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Papa Cool
by Uli (26.03.2001)
Zehn Minuten später wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie sollte Dan Kelly interviewen, Dan Kelly, das mächtige Oberhaupt der Kelly Family, den gnadenlosen Tyrannen, der keinem Reporter eine Chance gab, wenn er nicht alle seine Bedingungen genauestens erfüllte! Ja, sie wollte eine wichtige Aufgabe haben, aber doch nicht diese. Sie interessierte sich nicht besonders für die Kelly Family, diese langhaarigen Musiker, die in ihren Kostümen aussahen, als seien sie einer anderen Zeit entsprungen. Sie wirkten irgendwie so altmodisch und unecht, fand Samantha, auch wenn ihre Freundin, ein glühender Anhänger der Family, da etwas ganz anderes behauptete. Aber ihr würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als es zu machen, das Interview, auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, dass ein Interview mit einem alten kranken Mann ihr Sprungbrett zu einer großen Karriere bedeuten könnte. Und die ganze Zeit fragte sie sich, warum ihr Chef ausgerechnet sie dafür ausgesucht hatte, einen absoluten Neuling ohne jegliche Erfahrung. Sie kannte ihn noch nicht lange, aber sie hatte ihn schon durchschaut: Er war ein Mensch ohne Skrupel, der andere gnadenlos für seine Zwecke einsetzte, der nichts tat, ohne genau zu wissen warum. Es musste einen Grund dafür geben, dass er ausgerechnet sie zu diesem wie man hörte schwierigen und Reportern gegenüber äußerst misstrauischen Menschen schickte.
Sie war ein kleines bisschen aufgeregt, als sie das Hausboot betrat, nicht wegen der Kelly Family, die interessierte sie nicht, sondern wegen dem Ruf, der Dan Kelly vorauseilte. Ob er wirklich ein solcher Tyrann war? Ein Security führte sie in die Kajüte von Dan Kelly und als sie ihn sah, war sie sehr überrascht. Er saß in einem Sessel und wirkte seltsam klein, sie hatte ihn sich größer vorgestellt und irgendwie imposant, aber vor ihr saß ein kleiner, trotz seiner Körperfülle fast zerbrechlich wirkender Mann. Zögernd ging sie auf ihn zu und stellte sich vor. Er sah sie lange an, betrachtete sie prüfend, und da war etwas in seinen Augen, das sie nicht deuten konnte. Eine Art von Erstaunen, eine Zärtlichkeit, als erinnere sie ihn an etwas, das es schon lange nicht mehr gab. Sie konnte nicht sagen warum, aber vom ersten Moment an faszinierte dieser Mann sie auf eine ganz besondere Art. „Ich weiß, wer sie sind“, sagte er schließlich, „bitte setzen Sie sich!“ Ein Blick in seine wasserblauen Augen hatte genügt, um Samantha zu zeigen, dass sein Körper zwar gebrechlich, sein Verstand aber hellwach war. Prüfend beobachtete er sie, während sie ihr Diktiergerät und ihren Notizblock auspackte. „Kein Diktiergerät“ sagte er bestimmt und sie spürte instinktiv, dass das Interview beendet sein würde, noch bevor es begonnen hatte, wenn sie das Gerät nicht wieder einpackte.
„Kann ich wenigstens Notizen machen?“ fragte sie herausfordernd und er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und wartete auf die Fragen, die sie ihm stellen wollte. Dabei blickte er ihr unablässig in die Augen und sie fragte sich erneut, was er wohl in ihr sah. Sie stellte ihm drei oder vier der Allerweltsfragen, die man einem Dan Kelly stellt, und er beantwortete sie einsilbig, während er sie weiterhin anstarrte. Und dann sagte er ganz plötzlich: „Ihre Augen, sie haben wunderschöne Augen!“ Samantha war verwirrt. Was wollte er von ihr? „Ihre Augen erinnern mich an...“, er stockte und sah plötzlich sehr verletzlich aus, alle Autorität schien ihn verlassen zu haben. Sie sah ihn lange an, bevor sie ihre nächste Frage stellte, eine Frage, die sie ihm eigentlich gar nicht hatte stellen wollen: „Glauben Sie, dass Sie Ihren Kindern immer ein guter Vater waren?“
Einen Moment lang sah er sie fast fassungslos an und dann passierte etwas, das Samantha völlig verwirrte. Sie sah Tränen in seinen Augen glitzern, Tränen in den Augen von Dan Kelly, dem mächtigen Oberhaupt der Kelly Family, und Samantha stand da und wusste nicht, was sie tun sollte. Er tat ihr plötzlich furchtbar leid und instinktiv ging sie auf ihn zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Es tut mir leid“, sagte er mühsam und schaute ihr wieder tief in die Augen. „Es ist nur... ihr Gesicht, ihre Augen... Sie sehen aus wie Barbara-Anne!“ Barbara-Anne? Sprach er von seiner Frau? Samantha brauchte nicht zu fragen, mit leiser, stockender Stimme fing er von ganz allein an zu erzählen:
Als der Krebs bei Barbara-Anne festgestellt wurde, stürzte eine Welt für mich ein. Niemals hätte ich geglaubt, dass solch eine schreckliche Krankheit Einzug in meine Familie halten würde. Ich fühlte mich wie tot, glaubte, der Schmerz über ihre Krankheit und ihren bevorstehenden Tod würde mich umbringen, aber das tat er nicht. Jeden Morgen wachte ich wieder auf, jeden Tag sah ich, wie es ihr schlechter ging, und glaubte, es nicht ertragen zu können. Irgendwann in dieser Zeit fing ich an, viel zu viel zu trinken, ich hätte es sonst nicht ausgehalten. Ich musste ihr entfliehen, der grausamen Wirklichkeit. Und so trank ich immer mehr und merkte gar nicht, wie sehr ich meine todkranke Frau damit belastete. Mehr und mehr entfernte ich mich von ihr und meinen Kindern, die mich bald nur noch in betrunkenem Zustand kannten. Barbara-Anne war es, die sich aufopfernd um unsere Kinder kümmerte, auch als es ihr körperlicher Zustand ihr kaum noch erlaubte. Ich ging oft morgens schon aus dem Haus in die kleine Kneipe um die Ecke und kam erst spät abends zurück, wenn die Kinder schon schliefen.
Und dann, eines Tages, passierte etwas, für das ich mich mein ganzes weiteres Leben lang geschämt habe und es auch heute noch tue: Es war nur ein paar Wochen, bevor Barbara-Anne für immer die Augen schloss, als ich wieder einmal mitten in der Nacht betrunken nach Hause kam. Ich hatte viel getrunken an diesem Tag, sehr viel, und ich konnte kaum noch laufen. Als ich das Haus betrat, stolperte ich über eines der Spielzeuge meiner Kinder, und ich fing laut an zu fluchen und zu schimpfen, als ich ein leises Schluchzen hörte, das immer lauter zu werden schien. „Verflucht, was ist das?“ lallte ich und schlug mit der Faust auf die kleine Kommode neben der Tür. Im Dunkeln konnte ich schemenhaft eine Gestalt erkennen, aber ich wusste nicht, wer es war, der da im Dunkeln auf dem kalten Boden saß und weinte. „Papa“, hörte ich eine Stimme sagen, „Papa, wo warst du?“ Es war Barby, die da sprach. Eine unerklärliche Wut stieg in mir auf und ich lallte die kleine Gestalt an: „Was willst du hier mitten in der Nacht? Geh ins Bett!“ Das Mädchen stand auf und schaute mir mitten ins Gesicht. „Papa, was ist nur los mit dir? Wohin gehst du jeden Morgen und warum kommst du immer so spät? Hast du uns nicht mehr lieb?“ Ich wollte keine Erklärungen abgeben, wollte nicht streiten, ich wollte nur noch in mein Bett, aber Barby ließ nicht locker. „Papa, verstehst du nicht? Mama wird sterben und dann haben wir nur noch dich. Papa, bitte hör auf zu trinken!“ Zum ersten Mal in meinem Leben verlor ich die Kontrolle über das, was ich tat. Ich schrie sie an: „Geh endlich ins Bett, ich kann dir nicht helfen“ und schleppte mich ins Schlafzimmer.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, konnte ich mich kaum an die Ereignisse der letzten Nacht erinnern, aber als ich beim Frühstück in Barbys Augen schaute, wusste ich, dass ich sie verloren hatte, verloren für immer. Erst jetzt kam ich wieder zu mir, erst durch ihren Blick erkannte ich, was ich meinen Kindern und meiner kranken Frau angetan hatte all die Monate. Ich warf all meine Alkoholvorräte weg und habe seither keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Die letzten Wochen mit meiner Frau wurden die schönsten, die innigsten, die wir in all den Jahren hatten, und ich habe mir danach alle erdenkliche Mühe gegeben, alles für meine Kinder zu tun, aber Barbys Blick damals beim Frühstück konnte ich bis heute nicht vergessen. Und ich habe nie den Mut aufgebracht, mit ihr darüber zu reden, mich wenigstens bei ihr zu entschuldigen.“
Dan Kelly saß zusammengesunken auf seinem Stuhl und schaute Samantha fast flehentlich an. „Nun urteilen Sie selbst“ sagte er dann mit gebrochener Stimme. „Bin ich ein guter Vater? Lässt ein Vater seine Kinder im Stich, wenn sie ihn am meisten brauchen? Glauben Sie mir, ich würde alles dafür geben, es ungeschehen zu machen, aber das ist unmöglich!“ Samantha schluckte. Das, was sie eben gehört hatte, war eine Beichte, kein Interview. Sie sah diesen alten, gebrochenen Mann vor sich sitzen und hatte plötzlich nur noch einen Wunsch: ihn in ihre Arme zu nehmen und zu trösten.
Und dann ging die Tür auf und Barby stand im Zimmer. Sie beachtete Samantha gar nicht sondern ging sofort auf ihren Vater zu und Samantha konnte die Liebe, die sie für ihn fühlte, förmlich spüren. Barby hatte ein Aquarell dabei, das sie ihrem Vater zeigen wollte. Leise und mit liebevoller Stimme erzählte sie ihm etwas und ebenso liebevoll antwortete er ihr, während sie an seinen Lippen hing. Bevor sie die Kajüte wieder verließ, nahm sie ihn noch einmal ganz sanft in den Arm. Nein, sie hasste ihren Vater nicht für das, was er getan hatte, ganz im Gegenteil, sie schien ihn über alle Maßen zu lieben, aber anscheinend sah er das nicht. „Sie liebt sie so sehr, sehen Sie das nicht, spüren Sie es nicht?“, fragte Samantha den alten Mann, der immer noch auf seinem Sessel saß und vor sich hinstarrte, als habe er all das, was er ihr erzählt hatte, gerade eben erst erlebt. Er schaute sie an, als erwache er aus einem Traum, und flüsterte dann: „Glauben Sie das wirklich?“ Und das tat Samantha, sie hatte die Liebe gesehen in Barbys Augen.
Langsam ging sie zu ihm und dann sah sie das Bild auf seinem Schreibtisch, das Bild seiner verstorbenen Frau. Es war verblüffend. Sogar sie selber konnte die Ähnlichkeit zwischen ihr und Barbara-Anne Kelly erkennen. Hatte ihr Chef sie deshalb hierher geschickt, weil er hoffte, das Herz des Tyrannen erweichen zu können, indem er ihm ein Ebenbild seiner Frau schickte, weil er auf eine Sensations-Story gehofft hatte? Spontan nahm Samantha ihre Aufzeichnungen und reichte sie Dan Kelly. „Die brauche ich nicht“, sagte sie nur, strich ihm zum Abschied sanft über die Wange und verließ das Schiff. „Danke“, hörte sie ihn noch sagen, bevor sie die Tür schloss.
„Er hat kaum etwas gesagt“, berichtete Samantha ihrem Chef. „Alles, was ich sagen kann, ist, dass er ganz anders war als immer behauptet wird: Er war nett, wirklich nett, und mit seinen Kindern geht er sehr liebevoll um. Egal, was über ihn gesagt wird: Ich glaube, er ist ein sehr guter Vater!“ Natürlich war diese Aussage nicht ausreichend für einen großen Bericht im Kölner Stadtanzeiger, geschweige denn für die ersehnte Titel-Story, aber Samantha war nicht traurig darüber. Sie würde eine andere Zeitung finden, eine neue Chance bekommen. Ihren Traum, eine große Journalistin zu werden, würde sie niemals aufgeben, dafür war sie viel zu ehrgeizig, aber das, was Dan Kelly ihr erzählt hatte, war nicht für die Augen und Ohren vieler neugieriger Leser bestimmt. Er hatte sie in seine Seele blicken lassen und das ging niemanden etwas an. Es würde für immer sein und Samanthas Geheimnis bleiben.
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