ihr wach gerufen, die sie längst nicht mehr für möglich gehalten hatte, es kam ihr vor, als sei die alte, die „wilde“ Susanna hier in Venedig wieder zum Leben erwacht. Sie hörte, wie der Zimmerkellner die Tür öffnete, und bat ihn, ihr die Weinflasche auf den Balkon zu bringen. Und dann spürte sie, wie sich zwei Hände zart um ihre Taille legten, sie fühlte seinen warmen Atem an ihrem Ohr und sie hörte ihn flüstern: „Stell dir vor, was passieren könnte, wenn das Leben ein Traum wäre. Das hier ist ein Traum, Susanna, es ist unser Traum, deiner und meiner!“ Seine Hände schoben sich unter ihr dünnes Top und sie spürte, wie eine Gänsehaut ihren Körper überzog. Ganz langsam drehte sie sich um und sah ihm mitten ins Gesicht. Seine Haare waren offen, er trug nun ein einfaches T-Shirt und eine Jeans und in seinem Gesicht sah sie, dass er sich genauso nach ihr sehnte wie sie sich nach ihm. „Und deine Freundin?“, flüsterte sie und er legte ihr sanft den Finger auf den Mund. „Es ist ein Traum, Susanna, unser Traum, ganz allein unser Traum“, sagte er leise und dann nahm er sie einfach auf seine Arme und trug sie ins Zimmer, wo er sie sanft auf das große Bett gleiten ließ. Als er ihr das Top von den Schultern streifte, zitterte Susanna, und als sie seine Lippen auf ihrem Körper fühlte, konnte sie nicht mehr denken, sie ließ es einfach geschehen, es war so schön und er war so zärtlich, es war, als hätten sie beide all die Jahre nur auf diese Nacht gewartet. Ja, heute Nacht war das Leben ein Traum, auch wenn sie beide wussten, dass es keine gemeinsame Zukunft für sie gab, diese eine Nacht gehörte nur ihnen und keiner würde je erfahren, dass es sie gegeben hatte.
Als Susanna am nächsten Morgen erwachte, hatte sie für einen Moment das Gefühl, als sei alles wirklich nur ein Traum gewesen, der schönste Traum ihres Lebens, aber dann sah sie ihn neben sich liegen, sein langes blondes Haar fiel über seinen Rücken und in diesem Moment liebte sie ihn so sehr, dass es richtig weh tat. Ihr Hippie-Johnny! Die Liebe ihres Lebens, auch wenn sie es bis gestern gar nicht gewusst hatte. Leise ging sie ins Bad und als sie ins Zimmer zurück kam, lag er noch immer im Bett, aber er war wach und betrachtete sie mit einer Zärtlichkeit, die sie bis ins Innerste berührte. Susanna spürte einen Kloß im Hals, sie wusste nicht, was sie sagen sollte, weil sie fürchtete, jedes Wort könne den Traum einfach zum Zerplatzen bringen. Langsam ging sie auf das Bett zu und als er die Hand nach ihr ausstreckte, nahm sie sie und bedeckte seine Handfläche mit Küssen. Wieder fühlte sie dieses Gefühl von vergangener Nacht in sich aufsteigen und als sie ihn unter ihren Berührungen leise aufseufzen hörte, wusste sie, dass er dasselbe fühlte wie sie. Der Gedanke daran, dass sie schon am nächsten Tag abreisen musste, tat ihr so weh, dass sie einen Moment lang daran dachte, einfach hier zu bleiben, ihr altes Leben einfach zurück zu lassen, aber tief in ihrem Innern wusste sie, dass es nicht möglich war, dass sie beide zurückkehren mussten in die Realität, dass der Traum, in dem sie sich befanden, enden musste. Sie liebten sich den ganzen Tag und verließen das Zimmer erst abends, als es schon dunkel war. Engumschlungen liefen sie lange durch Venedig, als wollten sie überall ihre Spuren hinterlassen, als wollten sie ihren Traum verewigen in dieser wunderschönen Stadt. Die Gondolieri hatten längst Feierabend gemacht, als sie an der Anlegestelle vorbeikamen, und als Susanna in die Augen ihres Hippie-Johnny schaute, sah sie, dass er dasselbe dachte wie sie. Leise stiegen sie in die Gondel und er ruderte sie durch die Kanäle und sang wunderschöne Lieder für sie und beide wussten, in ihren Herzen würde er weiterleben, ihr Traum.
Und dann war alles vorbei, Susanna wurde von einem kleinen Boot abgeholt und auch John hatte seine Koffer gepackt und flog zurück zu seiner spanischen Freundin, zurück in die Wirklichkeit. Ein letztes Mal umarmten sie sich und er hielt sie so fest, dass es weh tat. Sie wollte tapfer sein, aber sie schaffte es nicht. Weinend klammerte sie sich an ihn und auch in seinen Augen standen Tränen. „Susanna, glaub mir, wenn ich könnte, würde ich...“, begann er, aber sie schüttelte nur sanft den Kopf und wischte sich die Tränen weg. „Es würde nicht gut gehen. Ich könnte nicht leben damit, das Leben einer anderen Frau zerstört zu haben, und du könntest es auch nicht.“ Noch einmal nahm er sie in seine Arme und flüsterte ihr ins Ohr: „Denk an mich, wenn du traurig bist, ich werde es spüren und dir meine Liebe schicken. Er wird niemals enden, unser Traum, auch wenn wir nicht zusammen sein können.“ Als Susanna nach Hause kam, war Holger nicht mehr da, all seine Sachen waren weg und er hatte ihr nur ein paar Zeilen hinterlassen. „Wir wissen beide, dass es nicht wirklich Liebe ist. Ich wünsche dir alles Gute. Holger“. Susanna war nicht traurig. Ja, ihre Liebe zu Holger war nie wirklich Liebe gewesen, denn eigentlich hatte ihr Herz immer einem anderen gehört, dem Mann, der sie träumen ließ, ihrem Hippie-Johnny. Susanna richtete sich ihr Leben völlig neu an, sie traf sich wieder mit alten Freunden und es dauerte nicht lange, da vermisste sie Holger nicht mehr.
Fünf Monate später sah sie die Meldung in den Nachrichten: „Hochzeit bei der Kelly Family! Tausende Fans tragen Trauer, denn am Wochenende hat John Kelly, der älteste Sohn des Musiker-Clans, in aller Stille seine langjährige Freundin in Spanien geheiratet. Er werde eine kleine Auszeit nehmen, danach aber wieder mit seinen Brüdern und Schwestern auf der Bühne stehen, beruhigte Johnny die besorgten Fans.“ Es tat weh, aber nicht so sehr, wie Susanna befürchtet hatte. „Ich liebe dich“, dachte sie unwillkürlich und kurze Zeit später wurde ihr ganz warm ums Herz, als ob in diesem Moment jemand ganz fest an sie dachte, ihr ganz viel Liebe schickte. Ja, es war so wie er gesagt hatte: Sie konnten sie nicht leben, ihre Liebe, aber sie konnten sie träumen, sie brauchten nur aneinander zu denken. Und da war dieses wundervolle Geschenk, das er ihr hinterlassen hatte, diesen Teil von sich, der immer bei ihr war. Sie legte beide Hände auf ihren Bauch und flüsterte: „Spürst du das, kleines Hippie-Baby? Dein Daddy hat uns gerade eine Botschaft geschickt!“ Als das kleine Wesen in ihrem Bauch zu strampeln begann, wusste Susanna, er war nicht vorbei, ihr Traum, er fing gerade erst an...
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