Life on the stage

by Uli (05.11.2002)

Schon seit einer halben Stunde sitzt er im Esszimmer am gedeckten Tisch und wartet auf sie. Den Braten und das Gemüse hat er zum Warmhalten in den Backofen gestellt, aber er weiß genau, es wird nicht mehr schmecken wie es schmecken sollte, wenn sie nachher kommt. Wenn sie kommt! Vielleicht ruft sie ja auch in einer Stunde an, um ihm zu sagen, dass die Proben wohl wieder so lange dauern werden, dass sie in dem kleinen Hotel neben dem Opernhaus übernachten wird. Für die Hauptakteure sind dort immer Zimmer reserviert, denn niemand kann vorher genau sagen, wie lange die Proben dauern. Aber er war sich so sicher, dass sie heute pünktlich sein wird, denn heute ist ein ganz besonderer Tag, ihr erster Hochzeitstag, und er hat ihr einen großen Strauß wunderschöner lachsfarbener Lilien gekauft und einen kleinen goldenen Herzanhänger mit einem Diamantsplitter. Die Blumen stehen an ihrem Platz und das kleine Päckchen liegt auf ihrem Teller, er hat die schönste Tischdecke auf den Tisch gelegt und eine Flasche Champagner kalt gestellt. Heute sollte ein ganz besonderer Abend werden, ein Abend, der ihm wieder ein bisschen Mut macht, der ihm zeigt, dass ihre Liebe noch einen Sinn hat, dass er ihr noch etwas bedeutet, dass sie ihn noch liebt.

Wie schön war die erste Zeit in Spanien, als er endlich ausgebrochen war aus dem Gefängnis aus Ruhm und Hysterie, hier kannte ihn niemand, hier lauerte ihm niemand auf, wenn er morgens das Haus verließ, um beim Bäcker frische Brötchen zu kaufen. Und Maite, die in Deutschland sehr unter seiner Bekanntheit gelitten hatte, blühte zu einer wunderschönen, lebenslustigen Frau auf. Ihre Liebe wuchs von Tag zu Tag und er war der glücklichste Mann auf Erden. Ja, manchmal dachte er an die Zeit, als er noch auf der Bühne stand, als die Musik noch sein Leben war, aber je länger er in Spanien lebte, desto weiter weg schien ihm diese Zeit. Sein Leben war jetzt hier, an der Seite der Frau, die er liebte. Er träumte von vielen Kindern und als sie ihm sagte, sie wolle damit noch warten, war er sicher, dass ihr Wunsch nach einem eigenen Kind schon bald kommen würde, aber er täuschte sich. Endlich konnte sie sich ihrer Karriere widmen und das tat sie mit all ihrer Kraft und er unterstützte sie darin, schließlich war sie auch immer an seiner Seite gewesen in Deutschland, sie hatte ihre eigenen Wünsche immer zurück gestellt, um die seinen zu erfüllen. Es war nur gerecht, dass sie jetzt anfing, ihr eigenes Leben zu leben, aber er konnte doch nicht ahnen, dass in diesem Leben für ihn kein Platz war. Anfangs ging er mit, wenn sie zum Proben in die Oper ging, aber er konnte nichts anfangen mit dieser Musik und mit diesen Menschen, die in einer ganz eigenen kleinen Welt zu leben schienen. Also blieb er zu Hause und kümmerte sich um den Haushalt und schließlich begann er, Oliven zu züchten, eine Tätigkeit, die ihn eine zeitlang ausfüllte, aber immer öfter merkte er, dass ihm etwas fehlte, aber er konnte nicht sagen, was es war.

Sie ruft nicht an, aber sie kommt auch nicht und seine Laune sinkt auf den Nullpunkt. Er geht in die Küche, um nach dem Essen im Ofen zu sehen, und mit einem Blick erkennt er, dass es nicht mehr genießbar ist, das Gemüse ist verkocht und der Braten zäh und viel zu dunkel. Mit einer wütenden Bewegung nimmt er die Schüsseln aus dem Ofen und schüttet den Inhalt in den Abfalleimer. Dann geht er zurück ins Wohnzimmer und schenkt sich ein großes Glas Rotwein ein. Viel zu schnell trinkt er es aus und er spürt wieder dieses Gefühl von Leere in sich aufsteigen. Liebt sie ihn noch oder sieht sie nur noch den Mitbewohner in ihm, den langweiligen Mann, der den ganzen Tag zu Hause sitzt und darauf wartet, dass sie heimkommt? Er weiß es nicht und er will es auch gar nicht wissen. Nachdem er noch ein weiteres Glas Wein getrunken hat, stürzt er aus dem Haus. Er braucht frische Luft, um über seine Zukunft nachzudenken. Im Dorf kommt ein junges Mädchen auf ihn zu und einen Moment lang wünscht er sich fast, sie hätte ihn erkannt und wolle ihn um ein Autogramm bitten. Aber sie schaut ihn nur mit ausdruckslosen Augen an und fragt ihn nach dem Weg zur Kirche. Wie sollte sie ihn auch erkennen? Niemand kennt ihn hier, hier ist er kein Star, er ist nur ein Bauer, der Oliven züchtet. Und wieder steigt diese Sehnsucht in ihm auf, die Sehnsucht danach, auf einer Bühne zu stehen und die Freude in den leuchtenden Augen der Menschen zu sehen, die ergriffen seinen Liedern lauschen und denen er mit seiner Stimme ein wenig Freude, ein wenig Wärme bringt. Was ist nur mit ihm passiert, warum sehnt er sich plötzlich nach etwas, das er als Gefängnis betrachtet hat, das ihm manchmal fast die Luft abgeschnürt hat? Aber war es wirklich ein Gefängnis oder waren es nicht seine Lieder, die seinem Leben einen wirklichen Sinn gaben? Er hat die Hysterie gehasst, ja, aber trotzdem ist er jedes Mal, wenn er irgendwo eine Bühne betreten hat, mit all seinen Sinnen eingetaucht in diese ganz eigene Magie zwischen ihm und seinem Publikum.

Er läuft nach Hause und hofft so sehr, dass sie inzwischen gekommen ist, dass sie an der Tür steht und ihm entgegen sieht und ihn dann in ihre Arme nimmt und ihm sagt, wie sehr sie ihn liebt. Aber sie ist immer noch nicht da und auf dem Anrufbeantworter ist auch keine Nachricht von ihr. Er trinkt ein weiteres Glas Wein und dann geht er in den Keller und holt seine alte Gitarre. Lange sitzt er da und spielt die alten Lieder, die er früher mit seinen Geschwistern auf der Straße gesungen hat und mit jedem Lied, das er singt, wird seine Sehnsucht nach der Bühne stärker. Er ist Musiker, er war immer Musiker und er wird es immer sein. Langsam geht er zum Telefon und wählt die Nummer, die er in den letzten Wochen bestimmt ein Dutzend Mal wählen wollte, aber im entscheidenden Moment hat ihm immer der Mut gefehlt. Sein Bruder Paddy geht sofort ans Telefon und es tut gut, den Klang seiner Stimme zu hören. Sie reden ein paar belanglose Worte über das Wetter und schließlich fragt sein Bruder ihn, wie es ihm geht, aber es kommt ihm vor, als stelle er die Frage nur aus Höflichkeit. Und dann hört er sich sagen, dass alles wunderbar ist, dass er glücklich ist mit Maite und dass er sein neues Leben in vollen Zügen genießt. Warum lügt er? Warum sagt er nicht einfach die Wahrheit? Er weiß es nicht, vielleicht hat er einfach Angst, Paddy würde ihn zurückweisen, wenn er ihm sagt, er wolle gerne wieder in der Band spielen. Nein, das würde sein Bruder nicht tun, wahrscheinlich würde er ihm sagen, er könne sofort wieder mit ihnen auf der Bühne stehen, aber er würde es nur aus Pflichtgefühl tun und nicht, weil er es wirklich will. Paddys Erzählungen nach läuft das neue Album gut und die Konzerte sind gut besucht, sie haben das Comeback geschafft, sie brauchen ihn nicht! Er hört, wie die Haustür geöffnet wird, und beendet das Gespräch.

Endlich ist sie da. Gleich wird sie hereinkommen, sie wird ihr Geschenk auspacken und dann wird sie ihm sagen, wie sehr sie ihn liebt, wie sehr sie ihn braucht, und es wird ein wunderschöner Abend und eine zärtliche Nacht werden, von denen es in letzter Zeit wahrlich nicht viele gegeben hat. Aber sie schaut nur staunend auf den festlich gedeckten Tisch. „Johnny mi amor, tut mir leid, ich bin zu spät, du weißt ja, die Proben! Das sieht wundervoll aus. Und Blumen! Ist etwas besonderes heute?“ Sie hat es vergessen, sie ist so mit ihrer Arbeit beschäftigt, dass sie ihren Hochzeitstag vergessen hat. „Nein“, murmelt er, „einfach nur so!“ Sie nimmt sich nicht einmal die Zeit, ihr Geschenk auszupacken. „Das mache ich morgen früh, Liebling, ich bin total fertig, die Proben waren furchtbar anstrengend.“ Sie haucht ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und geht nach oben ins Schlafzimmer und sie kommt nicht mehr herunter. Er öffnet noch eine zweite Flasche Rotwein, obwohl er genau weiß, dass es ihm nicht gut tun wird. Und dann sitzt er da auf dem Sofa mit dem Weinglas in der Hand und fasst einen Entschluss: Er wird Paddy noch einmal anrufen, jetzt gleich, er wird ihm sagen, dass er nach Hause kommen möchte, dahin, wo er immer am glücklichsten war, auf die Bühne. Paddy wird es verstehen, er wird ihn nicht abweisen. Er wählt die Nummer, aber es ertönt nur das Besetztzeichen und nach dem fünften Versuch legt er das Telefon zur Seite. Er wird es noch einmal versuchen, morgen vielleicht oder übermorgen oder in einer Woche, in einem Monat, irgendwann, wenn er den Mut dazu findet.

In Köln telefoniert Paddy mit seinem Bruder Angelo und die Stimme seines jüngeren Bruders klingt wütend. „Verdammt, Paddy, warum hast du es ihm nicht gesagt? Wir brauchen ihn, du siehst doch, was läuft. Die Platte verkauft sich nicht gut und kaum noch jemand kommt auf unsere Konzerte. Warum also lügst du ihn an?“ „Angelo, versteh doch, ich kann es ihm nicht sagen, denn sonst würde er sofort kommen, aber nur aus Pflichtgefühl und nicht, weil er es wirklich will. Du hättest ihn hören sollen. Er hat mir gesagt, wie glücklich er ist und wie sehr er sein neues Leben liebt. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass er zurück kommt, aber ich will, dass er es aus freien Stücken tut und nicht, weil ich ihn darum bitte. Er war immer für uns da, wir dürfen ihm sein Glück nicht kaputt machen!“ Nach dem Gespräch sitzt Paddy noch lange in seinem Wohnzimmer und denkt über seinen Bruder Johnny nach. Soll er ihn wirklich anrufen und ihn bitten zurückzukommen? Er weiß es nicht. Vielleicht wird er es tun irgendwann, vielleicht auch nicht. Er ist sich nicht sicher, ob Johnnys gefühlvolle Lieder zu dem neuen Stil der Geschwister passen, aber er weiß genau, dass sein ältester Bruder nicht ersetzbar ist, es nie sein wird. Oft wünscht er sich, er würde eines Tages einfach vor seiner Tür stehen, ihn anlächeln und sagen: „Kann ich wieder mitmachen bei euch? Ich hab’ die Nase voll vom Olivenzüchten...“ Paddy erinnert sich sehr genau daran, mit welcher Leidenschaft Johnny immer auf der Bühne gestanden hat und er hat nie verstanden, wie er in Spanien ohne seine Musik leben kann, aber es ist Johnnys Leben und es geht ihn nichts an.

Als John am nächsten Morgen von einem leisen Geräusch geweckt wird, liegt er im Wohnzimmer auf dem Boden, neben ihm liegt die leere Flasche Wein, sein Kopf dröhnt und er hat einen schrecklichen Geschmack im Mund. Sie steht vor ihm und in ihren Augen sieht er Schuldgefühle, aber auch Sorge, Sorge um ihn? „Es tut mir so leid, mi amor“, flüstert sie und beugt sich zu ihm hinunter. „Ich habe es einfach vergessen, diese Proben nehmen mich so sehr in Beschlag, dass ich manchmal einfach an nichts anderes mehr denken kann. Kannst du mir noch einmal verzeihen?“ Er zieht sie in seine Arme und küsst sie und sie erwidert seinen Kuss und doch spürt er, dass etwas zwischen ihnen steht und er weiß, dass es an ihm liegt. In den nächsten Wochen gibt sie sich große Mühe, sie kommt fast immer pünktlich nach Hause und es ist fast wie früher, aber eben nur fast. Diese Sehnsucht, die er in sich spürt, wird von Tag zu Tag größer, manchmal, wenn sie morgens gegangen ist, holt er seine Gitarre aus dem Keller und dann möchte er ins Dorf gehen und sich dort einfach auf den Markplatz stellen und für die Menschen, die an ihm vorüber gehen, singen und spielen, er möchte die Freude in ihren Augen sehen, die er ihnen bringt. Aber dann bringt er die Gitarre jedes Mal wieder in den Keller zurück und geht nach draußen zu seinen Oliven. Er kann sich nicht auf einen Marktplatz stellen, jetzt nicht mehr. Seine Frau ist jetzt eine berühmte Opernsängerin, was würden die Medien schreiben, wenn ihr Mann wie ein armer Straßensänger auf einem Marktplatz gesehen würde? Oh nein, er weiß zu genau, was die Medien mit sensationsträchtigen Berichten anrichten können, er hat es am eigenen Leibe erlebt.

Der Winter kommt und geht und als die ersten Sonnenstrahlen seine Olivenbäume wärmen, kommt sie eines Abends strahlend nach Hause und erzählt ihm, sie werde sich morgen an seinem Geburtstag frei nehmen und einen wunderschönen Tag mit ihm verbringen. Sein Geburtstag! Fast hätte er ihn vergessen. 36 wird er, aber manchmal kommt er sich vor wie ein ganz alter Mann, der keine Freude mehr am Leben hat und den niemand mehr braucht. Am liebsten hätte er ihr gesagt, er hätte keine Lust, als sie ihm erzählt, sie habe für den Abend ein paar Freunde in die Taverne im Dorf eingeladen, aber das kann er nicht tun. Sie gibt sich so viel Mühe, er darf sie nicht immer wieder enttäuschen! Und dann ist er da, sein Geburtstag, und Maite sieht so bezaubernd aus in ihrem roten Kleid, dass er seine Sorgen fast vergisst. Ein Hemd aus türkisfarbener Seide schenkt sie ihm und sie besteht darauf, dass er es tragen wird heute Abend, wenn sie ein wenig feiern mit ihren Freunden. „Und das schönste Geschenk bekommst du heute Nacht“, flüstert sie und küsst ihn zärtlich. Arm in Arm schlendern sie ins Dorf und zum ersten Mal seit langer Zeit ist er fast wieder ein wenig glücklich.

Auf dem Marktplatz ist schon die kleine Bühne für die Gruppe aufgebaut, die heute Abend dort spielen wird, und wieder wird er an die Zeit erinnert, als die Bühne noch sein Leben war, an die Zeit, die er nie vergessen hat und nie vergessen wird. Er bleibt einen Moment lang stehen und schaut den beiden Männern zu, die damit beschäftigt sind, die Bühnenbeleuchtung anzubringen und er sieht seinen Bruder Joey förmlich vor sich, wie er als junger Kerl gelenkig wie ein Affe über die Bühne geturnt ist, um an den unmöglichsten Stellen noch irgendeinen Scheinwerfer anzubringen. Das Essen mit den Freunden in der Taverne ist schön und als sie das Lokal verlassen, ist es draußen schon dunkel und auf dem Marktplatz stehen viele Leute und warten auf die Gruppe, die spielen wird. Maite nimmt ihn an der Hand und schaut ihm tief in die Augen. „So, John Kelly, und jetzt bekommst du mein richtiges Geschenk und ich hoffe sehr, dass es dir gefällt!“ In diesem Moment geht das Licht auf der Bühne an und er glaubt zu träumen, als er die Menschen erkennt, die da oben stehen. Sie sind alle da, Kathy, Jimmy, Joey, Patricia, Maite und Angelo, Paddy und sogar Barby, all seine Geschwister sind gekommen, die er in den letzten Monaten so schrecklich vermisst hat. Einen Moment lang steht er ganz still da und dann läuft er einfach los und rennt die Stufen zur Bühne hinauf. „Willkommen zu Hause, Johnny“, rufen sie im Chor und als sie ihn umarmen, einer nach dem andern, sieht er Tränen in den Augen seiner Geschwister schimmern. Und als er dann die Gitarre nimmt und das Lied anstimmt, mit dem er vor vielen Jahren die Konzerte eröffnet hat, steht seine Frau Maite direkt vor der Bühne und in ihren Augen sieht er wieder diese bedingungslose Liebe, die er dort gesehen hat, als sie noch glücklich waren. Und in diesem Moment weiß er, sie werden einen Weg finden, wie sie beide glücklich sein können. Er ist endlich wieder zu Hause, da, wo immer sein Zuhause war, auf der Bühne...

Diese Geschichte ist für Lisi, meine liebe e-mail-Freundin aus Wien. Wir können nichts verlangen, aber hoffen dürfen wir...