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No lies
by Uli (10.09.2002)
Die nächsten Monate mit Carolyn waren die schönsten, die Jimmy seit langem erlebt hatte. Sie war so jung und so voller Lebensfreude, das Leben mit ihr war so unkompliziert und einfach, da gab es keine Forderungen, keine ständigen Liebesschwüre. Sie lebten einfach in den Tag hinein, liebten sich, wann und wo immer sie wollten, und wenn er in ihren Augen sah, wie sehr sie ihn begehrte, wie sehr sich ihr schöner Körper nach dem seinen sehnte, dann war Jimmy einfach nur glücklich, dann machte er sich über nichts und niemanden Gedanken. Er genoss jede Minute mit Carolyn, aber keiner von ihnen dachte über die Zukunft nach oder darüber, ob es Liebe war, was sie füreinander empfanden. Sie liebten sich jetzt und heute, was morgen sein würde, interessierte sie nicht.
Fast ein Jahr lang führten sie diese unbeschwerte Beziehung, als Carolyn ihm die Frage stellte, die ihn zutiefst verunsicherte. Was er über Heirat dächte, wollte sie wissen, und Jimmy merkte, wie er innerlich erstarrte. „Warum fragst du das?“, antwortete er und hoffte, dass sie nicht merkte, dass seine Stimme zitterte. Sie wusste, dass dieses Thema für ihn nicht in Frage kam, warum also fing sie damit an? Ihre dunklen Augen blickten ihn ernst an. „Ich wollte einfach nur wissen, was du darüber denkst. Hey, Jimmy, keine Sorge, das war kein Heiratsantrag, es war lediglich eine Frage!“ Es sollte scherzhaft klingen, aber da war ein seltsamer Ausdruck in ihren Augen, der Jimmy nicht gefiel, der ihm Angst machte. Sie konnte nicht wissen, warum ihn schon das bloße Wort Heirat so sehr erschreckte, sie wusste nichts davon, wie sehr ihn eine Frau verletzt hatte, die Frau, mit der er hatte alt werden wollen, die Frau, die ihn ausgelacht hatte, als er ihr seine Liebe gestand und sie fragte, ob sie ihn heiraten wollte. Damals hatte er sich geschworen, nie wieder eine feste Beziehung einzugehen, sich nie wieder wirklich zu verlieben, und er hatte gedacht, Carolyn sei die Frau, mit der er diese perfekte Beziehung führen könnte, eine Beziehung ohne Forderungen und Verpflichtungen.
„Es ist okay, Jimmy, schau mich nicht so an“, hörte er sie sagen und als sie ihn in ihre Arme zog, als er ihre Lippen auf den seinen spürte und ihren weichen Körper fühlte, der sich an ihn schmiegte, hörte er einfach auf, darüber nachzudenken. Vielleicht war es wirklich einfach nur eine Frage gewesen. Wahrscheinlich hatte sie in letzter Zeit einfach nur zu viel Zeit mit Johnnys Frau Maite verbracht, für die es nur noch ein einziges Thema zu geben schien: Das Kind, das sie sich so sehr wünschte. Schon so lange versuchte sie, schwanger zu werden, aber es klappte einfach nicht. Nein, Maite war nicht die richtige Freundin für seine Carolyn! Aber als er es aussprach, schaute ihn Carolyn wieder mit diesen ungewohnt ernsten Augen an und sagte nur: „Ich denke nicht, dass du das Recht hast, mir vorzuschreiben, mit wem ich mich treffe!“ Nach diesem Abend war ihre Beziehung nicht mehr wie vorher. Jimmy kam es vor, als verwandle sich das lebenslustige, leidenschaftliche Mädchen, in das er sich verliebt hatte, mehr und mehr in eine leblose Puppe. Fast jeden Tag verbrachte sie mit Maite und wenn sie dann Abends zu ihm kam, schien sie ihn gar nicht richtig wahrzunehmen. Sie sprach das Thema Heirat nicht mehr an und doch schien es wie eine unsichtbare Wand zwischen ihnen zu stehen.
Drei Wochen später erklärte sie ihm, dass ihre Beziehung keinen Sinn mehr hätte und dass sie ihn verlassen würde. Er ignorierte den Stich in seinem Herzen und sagte nur kalt: „Hast wohl Recht, wir hatten in letzter Zeit nicht viel Spaß miteinander!“ Er wünschte ihr alles Gute und als sie dann ging, schaute er ihr nicht nach. Es war vorbei und das war auch gut so. Er brauchte kein Hausmütterchen, er wollte eine Frau, die Spaß am Leben hatte! Nur kurze Zeit später zog Johnny mit Maite nach Spanien. Ihr Traum war endlich wahr geworden, sie war schwanger und wollte das Baby gerne dort zur Welt bringen. Nach der Geburt wollte sie mit Johnny wieder nach Deutschland zurück kommen. Jimmy nahm sein altes Draufgängerleben wieder auf, fast jeden Abend holte er sich eine andere Frau ins Bett und genoss sein Leben in vollen Zügen.
Als er seine kleine Nichte zum ersten Mal sah und Maite ihn glücklich fragte, ob er die kleine Claudia nicht einmal auf den Arm nehmen wolle, zuckte er unwillkürlich zusammen. Er mochte diese kleinen schreienden, sabbernden Wesen nicht besonders, aber Maite sah so glücklich aus in ihrem Mutterglück, dass er sie nicht enttäuschen wollte. Sie legte ihm das Baby in die Arme und er musste zugeben, dass die kleine Claudia ein außergewöhnlich hübsches Kind war. Sie hatte Maites dunkle Haare und Johnnys blaue Augen, ein sehr reizvoller Kontrast. Mit großen Augen schaute das kleine Mädchen ihn an und plötzlich spürte Jimmy ganz tief in seinem Herzen ein Gefühl von Liebe für dieses unschuldige kleine Geschöpf. Eine ganze Weile hielt er seine kleine Nichte in den Armen, bevor er in sein Zimmer ging. Zum ersten Mal seit vielen Wochen hatte er keine Lust auszugehen und sich mit einer dieser Frauen zu vergnügen. So viele Gedanken waren plötzlich in seinem Kopf, Gedanken, die ihn nicht schlafen ließen. Carolyns Frage fiel ihm ein: Was hältst du von Heirat? Hätte er nicht doch ehrlich zu ihr sein sollen, hätte er ihr nicht einfach erzählen sollen, warum ihm dieser Gedanke solche Angst machte, war es falsch gewesen, sie gehen zu lassen? In Gedanken sah er sie vor sich, wie sie vor ihm stand mit ihrem wunderschönen Gesicht und ihren leidenschaftlichen Augen. Wie es ihr wohl ging? Spontan beschloss Jimmy, sie am nächsten Tag anzurufen. Aber ihre Nummer gab es nicht mehr und in ihrer Wohnung lebte jetzt eine andere Frau. Er hätte ihre Eltern fragen können, aber das wollte er nicht. Offensichtlich sollte es einfach nicht sein!
Seine kleine Nichte war es, die Jimmy in den nächsten Wochen völlig veränderte. Er hatte das Baby so lieb gewonnen, dass er jeden Tag bei Maite und Johnny vorbeischaute, um mit der Kleinen spazieren zu fahren oder auf sie aufzupassen, wenn ihre Eltern Besorgungen zu machen hatten. Er wusste selbst nicht, wie ihm geschah, aber dieses Baby hatte Gefühle in ihm wach gerufen, die er nie für möglich gehalten hätte. Zum ersten Mal, seit ihm diese Frau mit ihrem Spott über seinen Heiratsantrag das Herz gebrochen hatte, konnte Jimmy wieder bedingungslos lieben, wenn Claudia ihn anlächelte und ihn mit ihren großen blauen Augen anschaute, traf ihn das mitten ins Herz. Und er freute sehr, als sie ihn wieder einmal baten, auf ihre kleine Tochter aufzupassen, denn sie wollten ins Theater gehen. Jimmy freute sich so sehr auf Claudia, dass er fast eine halbe Stunde zu früh vor Johnnys Haus stand. Die Tür stand offen und Jimmy konnte die ungewohnt laute Stimme seines Bruders hören: „Maite, hör mir doch bitte zu, wir müssen es ihm sagen, er hat ein Recht darauf, es zu erfahren!“ „Nein, Johnny, das hat er nicht, weißt du nicht mehr, wie er sich ihr gegenüber verhalten hat? Verstehst du nicht, wenn du es ihm sagst, zerstörst du unser Leben und das unseres Kindes, willst du das wirklich?“ „Ich weiß das alles, Maite, aber ich kann nicht länger mit dieser Lüge leben, ich kann es einfach nicht. Ich werde es ihm sagen!“ Noch bevor Jimmy das Haus betreten konnte, lief Maite schluchzend an ihm vorbei. Er hatte keine Ahnung, über was die beiden geredet hatten, und wahrscheinlich ging es ihn auch gar nichts an, aber auch wenn er nicht wusste warum, fühlte sich Jimmy plötzlich, als hätte er einen Knoten im Magen.
Langsam betrat er das Wohnzimmer, wo Johnny noch immer am Tisch saß, das Gesicht in den Händen vergraben. „Alles okay, großer Bruder?“, fragte Jimmy betont lässig, aber als Johnny aufblickte und er den Schmerz in seinen Augen sah, wusste er, dass nichts okay war. Am liebsten wäre er weggelaufen, aber Johnnys Blick war so eindringlich, dass er sich nicht bewegen konnte. „Hör zu, Jimmy, ich muss dir ganz dringend etwas sagen, setz dich bitte.“ Aber Jimmy wollte nichts hören und um seinen Bruder am Reden zu hindern, fing er eine völlig sinnlose Unterhaltung an: „Weißt du eigentlich, was für eine tolle Mutter Maite ist? Ich finde es wirklich ganz großartig, wie liebevoll sie sich um ihre kleine Tochter kümmert!“ „Verdammt, Jimmy, weißt du es wirklich nicht oder willst du es einfach nicht sehen? Schau dir doch die kleine Claudia an, siehst du nicht, dass sie Maite überhaupt nicht ähnlich sieht?“ Noch immer verstand Jimmy nichts, er saß nur da und starrte seinen Bruder an und die Worte, die Johnny sagte, trafen ihn bis ins Mark. „Maite ist nicht Claudias Mutter, hörst du, sie ist nicht Claudias Mutter. Claudia ist die Tochter von Carolyn!!!“ Jimmy wurde aschfahl im Gesicht. Ja, sie hatten eine Beziehung ohne Forderungen geführt, aber das hieß doch nicht... „Du und Carolyn? Ihr habt ein Kind zusammen und du besitzt die Unverfrorenheit, es deine Frau aufziehen zu lassen? Oh Gott, Johnny, was bist du für ein Ungeheuer?“ Johnny stand auf und ging auf seinen Bruder zu: „Jimmy, nein, das ist nicht..., bitte hör mir zu...!“ Aber Jimmy wollte nichts mehr hören, kein Wort mehr. Er drehte sich um und rannte los, raus aus diesem Haus, weg von diesem Kind, das er zu lieben begonnen hatte und das hervorgegangen war aus dem Ehebruch seines Bruders und dem Betrug seiner eigenen Freundin.
Er verkroch sich in seinem Zimmer und sprach mit niemanden. Johnny kam jeden Tag und versuchte, mit ihm zu reden, aber er wollte ihn nicht sehen, nie wieder. Der Gedanke, dass seine Freundin ihn mit seinem eigenen Bruder betrogen hatte, tat weh, aber viel mehr weh tat der Gedanke, dass er die kleine Claudia nie wiedersehen würde. Wie hatten sie zulassen können, dass er so starke Gefühle für dieses Kind entwickelte? Johnny wusste, dass sein Herz schon einmal gebrochen worden war, und jetzt war er es, der es endgültig brach? Er würde weggehen, gleich morgen, es gab keine andere Lösung. Als er nach unten ging, um sich eine neue Flasche Bier zu holen, stand seine Schwägerin Maite in der Küche mit dem Baby auf dem Arm. Das kleine Mädchen gluckste, als es Jimmy sah, und streckte die kleinen Hände nach ihm aus. „Was willst du hier?“ Er merkte selbst, wie schrill und laut seine Stimme klang. Maite schaute ihm fest in die Augen. Sie sah schön aus heute, da war dieses Strahlen in ihrem Gesicht. Wie konnte sie strahlen, nach allem, was ihr Mann ihr angetan hatte? Maite setzte die kleine Claudia auf den Boden und nahm Jimmys Hände in die ihren. „Du wirst mir jetzt zuhören, Jimmy Kelly“, sagte sie mit fester Stimme, „du wirst dir anhören, was ich dir zu sagen habe und nicht weglaufen, wie du es bei Johnny getan hast! Ja, es stimmt, ich bin nicht Claudias Mutter, aber Johnny ist auch nicht ihr Vater. Es gab keine Liebschaft zwischen ihm und Carolyn und ich kann nicht verstehen, wie du so etwas auch nur denken konntest. Sie ist deine Tochter, Jimmy, deine und Carolyns!“ Ihre Worte trafen ihn wie Peitschenhiebe und doch brauchte er ein paar Sekunden, bis er den Sinn verstand. Seine Tochter? „Aber...“, stammelte er. „Erinnerst du dich an den Tag, als sie dich fragte, was du vom Heiraten hältst, Jimmy?“ Natürlich erinnerte er sich an diesen verfluchten Tag.
„An diesem Abend wollte sie dir sagen, dass sie schwanger ist, Jimmy, aber du hast ihr ja keine Chance gegeben, nicht an diesem Abend und auch nicht in den Wochen danach. Du hast ja keine Ahnung, wie verzweifelt sie war und wie sehr sie dich geliebt hat, Jimmy, du denkst ja immer nur an dich und dein Vergnügen. Es war meine Idee, sie mit nach Spanien zu nehmen, damit sie dort ihr Kind bekommen kann. Den Rest kannst du dir denken. Johnny und ich haben uns schon so lange ein Kind gewünscht, es war nicht wichtig für uns, ob wir seine leiblichen Eltern sind. Aber ich hätte wissen müssen, dass dein Bruder, den du als Ungeheuer bezeichnet hast, mit einer solchen Lüge nicht leben kann.“ Tränen liefen Maite über die Wangen und plötzlich tat sie Jimmy unendlich leid. Wie sehr musste sie gelitten haben all diese Monate in Angst, dass Johnny seinem Bruder die Wahrheit sagen würde. Er lief auf sie zu und zog sie in seine Arme. „Es tut mir leid, Maite, es tut mir so leid!“ Mehr konnte er nicht sagen. Aber sie hatte schon wieder aufgehört zu weinen und er sah wieder dieses Strahlen in ihrem Gesicht. „Da ist noch etwas, das du nicht weißt, Jimmy: Ich komme gerade vom Arzt und er hat mir gesagt, dass ich schwanger bin. Wir werden ein Baby haben, Johnny und ich, ein eigenes Baby. Hör mir jetzt genau zu, denn ich werde das nur einmal sagen: Ich weiß, wo Carolyn ist und ich weiß, dass sie dich immer noch liebt, wenn du sie also haben willst, dann hol sie und mach sie glücklich, sie und eure Tochter!“ Tränen traten in Jimmys Augen, als er seine Schwägerin umarmte: „Weißt du eigentlich, was für eine wundervolle Frau du bist, Maite?“ flüsterte er. Dann nahm er die kleine Claudia auf den Arm und küsste sie zärtlich.
Als die Tür aufging und Johnny die Küche betrat, ging Jimmy auf ihn zu, um sich bei ihm zu entschuldigen. „Johnny, ich...“, stammelte er, aber Johnny schüttelte nur den Kopf: „Wirst du sie holen, Jimmy?“, fragte er ernst und Jimmy nickte. „Wollt..., wollt..., wollt ihr unsere Trauzeugen und Claudias Taufpaten sein?“ Anstelle einer Antwort zog Johnny seinen Bruder in seine Arme...
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