Maximum

(The power of mind)

by Uli (21.03.2001)

Manchmal hasste Joey Kelly den Tag, an dem er zum ersten Mal einen Triathlon gelaufen war, an dem er sich infiziert hatte mit dem Fieber, das ihn jetzt nicht mehr los ließ. Am Anfang war alles ganz leicht gewesen, er lief hier und da einen Marathon oder einen Triathlon und er freute sich, wenn er ihn durchstand. Einfach nur ankommen, lautete seine Devise, andere, viel höher gesteckte Ziele hatte er damals nicht. Aber dann, ziemlich bald schon, fing sie an, die Jagd, ja, die Sucht nach Rekorden. Immer weitere Strecken lief er, an immer wahnwitzigeren Wettbewerben nahm er teil. Er kam immer an, aber er konnte sich nicht mehr darüber freuen. Sein Blick galt nur noch der Uhr, der Zeit, die er gelaufen war. Langsam und unmerklich wurde es zur Sucht, zu einer gefährlichen Sucht, denn sie drohte, seinen Körper kaputt zu machen, seinen Körper, der manchmal schon reagierte mit furchtbaren Schmerzen, mit regelrechten Zusammenbrüchen. Aber Joey gönnte ihm keine Pause. Zu stark war die Sucht nach dem Kick, nach der Jagd auf einen neuen Rekord. Wenn er Interviews gab, malte er alles in den schönsten Farben, als sei es ganz leicht, als gäbe es nichts Schöneres als seinen Körper zu quälen, aber das war nicht die Wahrheit. Er wollte, ja, er konnte nicht mehr, aber er war nicht fähig, es zuzugeben. Oft versuchte er, mit Tanja darüber zu reden, aber im entscheidenden Moment fehlten ihm die richtigen Worte, wurde er wieder zum strahlenden Gewinner, dem keine Strecke zu weit, kein Berg zu hoch und keine Herausforderung zu stark ist.

Natürlich hatte er sich angemeldet zum Marathon in Frankfurt, so wie jedes Jahr. Frankfurt ohne Joey Kelly? Unmöglich. Und da gab es eine Zeit, die es zu knacken galt, um jeden Preis. Nur dann würde sich dieses wahnsinnig schöne Gefühl des Sieges über sich selbst wieder einstellen, das wusste Joey, und es raubte ihm fast den Verstand. Er stand früh auf an diesem Morgen und richtete sich sein Frühstück, ein präzise zusammen gestelltes Frühstück, damit er all seine Kräfte für den Lauf mobilisieren konnte. Er würde es brauchen, das wusste er, sonst hätte er keine Chance, seine bisherige Bestzeit zu verbessern. Er drückte Tanja, die noch selig schlafend im Bett lag, einen sanften Kuss auf die Wange und blieb für ein paar Minuten reglos vor ihrem Bett stehen und betrachtete sie. Wie schön sie war, wenn sie schlief! Manchmal konnte er es immer noch nicht fassen, dass sie, seine absolute Traumfrau, sich wirklich in ihn verliebt hatte, dass sie ihm das schönste Geschenk gemacht hatte, das eine Frau einem Mann machen kann: Seinen geliebten Luke. Er konnte sich ein Leben ohne die beiden schon lange nicht mehr vorstellen. Leise verließ Joey das Schlafzimmer und machte sich fertig für den Marathon. Er verspürte einen leichten Widerwillen gegen diesen Lauf, nein, er hatte keine Lust, sich zu schinden, seinem Körper eine neue Bestzeit abzuringen, aber er wusste genau, wenn das Fieber erst von ihm Besitz ergriffen hatte, würde er alles tun, um zu gewinnen, um einen erneuten Sieg gegen sich selbst verbuchen zu können.

Kaum hatte Joey das Zelt, das für die Läufer aufgebaut war, betreten, um sich umzuziehen, kam ihm auch schon einer der Organisatoren entgegen. Oh nein, bitte kein Interview! Er hatte keine Lust, zum tausendsten Mal zu wiederholen, wie viel ihm der Ausdauersport bringe, wie begeistert er an allen Läufen teilnahm, er wollte nur seine Ruhe haben, um sich in den letzten Minuten vor dem Lauf optimal vorbereiten zu können. Aber der Mann wollte gar kein Interview von ihm, er überreichte ihm nur einen hellblauen Umschlag, auf dem in zierlicher Frauenschrift stand: Für Joey Kelly. Er bekam oft Fanbriefe vor einem Lauf überreicht und normalerweise las er sie nicht, aber heute war er für alles dankbar, das ihn ablenkte. „Lieber Joey,“ las er, „ich möchte mich einfach nur bei dir bedanken. Vor ein paar Jahren ging es mir sehr schlecht, psychisch und körperlich, und da war es deine und die Musik deiner Geschwister, die mich nicht verzweifeln ließ. Du kennst mich nicht und doch verdanke ich dir so viel. Nachdem es mir besser ging, habe ich angefangen zu laufen, einzig und allein, weil ich gesehen habe, wie viel es dir bringt, wollte ich wissen, wie es ist. Und du hattest Recht: Es ist traumhaft, einfach nur durch den Wald zu laufen, alle Sorgen scheinen von einem abzufallen, man fühlt sich frei und unabhängig. Und heute möchte ich mir einen Traum erfüllen, auch wenn ich große Angst habe, dass ich es nicht schaffe. Ich werde am Marathon teilnehmen. Bitte drück’ mir die Daumen, dass ich durchhalte. Ein treuer Fan“. Ein schöner Brief, der Joey ein wenig neugierig machte. Wer mochte das Mädchen sein, das ihn geschrieben hatte?

Es waren viele Läufer am Start, sehr viele, junge und alte, Männer und Frauen. Aufmerksam betrachtete Joey die Gesichter der einzelnen Sportler. Er sah sofort, wer hier nur aus Spaß an der Freude teilnahm und wer von der Sucht befallen war wie er, von der Sucht nach Rekorden, nach immer besseren Zeiten, davon, das Maximum aus sich herauszuholen. Und dann sah er sie, eine Frau, er schätzte sie auf Mitte Vierzig, die so völlig anders aussah als die anderen Athleten. Sie war klein und zierlich und in ihrem auffallend blassen Gesicht stand die Aufregung vor dem Marathon deutlich geschrieben. Sie stand da mit einer jüngeren Frau, die beruhigend auf sie einzureden schien, Joey schätzte, dass es ihre Tochter war, die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Er konnte nicht sagen warum, aber er wusste sofort, dass sie es war, die den Brief geschrieben hatte. Langsam ging er auf sie zu und sprach sie an: „Na, ist wohl dein erster Marathon?“, fragte er sie und als sie nicht antwortete, meinte er noch: „Du schaffst das, es ist nicht so schwer.“ In ihren Augen, sah er deutlich die Bewunderung, die sie für ihn empfand. „Hallo Joey“, murmelte sie verlegen, während eine leichte Röte ihr blasses Gesicht überzog, und er spürte, dass sie ihm nicht glaubte, dass sie nicht an sich selbst glaubte. Irgendwie rührte ihn diese Frau. Warum tat sie sich das an, wenn sie es eigentlich gar nicht wollte? Ein Blick in die Augen ihrer Tochter sagte ihm warum. Er war es, der sie dazu motiviert hatte. Ja, sie war ein Fan von ihm und sie hatte sich vorgenommen, einmal, nur einmal einen Marathon zu laufen, sie hatte trainiert, jeden Tag, hatte alles gegeben, um ihr Ziel zu erreichen, und jetzt, da sie so kurz davor war, hatte sie jedes Selbstbewusstsein verloren. Er kannte dieses Gefühl, aber er wusste auch, dass man damit fertig werden konnte, dass man alles schaffen konnte, wenn man es nur wirklich wollte. Instinktiv spürte er, dass die junge Frau auf seine Hilfe für ihre Mutter hoffte, aber ganz plötzlich hatte er keine Lust mehr, sich mit dieser Frau zu beschäftigen, die er gar nicht kannte, er hatte Wichtigeres zu tun und das würde seine volle Konzentration erfordern. Noch einmal nickte er ihr aufmunternd zu, dann nahm er seinen Startplatz ein.

Als der Startschuss fiel und die Läufer im Pulk losrannten, vergaß Joey die Frau. Nur noch ein Gedanke beherrschte sein Denken: Er musste ihn knacken, seinen Rekord, koste es, was es wolle. Er lief einfach weiter, ohne zu denken, seine Beine schienen von ganz alleine zu laufen, eine ganze Zeit lang, und dann, ganz plötzlich, schob sie sich wieder in seine Gedanken. Er sah ihr blasses Gesicht, ihre angstvollen Augen, und fragte sich, wie es ihr wohl ergehen würde. Hatte sie schon aufgegeben oder würde sie sich durchkämpfen? Sein erster Triathlon fiel ihm ein: Er hatte gekämpft, alles gegeben, und er wusste noch genau, wie einsam er sich gefühlt hatte, wie allein und verlassen er gegen seinen inneren Schweinehund gekämpft hatte, und er hatte sich nichts mehr gewünscht als jemanden neben sich zu haben, der ihm Mut zuredete, ihn aufmunterte, wenn er nicht mehr konnte, aber da war niemand, er war ganz allein. Diese Gedanken gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf und auch das Gesicht der Frau nicht.

Er merkte, wie seine Schritte langsamer wurden, wie seine Konzentration nachließ, und begann, diese fremde Frau zu verfluchen. So würde er nie seinen Rekord knacken. Aber so sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht, die Gedanken wegzuscheuchen: Sie lief wegen ihm, wollte nur einmal einen Marathon schaffen, und ganz plötzlich war ihm klar, dass sie es nicht schaffen würde ohne seine Hilfe. Er konnte sich nicht erklären, was in diesem Moment in ihm vorging, aber er tat etwas, das er noch nie getan hatte: Er hielt an und lief auf dem schmalen Streifen neben der Rennstrecke den Weg zurück. Er wusste nicht genau, was er da eigentlich tat, aber er spürte plötzlich, dass es etwas Wichtigeres gab als Rekorde.

Als er sie endlich sah, lief er sofort zu ihr. Sie war eine der letzten und er sah den Schreck in ihren Augen, als er auf sie zulief. „Du schaffst das, glaub mir. Wir werden zusammen laufen!“ Sie war zu schwach, um zu protestieren, brav lief sie neben ihm her, versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Er gab ihr Wasser und redete die ganze Zeit auf sie ein, erzählte ihr, wie schwer ihm sein erster Marathon gefallen war und wie sehr er sich gewünscht hatte, nicht alleine laufen zu müssen. Er erzählte ihr von Tanja, von seinem geliebten Sohn, von seinen Geschwistern, aber auch davon, wie er süchtig danach wurde zu siegen, wie er immer mehr erreichen wollte und darüber fast vergaß, wie schön das Leben ist. Sie konnte nicht antworten, aber ab und zu lächelte sie ihm zu und in diesem Lächeln lag nicht nur Bewunderung und Verständnis sondern auch Dankbarkeit, grenzenlose Dankbarkeit. Und in ihren Augen sah er plötzlich etwas, das er heute morgen nicht gesehen hatte: die Hoffnung und den Willen, es zu schaffen.

Mehrmals fürchtete er, dass sie zusammen brechen würde, aber sie stand es durch, lief einfach immer weiter, während ihr Tränen der Erschöpfung übers Gesicht liefen. Joey war plötzlich sehr stolz darauf, dass er es war, der sie dazu motiviert hatte, und noch viel mehr darauf, dass er ihr helfen konnte, ihr Ziel zu erreichen. Zusammen liefen sie über die Ziellinie und jetzt waren es Tränen der Freude, der Freude und des Glücks, die sie weinte. Er wusste, dieses Strahlen in ihren vom Lauf erschöpften Augen würde er nie vergessen. Joeys Zeit war miserabel, die schlechteste, die er je gelaufen war, aber es interessierte ihn gar nicht. „Danke, Joey“, flüsterte sie völlig erschöpft und er spürte ein ungeahntes Glücksgefühl in sich aufsteigen. Er hatte einem Menschen gezeigt, was er alles erreichen kann, er hatte jemanden geholfen, der an ihn glaubte, ihm vertraute, und dieses Gefühl konnte kein Sieg der Welt aufwiegen. Als Tanja, die mit Luke an der Ziellinie stand, ihn umarmte, wusste er, dass die Jagd auf Rekorde ein Ende haben würde. Er würde ihn nicht aufgeben, seinen Sport, dafür bedeutete er ihm zu viel, aber er würde in Zukunft mehr auf seinen Körper hören, würde ihn nicht mehr schinden bis zum völligen Zusammenbruch. Er wusste, er würde ihn nicht mehr brauchen, den Kick, immer wieder das Maximum aus sich herauszuholen...