Kelly-Wahnsinn

by Uli (Dezember 2000)

Es ist Donnerstag, der 28. Dezember 2000, 19:54 Uhr, die Kellys stehen seit 25 Minuten in der Meervaarthalle in Amsterdam auf der Bühne (na ja, so lange wohl noch nicht, wir wissen ja, dass sie sich meist verspäten) und wo bin ich? Nicht etwa in Amsterdam, nein, ich sitze hier trauernd an unserem PC und schreibe diese Geschichte für euch, eine wahre Geschichte, die Geschichte meines ersten kleinen Sieges über den Kelly-Wahnsinn, und sie hat sich genau so zugetragen, wie ich es euch jetzt erzählen werde.

Freitag, 29.09.2000:
Heute ist ein absoluter Glückstag. Habe gerade erfahren, dass es uns durch äußerst glückliche Umstände doch noch möglich sein wird, auf das Expo-Konzert am 08.10.2000 zu fahren. Tina und ich freuen uns schon total. Ja, ich weiß, es ist Wahnsinn, so weit zu fahren für ein Konzert, aber was tut man nicht alles für die Kellys.

Sonntag, 08.10.2000:
Wir stehen in der Beatbox auf dem Expo-Gelände in Hannover, ganz nah an der Bühne, und sind mehr als happy, unsere Kellys wieder einmal live erleben zu dürfen. Das Konzert ist supertoll, auch wenn die Aktion mit dem Lied, das wir Fans für die Kellys singen wollen, nicht so recht klappen will. Doch was muss ich plötzlich hören? Jimmy tritt vor und verkündet, dass sie in diesem Jahr nur in Deutschland keine Konzerte mehr geben werden, im Ausland werden sie spielen. Ja wie??? Hat das also doch gestimmt, was ich morgens gehört habe, nämlich dass in Holland Konzerte stattfinden und zwei davon bereits ausverkauft sind? Eine Weihnachtstour, aber nicht in Deutschland? Schweine! Wie können sie uns so etwas antun? Das darf ja wohl nicht wahr sein.

Montag, 09.10.2000:
Bin verzweifelt auf der Suche nach den neuen Auslands-Tourdaten und werde auch sogleich fündig, da wir ja inzwischen nicht mehr hinter dem Mond leben sondern auch an das allwissende Internet angeschlossen sind. Tatsächlich: 5 Konzerte in Holland, eines in Amsterdam am 28.12.00, zwei in Utrecht am 29.12.00 und zwei in Groningen am 30.12.00. Mein vom Wahnsinn angegriffenes Gehirn arbeitet fieberhaft. Was ist nun zu tun? Als erstes rufe ich die Website des holländischen Ticketservices auf. Klasse, es gibt noch Karten. Schon völlig euphorisch suche ich unter www.bahn.de nach geeigneten Zugverbindungen. Oh Gott, Schock: Nach Amsterdam sind es sechs Stunden Zugfahrt von uns aus. Nicht auszudenken, was das kosten würde. Gut, dann fahren wir eben nicht.

Mittwoch, 18.10.2000:
Bin wieder im Internet. Der Wahnsinn hat sich in meinem Gehirn weiter vorgearbeitet. Vielleicht habe ich mich ja getäuscht mit der Zugverbindung. Schaue mal unter Utrecht. Auch fast sechs Stunden, das kann doch nicht wahr sein. Nach Groningen sind es nur viereinhalb Stunden, das wäre doch was für uns. Halt, da bemerke ich, dass die Groningen-Konzerte ja am 30.12.2000 stattfinden und somit für uns ausfallen, weil wir abends keinen Zug mehr zurück nach Hause bekommen und somit erst am 31.12.2000 wieder daheim wären. Das fällt aus, denn an diesem Tag findet unsere alljährliche Silvesterfeier statt und die Leute, die da kommen, halten mich eh schon für komplett verrückt. Groningen wird also endgültig gestrichen. Nein, wir werden nicht nach Holland fahren.

Freitag, 17.11.2000:
Vier Wochen lang war Ruhe. Klasse. Bin sehr stolz auf mich. Dann bekomme ich diese Mail von Petra, die mir mitteilt, dass Bine vielleicht mit dem Zug nach Holland fährt. Und wieder beginnt der Wahnsinn zu arbeiten. Ich rufe „nur mal so“ im Internet die Seite des Ticketservice in Holland auf und ... bekomme einen Schock. Alle Konzerte ausverkauft. Na klasse, gut gemacht. Und wenn wir nun doch fahren wollen? Panik überkommt mich. Dann sage ich mir, dass es wohl besser so ist. Es wäre sowieso der pure Wahnsinn, so eine lange Zugfahrt auf sich zu nehmen nur für ein Konzert. Wir werden nicht fahren.

Freitag, 01.12.2000
Der Wahnsinn lässt nicht locker. Ich schicke eine Mail an die Ticketservices in Amsterdam und Utrecht. Vielleicht gibt es ja doch noch Karten. Alle fünf Minuten renne ich zum PC und schaue, ob ich eine Antwort habe, aber nichts passiert. Also rufe ich in Amsterdam an. Die ernüchternde Auskunft lautet: Es gibt keine Karten mehr und auch keine Abendkasse. Schließlich bekomme ich auch eine gleichlautende Mail aus Utrecht. Okay, okay, ich gebe mich geschlagen. Wir werden definitiv nicht fahren.

Montag, 04.12.2000:
Etwas Unglaubliches passiert. Ich finde auf dem PC eine Mail von der Ticketbox in der Meervaarthalle in Amsterdam, in der eine sehr nette Dame mir mitteilt, sie hätte zwei Karten für das Konzert für mich reserviert und ich solle sie am Tag des Konzerts vor 19:00 Uhr abholen. Wie?? Karten reserviert?? Ich denke, das Konzert ist komplett ausverkauft?? Bestimmt will mich da jemand für dumm verkaufen, also maile ich sofort zurück, ob ich die Karten auch per Post bekommen könnte (habe ja eine Kreditkarte, Bezahlung wäre also kein Problem).

Dienstag, 05.12.2000:
Wieder renne ich alle fünf Minuten zum PC, um meine Mails abzurufen, und dann, endlich, ist sie da, die Antwort aus Amsterdam. Nein, ich könne nicht per Kreditkarte bezahlen und sie könne mir die Karten auch nicht per Post schicken, aber sie seien auf jeden Fall für mich reserviert. Ich glaube zu träumen: Wir bekommen Karten für Amsterdam. Aber, halt, da fällt mir ein, wenn wir die Karten erst kurz vor dem Konzert abholen können, dann sind ja alle schon drin und wir müssen ganz hinten stehen. Das geht ja nicht. Energisch rufe ich mich zur Raison: Nein, wir werden nicht nach Amsterdam fahren.

Freitag, 08.12.2000:
Habe mir überlegt, dass es vielleicht besser wäre, auf das Nachmittagskonzert nach Utrecht zu fahren, dann könnten wir am selben Abend noch zurückfahren. Eine hektische Suche nach Karten beginnt. Stündlich inseriere ich im Internet und suche nach Karten. So ganz nebenbei starte ich vorsichtshalber mal eine Anfrage bei der Jugendherberge in Amsterdam, ob da noch was frei ist. Die Antwort kommt prompt: Sie hätten noch zwei Betten in einem Sechserzimmer frei. Sechserzimmer? Ach nee, dann sehen die ja alle meine elektrische Zahnbürste, die ich überall hin mitnehme. Das muss dann ja wirklich nicht sein. Ich treffe eine endgültige Entscheidung: Wir werden nicht nach Holland fahren.

Freitag, 15.12.2000:
Trotz der Hilfe von vielen sehr netten Fans (ganz lieben Dank an Simone und alle, die uns sonst noch helfen wollten), haben wir keine Karten für Utrecht bekommen, ja, schon, für das Abendkonzert hätten wir welche haben können, aber das geht ja nicht, weil wir dann wieder keinen Zug mehr nach Hause kriegen. So „mehr aus Spaß“ rufe ich mal bei der Reiseauskunft der Deutschen Bundesbahn an und erkundige mich, ob es wohl eine Möglichkeit gebe, dass meine Tochter und ich am 28.12.00 morgens nach Amsterdam und abends wieder zurück fahren. Der Mann am Telefon fällt fast in Ohnmacht. Ob ich wahnsinnig sei, möchte er wissen. Ich? Wahnsinnig?? Also bitte, das ist ja wohl eine Unverschämtheit. Ja, es gäbe noch einen Zug zurück, um 23:00 Uhr (klasse, das passt ja mit den Konzertzeiten zusammen), aber er braucht 10 Stunden bis zu uns nach Hause und außerdem müssten wir drei Mal umsteigen und das mitten in der Nacht. Ich sehe uns vor meinem geistigen Auge an einem kleinen unheimlichen Bahnhof stehen und womöglich noch überfallen werden, irgendwo in Deutschland mitten in der Nacht. Und dann wird keiner der Kellys da sein, um uns zu retten. Nein, nein, so geht es nicht. Wir werden nicht fahren. Ach ja, die Zugfahrt würde übrigens ca. 350,-- DM kosten, fast geschenkt also.

Montag, 18.12.2000:
Inzwischen hat Simone mir gemailt, dass sie auf das Nachmittagskonzert in Utrecht geht. Ich gönne es ihr wirklich von Herzen, aber ich will auch!! Nun scheint der Wahnsinn offensichtlich sein Endstadium zu erreichen, denn nur so ist es zu erklären, dass ich mich spontan entschließe, mit Tina nach Amsterdam zu fahren, koste es, was es wolle (macht doch nichts, beruhige ich mich selbst, schließlich arbeite ich ja auch und habe dazu noch Weihnachtsgeld bekommen). Also gut: Ich nehme der netten Dame von der Ticketbox nochmals schriftlich das Versprechen ab, uns die Tix auf jeden Fall aufzuheben, und beschließe dann, dass wir schon am 27.12. nach Amsterdam fahren und die Tickets da schon abholen werden. Wir gesagt: Wir wollen ja nicht ganz hinten stehen.

Samstag, 23.12.2000:
Der Tag vor Weihnachten. Natürlich habe ich es vor lauter Amsterdam-Bemühungen nicht geschafft, alle meine Geschenke rechtzeitig zusammen zu kriegen, und muss noch schnell in die Stadt. Eigentlich wollte ich auch gleich noch zum Bahnhof, unsere Tickets besorgen, aber irgendwas hält mich davon ab. Stattdessen tue ich das Unglaubliche: Ich stelle einen Gutschein für das Amsterdam-Konzert für Tina aus.

Sonntag, 24.12.2000:
Heiliger Abend: Tina schaut etwas ungläubig, als sie den Gutschein öffnet, sie glaubt mir nicht so richtig, dass die Tix wirklich für uns reserviert sind. Wir beschließen dann, doch erst am 28.12. zu fahren und uns irgendwie von hinten nach vorne durchzumogeln. Ich schicke mehrere E-Mails an die Jugendherberge, bekomme aber keine Antwort. So ein Mist.

Dienstag, 27.12.2000:
Morgens kommt eine E-Mail von der Jugendherberge: Alles besetzt. Na, auch egal, buche ich die Übernachtung eben im Reisebüro am Bahnhof. Als ich mich morgens auf den Weg zum Bahnhof machen will, habe ich plötzlich diese Vision: „Ich sehe mich vor Schloss Gymnich sitzen (ich nehme mal an, dass es Schloss Gymnich ist, ich war da noch nie), mutterseelenallein, ganz alt und mit langen, verfilzten weißen Haaren, von meinem Mann und meinen Kindern verlassen, und auf die Kellys warten. Aber sie kommen nicht. Offensichtlich wohnen sie nicht mehr hier.“ In diesem Moment wird mir klar, wie weit mein Kelly-Wahnsinn schon fortgeschritten ist. Nein, wir werden nicht nach Holland fahren, mein Mann wird mich nicht verlassen und ich werde nicht in der Irrenanstalt enden. Als ich es Tina erzähle, reagiert sie genau so, wie ich wohl auch reagiert hätte: Sie ist total sauer. Ich kann es auch nur zu gut verstehen, es ist ja auch gemein, ihr erst den Gutschein zu schenken und dann alles abzublasen. Aber ich musste es tun, ich weiß nicht, ob irgendjemand das jetzt versteht, ich hatte keine andere Wahl.

Dienstag, 28.12.2000:
Die Kellys spielen in Amsterdam und ich sitze hier und versuche, meinen kleinen Sieg über den Wahnsinn zu genießen, aber irgendwie will es nicht klappen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich jetzt auch in Amsterdam sein, aber man kann nicht alles haben. Sie sind so oft in unserer Nähe, ich habe sie in diesem Jahr schon sieben Mal gesehen, reicht das nicht? Und Tina? Ich hoffe, ja ich glaube, sie wird mir verzeihen.

Ja, so war das mit meinem kleinen Sieg über den Kelly-Wahnsinn, aber eines kann ich euch sagen: Wenn sie wieder kommen, und das werden sie, daran glaube ich ganz fest, dann gehen wir auf alle Konzerte in unserer Nähe! Das ist Wahnsinn?? Ja, richtig, aber wisst ihr was? Das ist mir egal!!! Und überhaupt: Sind wir nicht alle ein bisschen kelly?!