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Looking for love
by Uli (27.01.2001)
Aber Paddy wartete, wartete auf die große Liebe, und als er sie ein paar Jahre später fand, wusste er, das Warten hatte sich gelohnt. Seine Liebe zu seiner ersten wirklich festen Freundin war grenzenlos und als sie zum ersten Mal miteinander schliefen, war es noch viel schöner, als er es sich vorgestellt hatte. Er war überzeugt davon, dass sie immer zusammen bleiben würden. Aber seine Fans taten alles, um ihn wieder zum Single zu machen, die Intrigen, die sie spannen, waren von solcher Gemeinheit, dass Paddy es kaum glauben konnte. Schließlich schafften sie es: Er trennte sich schweren Herzens von seiner großen Liebe, zu stark war der Druck, dem das Mädchen nicht gewachsen war. Wäre er bei ihr geblieben, es hätte ihr das Herz gebrochen. Also bat er sie zu gehen, auch wenn er sich nichts mehr wünschte, als für immer mit ihr zusammen zu sein, und als sie ihn dann wirklich verließ, zerbrach etwas in ihm. Er wurde misstrauisch gegenüber jedem Mädchen, das sich ihm näherte, und war überzeugt davon, nie wieder lieben zu können.
Schließlich wurde seine Wut auf die Fans, die ihm das alles angetan hatten, so groß, dass er beschloss, sich an ihnen zu rächen, zu rächen auf die einzige Art und Weise, die ihm einfiel: Er begann, seine Fans zu missachten, er hörte einfach auf, mit ihnen zu reden. Auf der Bühne spielte er nach wie vor Mister Nice-Guy, aber privat ging er ihnen aus dem Weg, soweit das irgendwie möglich war. Sie hatten ihm seine Liebe genommen, das würde er ihnen nie vergessen. Dabei sehnte er sich so sehr nach Liebe, nach echter Liebe. Eines Tages, nach einem Konzert, ging er zum ersten Mal in diese kleine Bar in Köln und bestellte sich dort einen Whisky. Das Getränk schmeckte scheußlich und brannte wie Feuer, aber nachdem er das zweite Glas getrunken hatte, fühlte er eine seltsame Schwerelosigkeit in seinem Kopf, er kam sich vor, als würde er schweben. Und als die ersten Fans dann die Bar betraten, konnte er ganz locker mit ihnen plaudern und flirten wie früher. Und dann tat er etwas, von dem er nie geglaubt hatte, dass es geschehen könnte: Er suchte sich die Hübscheste von ihnen aus und nahm sie mit auf ein Zimmer in dem kleinen Hotel neben der Bar und ließ sich dort von ihr verführen. Es war plötzlich alles so einfach.
Von da an ging er oft in die kleine Bar. Er wusste, sie würden ihm folgen, irgendwelche Mädchen waren immer da, die nur darauf warteten, von ihm mitgenommen zu werden. Eine Weile genoss er seine Macht über sie, aber schon bald folgten dem kurzen Moment körperlicher Befriedigung lange Stunden unendlicher Leere, fürchterlicher Einsamkeit. Immer mehr Whisky musste er trinken, um ein Mädchen mitzunehmen, und doch tat er es, weil er tief in seinem Innern immer noch hoffte, Liebe zu finden, ein kleines bisschen Liebe nur. Aber das, was er tat, hatte mit Liebe nichts zu tun. Er kannte die Mädchen kaum, hatte mit manchen von ihnen nicht mehr als drei Worte gesprochen.
Es lief immer nach dem gleichen Muster ab: Er saß in der Bar, kippte seinen Whisky in sich hinein, und wartete, dass sie kämen. Und die erste, die ihn ansprach, nahm er mit. Im Hotelzimmer ging dann alles ganz schnell. Da gab es keine Zärtlichkeit, keine Berührungen, keine Küsse, es war purer Sex, schneller, kalter Sex. Sein Körper sprach auf die aufreizende Kleidung der Mädchen an, aber sein Herz blieb eiskalt. Danach ging er ins Bad und sagte den Mädchen, dass er sie nicht mehr sehen wolle, wenn er ins Zimmer zurück käme. Anschließend fuhr er dann nach Hause und trank dort noch mehr Whisky, weil er sonst nicht schlafen konnte.
Nach dem Konzert in der Köln-Arena ging Paddy wieder in die kleine Bar und es dauerte nicht lange, bis ein paar Mädchen auch dort ankamen. Er hatte sich schon fünf Gläser Whisky bestellt und sein Kopf dröhnte ein bisschen, aber das Gefühl von Schwerelosigkeit wollte sich nicht einstellen. Er bestellte bei der Bedienung noch zwei weitere Gläser und kippte sie in sich hinein, bevor er sich eines der Mädchen aussuchte. "Komm mit!" lallte er mehr, als er sprach, und sie nickte triumphierend. Ihm wurde schlecht, aber nicht vom Alkohol sondern vom Ekel, Ekel gegen das, was er jetzt gleich tun würde. Er kämpfte dagegen an und nahm sie mit auf sein Zimmer. Kaum hatte er die Tür geschlossen, griff sie auch schon nach ihm und wollte ihn küssen. "Lass das" herrschte er sie an.
Er hatte plötzlich Angst, Angst, dass er es nicht tun könnte. Was würde sie den anderen erzählen? "Leg dich aufs Bett", sagte er zu ihr und sie tat es ohne Widerrede. Er machte sich nicht einmal die Mühe, sich auszuziehen. Grob griff er ihr an die Brust, während er ein Kondom aus seiner Tasche zog und den Reißverschluss seiner Hose öffnete, und nahm sie fast gewaltsam. Das Mädchen stöhnte kurz auf und dann war auch schon alles vorbei. Wieder einmal wunderte er sich, wie er es überhaupt schaffte, mit ihnen zu schlafen, obwohl sich in seinem Kopf alles dagegen sperrte. "Geh dann bitte" sagte er zu ihr und ging ins Bad, um zu duschen. Er fühlte sich so schmutzig. Genau so muss sich eine Hure fühlen, wenn sie mit einem Freier geschlafen hat, schoss es ihm durch den Kopf.
Nachdem er sich eiskalt abgeduscht hatte, konnte er wieder einigermaßen klar denken. Als er sich im Spiegel sah, erschrak er über seinen Anblick: Sein Gesicht war blass, seine Wangen hohl und seine Augen leer, eine seltsame Kälte glänzte darin. Was um Gottes Willen war nur passiert mit ihm? Ihm wurde plötzlich klar, dass er sich nicht an den Mädchen rächte sondern an sich selbst, weil er es nicht geschafft hatte, seine große Liebe festzuhalten. Er war ein totaler Versager. Nicht er benutzte diese Mädchen sondern sie ihn. Sie kamen nur mit einem Gedanken in die Bar, nämlich mit ihm ins Bett zu gehen, und er tat ihnen jedes Mal den Gefallen. Sein Ekel gegen sich selbst verstärkte sich noch.
In dieser Nacht fuhr er nicht nach Hause. Ziellos lief er durch Köln und landete schließlich im Rotlichtviertel, in dem auch zu dieser Zeit die Bars noch geöffnet hatten. Er brauchte noch einen Whisky, sonst würde er nicht schlafen können. Er betrat die erstbeste Bar, die er fand, und setzte sich an einen Tisch. Sofort trat eine Animierdame zu ihm und ihm fiel auf, dass sie viel zu alt war für diesen Job, sie hatte die Dreißig längst überschritten. "Was darf’s denn sein, Kleiner?" fragte sie abschätzend. "Bring mit einen, nein, zwei Whisky und bring dir von mir aus auch was mit!" sagte er mürrisch. Als sie seinen Whisky und für sich ein Glas Sekt brachte, fuhr er sie an: "Sag mal, bist du nicht ein bisschen alt dafür, Kunden anzumachen? Dich will doch keiner mehr oder verirren sich zuweilen auch alte Opas hierher?" Er sah den Schmerz in ihren Augen und plötzlich tat ihm leid, was er gesagt hatte. Sie konnte nichts dafür, dass er sich schlecht fühlte. Ihr Gesicht war verbraucht, aber ihre Augen jung und klar, und er sah die Tränen, die darin standen. "Sorry,", murmelte er, "ich hab' das nicht so gemeint, ich bin heute nicht gut drauf, weißt du!"
Jetzt lächelte sie. "Es ist schon okay, du hast ja Recht. Was will eine alte Schachtel wie ich in einer Bar? Darf ich mich ein bisschen zu dir setzen, ich werde dir auch ganz bestimmt nicht zu nahe treten." Irgendwie war er plötzlich froh über ihre Nähe und darüber, dass sie nichts von ihm wollte, ihn nicht kannte. Er unterhielt sich lange mit ihr und trank dabei mehr Whisky, als ihm gut tat. Sie sah sofort, was mit ihm los war, und nahm ihn mit auf ihr Zimmer, wo er in ihrem Bett sofort einschlief. Sie deckte ihn zu und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Schlaf gut, Paddy“ murmelte sie, bevor sie sich auf zum Schlafen auf die kleine Couch legte.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, dröhnte sein Kopf und er hatte einen furchtbaren Geschmack im Mund. Nur mühsam konnte er sich erinnern, wie er hierher gekommen war. "Oh Gott, habe ich, haben wir ...?" fragte er erschrocken die alte Animierdame, die vor dem Bett saß und ihn betrachtete. "Keine Angst, Kleiner, es ist nichts passiert. Selbst wenn du gewollt hättest, in deinem Zustand hätte selbst Claudia Schiffer in Person nichts mehr anrichten können. Weißt du, dass du unheimlich lieb aussiehst, wenn du schläfst? Gib es zu, in Wirklichkeit bist du ein ganz lieber Junge und gar nicht der harte Kerl, der du gern sein würdest!" Paddy konnte sich nicht erklären, warum, aber er vertraute ihr. Die Worte brachen nur so aus ihm heraus, er erzählte ihr von den Mädchen und von dem, was er mit ihnen getan hatte, dass er etwas angefangen hatte und jetzt nicht wisse, wie er es beenden solle.
Sie blickte ihn aufmerksam an und sagte dann: "Warum sagst du nicht einfach NEIN?" Er verstand nicht. "Sag ihnen, dass es ein Ende hat, dass du sie nicht länger benutzen wirst beziehungsweise dich von ihnen benutzen lässt. Es ist ganz einfach. Weißt du, in meinem Beruf muss man auch erst lernen, nein zu sagen. Ich habe früher alles gemacht, was meine Freier wollten, habe mich erniedrigt, Dinge getan, die ich gar nicht wollte. Heute entscheide ich, was ich tun will und was nicht. Glaub mir, es geht. Sie werden es akzeptieren." Einfach NEIN sagen? War es wirklich so einfach? Paddy war sich nicht sicher. "Jemand hat dir das Herz gebrochen oder?" fragte sie zärtlich und er erzählte ihr die ganze Geschichte. Nein, nicht jemand hatte ihm das Herz gebrochen, er hatte es selbst getan. "Ich sage dir mal was, ich war genau wie du, habe niemanden an mich heran gelassen, habe gedacht, für mich gibt es keine Liebe. Und dann, vor ein paar Monaten, habe ich IHN getroffen, er liebt mich wirklich und zwar genau so, wie ich bin. Zum Monatsende höre ich hier auf und werde mit ihm zusammen leben."
Paddy war irgendwie beeindruckt von dieser Frau. Er schaute sich in ihrem Zimmer um und sah eine Gitarre an der Wand lehnen. Davor, auf dem Boden, lag ein Blatt, auf dem der Text eines Liedes geschrieben war und darüber die Akkorde dazu. Neugierig nahm er das Blatt in die Hand und las: LOOKING FOR LOVE, sein Lied. Der Text war fast richtig und die Akkorde auch. "Jetzt schau nicht so ungläubig" sagte sie. "Ich habe den Text aufgeschrieben. Ich weiß genau, wer du bist und ich kenne auch deine Familie. Als ich euch zum ersten Mal gesehen habe, vor vielen Jahren, da hast du dieses Lied gesungen, und ich fand es so wunderschön, dass ich es nie vergessen konnte. Und irgendwann habe ich dann den Text aufgeschrieben..." Sie stockte einen Moment und fragte dann: "Würdest du es für mich singen?" Sie sangen zusammen und Paddy wunderte sich, was für eine wunderschöne Stimme sie hatte. Fast schüchtern fragte er sie: "Würdest du .. könntest du bitte ...?" Sie sah in seinen Augen, was er meinte, und nahm ihn einfach in ihre Arme. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal so viel Zärtlichkeit, so viel Wärme gespürt hatte. Erst nachdem er gegangen war, merkte er, dass er sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte.
Am selben Abend, nach dem Konzert in Düsseldorf, ging Paddy wieder in die kleine Bar, aber er bestellte keinen Whisky sondern eine große Flasche Mineralwasser. Als sie kamen, drehte er sich zu ihnen um und sagte nur ein Wort: "NEIN!" Verständnislos schauten die Mädchen ihn an. "Nein, es ist vorbei. Ich werde nie wieder eine von euch mit auf mein Zimmer nehmen, ich werde nicht länger eure Hure sein! Und jetzt geht bitte, und zwar alle!" Schockiert verließen die Mädchen die Bar, als Paddy plötzlich jemanden klatschen hörte. Es war die junge Barkeeperin, ein hübsches Mädchen, das er bisher gar nicht bemerkt hatte. "Hast verdammt lange gebraucht, Junge. Ich dachte schon, du sagst es ihnen nie!" Paddy fuhr nach Hause und zum ersten Mal seit langer, langer Zeit konnte er wieder ohne Whisky einschlafen. Nein, sein Herz war nicht tot, es lebte, und eines Tages, da war er sich plötzlich ganz sicher, würde er auch wieder lieben können, er würde die große Liebe finden so wie die alte Animierdame, deren Namen er nicht wusste ...
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