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Lonely
by Uli (31.10.2001)
Seit dem Tod ihres Opas sind jetzt schon fast 6 Monate vergangen, aber immer noch sitzt Nina fast jeden Mittag nach der Schule an seinem Grab, spricht leise mit ihm und wartet vergeblich auf eine Antwort. Er war immer da für sie, ihr Opa, er besuchte sie, so oft er konnte, und als ihre Eltern sich trennten und ihre Mama mit ihr in Opas Haus zog und wieder arbeiten ging, da wurde er noch wichtiger für Nina. Sie haben ihr gesagt, es würde besser werden, die Zeit würde ihre Wunden heilen, aber das ist nicht wahr. Nina empfindet genau das Gegenteil: Sie vermisst ihren Opa mit jedem Tag mehr, sie vermisst sein Lachen, seine Fröhlichkeit, ja, sie vermisst sogar das Kratzen seines Bartes, das sie immer so gestört hat, wenn er sie in den Arm genommen hat. Am meisten aber vermisst sie seine Geschichten, es gibt wohl niemanden, der so gut Geschichten erzählen kann wie Ninas Opa. Stundenlang saßen die beiden zusammen auf dem Sofa, auf dem Tisch eine Kanne dampfenden Tee und ein paar süße Kleinigkeiten, und dann fing ihr Opa an zu erzählen, lustige Geschichten, bei denen Nina kicherte und lachte, aber auch ganz traurige Geschichten, bei denen Nina regelmäßig dicke Kullertränen die Wangen hinabliefen. Und jedes Mal, wenn sie ihn fragte, warum er nicht nur lustige Geschichten erzählen könne, antwortete ihr Opa, das Leben sei nicht immer schön, es gäbe auch viele traurige Sachen, das gehöre zum Leben dazu. Als ihr Opa dann krank wurde und ihre Mama ihr behutsam zu erklären versuchte, dass er wohl nicht mehr lange bei ihnen bleiben würde, da hielt sich Nina die Ohren zu. Sie wollte es nicht hören, sie wollte ihn nicht hergeben, ihren geliebten Opa. Wie sollte sie auch verstehen, dass das Leben ein Kommen und Gehen ist, dass der Tod zum Leben gehört? An dem Tag, an dem er starb, starb auch ein Teil von Nina, der Teil von ihr, der sie lachen ließ, ihre Fröhlichkeit verschwand von einem Tag auf den anderen und ihre Mama konnte nichts tun, um ihr geliebtes Mädchen wieder glücklich zu machen.
Es ist kein schöner Tag heute, nein, es ist ein dunkler, trauriger Tag und Nina vermisst ihren Opa noch mehr als sonst. Tränen laufen ihr übers Gesicht, während sie vor dem Grab kniet und leise Worte vor sich hinflüstert: „Warum nur musstest du gehen, Opa, warum konntest du nicht bei mir bleiben? Hilf mir doch, wie soll ich leben ohne deine Geschichten, ohne deine Liebe?“ Ihre Mama hat es ihr erklärt, mindestens schon ein Dutzend Mal, sie hat ihr von der Krankheit des Opas berichtet und davon, dass es keine Heilung für ihn gab, dass sein Tod eine Erlösung für ihn war, aber Nina glaubt es nicht. So ungerecht kann das Leben nicht sein, einem zwölfjährigen Mädchen einfach seinen Opa wegzunehmen. Als es zu regnen anfängt, steht Nina langsam auf und geht in Richtung der kleinen Kapelle, um dort Schutz zu suchen. Sie sieht den alten Mann erst, als sie direkt vor einer der Holzbänke in der Kapelle steht. Er sieht irgendwie merkwürdig aus, ungepflegte lange Haare hängen ihm ums Gesicht und er trägt seltsame Kleider, eine viel zu bunte Hose und ein altes, mit Rüschen besetztes weißes Hemd, das bestimmt schon monatelang keine Waschmaschine von innen gesehen hat. Ganz still sitzt er da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und bewegt sich nicht.
Vorsichtig geht Nina auf ihn zu, aber er scheint sie nicht zu bemerken. Nina bekommt ein wenig Angst, so ganz allein mit diesem alten Mann auf dem Friedhof. Ob er überhaupt noch lebt, so bewegungslos wie er dasitzt? Nina geht dicht an den Mann heran und bleibt direkt vor ihm stehen. Ganz langsam hebt er den Kopf und schaut sie an und als sie in seine Augen schaut, sieht sie sofort die Traurigkeit und die Einsamkeit darin, dieselbe Einsamkeit, die sie empfindet, seit ihr Opa nicht mehr da ist. Der alte Mann sieht so schrecklich traurig aus, dass Nina für einen Moment ihren eigenen Kummer vergisst. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und fragt ihn, was er hier macht, so ganz alleine. Lange schaut er sie an und sie betrachtet diesen seltsamen Bart in seinem Gesicht, einen Bart, der eigentlich gar keiner ist. An vielen Stellen scheint er gar nicht zu wachsen, an anderen sprießt er wild, ein wirklich seltsamer Bart, der fast das ganze Gesicht des alten Mannes bedeckt. „Was ich hier mache?“, fragt er schließlich und schaut Nina verwirrt an. „Ich weiß es nicht, kleines Mädchen, ich bin einfach nur herumgelaufen und jetzt bin ich hier gelandet.“ Er ist allein, ganz allein, schießt es Nina durch den Kopf, ob er wohl auch jemanden verloren hat, den er geliebt hat? Spontan setzt sie sich neben den alten Mann auf die Bank und erzählt ihm ein wenig von sich, von ihrer Mama und von ihrem Opa, der ihr so sehr fehlt. „Und du?“, fragt sie dann leise, „wer bist du?“. Wieder erscheint dieser verwirrte Ausdruck in den Augen des alten Mannes, bevor er antwortet. „Du möchtest wissen, wer ich bin? Nun, das ist eine lange Geschichte. Wenn du willst, erzähle ich sie dir!“ Eine Geschichte! Oh ja, Nina möchte die Geschichte gerne hören.
Und der alte Mann fängt an zu erzählen und Nina hört mit großen Augen zu. Es ist wirklich eine lange Geschichte und Nina ist fasziniert von der Art und Weise, wie der alte Mann sie erzählt. Mit leiser Stimme spricht er über seine Kindheit und darüber, wie glücklich er war, als er so alt war wie sie. „Ich hatte eine wunderschöne Kindheit, auch wenn meine Mama früh gestorben ist. Ich war nie allein, war immer mit meinem Vater und meinen vielen Geschwistern zusammen und ich liebte es, auf den Straßen mit meinen Geschwistern Musik zu machen. Wir zogen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, und waren so glücklich wie Menschen es nur sein können. Am allermeisten aber liebte ich meine Gitarre, jeden Tag komponierte ich neue Lieder, meine Geschwister beneideten mich um diese Gabe, die Musik schien mir nur so zuzufliegen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich eines Tages keine Lieder mehr in meinem Herzen haben würde. Jeden Abend gaben wir in einer anderen Stadt Konzerte und ließen unsere Zuhörer eintauchen in eine Welt der Musik und des Gefühls, die sie für einen Moment all ihre Sorgen vergessen ließ. Die Menschen liebten es, wenn wir für sie spielten und sangen, und es war ein wunderschönes Gefühl für uns, dass wir allein durch unsere Lieder andere Menschen so glücklich machen konnten. Und dann, als wir uns eines Tages in Deutschland niederließen, wurden wir immer bekannter und ich wurde zum Liebling der Massen. Die Mädchen liebten mein hübsches Gesicht, mein Lächeln und die Späße, die ich auf der Bühne machte. Sie kreischten und weinten und taten alles, was ich wollte. Ich musste nur mit dem Finger schnippen und schon kamen sie und erfüllten mir alle meine Wünsche.
Ich merkte gar nicht, wie sehr ich mich veränderte, wie sehr ich meine Geschwister mit meinem Egoismus und meinen Starallüren tyrannisierte. Alle mussten nach meiner Pfeife tanzen und wenn sie das nicht taten, drohte ich ihnen regelmäßig damit, einfach auszusteigen, die Gruppe einfach platzen zu lassen. Ich genoss es richtig, immer zu spät zu kommen, die Angst in ihren Gesichtern zu sehen, dass ich sie im Stich lassen könnte. Ich bildete mir wirklich ein, ich sei der Größte und nichts und niemand könnte mir etwas anhaben, aber dann kam dieser Tag, der mein Leben für immer veränderte: Wir hatten eine wichtige Probe und wie immer war ich viel zu spät dran und meine Geschwister waren sehr verärgert, als ich endlich ankam, und sagten mir zum ersten Mal ganz deutlich ihre Meinung. Sie hatten keine Lust mehr, mit mir zu arbeiten, wenn ich nicht bereit sei, mich zu ändern. Ich war so sehr von mir überzeugt, dass ich den Ernst der Lage gar nicht erkannte, ich wollte sie provozieren, wollte, dass sie mich anbettelten, in der Gruppe zu bleiben. Also erklärte ich ihnen nur, dass ich sie nicht bräuchte, sie mich aber sehr wohl, und dann ging ich einfach ins Hotel, bestellte mir eine Flasche Champagner und wartete darauf, dass sie kommen würden, um mich zurück zu holen, ich sonnte mich im Geist schon in meinem Triumph, aber diesmal war ich wohl zu weit gegangen. Niemand kam, niemand rief an, sie ignorierten mich einfach. Ich wurde schrecklich wütend und schwor mir, nicht klein beizugeben, sie hatten es so haben wollen, nun sollten sie sehen, wie sie damit zurecht kamen. Ich brauchte sie nicht, ich war ein Star, ich würde es auch alleine schaffen. Wochen und Monate vergingen, in denen ich das süße Nichtstun genoss, immer in der Vorstellung, sie würden irgendwann kommen. Aber sie kamen nicht, niemand kam! Nach einem Jahr beschloss ich, meine Solo-Karriere in Angriff zu nehmen. Ich kramte meine Gitarre heraus, um neue Songs zu schreiben, aber...“
Der alte Mann stockt und Nina sitzt mit geröteten Wangen neben ihm und wartet gespannt darauf, wie es weitergeht. Er kann wirklich wunderbar erzählen, fast so wunderbar wie ihr Opa, aber die Geschichte, die er ihr erzählt, ist wahr, ist keine Erfindung wie die Geschichten ihres Opas. „Und wie ging es weiter?“, fragt Nina gespannt und erschrickt, als sie sieht, dass dem alten Mann eine Träne die Wange hinabläuft. „Es war furchtbar. Ich saß da mit meiner Gitarre und plötzlich war mein Kopf ganz benebelt und ich brachte nicht eine einzige Note zu Papier, mir fiel kein einziges Wort ein, ich fühlte nur noch Leere in mir, all die Musik, die ich immer in mir getragen hatte, war weg, einfach weg. Ich geriet völlig in Panik und rief meine Schwester an, aber niemand nahm ab. So saß ich da, allein in meiner Wohnung, und erkannte plötzlich, wie schrecklich ich sie behandelt hatte, was für ein furchtbarer Mensch ich war. Meine ganze Welt brach zusammen, als ich plötzlich realisierte, dass ich alle Menschen verloren hatte, die ich je wirklich geliebt hatte, meinen Vater, meine Brüder und meine Schwestern, und ich war selbst schuld daran. Ich hatte doch alles gehabt, was ein Mensch nur haben kann, aber ich wusste es nicht zu schätzen, ich wollte mehr, immer mehr, ich wollte den Ruhm, die Mädchen, einfach alles. Und jetzt? Jetzt bin ich der einsamste Mensch auf der Welt, ein Penner bin ich geworden, mit dem keiner etwas zu tun haben will. Und ich habe es wohl auch gar nicht besser verdient! Und am schlimmsten ist, dass sie mir so furchtbar fehlen, dass ich manchmal denke, ich halte es nicht mehr aus. Sie sind einfach verschwunden aus meinem Leben und ich habe keine Ahnung, was aus ihnen geworden ist!“
Tränen laufen dem alten Mann übers Gesicht und er tut Nina so furchtbar leid. „Warum rufst du sie nicht an? Da ist bestimmt noch jemand, den du erreichen kannst“, sagt sie leise zu ihm. „Ja, vielleicht, aber ich habe Angst, ich habe schreckliche Angst davor, dass sie einfach auflegen, wenn sie meine Stimme hören.“ Nina wird wütend. „Du denkst nur an dich. Vielleicht vermissen sie dich ja auch. Ich würde meinen Opa sofort anrufen, wenn ich könnte, aber...“, bricht es plötzlich aus Nina heraus. Sie fängt an zu schluchzen und wehrt sich nicht, als der alte Mann sie in seine Arme nimmt. Sein Bart kratzt an ihren Wangen und er riecht schlecht, aber Nina fühlt sich auf eine seltsame Weise geborgen in seinen Armen. „Willst du mein Opa sein? Willst du mir Geschichten erzählen?“, flüstert sie unter Tränen und sie sieht ein ganz leichtes Leuchten in den traurigen Augen des alten Mannes, als er nickt. Ohne nachzudenken, fragt sie: „Kommst du morgen wieder? Du könntest mit mir nach Hause zum Abendessen gehen, meine Mama freut sich bestimmt!“ Wieder erscheint dieser verwirrte Ausdruck in den Augen des alten Mannes. „Vielleicht“, sagt er, bevor er sich schnell erhebt und viel zu schnell zum Ausgang des Friedhofs geht, „vielleicht...“. Am nächsten Tag wartet Nina lange auf dem Friedhof, aber der alte Mann kommt nicht. Traurig sitzt sie vor dem Grab ihres Opas. Warum kommt er nicht? Er hat gesagt, er ist ein schlechter Mensch, aber Nina glaubt ihm nicht. Jemand, der so wunderbar Geschichten erzählen kann, kann kein schlechter Mensch sein. Noch einmal hält sie Zwiesprache mit ihrem Opa, dann macht sich Nina langsam auf den Weg zum Ausgang. Sie ist sehr traurig. Sie hat so lange gebraucht, bis ihre Mama endlich erlaubt hat, dass sie den alten Mann zum Essen mitbringt, sie hat ihr erzählt, wie traurig er ist und dass er wunderbar Geschichten erzählen kann, und jetzt kommt er einfach nicht. Warum nur?
Nina spürt, wie ihr Tränen in die Augen steigen, sie sieht alles wie durch einen Schleier und bemerkt den Mann erst, als sie gegen ihn läuft. Hoffnungsvoll blickt sie nach oben und glaubt ihren Augen nicht zu trauen. „Aber... aber, du bist ja gar nicht alt“, stammelt sie. Seine Haare sind gewaschen und zum Zopf geflochten, er trägt eine saubere dunkle Hose und ein frisch gewaschenes helles Hemd und der seltsame Bart ist weg. Nina kann kaum glauben, wie jung er heute aussieht, nein, er ist kein Opa, er ist bestimmt nicht viel älter als ihre Mama. Seine blauen Augen strahlen, als er Ninas ungläubigen Blick sieht, und ein zauberhaftes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. „Nun schau mich nicht so an“, lacht er, „ich kann doch nicht wie ein Penner bei dir zu Hause erscheinen! Ich habe meine Schwester angerufen gestern Abend und weißt du, wie sie reagiert hat? Als ich meinen Namen nannte, war sie einen Moment lang ganz still und dann fing sie an zu weinen. Sie hat immer nur darauf gewartet, dass ich mich bei ihr melde, sie alle haben nur darauf gewartet und ich war so dumm, ich habe so viel Zeit verschwendet. Ich habe so viel falsch gemacht in der Vergangenheit, aber damit ist jetzt Schluss. Ich werde wieder leben, endlich wieder leben.“ Nina sieht den bunten Blumenstrauß, den er in der Hand hält, und sie sieht noch etwas anderes: Einen Gitarrenkoffer, den er auf dem Boden abgestellt hat. Fragend schaut sie ihn an. „Ich hab’ ein Lied für dich geschrieben letzte Nacht. Nachdem ich mit meiner Schwester gesprochen hatte, war sie plötzlich wieder da, die Musik in meinem Herzen. Du hast sie mir wiedergegeben, diese wundervolle Gabe, Lieder zu schreiben, und ich danke dir von ganzem Herzen dafür. Dein Opa kann ich nicht sein, aber wenn du möchtest, will ich gerne dein großer Freund sein und es gibt noch so viele Geschichten, die ich dir erzählen kann!“ Spontan küsst Nina ihn auf die Wange. Dann zieht sie eine Rose aus dem Blumenstrauß, läuft damit zum Grab ihres Opas und steckt sie dort in die Erde. „Danke, Opa, danke“, flüstert sie, bevor sie ihren neuen Freund an der Hand nimmt und mit ihm den Friedhof verlässt...
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