Little boy

by Uli (24.10.2002)

Es ist nass und kalt und doch steht sie schon seit einer halben Ewigkeit hier mitten im Wald vor diesem riesengroßen Baum und sie ist sich gar nicht mehr sicher, was sie eigentlich hier will. Erwartet sie wirklich, dass er kommt, ist sie wirklich so naiv zu glauben, dass er sich daran erinnert, was er vor 10 Jahren zu ihr gesagt hat? Sie fährt mit der Hand über die kalte, harzige Rinde des großen Baumes und zeichnet mit den Fingern die nur noch schemenhaft erkennbaren Umrisse des kleinen eingeritzten Herzens nach, in dessen Innerem ihr Name steht. Während sie spürt, wie der Regen ihre Haare und ihre Kleidung mehr und mehr durchnässt, schweifen ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück:

Als die seltsame Familie ankam in dem kleinen Dorf, wurde sie von allen Dorfbewohnern bestaunt. Noch nie hatte man hier so etwas gesehen, wie die Orgelpfeifen stiegen die Kinder aus dem alten roten Doppeldeckerbus und sie kamen den Menschen, die hier lebten, irgendwie exotisch vor mit ihren langen Haaren und ihren bunten Kleidern. Sie jobbte in den Semesterferien in dem kleinen Laden des Dorfes und so wusste sie schon bald Bescheid, dass sie Musiker waren und dass sie zwei Wochen im Dorf bleiben und auf dem Marktplatz Konzerte geben wollten. Jeden Morgen kam eines der Kinder in den kleinen Laden, um Brot und Milch zu kaufen, und am dritten Tag kam der Junge zum ersten Mal, sie schätzte ihn auf 14 oder 15. Er trug die Haare offen und sie hingen ihm fast bis über die Hüften, er trug eine alte Lederhose und darüber ein buntes Hemd und unterhielt sich in gutem Deutsch mit den Leuten, die in der Schlange vor ihm standen, es war Samstag und fast alle Bewohner des Dorfes kamen zum Einkaufen in den kleinen Laden. „Was darf es sein?“, fragte sie ihn und als er sie mit seinen strahlend blauen Augen anschaute, sah sie, wie er leicht errötete. Sie war sich ihrer Schönheit und ihrer Ausstrahlung durchaus bewusst, oh ja, sie kannte ihre Wirkung auf Männer und auch auf halbwüchsige Jungen und lächelte ihm auffordernd zu. Sein Lächeln war schüchtern, aber offen und ehrlich, als er mit leiser Stimme seine Bestellung aufgab, und natürlich merkte sie, dass sie ihm gefiel und es schmeichelte ihr.

Jeden Tag kam er zum Milch kaufen und jeden Tag schaute er sie bewundernd an mit diesen dunkelblauen Augen und diesem bezaubernden Lächeln, das sie auf seltsame Weise berührte. Sie ging oft zu den Konzerten und die Leidenschaft, mit der er seine Lieder sang, gefiel ihr. Da war etwas an diesem Jungen, etwas, das sie an ihn denken ließ, auch wenn sie es gar nicht wollte. Und dann, als sie eines Mittags dabei war, den Laden zu schließen, sah sie ihn zum Wald gehen mit einem großen Block in der Hand und ein paar Stiften. Sie konnte nicht sagen warum, es war nur ein Gefühl, eine vage Ahnung, die sie ihm folgen ließ. Der Junge lief weit in den Wald hinein bis zu der großen Lichtung, dort setzte er sich ins Gras, lehnte sich an den großen Baum und begann, mit raschen Strichen ein Bild auf seinen Block zu malen. Er war so in sein Tun vertieft, dass er nicht bemerkte, wie sie langsam näher kam. Erst als sie direkt vor ihm stand, zuckte er erschrocken zusammen und versuchte, den Block hinter seinem Rücken zu verbergen. „Was malst du da?“, fragte sie ihn und wieder errötete er und hielt seinen Zeichenblock ganz fest hinter dem Rücken verborgen. Sie setzte sich neben ihn ins Gras und betrachtete sein Gesicht, ein hübsches, fast ein wenig mädchenhaftes Gesicht. Er schaute auf den Boden, als wage er nicht, sie anzusehen und als sie ihn ganz leicht mit der Hand am Arm berührte, zuckte er zusammen und sprang ungestüm auf und der Block fiel auf den Boden. Das Deckblatt klappte herum und was sie sah, ließ ihr den Atem stocken. Sie sah sich selbst auf dem Block, jedes kleinste Detail ihres Gesichtes hatte der Junge auf seinem Zeichenblock festgehalten und ihr nackter Körper war viel perfekter dargestellt als er in Wirklichkeit war. Noch nie hatte sie eine so schöne Zeichnung gesehen.

Er stand vor ihr, seine Wangen glühten und er starrte sie mit brennenden Augen an und als sie ihm langsam den Block in die Hand gab, berührten sich ihre Hände und viel zu schnell zog sie ihre weg. „Das Bild ist gut, wirklich gut“, sagte sie mit belegter Stimme und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Wirklich?“, fragte er leise und in seinen Augen sah sie, was er für sie fühlte, er hatte das Gesicht eines Jungen, aber er fühlte wie ein Mann. Und im nächsten Moment zog er sie ungestüm in seine Arme, sie fühlte seine Lippen auf den ihren und sein Kuss war unerfahren und unendlich zärtlich, während er sie an sich drückte. Nur mühsam konnte sie sich von ihm lösen, als ihr bewusst wurde, was sie hier tat. Dieser Junge war 10 Jahre jünger als sie! „Nein, bitte nicht...!“, sagte sie völlig aufgelöst, „wir dürfen das nicht tun. Ich bin viel zu alt für dich!“ Er schaute sie lange an, bevor er sprach. „Und wenn ich älter wäre?“, fragte er ganz leise und ohne nachzudenken nahm sie sein Gesicht in ihre Hände. „Wenn du älter wärst“, sagte sie verträumt, „ja, wenn du älter wärst, ich glaube, dann könnte ich mich in dich verlieben.“ Ein trotziger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „In zehn Jahren“, sagte er dann mit fester Stimme. „Heute in zehn Jahren werde ich hierher kommen zu diesem alten Baum und dann bin ich alt genug für dich!“ Noch bevor sie ihm antworten konnte, drehte er sich um und lief weg. Sie blieb noch eine Weile im Gras sitzen und als sie aufstand, sah sie das Herz, das er mit seinem Taschenmesser in den Baum geritzt hatte und das ihren Namen trug.

Danach kam der Junge nicht mehr in den Laden und sie besuchte auch keines der Konzerte mehr. Nur wenige Monate später lernte sie dann ihren jetzigen Mann kennen und verliebte sich in ihn. Sie zogen weg aus dem kleinen Dorf, heirateten und bekamen zwei süße Kinder und sie war glücklich und dachte nicht mehr an den Jungen, bis vor zwei Monaten, als ihr Sohn ihr stolz eine Zeichnung zeigte, die er in der Schule angefertigt hatte. „Schau, Mama, das bist du. Ist es nicht schön?“ Die Zeichnung war gut, aber nicht so gut wie die, die sie vor zehn Jahren im Wald gesehen hatte. 10 Jahre! War es wirklich schon so lange her? Eine innere Unruhe erfasste sie, immer wieder schob der Junge sich in ihre Gedanken, es war, als verfolge sein Gesicht sie von morgens bis abends und sie träumte fast jede Nacht von ihm. Und irgendwann wurde ihr klar, dass sie zu diesem Baum gehen und auf ihn warten würde, so verrückt es auch war. Es musste sein. Ihrer Familie erzählte sie, sie werde eine alte Freundin besuchen, die sie lange nicht mehr gesehen hatte, und als sie dann im Zug saß, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Würde er kommen oder hatte er seine Worte längst vergessen?

Es wird schon dunkel und ihre Kleider sind inzwischen total durchnässt und doch bleibt sie vor dem riesengroßen alten Baum stehen ohne wirklich zu wissen, auf was sie hier wartet. Er war doch erst 14 und wahrscheinlich erinnert er sich nicht einmal mehr an ihren Namen. Sie wird jetzt aufstehen und nach Hause fahren zu ihrem Mann und ihren Söhnen, sie wird es einfach vergessen und nie wieder an ihn denken. Als sie sich umdreht, um ins Dorf zurückzulaufen, hört sie die Schritte, die langsam näher kommen und es kommt ihr vor, als könne sie sich nicht mehr bewegen. Still steht sie da und sieht ihm entgegen. Seine Haare sind ganz kurz, fast kahl geschoren und seine Augen wirken fast zu groß für sein schmales Gesicht. „Tut mir leid“, sagt er nur und bleibt direkt vor ihr stehen, „mein Zug hatte Verspätung.“ Sie kann nicht antworten, schaut nur fasziniert in sein Gesicht. Aus dem Jungen ist ein Mann geworden, ein gut aussehender Mann, und seine Augen schauen sie immer noch so bewundernd an wie damals. Wortlos nimmt er sie an der Hand und zieht sie mit sich weiter in den Wald hinein bis zu der kleinen Hütte, in der sie oft als Kind mit ihren Freunden aus dem Dorf gespielt hat. Mit ein paar alten Zeitungen, die noch von früher hier liegen, macht er ein Feuer in dem improvisierten Kaminofen und dann zieht er ihr ganz langsam ein Kleidungsstück nach dem anderen aus und hängt die Sachen über die Stühle, die immer noch hier stehen, zum Trocknen auf. Sie weiß nicht, was sie sagen soll, sie weiß nicht einmal, was sie fühlt, es ist so grotesk, er ist zehn Jahre jünger als sie, aber sie kommt sich vor, als sei sie es, die viel jünger ist, als sei sie ein Teenager, der gerade seine erste Liebe erlebt. Sie hat kein schlechtes Gewissen, das, was hier passiert, hat mit ihrem Leben nichts zu tun, es ist, als sei sie in eine andere Zeit zurück gekommen, in eine Zeit, als sie noch nicht einmal wusste, dass es ihren Mann gibt.

Die Matratze ist alt und schäbig, aber sie merkt es nicht, sie fühlt nur seine Küsse und seine schlanken Finger, die ihren Körper streicheln. Die sanften Berührungen seiner Hände lassen sie ahnen, dass es viele Frauen in seinem Leben gab, aber sein Kuss ist immer noch so zärtlich wie damals. Danach liegen sie noch lange zusammen auf dieser schäbigen alten Matratze und schauen sich einfach nur an und ihre Augen erzählen mehr als Worte es könnten. Als sie aufsteht und sich anzieht, fühlt sie seine Blicke auf ihrem Körper und am liebsten würde sie für den Rest ihres Lebens hier mit ihm in dieser alten Hütte bleiben. „Ich liebe dich“, hört sie ihn sagen, ganz leise, so, als sei es gar nicht für sie bestimmt, und sie fühlt, wie eine Gänsehaut ihren Körper überzieht. Ein letzter Kuss, dann verlässt sie die Hütte, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie wird jetzt nach Hause gehen zu ihrem Mann und ihren Kindern und dann wird sie einfach ihr Leben weiter leben, als sei nichts geschehen. Als sie an dem riesengroßen alten Baum vorbei kommt, sieht sie wieder die schemenhaften Umrisse des Herzens, in das er ihren Namen geritzt hat. Und plötzlich brennt da diese Frage in ihrem Herzen und sie weiß, sie kann nicht gehen, ohne seine Antwort zu hören. Noch einmal läuft sie zu der Hütte zurück, wo er gerade dabei ist, das Feuer in dem improvisierten Kamin zu löschen. Er dreht sich zu ihr um und sie versucht, das Lächeln, das er ihr schenkt, für immer in sich aufzusaugen. „Wie viele solcher Bäume gibt es in deinem Leben?“, fragt sie und er schaut sie ernst an und seine blauen Augen werden ganz dunkel. „Nur einen“, sagt er leise, „nur diesen einen“, und dann schaut er ihr in Augen und die Intensität seines Blickes lässt sie erschauern. Er stellt die Frage nicht und doch sieht sie sie in seinen Augen und sie weiß nicht, was sie sagen soll. „Vielleicht“, flüstert sie, „vielleicht komme ich wieder in zehn Jahren“, aber tief in ihrem Herzen weiß sie ganz genau, dass sie alles tun wird, um noch einmal dieses Lächeln zu sehen, um noch einmal in seine Augen zu schauen, um noch einmal seine weichen Lippen auf den ihren zu spüren, um ihn noch einmal „Ich liebe dich“ sagen zu hören...