Hello Joanne

by Uli (November 2000)

Dan Kelly staunte nicht schlecht, als ihm sein zehnjähriger Sohn Joseph eröffnete, er wolle in die Schule gehen. „Aber Joey, keiner von euch hat je eine Schule besucht, ich kann euch doch selbst unterrichten!“ Aber Joey ließ keine Widerrede gelten und Dan Kelly kannte seinen Sohn. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, kam man nicht gegen ihn an. Die Kinder aus dem Dorf hatten ihm erzählt, er müsse in die Schule gehen, wenn er später Automechaniker werden wolle und nichts wollte Joey lieber. Also gingen sie am nächsten Morgen zusammen zur Dorfschule und meldeten Joey an. Die Lehrerin, eine sehr attraktive Frau Mitte Zwanzig, freute sich über den Zuwachs in ihrer Klasse. Er könne gleich bleiben, wenn er wolle, meinte sie nur und Joey blieb. Er fühlte sich wohl in der Schule und lernte fleißig, bis, ja bis zu jenem Tag, an dem ihm ein paar ältere Schüler auflauerten und ihn beschimpften. Er sei ein Zigeuner und ein Asozialer, wer würde schon in einem Bus wohnen und überhaupt, eine Familie mit so vielen Kindern, das sei ja nicht normal. Joey war ein sehr impulsiver Junge, der sich nichts gefallen ließ und auch vor Größeren keine Angst hatte. Er warf seinen Ranzen auf den Boden und ging auf den Anführer der Bande, der mindestens einen Kopf größer war als er, zu. „Nimm sofort zurück, was du gesagt hast, sonst haue ich dir eins auf die Nase!“ sagte er unerschrocken. Aber er hatte keine Chance. An diesem Nachmittag kam Joey mit blutender Nase und zerrissenen Kleidern von der Schule nach Hause. Er verbot seinem Vater, sich einzumischen, und ging am nächsten Morgen zur Schule, als sei nichts gewesen. Aber von diesem Tage an war er sehr vorsichtig, er sprach nicht mehr viel mit den anderen Schülern und galt schon bald als Sonderling. Joanne Wright, seine Lehrerin, machte sich Sorgen um Joey. Sie mochte den Jungen, er war unheimlich wissbegierig und sah irgendwie niedlich aus mit den schulterlangen Haaren und den selbstgenähten Hemden aus grobem Leinen, die er immer anhatte. In der Pause sprach sie ihn an, ob er Probleme hätte. Joey schaute ihr lange in die Augen. Ihm gefiel seine Lehrerin sehr gut, er schwärmte für sie. Sie war sehr hübsch mit ihren großen dunkelgrünen Augen und den hennarot gefärbten Haaren, die ihr bis zur Taille reichten. Sie war nicht so wie die anderen Erwachsenen, die er kannte. Jeden Morgen kam sie mit ihrem Motorrad zur Schule und in ihren hautengen Lederhosen sah auch ein Zehnjähriger, was für eine tolle Figur sie hatte. Joey druckste ein wenig herum, dann erzählte er ihr von seiner Begegnung mit den älteren Schülern und davon, wie sie ihn verspottet hatten. Joanne zögerte keine Sekunde und nahm sich die Älteren zur Brust. Sie sollten Joey Kelly in Ruhe lassen, machte sie ihnen unmissverständlich klar. Jetzt hatte sie Joeys Herz endgültig erobert. Wann immer er Sorgen hatte, kam er zu ihr, denn er wusste, sie konnte ihm immer helfen. Zwei Jahre ging Joey bei ihr zur Schule, er war inzwischen zwölf und bis über beide Ohren verliebt in seine gutaussehende Lehrerin. Mädchen interessierten ihn nicht, sie waren alle so langweilig. Für ihn war es das Größte, wenn Joanne ihn auf ihrem Motorrad mitnahm, das tat sie oft, wenn er, der Technik-Freak, ihr wieder einmal eine kleine Reparatur erledigt hatte. Dann, von einem Tag auf den anderen, zogen die Kellys weg, weit weg nach Deutschland. Zum Abschied schenkte Joey seiner Lehrerin den kleinen silbernen Boxhandschuh, den er an einem Lederband um den Hals trug, und sie freute sich sehr darüber. Sie küsste ihn auf die Wange und versprach ihm, dass sie ihn nie vergessen würde. Somit war Joeys Schulzeit beendet und er konzentrierte sich auf die Musik. In den nächsten Jahren gaben die Kellys fast jeden Tag Straßenkonzerte und bald waren sie in ganz Europa bekannt. Viele Mädchen interessierten sich für Joey, aber er sich nicht für sie, tief in seinem Herzen dachte er immer noch an seine Lehrerin. Für Joey war es eine schwierige Zeit, damals. Er wusste nicht, was er wollte, und er hatte niemanden, mit dem er darüber reden konnte. Sein Vater hatte so klare Ziele, er hatte immer genau gewusst, was er tun wollte, er konnte Joeys Gedanken nicht nachvollziehen. In dieser Zeit dachte er fast jeden Tag an seine Lehrerin, sie hätte bestimmt gewusst, was das Beste für ihn wäre, aber er wusste es nicht. Zwar stand er jeden Tag mit seinen Geschwistern auf der Bühne, aber er träumte immer noch seinen Traum, Automechaniker zu werden. Jeden Tag suchte er Streit mit seinen Geschwistern, er wurde immer verschlossener und niemand kam mehr an ihn heran. Schließlich schickte ihn sein Vater für vier Wochen nach Irland zu seinem Onkel, dem Onkel, in dessen Autowerkstatt Joey schon als kleiner Junge so viel Zeit wie möglich verbracht hatte. Joey sollte dort einen Monat lang arbeiten und sich dann entscheiden, was er in Zukunft machen wolle. Auf der Fahrt zum Haus seines Onkels kam der inzwischen Sechzehnjährige an der Dorfschule vorbei und ging spontan hinein. Ob sie wohl noch da war? Nein, berichtete ihm die Sekretärin, Miss Wright hätte vor drei Jahren geheiratet, einen angesehenen Geschäftsmann, und unterrichte seither nicht mehr. Sie lebte jetzt mit ihrem Mann in Dublin. Einen angesehenen Geschäftsmann? Seine Joanne, die wilde Joanne mit ihrem Motorrad? Joey konnte es nicht glauben. Er war schon fast wieder auf der Straße, als ihn die Sekretärin noch einmal zurück rief. Am Wochenende sei ein großes Fest im Ballsaal des Ortes zum Abschluss der zehnten Klasse, die Klasse, in der Joey damals gewesen war. Vielleicht würde Miss Wright ja auch kommen. Er wollte nicht zu diesem Fest gehen, aber dann, am Samstag, es war schon fast 22.00 Uhr, fuhr er doch noch mit seinem alten Moped zum Ballsaal. Unsicher betrat er den Raum. Er sah viele junge Menschen auf der Tanzfläche, aber Joanne konnte er nirgends entdecken. Er wollte schon wieder gehen, da sah er sie. Sie trug die Haare jetzt kurz und dunkel und ihre Lederhose hatte sie gegen ein schickes Kostüm getauscht, aber sie sah immer noch so gut aus wie damals, fast noch besser, die kurzen Haare standen ihr gut. Joeys Herz begann wie wild zu klopfen. Was sollte er tun? Sie einfach ansprechen? Und wenn sie ihn nicht erkannte? Er warf alle Bedenken über Bord und ging direkt auf sie zu. „Hallo Joanne, kennst du mich noch?“ Er hielt es für angemessen, sie zu duzen, schließlich war er sechzehn und kein kleiner Junge mehr. Erstaunt drehte sie sich zu ihm um und sah ihm direkt in die Augen. Sein Herz raste. „Joey, mein kleiner Joey, das ist ja eine Überraschung!“ Sie schaute ihn lange und abschätzend an. Er sah gut aus, verdammt gut, mit seinen wilden langen Haaren und der sportlichen Figur. Jetzt war er es, der eine enge schwarze Lederhose trug. Spontan küsste sie ihn auf die Wange und fuhr mit der Hand durch sein langes Haar. Sie setzten sich an einen Tisch und er erzählte, wie es ihm ergangen war, dabei konnte er den Blick nicht von ihr wenden. Sie war so schön. „Du hast geheiratet?“ fragte er schließlich. Ihr Blick verfinsterte sich einen kurzen Moment, ehe sie antwortete. Ja, sie sei mit einem bekannten Geschäftsmann verheiratet, aber manchmal frage sie sich, ob es richtig gewesen war. Sie hatte ihn kennen gelernt, kurz nachdem Joey die Schule verlassen hatte, auf einem Empfang im Rathaus des Dorfes, und hatte ihn ein Jahr später geheiratet. Joey spürte sofort, dass sie unglücklich war, und nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Wollen wir tanzen?“ Als sie ihn anschaute, war etwas in ihrem Blick, das ihn verlegen machte. Er führte sie auf die Tanzfläche und nahm sie sanft in die Arme. „Du tanzt gut, Joey“ meinte sie zwei Runden später völlig außer Atem, „lass uns etwas trinken“, aber in diesem Moment fing die langsame Runde an. Als ihre Blicke sich trafen, wusste Joanne, was passieren würde und auch, dass sie es nicht durfte, aber es war ihr egal. Dieser Junge hatte etwas, dem sie sich nicht entziehen konnte, da war eine Leidenschaft in seinem Blick, die ihr schier den Atem raubte. Nein, er war kein kleiner Junge mehr, vor ihr stand ein Mann, ein Mann, der sie begehrte. Wie lange hatte sie keinen solchen Blick mehr gesehen. Ihr Mann war so zynisch, so kalt. Wieder einmal fragte sie sich, wie es hatte so weit kommen können. Sie hatte sich von seinem selbstsicheren und weltgewandten Auftreten blenden lassen, hatte ihre Unabhängigkeit und auch all ihre Träume eingetauscht gegen die Sicherheit, die er ihr bieten konnte, aber dafür hatte sie einen hohen Preis bezahlt. Sie war seine schöne Puppe, sein Besitz, den er stolz seinen Geschäftsfreunden präsentierte. Und jetzt stand dieser Junge vor ihr und in seinen Augen sah sie nichts als Bewunderung und Verlangen. Sie schloss die Augen und gab sich ganz der Musik und ihren Bewegungen hin. Joey war schwindlig von ihrer Gegenwart. Er hielt sie fest, viel zu fest, sie sahen die anderen nicht mehr, es gab nur noch ihn und sie. Sein Verlangen, sie zu küssen, sie zu berühren, wurde fast unerträglich, aber er wusste nicht, was er tun sollte, er war so jung und sie schien ihm so unerreichbar. „Wollen wir gehen?“ hörte er sie flüstern und plötzlich hatte er Angst. Was würde passieren? Er hatte noch nie mit einem Mädchen geschlafen, war völlig unerfahren. Sie sah die Angst in seinen Augen und sagte leise zu ihm: „Hab keine Angst, kleiner Joey, es wird wunderschön, das verspreche ich dir!“ Eine Nacht, nur eine Nacht, dann würde sie ihn gehen lassen. Sie setzte sich hinter ihn auf die schmale, zerschlissene Sitzbank seines kleinen Mopeds, und hielt sich an ihm fest, auf ihr teures Kostüm nahm sie keine Rücksicht. Es war so schön, den Fahrtwind zu spüren, sie vermisste ihr Motorrad sehr, aber in der Welt der reichen Geschäftsmänner war kein Platz für eine Motorradbraut. Sie dirigierte Joey zu dem kleinen Appartement, in dem sie wohnte, wenn sie in das kleine Dorf kam, um ihre Eltern zu besuchen. Sie wusste, dort würde niemand sie suchen, dort würden sie ungestört sein. Als sie in dem kleinen Schlafzimmer standen, wurde sie plötzlich verlegen. War es richtig, was sie tat? Er war so jung, sie war fast doppelt so alt wie er und plötzlich kam sie sich neben ihm vor wie eine alte Frau. Als habe er ihre Gedanken erraten, flüsterte er: „Joanne, du bist so wunderschön, ich ...“. Er wusste nicht, wie er seine Gefühle für sie in Worte fassen sollte. Er liebte sie, ja er war ganz sicher, ihre Nähe raubte ihm den Verstand. Er war wie erstarrt, wusste nicht, was er tun sollte. Und dann küsste sie ihn und vor Joeys Augen tanzten tausend Sterne. „Ich liebe dich, ich liebe dich“ flüsterte er, als ihre warmen Finger unter sein Hemd glitten und begannen, seinen Körper zu liebkosen. Sie hatte aufgehört zu denken, ließ sich einfach mitreißen von der ungestümen und doch zärtlichen Leidenschaft seiner Jugend. Diese Nacht mit ihm war so wunderschön, noch nie hatte sie das Gefühl gehabt, so geliebt zu werden wie von diesem Jungen. Als er ihre Tränen sah, erschrak er. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ „Nein, kleiner Joey, nein, ganz im Gegenteil, ich hatte einfach vergessen, wie schön es sein kann!“ Sie wollte ihn wegschicken am nächsten Morgen, aber sie konnte nicht. Aus einer Nacht wurden vier Wochen, vier wunderschöne Wochen. Ihrem Mann erzählte sie, ihre Mutter sei krank und sie könne nicht weg, aber ihm war sowieso egal, was sie tat. Sie sprachen oft über Joeys Probleme und darüber, dass er nicht wusste, welche Entscheidung er für seine Zukunft treffen sollte. „Joey, tu das, was dein Herz dir sagt“ meinte Joanne, aber er fragte nur: „Und warum tust du das dann nicht?“ Er kannte sie gut, viel besser als sie annahm. Sie waren sich so ähnlich, jeder von ihnen spürte genau, was der andere dachte und fühlte. Ja, auch sie musste tun, was ihr Herz ihr sagte, sie wollte wieder leben, nicht länger nur existieren. Sie warf ihr teures Kostüm in die Altkleidersammlung und kramte ihre alten Lederklamotten wieder heraus. Joey half ihr, ihre Haare wieder mit Henna rot zu färben wie früher und jeden Tag fuhren sie mit ihrem alten Motorrad, das er wieder flott gemacht hatte, durch das Land. Kurz bevor Joeys Aufenthalt in Irland zu Ende ging, brachte er seine Gitarre mit und spielte ihr ein Lied vor, das er für sie geschrieben hatte, „Hello Joanne“. Sie weinte, als er es ihr vorsang. „Joey“ sagte sie dann leise, „was immer du auch entscheidest für deine Zukunft, versprich mir, dass du die Musik niemals aus deinem Leben verbannen wirst. Wenn du es wirklich willst, erfülle dir deinen Traum und werde Automechaniker, aber ich weiß, dein Herz gehört der Musik, sonst könntest du nicht solche Lieder schreiben!“ Er dachte lange über ihre Worte nach und dann wusste er endlich, was er tun würde. Als sie ihn zum Bahnhof brachte, weinten sie beide. Sie wussten, sie würden sich nicht wiedersehen. Sie hatten sich getroffen zu einem Zeitpunkt, in dem sie beide nicht weiter wussten, in dem jeder von ihnen ganz dringend einen Menschen brauchte, der ihn bedingungslos liebte, dem er vertrauen konnte. In den vier Wochen, in denen sie zusammen waren, hatten sie einander so viel gegeben, viel mehr als manche Paare in vielen Jahren. Beide wussten jetzt, was sie erwarteten vom Leben, was sie tun wollten, jetzt musste jeder von ihnen seinen Weg allein gehen. Zum Abschied gab sie ihm ein kleines Päckchen. „Nimm es, es war immer meine Erinnerung an dich, aber jetzt brauche ich es nicht mehr, jetzt habe ich viel schönere Erinnerungen. Ich werde ihn verlassen und ganz neu anfangen, Joey, das verspreche ich dir!“ In dem Päckchen war das Lederband mit dem silbernen Boxhandschuh, das er ihr einst geschenkt hatte. Unbemerkt steckte er ihr seine Adresse in die Tasche, obwohl sie vereinbart hatten, sich nicht zu schreiben. Ein letzter Kuss, dann kam der Zug. Joey schaute nicht zurück. Als er wieder daheim war, staunten sein Vater und seine älteren Geschwister, als er ihnen seine Entscheidung mitteilte. Mit fester Stimme und entschlossenem Blick erklärte er ihnen, dass er von nun an der Manager der Band sein wolle. Keiner widersprach ihm, denn alle wussten, wenn Joey sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er keine Widerrede gelten. Keiner seiner Geschwister konnte sich erklären, was mit ihm passiert war, aber etwas war nicht zu übersehen: Aus dem kleinen Joey war ein Mann geworden. Nach ein paar Monaten bekam er einen Brief von Joanne. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt und machte mit ihrem Motorrad eine große Tour quer durch ganz Europa. Joey war stolz, stolz und glücklich.

Für Joey, weil er uns immer wieder zeigt, dass man nie aufgeben darf, was auch immer passiert. Danke!