I will be your bride

by Uli (24.01.2002)

“Nein, hör auf, mich zu bedrängen, ich werde morgen abreisen und das ist mein letztes Wort”, Jimmy Kellys Worte klingen hart, viel härter, als er sie eigentlich meint. Er hasst es, seiner Schwester weh zu tun, aber er kann sich nicht immer wieder selbst verleugnen, das hat er schon viel zu lange getan. Jeden Abend, wenn er mit seinen acht Geschwistern auf der Bühne in irgendeiner Stadt steht und für irgendwelche Leute, die ihn gar nicht interessieren, seine Lieder singt, fühlt er, dass er so nicht weitermachen kann. Und jedes Mal, wenn er sein blasses Gesicht im Spiegel einer Garderobe sieht, erschrickt er. Nein, er will das nicht mehr, er braucht eine Pause und er wird sie sich nehmen und zwar sofort, keinen Tag länger will er dieses Leben mehr führen, dieses Leben, das er früher geliebt hat, dass ihm jetzt aber mit jedem Tag unerträglicher zu sein scheint. „Und wo willst du hin?“, hört er die leise, traurige Stimme seiner Schwester Patricia fragen. Der Schmerz in ihren Augen tut ihm weh, sehr weh sogar, aber er muss jetzt an sich denken, nur an sich. Er spürt, wie ihm Tränen in die Augen steigen, und wendet sich ab, weil er glaubt, ihren Blick keine Minute länger ertragen zu können. „Ich weiß es noch nicht, Patricia, ich weiß es wirklich noch nicht. Aber glaub mir, ich werde zurück kommen, auch wenn ich dir noch nicht sagen kann, wann. Ich muss zu mir selbst finden, erst dann kann ich wieder mit euch auf der Bühne stehen, verstehst du das?“ Sie nickt nur stumm, oh ja, sie versteht ihn so gut, ihren Bruder, aber sie weiß einfach nicht, wie sie es aushalten soll ohne ihn.

Schon am nächsten Morgen bringt Patricia ihren Bruder zum Hafen. Eine Schiffsfahrkarte hat er sich gekauft, sonst nichts, und er hat nur seinen alten blauen Rucksack dabei. Einfach nur dem Rauschen des Meeres will er lauschen, einfach nur die frische Seeluft genießen, einfach nur nachts an Deck liegen und die Sterne beobachten. Mehr will er nicht, er ist sicher, dass das alles ist, was er braucht, um zu sich zu finden, um endlich wieder der Mensch zu werden, der er früher einmal war. Die Reise dauert lang und Jimmy spricht mit keinem Menschen an Bord. Tag und Nacht sitzt er an Deck und beobachtet die Wellen und er spürt, wie die Anspannung ganz langsam von ihm abfällt. Als das Schiff endlich anlegt, ist es so neblig, dass Jimmy nichts von der kleinen Stadt erkennt, in der er gelandet ist, einem Dorf irgendwo an der Küste von Spanien, er hat keine Ahnung, wie der kleine Ort heißt und es interessiert ihn auch nicht. Langsam geht er mit seinem Rucksack von Bord, um sich irgendwo ein Zimmer zu suchen, als er ihren Schrei hört: „Antonio, Antonio, ich wusste, du kommst zurück!“ Jimmy sieht die seltsame alte Frau mit unsicheren Schritten auf sich zukommen, aber er ist sicher, dass sie nicht ihn meint, dass ihr Rufen einem anderen gilt.

Die alte Frau aber läuft direkt auf ihn zu und umfängt ihn mit ihren Armen. „Antonio, Antonio“, murmelt sie unablässig vor sich hin, während dicke Tränen ihre Wangen hinablaufen. Etwas unwillig befreit Jimmy sich aus ihren Armen. „Entschuldigung, Lady, aber ich glaube, Sie verwechseln mich, ich heiße nicht Antonio!“ Alles Leben scheint aus ihren dunklen Augen zu weichen. „Antonio, Geliebter, erkennst du mich denn nicht? Habe ich mich so sehr verändert, hast du ihn vergessen, unseren Schwur?“ Jimmy hat keine Lust, sich mit dieser alten Frau zu beschäftigen, und stößt sie unsanft von sich. „Tut mir leid, Lady“, murmelt er und macht sich auf den Weg ins Dorf, aber die alte Frau lässt nicht locker. Keuchend geht sie hinter ihm her und immer wieder sagt sie dieselben Worte: „Verlass mich nicht, Antonio, verlass mich nicht noch einmal!“ Jimmy hat keine Ahnung, wie lange sie ihm nachgelaufen ist, aber irgendwann gelingt es ihm, sie abzuschütteln. Eine merkwürdige Frau!!

Als er die Dorfgaststätte betritt, um etwas zu essen und sich ein Zimmer für die Nacht zu suchen, hat er die seltsame Begegnung mit der alten Frau schon fast vergessen. Er ist hungrig und müde und würde für sein Leben gern ein Bad nehmen. Der Wirt zeigt ihm sein Zimmer und bereitet ihm ein einfaches, aber sehr schmackhaftes Abendmahl zu, das Jimmys leerer Magen freudig in sich aufnimmt. Der schwere spanische Rotwein, den er sich bestellt hat, erfüllt ihn schon bald mit einer angenehmen Müdigkeit, aber bevor er schlafen geht, möchte er noch einen kleinen Spaziergang am Strand machen. Der Nebel hat sich gelichtet und trotz der Dunkelheit sieht er die alte Frau sofort, als er sich dem Hafen nähert. In ihrem zerschlissenen alten Kleid, das nur noch ein klein wenig an ein Brautkleid erinnert, sitzt sie auf einem Stück Holz, das das Meer angeschwemmt hat, an der Schiffsanlegestelle und starrt aufs Meer hinaus. Mit ihren langen weißen Haaren sieht sie ein wenig aus wie ein Gespenst. Was macht die alte Frau nur hier mitten in der Nacht? Jimmy hätte sie gerne angesprochen, aber er fürchtet, dass sie sich wieder wie eine Klette an ihn hängen wird, deshalb geht er leise in die Dorfgaststätte zurück. Erst jetzt fällt ihm das Bild auf, das über der Theke hängt, ein Bild, das ein glückliches junges Paar zeigt, eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren und daneben einen gutaussehenden Mann mit langen Locken und dieser Mann sieht aus... wie er, genau wie er. Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend.

Er bittet den Wirt, das Bild herunterzunehmen, und schaut es sich genauer an. Ist das die alte Frau auf dem Bild? Verwechselt sie ihn mit jemandem? Auch dem alten Wirt ist Jimmys Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem Bild nicht entgangen und er fängt an zu erzählen: „Sie waren das schönste Paar im Ort, Antonio und Silvana, schon als kleine Kinder kannten sie sich und als sie dann heranwuchsen, schien es keine größere Liebe zu geben als die zwischen diesen beiden jungen Menschen. Jede Minute verbrachten sie zusammen und als dann das traditionelle Osterfest gefeiert wurde, hielt Antonio um die Hand seiner Liebsten an. Es ist schon so lange, aber ich sehe heute noch Silvanas strahlende Augen vor mir, als Antonio ihr den goldenen Ring an den Finger steckte und sie fragte, ob sie seine Frau werden wolle. Ich glaube, es gab keinen Mann im Dorf, der in diesem Moment nicht ein wenig eifersüchtig auf Antonio war. Sie war wirklich ein außergewöhnliches Mädchen, so wunderschön und so voller Liebreiz. Und als die beiden dann auf dem Markplatz tanzten, verließen alle anderen Paare die Tanzfläche, es schien, als ob sie alle in Ehrfurcht erstarrten vor der Liebe und dem Glück dieses jungen Paares. An diesem Tag ahnte ja niemand, wie tragisch diese junge Liebe enden sollte.“ Jimmys Müdigkeit ist verflogen. Er weiß nicht warum, aber die Geschichte des Wirts berührt ihn auf eine seltsame Weise. „Was ist passiert?“, fragt er gespannt und der Wirt erzählt ihm die ganze Geschichte.

„Im Sommer wollte das junge Paar heiraten und Antonio wollte seiner Frau ein schönes Haus bauen. Er war Fischer wie fast alle jungen Männer des Dorfes und von dem Tag an, an dem seine geliebte Silvana ihm ihr Ja-Wort gegeben hatte, fuhr er jede Nacht aufs Meer hinaus, um möglichst viele Fische zu fangen, denn seine Braut sollte das schönste Haus des Dorfes bekommen. Silvana aber saß jeden Abend am Meer und wartete, bis ihr Antonio mit seiner Beute zurückkam. Am Tag vor der Hochzeit war Silvana sehr aufgeregt, sie hatte schlecht geträumt und sie hatte große Angst, dass Antonio etwas zustoßen könnte. Deshalb bat sie ihn, in dieser Nacht nicht hinauszufahren, aber er lachte nur und sagte: „Silvana, was soll mir passieren? Ich fahre schon so lange aufs Meer hinaus und bin immer wieder zurück gekommen. Hab keine Angst, ich werde dir einen ganz besonders großen Fisch mitbringen heute Nacht!“ Unter Tränen küsste sie ihn, bevor er in sein kleines Fischerboot stieg, und als er schon auf dem Wasser war, rief sie ihm nach: „Ich bin dein, Antonio, ich bin dein für immer, was auch geschieht, nichts könnte mich jemals von dir trennen!“ In dieser Nacht kam ein schrecklicher Sturm auf, der schlimmste, den es in dem kleinen Dorf je gegeben hatte, und Antonio kam nicht zurück. Man fand sein kleines Boot am nächsten Morgen zertrümmert am Strand, ihn aber fand man nicht. Und am Tage ihrer Hochzeit stand Silvana in ihrem weißen Brautkleid am Meer und wartete, wartete auf ihren Bräutigam, der nicht kam, der nie wieder kommen würde. Sie weigerte sich, das Unfassbare zu glauben und sie verließ den Hafen nie mehr. Tag und Nacht sitzt sie seitdem in ihrem Brautkleid an der Anlegestelle und wartet auf ihren Antonio.“

In diesem Moment wird Jimmy klar, für wen sie ihn gehalten hat. Anscheinend hat sich ihr Geist im Lauf der Jahre so verwirrt, dass sie nicht mehr jung von alt unterscheiden kann, vielleicht lebt sie auch in dem Glauben, sie sei noch immer das junge Mädchen von früher. Diese alte Frau tut ihm furchtbar leid. Was hat sie getan, dass das Schicksal so grausam strafte? Seine eigenen Probleme kommen ihm plötzlich winzig klein vor, er hat eine Familie, hat Menschen, die ihn lieben, was will er mehr? Spontan verlässt er den Dorfgasthof und läuft mit schnellen Schritten zum Hafen. Sie sitzt immer noch unbeweglich da und starrt aufs Meer hinaus. Jimmy hat keine Ahnung, was er tun soll, er handelt einfach instinktiv und ohne zu überlegen. Ganz langsam geht er auf sie zu und flüstert: „Ich bin da, Geliebte, ich bin wieder da!“ Als sie sich umdreht, erkennt Jimmy, wie schön sie früher gewesen sein muss. „Antonio“, sagt sie mit fester Stimme, bevor sie ihn in ihre Arme schließt. „Ich wusste, du würdest wieder kommen. Weißt du noch, was ich dir gesagt habe? Ich bin dein, für immer, ich werde auf dich warten. Du hast mich lange warten lassen!“ Ihre Hände umfassen sein Gesicht und Jimmy spürt ihre Liebe, die nicht ihm sondern Antonio gilt. Er nimmt sie in seine Arme und hält sie ganz fest. „Komm Silvana“, sagt er dann leise, „wir werden unsere Hochzeit feiern heute Nacht!“

Er nimmt sie mit in die Dorfgaststätte und als der Wirt das Leuchten in den Augen der alten Frau sieht, bereitet er sofort ein Festmahl für die beiden zu und stellt eine Flasche seines besten Weines auf den Tisch. Der Rotwein lässt die Wangen der alten Frau glühen und als sie ihm in die Augen sieht, weiß Jimmy plötzlich, warum alle Männer des Dorfes ein wenig in Silvana verliebt waren. Ja, sie muss eine ganz außergewöhnliche Frau gewesen sein. „Lass uns tanzen“, ruft er schon ein wenig vom Alkohol benebelt, und dann zieht er sie einfach aus der Gaststätte und sie scheinen über den Marktplatz zu schweben. Noch nie hat Jimmy so viel Liebe, so viel Glück in den Augen eines Menschen gesehen als jetzt in denen der alten Frau. Ihr altes Brautkleid scheint sich in ein wunderschönes Ballkleid verwandelt zu haben, ihr Mund strahlt und ihre Wangen leuchten. Es ist schon fast Morgen, als Jimmy sie in sein Zimmer bringt und sie sanft aufs Bett gleiten lässt. Als er aus dem kleinen Bad kommt, ist sie schon eingeschlafen und er ist dankbar dafür. Eine ganze Weile steht er vor dem Bett und betrachtet gerührt ihr glühendes Gesicht und ihren lächelnden Mund, der verrät, dass sie sich in einem sehr schönen Traum befindet. Und dann öffnet sie plötzlich die Augen und schaut ihm mitten ins Gesicht. „Ich liebe dich Antonio, ich liebe dich für immer“, flüstert sie und schlingt die Arme um seinen Hals. Er sitzt noch lange da und hält sie fest, während sie längst wieder in ihren tiefen Schlaf gesunken ist. Und die ganze Zeit laufen ihm Tränen übers Gesicht, auch wenn er gar nicht weiß warum. Als er sie am nächsten Morgen wecken will, sieht er sofort, dass sie tot ist. Die Aufregung war wohl zuviel für ihr altes Herz. Aber noch im Tod strahlt ihr Gesicht vor Glück.

Als Jimmy das kleine Dorf verlässt, sieht er vor lauter Nebel kaum die Hand vor Augen. Und dann, kurz bevor er auf sein Schiff geht, glaubt er plötzlich, Stimmen zu hören. „Antonio?“ „Ja, Silvana, ich bin hier!” “Vergiss es nie, ich liebe dich und ich bin dein, für immer, und nichts und niemand kann uns trennen!“ Vielleicht ist es nur der Nebel, aber Jimmy ist sich ganz sicher, dass in diesem Moment eine junge Frau in einem weißen Hochzeitskleid und ein junger Mann mit langen Locken engumschlungen an ihm vorübergehen. „Leb wohl, Silvana“, flüstert er und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Sie hat ihren Frieden gefunden und er seinen auch. Er will jetzt nur noch eines: nach Hause zu seiner Schwester, zu seiner Familie, die ihn liebt...