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Nothing like home
by Uli (25.10.2003)
Kathys Reaktion auf ihre Frage war etwas merkwürdig. „Ja, das ist Patty, Sean O’Kelleys Schwester“, sagte sie nur und Barby entging nicht, dass ihre Augen ganz dunkel wurden. Schnell schloss Kathy die Zimmertür und Barby hatte fast das Gefühl, als wolle ihre ältere Schwester nicht, dass ihr Vater, der es sich im Wohnzimmer bequem gemacht hatte, das Gespräch hörte. „Sie sprechen nicht über sie, es ist, als würde sie ganz einfach totgeschwiegen. Angeblich wissen sie alle nur, dass sie mit ihrem Bruder und ihren Eltern nach Amerika ausgewandert ist, das ist alles. Mehr hat mir keiner gesagt. Und es gibt auch keine anderen Fotos mehr von ihr. Leg das Album dahin zurück, wo du es gefunden hast, und beschäftige dich nicht weiter mit diesem Foto.“ Barby kannte ihre Schwester gut genug, um zu wissen, dass sie ihr nicht die ganze Wahrheit sagte, dass es da noch etwas gab, über das Kathy nicht sprechen konnte oder wollte. Sie beschloss, die Sache ein paar Tage ruhen zu lassen und es dann noch einmal zu versuchen. Das alte Fotoalbum aber versteckte sie unter ihrem Bett.
In der darauffolgenden Nacht hatte Barby einen Traum, der sie nicht mehr loslassen sollte: Sie stand ganz allein irgendwo an einem Fluss, alles um sie herum war ihr völlig fremd, aber da war diese riesengroße Statue, die ihr wahnsinnig bekannt vorkam, die sie aber in dem dichten Nebel, in dem ihr Traum sie gefangen hielt, nicht genau erkennen konnte. Es war kalt und nass und die Leere und die Traurigkeit, die sie in ihrem Herzen fühlte, waren von einer Intensität, die sie selbst im Traum erschreckte. Flüchtig sah sie ihr Spiegelbild im Wasser und das alte rosafarbene Spitzenkleid, das sie trug, ließ sie erkennen, dass sie sich irgendwo in einer anderen Zeit befinden musste. Unwillkürlich griff sie an die Kette, die sie um den Hals trug, und ihre Hände fühlten glatte, kühle Perlen. Was war das für eine Kette? Barby nahm sie ab und erkannte einen außergewöhnlich schönen Rosenkranz, er war ganz aus perlmuttfarbigen Perlen gefertigt und auch das Kreuz schimmerte in einem wunderschönen Perlmutt-Ton. Das Gefühl von Hilflosigkeit in ihrem Herzen wurde noch stärker und sie spürte, wie ihr Tränen die Wangen hinabliefen, während der kalte Wind und der Regen an ihrem zarten Spitzenkleid rissen. Es war so kalt und sie hatte keine Ahnung, was sie hierher geführt hatte, was sie hier wollte, aber die Sehnsucht in ihrem Herzen war noch viel schlimmer als die Kälte und die Nässe. „Bringt mich doch nach Hause, bitte bringt mich doch nach Hause“, flüsterte Barby mit tränenerstickter Stimme ohne zu wissen, von was sie sprach. Und dann legte sie sich einfach in eine kleine Kuhle am Ufer des Flusses, der kalte Wind bedeckte ihren Körper mit Blättern und Zweigen, die Kälte wich aus ihrem Körper und sie fühlte gar nichts mehr außer dieser schrecklichen Leere.“
Schweißgebadet wachte Barby auf und weckte Kathy. Und wieder sah sie diesen seltsamen Ausdruck in Kathys Augen, als sie ihr von ihrem Traum erzählte. „Lass es ruhen, Barby, bitte lass es ruhen, du kannst ihr nicht helfen, ich...“ Erschrocken brach Kathy mitten im Satz ab. „Was hast du? Sag es mir, Kathy, sag es mir endlich. Es hat etwas mit diesem alten Foto zu tun, nicht wahr? Sag mir die Wahrheit, Kathy, was ist mir Patty passiert?“ Den Rest der Nacht verbrachte Kathy damit, ihrer Schwester die Wahrheit über Patty O’Kelley erzählen. „Patty war das Sorgenkind der O’Kelleys, sie war anders als die anderen Kinder, heute würde man sagen, sie war autistisch, aber damals sagten die Leute, Patty sei schwachsinnig. Die meiste Zeit verbrachte sie damit, auf den grünen irischen Wiesen zu sitzen, die Tiere zu beobachten und einfach nur die Ruhe und Schönheit des Landes zu genießen. Und wenn sie zu singen anfing, dann war es, als würde die Zeit stillstehen. Jeder, der vorbeikam und sie singen hörte, war bezaubert von ihrer engelsgleichen Stimme. Ihre Mutter schenkte ihr einen wunderschönen Rosenkranz, um sie vor allem Bösen zu beschützen, und jeden Tag ging Patty auf ihre geliebte Wiese und ließ die schimmernden Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten, während sie ihre wunderschönen irischen Lieder sang. Als die O’Kelleys nach Amerika auswanderten, wehrte Patty sich mit aller Macht dagegen, sie wollte ihre Heimat nicht verlassen, sie wollte in Irland bleiben, aber es war niemand da, bei dem sie hätte bleiben könnten und so nahmen sie sie gegen ihren Willen mit nach New York.“ „New York. Jetzt weiß ich, was ich in meinem Traum gesehen habe, Kathy, das war die Freiheitsstatue. Kathy, sie ruft um Hilfe, verstehst du das nicht?“ Kathys Stimme wurde ganz leise. „Ich weiß, Patricia, ich weiß. Ich hatte genau denselben Traum wie du, als ich damals das alte Foto fand. Wochenlang habe ich ihn geträumt, wieder und wieder, und Großmutter war die einzige, mit der ich über darüber reden konnte. Sie hat mir erzählt, dass Patty irgendwann spurlos verschwunden ist in New York und niemand hat sie jemals wieder gesehen. Ja, ich glaube, du hast Recht, Barby, sie ruft um Hilfe, sie will nach Hause, dorthin, wo sie glücklich war und wo sie nicht bleiben durfte, nach Irland.“
„Du hast denselben Traum geträumt wie ich?“ Mit großen Augen sah Barby ihre Schwester an und Kathy sah in ihren Augen, was sie vorhatte, und sie wusste, dass sie sich nicht würde wehren können gegen Barbys Entschlossenheit. „Wenn du auch meinen Traum geträumt hast, dann hast du auch diese schreckliche Verzweiflung gespürt, diese Einsamkeit und Leere. Verdammt, Kathy, wir müssen sie nach Hause bringen!“ Es war nicht schwer, die Visa zu besorgen, die amerikanischen Pässe, die die Geschwister hatten, halfen Kathy sehr dabei. Es war auch nicht schwer, ihren Vater davon zu überzeugen, dass sie beide eine Woche zu einem Freund von Kathy fahren wollten. Sie hatten ihn eingeweiht und er bestätigte ihrem Vater telefonisch, dass sie die Woche bei ihm verbringen würden. Das Schwierigste an der Sache war es, ihrem Vater beim Abschied in die Augen zu schauen. Sie hatten ihn noch nie belogen und sie hatten beide ein sehr schlechtes Gewissen, aber das Gefühl, das Barbys Traum in ihnen beiden ausgelöst hatte, war stärker. Da war jemand, der um Hilfe rief, auch wenn es logisch nicht erklärbar war, und sie mussten Patty irgendwie helfen, nach Hause zu finden.
Die Unterkunft in New York war spartanisch, aber sauber, ein winziges Zimmer mit zwei Betten darin, einem kleinen Tisch und einem Stuhl. Am ersten Abend gingen sie früh ins Bett und die ganze Nacht träumte Barby denselben Traum, wieder und wieder: Sie stand im Nebel am Fluss, ihr Herz war erfüllt mit Kummer und Einsamkeit und schließlich legte sie sich einfach auf den Boden und der Wind bedeckte ihren Körper mit Blättern und Zweigen. „Wo sollen wir um Gottes Willen suchen, Barby?“, fragte Kathy ihre Schwester am nächsten Morgen. „Wir haben auch nicht die geringste Chance, sie zu finden.“ Der entschlossene Ausdruck in Barbys Gesicht ließ Kathy nicht weitersprechen. „Überleg doch mal, Kathy, wohin könnte sie gegangen sein? Sie war ein Mädchen vom Lande, sie liebte grüne Wiesen und die Natur, wo gibt es grüne Wiesen in New York? Im Central Park!“
Drei Tage lang gingen die Schwestern im Central Park auf und ab, ohne auch nur den geringsten Hinweis auf Patty zu finden, aber was hätten sie auch finden sollen von einem Mädchen, das vor fast 100 Jahren in New York verschwunden war. Barby war verzweifelt. Jede Nacht lag sie stöhnend in ihrem Bett und träumte von Patty, aber sie verstand den Hinweis einfach nicht, den das tote Mädchen ihr offensichtlich geben wollte. Und dann, in der fünften Nacht in New York, schreckte Kathy mitten in der Nacht von einem Geräusch auf. Barby saß kerzengerade in ihrem Bett, ihre Augen waren weit offen, aber ihr Blick verriet Kathy, dass sie ganz weit weg war, irgendwo in einer anderen Welt, zu der Kathy nicht durchdringen konnte. Wie eine Schlafwandlerin sah Barby aus, als sie aufstand, sich ihre Schuhe anzog und ihren Mantel überwarf.
Sie ging so schnell, dass Kathy Mühe hatte, ihr zu folgen, und sie schien genau zu wissen, wohin sie wollte. Kathy hatte keine Ahnung, wie lange sie schon durch die Straßen New Yorks gingen, als sie den Fluss sah, auf den Barby mit schnellen Schritten zuging, den Hudson River, der mitten durch New York fließt. Als Barby das Flussufer erreichte, blieb sie einen Moment stehen, als müsse sie überlegen, wohin sie gehen sollte, und dann zog plötzlich dieser Nebel auf, er war so dicht, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte, es fing an zu regnen und ein schrecklicher Wind fing an zu blasen und riss Kathy die Mütze vom Kopf. Sie lief ein paar Schritte, um sie wieder einzufangen, und als sie sich wieder umdrehte, war Barby verschwunden. „Nein, oh nein, Barby, wo bist du?“ Verzweifelt versuchte Kathy, ihre Schwester durch den dichten Nebel zu erkennen, aber es war vergebens, die dichte Nebelwand schien sie einfach verschluckt zu haben. Völlig orientierungslos ging Kathy weiter in der verzweifelten Hoffnung, Barby wiederzufinden, und sie spürte, wie sich ein Gefühl von Furcht in ihrem Herzen ausbreitete. Würde Barby jetzt auch hier verschwinden, genau wie Patty, das Mädchen, das ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war, vor vielen Jahren? Kathy begann zu laufen, obwohl sie wusste, wie sinnlos das war. „Barby, Barby, wo bist du?“, rief sie so laut sie konnte, aber der Wind verschluckte ihre Worte.
Als sie die Hand spürte, die nach ihrer tastete, war Kathy so erleichtert, dass sie ihrer Schwester um den Hals fallen wollte, aber dann erstarrte sie: Das Mädchen, das da wie aus dem Nichts neben ihr erschienen war, hatte Barbys Gesicht und Barbys Haare, aber sie trug ein schmutziges rosafarbenes Spitzenkleid und um ihren Hals hing ein wunderschöner Rosenkranz aus perlmuttfarbigen Perlen. Das Mädchen hob langsam die Hand und legte sie auf Kathys Wange. „Komm mit mir“, sagte sie mit sanfter Stimme, „ich bringe dich zu ihr.“ Starr vor Angst ließ sich Kathy von dem Mädchen durch den Nebel ziehen und sie konnte die Einsamkeit und die Traurigkeit spüren, die in dem Herzen des Mädchens herrschte. Und dann, ganz plötzlich, sah sie Barby, sie lag in einer Kuhle auf dem Boden und der Wind blies Blätter und Zweige über ihren Körper. Kathy ließ die Hand des Mädchens los und lief zu ihrer Schwester. „Barby, Barby, um Gottes Willen, ist alles okay?“ Langsam öffnete Barby die Augen. „Kathy? Was ist passiert, wo bin ich?“ Kathy drehte sich um und wollte sich bei dem Mädchen, das sie hierher geführt hatte, bedanken, aber sie war weg, und der Nebel und der Regen verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren. „Sie ist hier, Barby, sie muss hier irgendwo sein. Ich hatte dich verloren und sie hat mich zu dir geführt, so verrückt das jetzt auch klingt.“ Barbys Augen waren noch immer verschleiert, als sie aufstand und begann, das Laub und die Zweige, die sich im Laufe der Jahre in der Kuhle, in der sie gelegen hatte, angesammelt hatten, zur Seite zu schieben. Und Kathy war nicht überrascht, als sie sah, was ihre Schwester nur wenige Minuten später in ihrer Hand hielt: Einen sanft schimmernden Rosenkranz aus wunderschönen Perlmuttperlen. „Sie war so unglücklich, dass sie sich eines Nachts einfach hier hingelegt hat, um zu sterben, Kathy, ist das nicht furchtbar? Ihr Herz wurde gebrochen von den Menschen, die ihr am nächsten standen, von ihrer eigenen Familie!“ Barby konnte ihre Tränen nicht zurückhalten und auch Kathy fühlte wieder diese Leere in ihrem Herzen.
Es gelang Kathy und Barby, die New Yorker Polizei davon zu überzeugen, ihnen Pattys sterbliche Überreste zu überlassen, und schon zwei Tage später brachten sie Patty nach Hause, dorthin, wo sie die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hatte, nach Irland, dem Land, in dem sie geboren war und in dem sie nicht hatte sterben dürfen. Der kleine irische Friedhof, auf dem Patty endlich ihre letzte Ruhe fand, lag wunderschön, direkt über dem Atlantik, man hörte das Rauschen der Wellen und das fröhliche Blöken der Schafe, die auf den Wiesen grasten, auf denen Patty immer so gerne gesessen hatte. Eine Weile noch knieten die beiden Schwestern vor Pattys Grab, bevor sie langsam aufstanden und den Friedhof verließen. „Leb wohl, Patty, ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden“, flüsterte Barby mit Tränen in den Augen und plötzlich hörten die Wellen auf zu rauschen, das Blöken der Schafe verklang und ganz leise hörte man eine wunderschöne Stimme singen, „Oh Danny boy“, Pattys Lieblingslied. „Ja, Barby, sie ist zu Hause“, flüsterte Kathy ergriffen und umarmte ihre Schwester.
Verwundert sah Barby die Tränen in den Augen ihres Vaters, als sie mit Kathy nach Hause kam. Sie hatte mit Zorn gerechnet, mit Wut, aber nicht mit Tränen. Wortlos nahm Dan Kelly seine Tochter in die Arme und hielt sie ganz fest und als er ihr dann in die Augen schaute, erkannte sie die Wahrheit darin. Auch ihn hatte Patty um Hilfe gebeten, auch ihm war sie in seinen Träumen erschienen, als er vor vielen Jahren ihr Foto gefunden hatte, aber er hatte nicht gewusst, wie er ihr helfen sollte. „Es ist alles gut, Papa“, flüsterte Barby, „sie ist zu Hause, sie ist endlich wieder zu Hause.“ In dieser Nacht hatten Kathy, Barby und ihr Vater alle denselben Traum: Sie träumten von einem jungen Mädchen, das Barby wie aus dem Gesicht geschnitten war, und das mit leuchtenden Augen auf einer grünen irischen Wiese saß. Ihr Gesicht war erfüllt von einem glücklichen Lächeln, der Rosenkranz um ihren Hals schimmerte im Sonnenlicht und die Stimme, mit der sie ihre Lieder sang, war die eines Engels...
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