Mrs. Speechless

by Uli (28.01.2003)

Ganz allein sitzt sie im Wohnzimmer, das er vor ein paar Minuten wutentbrannt verlassen hat, und starrt ins Leere. Der Streit war heftig, sehr heftig, der schlimmste, den sie in letzter Zeit gehabt haben. Und sie hatte sich so gefreut auf diesen Abend, ein Abend nur für sie beide sollte es werden, schon so lange hatten sie keine Zeit mehr allein verbracht und wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, endlich wieder einmal mit ihm ganz allein sein, sich einfach seinen Zärtlichkeiten hinzugeben, ohne dass alle paar Minuten eines der Kinder schrie. Nachdem Maite die Kinder abgeholt hat, ist sie noch in die Stadt gefahren und hat sich ein neues Kleid gekauft, einen Traum aus schwarzem Chiffon, sie wollte ihn überraschen damit, sie wollte endlich wieder das Begehren in seinen Augen sehen, das sie seit der Geburt ihrer Tochter so sehr vermisst. Voller Freude ist sie daheim angekommen, sie hat das Essen aufgesetzt, den Champagner kalt gestellt und den Tisch wunderschön gedeckt und dann hat sie ein warmes Bad genommen, das neue Kleid angezogen und seinen Lieblingsduft aufgelegt.

Natürlich ist er zu spät gekommen, wie immer in letzter Zeit, aber sie hat ihren Ärger darüber heruntergeschluckt, sie ist ihm strahlend entgegen gelaufen und hat ihn zur Begrüßung zärtlich geküsst. „Was ist denn hier los?“, hat er gefragt und staunend das neue Kleid angeschaut. „Wow, du siehst toll aus“, der Blick, mit dem er sie angeschaut hat, ließ tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen. Sie hat wirklich gedacht, es würde der perfekte Abend werden, von dem sie geträumt hat, aber schon sein nächster Satz ließ ihren Traum platzen wie eine Seifenblase. „Ich muss nochmal kurz weg“, hörte sie ihn sagen, und es war dieser kleine Satz, der ihre Gefühle zum Überlaufen brachte, der sie Dinge sagen ließ, die sie so nicht meinte. Ich muss nochmal kurz weg! Wie oft hat sie diesen Satz gehört in letzter Zeit? „Nochmal kurz weg“ musste er und es hat Stunden gedauert, bis er wiederkam und sie, wenn sie überhaupt noch wach war, mit einer fadenscheinigen Ausrede beruhigen wollte. Sie hat ihm Zeit gegeben, hat versucht, Verständnis für ihn aufzubringen, er ist noch so jung, eigentlich viel zu jung, um schon Vater zweier Kinder zu sein. Aber was ist mit ihr? Sie liebt ihre Kinder über alles, aber sie ist doch auch noch jung und sie will auch ihr Leben genießen, will ab und zu einen zärtlichen Abend mit ihm verbringen. „Weißt du eigentlich überhaupt noch, wie ich heiße?“, hat sie ihn angebrüllt und die Ruhe, mit der er geantwortet hat, hat sie noch wütender gemacht. „Ach, Kira, du weißt doch, dass ich dich liebe“, hat er nur gesagt und ihr einen Kuss auf die Wange gehaucht, „mach es doch nicht immer so kompliziert!“ Seine Frage, was sie Leckeres gekocht hätte und wo die Kinder seien, konnte sie nicht mehr beantworten, sie war so wütend, dass sie nur noch gebrüllt hat. Er soll verschwinden, hat sie geschrieen, und er soll sie allein lassen, dabei hat sie sich doch nur gewünscht, er würde sie in seine Arme nehmen und ihr sagen, dass er sie liebt, dass sie und die Kinder das Wichtigste sind in seinem Leben.

Aber er hat sie nicht in die Arme genommen, er hat sie nur wortlos angeschaut und in seinen Augen hat sie gesehen, dass er sie gar nicht versteht, dass er sich gar nicht bewusst ist, wie sehr er sie vernachlässigt hat in den letzten Wochen. Und jetzt ist er weg und sie sitzt allein in diesem Zimmer, das ihr plötzlich so kalt und trostlos vorkommt. Sie möchte gerne jemanden anrufen, mit jemandem darüber reden, aber sie weiß nicht wen, sie hat doch all ihre Freundinnen aufgegeben für ihr Leben mit ihm. Maite ist die einzige, mit der sie über ihre Probleme reden kann, aber die ist jetzt wahrscheinlich gerade dabei, ihre Kinder ins Bett zu bringen. Sie ist so froh, dass sie Maite hat, die sich ab und zu um die Kleinen kümmert, wenn ihr alles über den Kopf wächst, wenn sie sich manchmal fragt, ob es wirklich richtig war, was sie getan hat oder ob sie nicht doch noch hätten warten sollen mit Kindern. Er ist doch selbst noch ein halbes Kind, nach außen hin wirkt er so erwachsen, aber bei ihr zu Hause kommt es ihr manchmal vor, als sehe er nur noch die Mutter seiner Kinder in ihr und nicht die Frau, die er einmal geliebt hat. Einmal geliebt hat? Sie erschrickt über diesen Gedanken, den sie in letzter Zeit immer öfter hat. Liebt er sie noch? Hat er sie überhaupt jemals geliebt oder hat es ihm einfach nur geschmeichelt, dass sie alles für ihn aufgegeben hat, dass sie das Leben im Schatten gewählt hat, während er im Rampenlicht steht?

Sie erinnert sich noch genau an den Abend, als er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, mit strahlenden Augen ist er vor ihr gestanden mit diesem kleinen Päckchen in der Hand und der wunderschöne Verlobungsring, den er daraus hervor gezaubert hat, ließ ihr Tränen in die Augen steigen vor Glück. Aber dieser Abend ist so lange her und seither ist so viel passiert und sie ist fast sicher, dass er seinen Heiratsantrag schon bereut hat, hätte er sie sonst nicht längst zu seiner Frau gemacht? Aber das hat er ja gar nicht nötig, er weiß doch, dass sie auch ohne Trauschein bei ihm bleiben wird, sie kann doch gar nicht gehen, sie ist Nichts ohne ihn, sie hat keine Ausbildung, keinen Beruf... Und selbst wenn sie gehen würde, wahrscheinlich würde er es gar nicht bemerken, wahrscheinlich wäre er sogar froh, wieder frei zu sein, wieder tun und lassen zu können, was er will, ohne Rücksicht auf sie oder die Kinder nehmen zu müssen. In diesem Moment fasst sie einen Entschluss: Sie wird ihn verlassen, gleich morgen wird sie ihre Kinder bei Maite abholen und mit ihnen nach Rostock zu ihren Eltern fahren. Sie wird ihm keine Nachricht hinterlassen, wird einfach sang- und klanglos verschwinden, dann wird sich zeigen, ob sie ihm noch etwas bedeutet.

Sie erschrickt, als sie hört, wie die Haustür aufgeschlossen wird. Sie dreht sich um und sieht ihn auf sich zukommen und sie spürt, wie ihr Herz schneller schlägt. Wenn sie ihn doch nur nicht so sehr lieben würde, dann wäre alles viel einfacher, aber ihr Herz ist viel stärker als ihr Verstand. Ein bisschen verlegen steht er vor ihr und sie sieht das kleine Päckchen in seiner Hand, es ist in blaues Seidenpapier eingeschlagen und sie sieht den goldenen Juwelieraufkleber darauf. Ernst schaut er sie an und dann kniet er sich einfach vor sie auf den Boden, nimmt ihre Hand in die seine und fragt mit ganz leiser, fast zitternder Stimme: „Ich habe dich schon einmal gefragt, aber jetzt möchte ich es noch einmal tun.“ Er öffnet das kleine Päckchen und ihr Blick fällt auf zwei wunderschöne Trauringe, ganz schlicht sind sie, genauso wie sie es sich immer vorgestellt hat. „Willst du meine Frau werden, Kira, wollen wir heiraten, so schnell wie möglich?“ Seine Stimme ist so leise, dass sie ihn fast nicht versteht, und er schafft es nicht, ihrem Blick standzuhalten. Ja, schreit ihr Herz, aber immer noch sind diese Gedanken in ihrem Kopf. Will er sie wieder nur einfach beruhigen nach diesem furchtbaren Streit? Will er sie an sich binden und ihr damit jegliche Möglichkeit nehmen, ihn zu verlassen? Sie sieht seinen erwartungsvollen Blick und plötzlich laufen ihr Tränen über die Wangen, schluchzend wie ein kleines Mädchen liegt sie in seinen Armen und er hält sie einfach nur fest und lässt sie weinen. Dann setzt er sie sanft aufs Sofa und schaut sie lange an. „Willst du nicht?“, fragt er leise und da ist Angst in seinen Augen. „Habe ich alles kaputt gemacht?“ Sie weiß nicht, was sie ihm antworten soll, sie weiß nicht einmal mehr, was sie denken soll. Eine Weile steht er einfach vor ihr und dann geht er wortlos hinaus in den Garten und sie hält ihn nicht zurück. Er muss endlich lernen, dass er nach einem Streit nicht immer einfach so tun kann, als sei nichts gewesen, er muss lernen, Verantwortung zu übernehmen für das, was er tut.

Sie schaut hinaus in den Garten und er sieht so verloren aus, wie er da steht, so ganz allein, wie ein Kind, das niemanden hat, der es tröstet, der ihm Halt gibt. Und wieder ist ihr Herz stärker als ihr Verstand. Viel zu schnell läuft sie hinaus und lässt sich einfach in seine Arme fallen, die er nach ihr ausstreckt. „Warum willst du mich heiraten?“, fragt sie leise, „warum?“ Er antwortet nicht, er schaut ihr nur in die Augen und was sie darin sieht, lässt ihr Herz überfließen vor Liebe. „Weil ich nicht leben kann ohne dich, weil du mir den Atem nimmst, weil deine Gegenwart mich sprachlos macht, mich nicht die richtigen Worte finden lässt, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe, wie sehr ich dich brauche, weil du die Frau bist, mit der ich alt werden will, weil du die Liebe meines Lebens bist, weil ich nicht auch nur einen einzigen Tag mehr ohne dich verbringen will, ohne dich und unsere wundervollen Kinder.“ Sie nimmt sein Gesicht in ihre Hände, ihr Mund findet den seinen und sein Kuss ist so zärtlich, so liebevoll, dass sie plötzlich gar nicht mehr weiß, wie sie je an ihm zweifeln konnte. Langsam löst sie sich von ihm und schaut ihm tief in die Augen, in denen sie immer noch die Angst vor ihrer Antwort auf seine Frage sieht. „Ja“, flüstert sie, „ja, Angelo, ich will deine Frau werden!“ Und dann wird es doch noch ein wunderschöner Abend, einer der schönsten, den Kira und Angelo je erlebt haben...