Lord can you hear my prayer

by Uli (21.05.2002)

“Schau mal, Gabriel, ein Regenbogen!” Kathy Kelly stand mit ihrem kleinen Neffen auf dem Arm am Fenster von Angelos großem, gemütlichen Wohnzimmer und betrachtete fasziniert das Farbenspiel des Regenbogens. Und während Angelo gerührt beobachtete, wie der kleine Gabriel mit seinen Babyhändchen glucksend auf den bunten Farbenstrahl deutete, hatte er plötzlich ein anderes Bild vor Augen: Er sah seine große Schwester Kathy, seine Geschwister und sich selbst an ganz verschiedenen Orten irgendwo in der Welt, aber die Szenerie war immer dieselbe: Es regnete in Strömen, aber irgendwo fand ein Sonnenstrahl seinen Weg auf die Erde und nur Sekunden später erschien ein wunderbarer Regenbogen am Himmel. Und dann sagte Kathy mit leiser Stimme: „Seht ihr ihn, den wunderschönen Regenbogen? Da oben im Himmel ist unsere Mama und gerade jetzt schaut sie auf uns alle herunter!“ Immer wenn es regnete, ging Kathy mit ihren Geschwistern aus dem Haus, ob sie wollten oder nicht. „Wo Regen ist, kommt auch die Sonne wieder und was gibt es Schöneres als einen Regenbogen?“ Unzählige Regenbogen hatte Angelo in seinem Leben gesehen und doch war jeder von ihnen irgendwie einzigartig und jedes Mal, wenn er wieder einen sah, dachte er, dass dies der schönste von allen sei. Und er war der ganz tiefen Überzeugung, dass, egal was auch geschah, sich alles zum Guten wenden würde, wenn er einen Regenbogen sah.

Das laute Schreien seines Sohnes riss Angelo aus seinen Gedanken. Der Donnerschlag, der den Himmel erschütterte, hatte den Kleinen erschreckt, aber Kathy hielt ihn in ihren Armen, streichelte ihm zärtlich über den Kopf und sprach mit beruhigender Stimme auf ihn ein: „Ganz ruhig, kleiner Gabriel, ganz ruhig, es wird alles wieder gut, ich bin doch bei dir!“ Ich bin doch bei dir! Wie oft hatte Angelo diese Worte von Kathy gehört. Sie war immer viel mehr als eine Schwester für ihn gewesen, egal, was auch passierte, sie war immer da und sie schaffte es immer, ihren kleinen Wildfang zu beruhigen. Kathy! Angelo liebte sie mehr, als Worte es sagen könnten. Langsam ging er zu ihr hin und nahm ihr den schon wieder lachenden Gabriel aus den Armen. „Weißt du eigentlich, wie viel du mir bedeutest, Kathy?“, fragte der jüngste Kelly-Sohn fast schüchtern und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Kathys Gesicht aus. „Ich hoffe, genauso viel wie du mir“, sagte sie sanft und gab ihrem Bruder einen kleinen Klaps auf den Po. „Ich wusste, du würdest ein wunderbarer Vater sein!“ Ihre Worte machten ihn sehr stolz und sie saßen noch lange zusammen und unterhielten sich, bis Kathy aufbrechen musste, weil Sean und Vincent zu Hause auf sie warteten. Es war schon dunkel, als sie ihren kleinen Bruder zum Abschied zärtlich auf die Stirn küsste. „Bis bald“, sagte sie dann fröhlich und stieg auf ihr Fahrrad, um die wenigen Straßen nach Hause zu fahren. „Fahr vorsichtig“, rief Angelo ihr noch nach, aber sie war schon um die Ecke gebogen und hörte ihn gar nicht mehr.

Keine Stunde später kam der Anruf von Paddy. Völlig aufgelöst bat er Angelo, sofort ins Krankenhaus zu kommen. „Es ist wegen, Kathy, Angelo. Sie hat einen schlimmen Unfall gehabt“, brachte er nur mühsam hervor, „und die Ärzte wissen nicht, ob sie überleben wird. Sie liegt im Koma, Angelo, bitte komm!“ Kathy hatte keine Schuld, der Fahrer des Wagens, der ihr Fahrrad frontal erfasst hatte, war viel zu schnell gefahren und hatte getrunken. Wie eine kalte Hand griff die Furcht nach Angelos Herzen. Kathy! Nein, es durfte nicht sein! Nicht Kathy, die ihm immer viel mehr als eine Schwester gewesen war, nicht Kathy, die ihm die schönsten Regenbogen der Welt gezeigt hatte. Angelo fuhr sofort ins Krankenhaus, wo sich seine Geschwister schon um das Bett seiner Schwester versammelt hatten. Wie bleich und zerbrechlich sie aussah! Sie war doch immer so stark gewesen! Was war nur passiert? Schluchzend hielt Angelo die Hand seiner großen Schwester und flüsterte mit tonloser Stimme: „Bitte, Kathy, wach doch auf, du kannst mich nicht allein lassen, da ist doch dein Neffe, der auf dich wartet, bitte...!“

Paddy war es, der Tag und Nacht am Bett seiner Schwester saß und betete. Die anderen wechselten sich ab, Paddy aber war immer da, er hatte keine Familie, die auf ihn wartete und er schien keinen Schlaf zu brauchen. Ohne Unterlass ließ er die Kugeln seines Rosenkranzes durch seine Finger gleiten und sprach leise Gebete für seine Schwester. „Sie wird es schaffen, Angelo“, sagte er immer wieder und in seinen Augen leuchtete so viel Hoffnung, dass Angelo sich verzweifelt fragte, woher sein Bruder diese Zuversicht nahm. Wie alle seine Geschwister glaubte auch Angelo an Gott, aber er holte sich seine Kraft aus seiner Familie, aus seiner Liebe zu Kira. Und nicht selten belächelte er Paddy ein wenig, aber heute wünschte er sich zum ersten Mal, er könne Paddys starken Glauben teilen. Ja, er beneidete ihn fast um die Kraft und die Stärke, die er ihm zu geben schien. Drei Tage vergingen, drei unendlich lange Tage und Nächte, in denen sie alle durch die Hölle gingen. Die Geschwister waren wie versteinert seit Kathys Unfall, am meisten aber litt Angelo, der mit ihr nicht nur die Schwester sondern auch die Mutter verlieren würde. So oft es ihm möglich war, saß er an Kathys Krankenbett, streichelte ihr bleiches Gesicht, das so zart und so jung aussah inmitten der Maschinen, die sie am Leben hielten, und sprach mit leiser Stimme zu ihr. Er war sich ganz sicher, dass sie ihn hören konnte, auch wenn die Ärzte etwas anderes sagten.

Am Abend des vierten Tages fasste Angelo einen Entschluss: „Ich werde heute Nacht bei ihr bleiben, Paddy, geh du nach Hause und schlaf ein bisschen, ich ruf’ dich an, wenn sich etwas ändert!“ „Ich werde nicht gehen, Angelo, ich bleibe hier und werde für sie beten, ich werde sie nicht allein lassen!“ Aber Paddys Gesicht sprach eine andere Sprache, Angelo sah seinem Bruder deutlich an, dass er das nicht mehr lange durchhalten würde, sein Körper sehnte sich nach ein bisschen Ruhe und nach Schlaf. Schließlich gab er nach, nahm seine Jacke vom Nachttisch an Kathys Bett und ging nach Hause. Angelo blieb mit seiner Schwester allein zurück. Er erzählte ihr kleine Geschichten von seinem Sohn, aber auch von seinen Erinnerungen an die Zeit, als er ein kleiner Junge war und Kathy ihm die Mutter ersetzt hatte, so gut sie es eben konnte. Als er draußen langsam dunkel wurde und Angelo zum Fenster ging, um die Vorhänge zuzuziehen, sah er die sanft glitzernde Kette unter dem Nachttisch. Paddys Rosenkranz! Er musste ihn verloren haben, als er seine Jacke vom Nachttisch genommen hatte. Vorsichtig nahm Angelo die Kette in seine Hände und ließ die Kugeln durch seine Finger gleiten. Und dann tat er etwas, das er schon lange nicht mehr getan hatte. Er fing an zu beten, er hatte keine Ahnung, wie man einen Rosenkranz betet, aber das war auch nicht nötig. Während er die Kugeln wieder und wieder durch seine Hände gleiten ließ, sprach er einfach das aus, was ihm durch den Kopf ging, er hielt ein Zwiegespräch mit Gott, offenbarte ihm seine innersten Gefühle, seine Ängste und Hoffnungen. „Wenn es dich wirklich gibt, wenn du wirklich so stark bist wie Paddy immer sagt, dann hilf mir bitte, lieber Gott, lass sie nicht sterben. Ich brauche sie so sehr!! Und da ist mein kleiner Sohn, der auf seine Tante wartet. Sie hat mir so viel gegeben und ich möchte ihr doch noch so viel sagen, bitte lass nicht zu, dass sie stirbt, bitte...!“

Es war spät geworden und Angelo fühlte, wie Müdigkeit seinen Körper durchdrang, aber er wehrte sich gegen den Schlaf. Nein, er wollte nicht schlafen, er wollte hier sitzen und Kathy beobachten, er wollte sich einreden, sie schlafe nur und alles sei in Ordnung, aber es gelang ihm nicht, die Angst und die Verzweiflung, die er fühlte, waren so schrecklich stark. Angelo merkte gar nicht, dass er den Rosenkranz fest umklammerte, während sein Körper von Schluchzen geschüttelt wurde. Er setzte sich zu Kathy aufs Bett und küsste sie. „Ich liebe dich, Kathy, ich liebe dich so sehr“, flüsterte er erstickt, bevor er sich einfach neben sie aufs Bett legte, ihre Hand ganz festhielt und die Augen schloss. Wenn doch alles nur schrecklicher Albtraum wäre, aus dem er morgen früh einfach aufwachte! Als er den hellen Schein vor dem Fenster des Krankenzimmers bemerkte, dachte er zuerst, er sei eingeschlafen und die Sonne gehe auf, aber ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass es mitten in der Nacht war. Langsam ging er zum Fenster und zog den Vorhang zurück und im nächsten Moment entfuhr ihm ein Aufschrei, denn was er da am stockfinsteren Himmel sah, war ein leuchtender Regenbogen, der schönste Regenbogen, den er je gesehen hatte. In schillernden Farben erleuchtete er die schwarze Nacht und obwohl diese Szene so unwirklich war, dass Angelo sich nicht sicher war, ob er sich das alles nicht nur einbildete, spürte er, wie Hoffnung in sein Herz einzog, Hoffnung und neue Zuversicht.

Und dann hörte er, dass sich hinter ihm in Kathys Bett etwas bewegte. Durch den Tubus in ihrem Hals konnte sie nicht sprechen, aber sie war wach und schaute ihn mit großen Augen verwundert an. Ihr Blick wanderte zu dem wunderschönen Regenbogen, der immer noch das Dunkel der Nacht erhellte, aber nur Sekunden später genauso schnell wieder verschwand wie er erschienen war. Einen Moment lang war Angelo wie gelähmt, dann lief er zu ihr hin und nahm sie vorsichtig in seine Arme. „Es ist alles gut, Kathy, es ist alles gut. Du hattest einen Unfall, aber jetzt wird alles wieder gut!“, schluchzte er und drückte sie ganz fest an sich, bevor er sie langsam wieder aufs Bett gleiten ließ. Ganz langsam hob sie die Hand und strich ihm zart übers Gesicht und er wusste, was sie sagen wollte: „Weine nicht, Angelo, ich bin doch bei dir, ich bin doch immer bei dir!“ Angelo rief die Schwester und griff zum Telefon, um Paddy anzurufen, aber noch bevor er seine Nummer wählen konnte, legte sich eine Hand auf seine Schulter und er fuhr erschrocken herum und starrte seinen Bruder wortlos an, bevor er zu stammeln begann: „Paddy..., Paddy, wo kommst du..., Paddy, es ist etwas Unglaubliches...“, aber Paddy ließ seinen kleinen Bruder gar nicht ausreden. Er schloss Kathy in seine Arme, nahm Angelo sanft den Rosenkranz aus den Händen und sagte lächelnd: „Ich weiß, Angelo, ich weiß, ich hab’ ihn auch gesehen, den Regenbogen....“