You're losing me

(Gedanken über Kathy Kelly)

by Uli (05.02.2001)

Diese Geschichte ist nicht so wie die, die ihr sonst von mir kennt. Genau genommen ist es gar keine Geschichte sondern nur ein paar Gedanken oder vielleicht einfach nur der Versuch, mit meinem Schmerz, meiner Trauer über Kathys endgültigen Ausstieg fertig zu werden. Lest sie einfach, dann wisst ihr, was ich meine.

Von jedem Mitglied der Kelly Family gibt es ein Lied, das ich ganz besonders liebe (na ja, eigentlich liebe ich sie alle, aber ein Lied eben ganz besonders), und mein absolutes Lieblingslied von Kathy ist eindeutig „You’re losing me“. Wenn sie es gesungen hat, wenn sie auf der Bühne stand mit ihrer weißen Geige, dann war das jedes Mal ein absolutes Highlight für mich, ich hätte heulen können vor Begeisterung und gleichzeitig vor Mitgefühl, weil sie dieses Lied so einmalig rüber gebracht hat. Niemals hätte ich gedacht, dass dieser Song einmal eine andere Bedeutung für mich haben würde, Kathys musikalischen Abschied von ihren Geschwistern und von ihrem Publikum nämlich.

Kathy hat mich schon immer auf eine ganz besondere Art und Weise fasziniert. Natürlich schon deshalb, weil sie fast so alt ist wie ich (ja, sie ist zwei Jahre jünger, aber in unserem Alter zählt das fast nicht mehr) und es doch irgendwie sehr beruhigend war, dass auch auf der Bühne eine „Alte“ steht. Aber das war nicht der einzige Grund. Nein, es war ihre Ausstrahlung, ihre unglaubliche Stärke und Lebensfreude, die sie ausgestrahlt hat, die mich so begeistert haben. Ich habe sie grenzenlos bewundert dafür, wie sie damit fertig wurde, dass sie ja praktisch mit 19 Jahren plötzlich Mutter von acht jüngeren Geschwistern war, wie sie für ihre Brüder und Schwestern Mutter und Schwester zugleich war. Und als sie dann eines Tages dieses Hammerlied „You’re losing me“ gesungen hat, hatte sie endgültig ihren ganz besonderen Platz in meinem Herzen sicher. Dieses Lied und vor allem die Art und Weise, wie sie es immer gesungen hat, hat mich wieder und wieder zu Tränen gerührt.

Als Kathy dann immer öfter gefehlt hat, fand ich das anfangs gar nicht so schlimm, so kommt ein bisschen mehr Abwechslung in die Konzerte, redete ich mir ein. Und es ist ja nicht für immer. Sie wird ja wieder kommen. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass Kathy, die absolute Live-Powerfrau, ein Leben ohne Bühne leben kann. Nein, nicht Kathy. Die Konzerte ohne Kathy waren auf ihre Weise auch wunderschön, aber die mit ihr waren ungleich schöner. Nie werde ich das Zeltkonzert im Oktober 1999 in Sindelsdorf vergessen, als sie für mich völlig überraschend wieder auftauchte. Und es war, als sei sie nie weg gewesen. Sie stand da, mit ihrer weißen Geige, und sang, sang mein Lieblingslied: „You’re losing me!“ Damals ahnte ich ja nicht, dass ich sie hier zum letzten Mal zusammen mit ihren Geschwistern auf der Bühne sah, und ich glaube, sie wusste es damals auch noch nicht.

Es gab immer Leute, die gesagt haben, Kathy kommt nicht wieder, und eigentlich hätte ich es ja auch wissen müssen, aber ich habe es einfach nicht geglaubt, wollte es nicht glauben. Ich war ganz sicher, sie wird wieder kommen, eines Tages. Als dann diese Meldung im Internet auftauchte über ihr Interview, in dem sie gesagt hat, sie kommt nicht wieder, da habe ich es ganz einfach ignoriert. Ich gebe nicht viel auf Internet-Gerüchte, es gibt so viele davon und so wenige sind wahr. Nein, ich habe mir weiterhin eingeredet, sie wird wieder kommen, sie wird wieder für uns singen. Aber irgendwann, nachdem ich es wieder und wieder gelesen habe, begann ich, es zu glauben. Ja, ich hätte es wirklich wissen müssen und ich habe manchmal auch mit dem Gedanken gespielt, aber ich hätte nie gedacht, dass es so weh tun würde. Ich habe viele Konzerte ohne sie erlebt, aber in meinem Herzen war sie immer da und ich war immer sicher, dass sie wieder kommt, und jetzt? Wenn ich die Kellys das nächste Mal live sehe, dann weiß ich, Kathy wird nie wieder kommen, nie wieder auf der Bühne stehen mit der weißen Geige, nie wieder mein Lieblingslied für uns singen. Und am schlimmsten finde ich, dass wir uns nicht von ihr verabschieden konnten, dass sie einfach still und leise verschwunden ist.

Jetzt sitze ich hier und frage mich, warum mir das jetzt so weh tut. Ich kenne diese Frau doch gar nicht und doch ist mir der Gedanke, sie nie wieder zu sehen, fast unerträglich. Sie hat mir so viel gegeben mit ihrer Musik, ich hätte ihr auch gerne etwas gegeben, aber was? Ich würde ihr so gerne sagen, wie sehr ich sie mag, wie viel ihre Lieder mir bedeuten, aber ich kann nicht. Meine Freunde fragen mich, wie man sich in meinem Alter über so etwas überhaupt Gedanken machen kann, ob ich keine anderen Sorgen habe als den Ausstieg einer Kathy Kelly, und manchmal frage ich mich das auch. Aber ich kann es nicht ändern, es ist einfach so.

Es gibt so viel, das ich dir gerne sagen würde, Kathy, aber da ich das nicht kann, werde ich es jetzt in ein paar kurzen Sätzen zusammen fassen. Du wirst sie nie lesen, aber ich schreibe sie trotzdem: Leb wohl, Kathy, du wirst mir furchtbar fehlen. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du alles Glück der Welt findest in deinem neuen Leben. Auch wenn der Gedanke, dich nie wieder mit deinen Geschwistern auf der Bühne zu sehen, mir noch so weh tut, ich weiß, es wird besser werden mit der Zeit. Aber vergessen, vergessen werde ich dich nie, Kathy. Meine Liebe für all das, was du mir gegeben hast, ohne es überhaupt zu wissen, wirst du nie verlieren. Und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich dich vor mir, du stehst mit deinen Geschwistern auf der Bühne in deinem weinroten Samtkleid, deine weiße Geige in der Hand, und singst für mich, singst mein Lieblingslied: „You’re losing me“...

Keine Sorge, ich werde jetzt nicht in Trauer erstarren. Schließlich ist Kathy ja nicht ganz verschwunden sondern taucht vielmehr gerade wieder auf. Und wie ich schon sagte: Ich glaube nicht, dass sie ohne Bühne leben kann. Und wer weiß? Vielleicht kommt sie ja schon bald reumütig zu ihren Geschwistern zurück!?. Eines verspreche ich euch auf jeden Fall: Meine nächste Geschichte wird wieder so, wie ihr das gewohnt seid: Rein erfunden und mit positivem Ende.