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Motherhood
by Uli (11.08.2001)
Kathy kam es plötzlich vor, als sei es erst gestern gewesen, dass Barbara-Anne Kelly ihr kurz vor ihrem Tod den kleinen Angelo in die Arme gelegt und sie gebeten hatte, sich um ihn zu kümmern. Erst als Kathy ihr das Versprechen gegeben hatte, konnte sie in Frieden einschlafen. Am Anfang war alles ganz einfach gewesen, Angelo war so ein süßes Baby mit seinem engelsblonden Haar und diesem entzückenden Schmollmund. Kathy liebte ihn wie ihren eigenen Sohn und sie war so stolz, als Angelo seine ersten Schritte machte, als er sein erstes Wort sagte, „Mama“, und sie dabei mit seinen strahlenden blauen Augen anlächelte. Er vergötterte seine große Schwester und wich nicht von ihrer Seite und das machte sie sehr glücklich, auch wenn sie wusste, dass sie es ihm eines Tages würde sagen müssen und sie wollte nicht zu lange damit warten.
Als Angelo drei Jahre alt war, fing sie ganz behutsam damit an, ihm zu erklären, dass nicht sie sondern eine andere seine Mama war, eine wundervolle Frau, die das Schicksal ihnen allen viel zu früh genommen hatte. Anfangs nahm er alles ganz ruhig und überraschend verständig auf, aber dann, kurz vor seinem vierten Geburtstag, fing er an, Fragen zu stellen. Er wollte alles wissen über seine Mama und sein Vater und seine Geschwister taten alles, um ihn vertraut zu machen mit dem Leben, das sie mit ihrer Mutter geführt hatten. Stundenlang schaute er sich mit Paddy und Maite die alten Fotoalben und Filme an und er wurde nicht müde, die Geschichten von früher zu hören, die ihm seine Geschwister erzählten. Und dann, eines Abends, als Kathy ihn ins Bett brachte und ihm das alte irische Schlaflied vorsang, fragte er plötzlich: „Hat sie das auch immer für euch gesungen, Kathy?“ „Ja, das hat sie, kleiner Angelo, und sie hat es auch für dich gesungen, auch wenn du dich nicht daran erinnern kannst. Sie hatte dich sehr lieb, weißt du, dich und uns alle!“, antwortete Kathy ihm zärtlich und erschrak, als sie die Tränen in seinen großen Augen sah. „Wieso ist sie dann nicht bei mir geblieben, wieso hat sie mich allein gelassen?“, fragte er schluchzend und Kathy fand keine Antwort, die seine Tränen trocknen konnte.
Von diesem Tag an sprach er nur noch davon, dass er nach Spanien wolle in das Haus, in dem sie alle gewohnt hatten. Kathy führte lange Gespräche mit ihrem Vater, bevor sie die Entscheidung trafen, im Juli zwei Wochen in das Haus zu fahren, um das sich seit dem Wegzug der Kellys ein alter Dorfbewohner kümmerte. Angelo strahlte, als sie ihm erzählten, sie würden alle zusammen Urlaub in Spanien machen und sie würden ihm alles zeigen. Kathy hatte so sehr gehofft, sie könne ihm damit helfen, das Geschehene zu verarbeiten, aber das genaue Gegenteil schien der Fall zu sein. Schon in der ersten Nacht in Spanien wachte Angelo schreiend auf und rief nach seiner Mutter. Er war völlig außer sich und klammerte sich schreiend an Kathy. Sie hätte ihn nicht lieb gehabt, rief er immer wieder, sonst wäre sie bei ihm geblieben. So ging es jede Nacht und Kathy und Dan wussten nicht, was sie tun sollten, wie sie ihm helfen konnten.
Als es draußen langsam hell wurde, stand Kathy seufzend auf und ging nach unten, um das Frühstück für sich und ihre Geschwister vorzubereiten und die Schnitzel für das Picknick zu braten, das Paddy seinem kleinen Bruder für heute versprochen hatte. An den wunderschönen See wollten sie gehen, an die Stelle, an der sie früher mit ihrer Mutter immer so glücklich gewesen waren. Es wurde ein traumhafter Tag, sie saßen alle zusammen auf der alten karierten Decke auf dem Boden, aßen die Leckereien, die Kathy zubereitet hatte, badeten im See und sangen alte irische Lieder. Angelo war schon lange nicht mehr so fröhlich gewesen und Kathy freute sich sehr darüber. Vielleicht würde jetzt alles besser werden. Abends fielen sie alle todmüde ins Bett und auch Kathy schlief sofort ein.
Dan Kelly und seine Kinder wachten nicht auf, als der kleine Angelo kurz vor Mitternacht aus seinem Bett stieg, sich leise anzog und nach unten in die Küche schlich. Er hatte etwas ganz Besonders vor, noch ein Picknick wollte er machen, aber nicht mit den anderen, nein, ganz allein wollte er noch einmal zum See gehen, sich dort auf die alte karierte Decke setzen und die vom Nachmittag übrig gebliebenen Köstlichkeiten aufessen und dabei wollte er ganz fest an seine Mama denken. Vielleicht würde sie ihm dann ein Zeichen schicken, ihm irgendwie zeigen, dass sie ihn lieb hatte, auch wenn sie nicht bei ihm sein konnte. Leise öffnete der kleine Junge die Kühlschranktür und packte sich ein paar Sachen und die alte Decke in den Picknickkorb, bevor er das Haus verließ. Es war nicht weit bis zum See und Angelo fand die Stelle sofort, an der sie mittags gesessen hatten. Er legte die Decke und den Korb in das kleine Ruderboot, das an Rande des Sees festgemacht war, löste die Leinen und ruderte langsam auf den See hinaus. „Siehst du, Mama“, murmelte er vor sich hin, „ich kann das schon ganz alleine, ich bin schon ein großer Junge!“ Angelo war so in sein Tun vertieft, dass er die dunklen Wolken, die sich über dem See zusammen zogen, nicht bemerkte. Erst als die ersten Tropfen fielen und der erste Blitz über das Wasser zuckte, schrak er zusammen und versuchte, ans Ufer zurück zu rudern, aber der Wind schien von allen Seiten gleichzeitig zu kommen und er war viel zu schwach. Das kleine Boot fing an zu schaukeln, Picknickkorb und Decke fielen über Bord, während der Vierjährige völlig verängstigt auf dem Boden des Bootes kauerte. „Hilf mir, Mama, bitte hilf mir doch“, rief er weinend, aber wer sollte ihn hören auf dem einsamen See?
Wieder schreckte Kathy Kelly mitten in der Nacht aus dem Schlaf, aber diesmal waren es nicht Angelos Schreie, die sie weckten, und es war auch nicht das Gewitter, es war nur ein Gefühl, das sichere Gefühl, dass ihr kleiner Bruder in Gefahr war, dass sie ihm zu Hilfe eilen musste. Ein Blick auf sein Bett bestätigte ihre Befürchtungen: Es war leer und Angelo war verschwunden und mit ihm der große Picknick-Korb. Kathy hatte keine Ahnung, warum sie direkt zum See lief, es war nur dieses Gefühl, das sie führte. Sofort sah sie das kleine Boot, das der Wind wie eine Nussschale auf dem See herum trieb, und sie sah den blonden Haarschopf ihres kleinen Bruders. Ohne zu zögern sprang Kathy ins Wasser und versuchte, das Boot zu erreichen, aber schon nach wenigen Metern erkannte sie, dass sie es nicht schaffen würde, der Wind war viel zu stark. Sie schwamm ans Ufer zurück, um Hilfe zu holen, und in ihrer Verzweiflung begann sie zu beten, genau wie der kleine Angelo: „Hilf ihm, Mama, bitte hilf uns, ich schaffe es nicht allein, bitte bring ihn mir zurück, ich liebe ihn doch so sehr!“
Und dann, als Kathy loslaufen wollte zum Haus, um ihre Geschwister zu holen, kam es ihr plötzlich vor, als würde der Mond auf einmal viel heller scheinen, als würde er versuchen, durch die Wärme seines Lichts den Regen zu vertreiben. Von einem Moment auf den anderen drehte sich der Wind und trieb das kleine Boot in Richtung Ufer, direkt in Kathys Arme. Weinend nahm sie ihren kleinen Bruder aus dem Boot und hielt ihn fest in ihren Armen. „Weine doch nicht, Kathy“, hörte sie ihn sagen, „das war Mama, nicht wahr? Sie hat mich zu dir gebracht, weil sie mich lieb hat oder...?“ Eigentlich hätte Kathy ihm jetzt erklären müssen, dass alles nur eine Laune der Natur gewesen war, aber sie konnte nur unter Tränen nicken, während sie Angelos Gesicht mit Küssen bedeckte. „Ja, Angelo, ich weiß“, war alles, was sie hervorbrachte. Sie schaute in den jetzt wieder sternenklaren Himmel und flüsterte: „Danke, Mama, danke!“ Nach dieser Nacht verschwanden Angelos Albträume so plötzlich wie sie gekommen waren, aber Kathy saß oft am Bett ihres kleinen Bruders und beobachtete ihn. Er sah so unschuldig aus, wenn er schlief, wie ein Engel, und ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen, als sei er in einer anderen Welt.
Fast auf den Tag genau 15 Jahre nach der stürmischen Nacht in Spanien fuhr Kathy sofort ins Krankenhaus, als Angelo sie anrief und sie war es auch, die den kleinen Gabriel als Erstes in ihren Armen hielt. Gerührt betrachtete sie das winzige Gesicht des schlafenden Babys. „Er sieht aus wie ein Engel“, flüsterte sie ihrem Bruder zu, als sie die unausgesprochene Frage in seinen Augen sah: „Werde ich es schaffen, Kathy, glaubst du, ich werde ein guter Vater sein oder bin ich vielleicht doch zu jung?“ Sanft legte sie das Baby zurück in sein Bettchen und nahm Angelo in ihre Arme. „Ich war 19 damals, als Mama dich mir in die Arme gelegt hat, genau so alt wie du jetzt bist, Angelo! Und vom ersten Augenblick habe ich dich geliebt wie meinen eigenen Sohn. Du wirst ein wundervoller Vater sein, mein Kleiner!“ Stolz schmiegte sich Angelo in die Arme seiner großen Schwester und noch lange standen sie dicht beieinander und betrachteten den schlafenden kleinen Engel in seinem Babybettchen.
You’ll make it, Angelo!
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