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Pray pray pray
by Uli (28.02.2003)
„Sag mal, drehst du jetzt total durch?“, fragt Joey mit einem Blick auf den Schuhkarton und die neuen Sandalen, die immer noch auf dem Boden des Gangs liegen, „sie macht dir ein Geschenk und du schlägst sie fast dafür?“ Erschrocken lässt Paddy Maite los, murmelt ein flüchtiges „Sorry“ und rennt wie von Furien gehetzt in seinen Garderobenraum. Zitternd sitzt er eine ganze Weile auf einem Stuhl und als er sein Gesicht im Spiegel sieht, erschrickt er selbst vor dem Ausdruck von Wut und Verzweiflung, den er darin sieht. Wie konnte er sich nur derart gehen lassen? Sie hat ihm doch nur eine Freude machen wollen, sie hat doch keine Ahnung, was diese alten Schuhe für ihn bedeuten, welch wichtige Rolle sie in seinem Leben spielen. Keiner seiner Geschwister weiß, wo er die letzten Monate verbracht hat und keiner ahnt auch nur im geringsten, was er mit diesen alten ausgelatschten Sandalen verbindet, dass sie ihn an einen kurzen, aber unheimlich wichtigen Teil seines Lebens erinnern, den er nie vergessen wird, den er nie vergessen will:
Ein langer Urlaub sollte es werden, als er sich damals ins Auto setzte und einfach losfuhr ohne bestimmtes Ziel. Er war so ausgebrannt, da war nur noch Leere in ihm, er konnte nicht mehr denken, keine Songs mehr schreiben, er wollte nur noch weg, ganz weit weg, irgendwo hin, wo niemand ihn kannte, wo er ausspannen konnte und neue Kraft tanken. Er packte nicht viel ein, ein paar Sachen zum Anziehen, ein bisschen Geld, sogar seine Gitarre ließ er daheim, er brauchte so dringend Abstand von der Bühne, von seinen Geschwistern, ja sogar von seiner Musik. Er fühlte sich wie ein Wanderer, der vom Weg abgekommen ist und jetzt verzweifelt versucht, ihn wieder zu finden, aber wohin er auch geht, immer wieder erkennt er, dass es der falsche Weg ist, den er eingeschlagen hat. Tief in seinem Innern ahnte er, dass es irgendwo etwas gab, das ihm neue Kraft geben würde, das seinem Leben wieder den Sinn gab, nach dem er in den letzten Monaten so verzweifelt gesucht hatte, aber er hatte keine Ahnung, wie oder wo er diesen neuen Sinn des Lebens finden sollte, er wusste ja noch nicht einmal, nach was er suchen sollte. Also fuhr er einfach immer weiter und irgendwann erkannte er an den Straßenschildern, dass er in Frankreich war, irgendwo im Süden von Frankreich. Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon gefahren war, aber er merkte, dass sein Magen sich meldete und laut knurrend nach etwas Essbarem verlangte.
Erst jetzt spürte er die Müdigkeit, die seinen Körper beherrschte, und er steuerte die nächste Raststätte an, aß zwei Schinken-Croissants und trank einen Kaffee. Es war schon ganz dunkel draußen und während er noch überlegte, wo er die Nacht verbringen sollte, sprachen ihn diese beiden Männer in gebrochenem Französisch an. Mit einem Benzinkanister in der Hand standen sie plötzlich vor ihm und erzählten ihm, das Benzin sei ihnen ausgegangen. Natürlich erklärte er sich gleich bereit, sie zur nächsten Tankstelle mitzunehmen, auch wenn er Zweifel hatte, ob sie um diese Zeit noch eine offene finden würden. Als er erkannte, was die Männer wirklich von ihm wollten, war es schon zu spät. Er fühlte das kalte Metall eines Revolvers an seiner Schläfe und er gehorchte ihren Anweisungen, ohne auch nur eine Sekunde an Gegenwehr zu denken. Nicht mehr als eine halbe Stunde später fand er sich irgendwo in einem kleinen Wäldchen wieder und alles, was sie ihm gelassen hatten, waren seine Unterwäsche, sein T-Shirt und seine Jeans. Alles andere war mit den beiden Gangstern in seinem Auto verschwunden, sogar seine Schuhe hatten sie mitgenommen. So stand er mutterseelenallein in diesem kleinen Wäldchen und er hatte keine Ahnung, wo er Hilfe finden konnte. Er fing an zu laufen, aber schon nach wenigen Metern waren seine Füße bedeckt von kleinen Wunden, die die vielen kleinen spitzen Steine, die auf dem Waldboden verstreut waren, ihm hineingeschnitten hatten. Es war unmöglich, den kleinen Steinen auszuweichen, selbst wenn es hell gewesen wäre, hätte Paddy keine Chance gehabt, mit heilen Füßen hier wieder herauszufinden, aber jetzt war es stockdunkel und auch der Mond brachte kein Licht in die dicht stehenden Bäume. Immer langsamer ging Paddy weiter, die Steine schnitten immer mehr Wunden in seine Füße und als er schließlich an eine Stelle kam, die mit weichem Gras bedeckt war, ließ er sich einfach darauf nieder und nur wenige Sekunden später schlief er erschöpft ein.
Als er wieder aufwachte, blickte er in ein altes Gesicht, aus dem ihn zwei wache braune Augen neugierig anschauten. Der Mann, der ihn da so unverhohlen musterte, trug eine braune Mönchskutte und seine Füße steckten ohne Strümpfe in braunen Sandalen. „Schuhe verloren?“, fragte der alte Mann lächelnd mit einem Blick auf Paddys blutverschmierte Füße. Paddy konnte nur wortlos nicken, er war immer noch viel zu erschöpft, um dem Fremden zu erzählen, was mit seinen Schuhen passiert war. „Je m’appelle Patrick, ich heiße Patrick“, war alles, was er hervorbrachte, als der alte Mann ihm die Hand reichte und ihm vorsichtig aufhalf. „Et moi, je suis frère Pierre, und ich bin Bruder Pierre“, antwortete der alte Mann mit strahlendem Lächeln, setzte seinen Rucksack ab und holte daraus Verbandszeug, Salbe und ein paar braune Sandalen, die gleichen, die auch er an seinen Füßen trug, hervor. Auf Paddys fragenden Blick erklärte er ihm, dass er oft Wanderer hier im Wald fand, die nicht die passenden Schuhe trugen und denen die spitzen Steine die Sohlen durchstochen hatten, aber barfuß habe er noch nie jemanden hier angetroffen. Paddy lächelte Bruder Pierre dankbar zu, als der ihm eine dicke Schicht Salbe auf seine blutenden Füße auftrug und sie dann in einen dünnen Verband einwickelte. Ganz vorsichtig stieg Paddy in die Sandalen und Bruder Pierre stützte ihn beim Gehen, bis sie nach einem Marsch, der Paddy endlos vorkam, ein großes, altes Gebäude erreichten. „Hier lebe ich“, erklärte Bruder Pierre, „hier lebe ich mit meinen Brüdern des Franziskaner-Ordens und ich möchte dich einladen, bei uns zu bleiben, bis deine Füße verheilt sind.“
Paddy war beeindruckt von diesem alten Mann, der ihm, ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen, eine Bleibe anbot, obwohl er sehen musste, dass er nichts, aber auch gar nichts bei sich hatte, um für Übernachtung und Essen zu bezahlen. „Das ist kein Problem“, sagte der alte Mann, als habe er Paddys Gedanken erraten, „wenn du möchtest, kannst du mit uns arbeiten, es gibt immer etwas zu tun.“ Schon als Paddy mit Bruder Pierre das alte Kloster betrat, spürte er tief in seinem Herzen ein Gefühl, nach dem er sich in letzter Zeit so sehr gesehnt hatte, ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme. Seine Müdigkeit war wie weg geblasen und auch seine schmerzenden Füße spürte er fast nicht mehr. Bruder Pierre stellte ihn den anderen Mönchen vor und von jedem einzelnen von ihnen ging eine solche Herzlichkeit aus, dass es Paddy vorkam, als haben sie auf ihn gewartet. Sie fragten nichts, sie wollten nichts von ihm wissen, sie erklärten ihm nur, wie ihr Tagesablauf aussah und dass er daran teilnehmen könne, wenn er wollte, aber wenn nicht, sei das auch in Ordnung. Und dann brachten sie ihm Milch und Weißbrot und erst jetzt merkte er, welchen Hunger er hatte. Die ersten zwei Tage im Kloster schlief er fast nur, aber am dritten Tag wollte er unbedingt am Morgenlob teilnehmen, er war neugierig, wollte wissen, wie es ist, schon morgens um 5.00 Uhr Gott mit Gebeten zu ehren. Als Bruder Pierre ihn weckte, hatte er noch keine Ahnung, dass er nur wenig später eine Begegnung haben würde, die ihn für immer verändern würde, eine Begegnung mit Gott.
Schon als er die große Kirche betrat, spürte er die Faszination, die von ihr ausging, er merkte, wie sein Herz schneller klopfte vor Aufregung, aber da war noch etwas anderes, das er fühlte, Freude, Freude auf das, was kommen würde, auch wenn er nicht wusste, was es war. Sein Französisch war nicht so gut, dass er ihre Gebete verstand, und so betete er seine eigenen, eigentlich waren es keine Gebete, es waren nur Gedanken, Gedanken, die ganz plötzlich in seinem Kopf waren, als habe jemand Kontakt mit ihm aufgenommen und sie ihm vermittelt. Und je länger er betete, desto klarer wurden diese Gedanken, er sah sein ganzes Leben vor sich und nie zuvor war es ihm möglich gewesen, alles so deutlich zu sehen. Was war das für ein Leben, das er führte? Ja, seine Fans liebten ihn, mehr noch, sie vergötterten ihn, sie wollten immer in seiner Nähe sein, taten alles, was er wollte, aber eigentlich wollte er das doch gar nicht, eigentlich wollte er doch etwas ganz anderes. Er wusste, dass er gut aussah und er wusste auch, was sein Lächeln bei anderen Menschen bewirkte, aber das, mit dem er die Menschen erreichen wollte, war doch nicht sein Aussehen, es war doch seine Musik, es waren die Lieder, die er schrieb. Manchmal gab es solche Momente, manchmal sah er Tränen in den Augen eines Fans und er sah in diesen Augen, dass es eines seiner Lieder war, das diesen Menschen so sehr berührte, aber bei viel zu vielen war es nur noch Hysterie, war es nur die Person Paddy Kelly, die sie anbeteten. Viel zu oft in letzter Zeit hatte er sich gefragt, ob es da draußen noch Menschen gab, die wegen seiner Musik zu den Konzerten kamen. Waren die meisten nicht nur noch daran interessiert, in seinem Privatleben herumzuschnüffeln? Paddy war so in sein Gebet und seine Gedanken versunken, dass ihn erst Bruder Pierres sanfte Berührung am Arm wieder in die Wirklichkeit zurück holte. Wie lange hatte er da schon vor ihm gestanden und ihn beobachtet? Was hatte er gelesen in seinem Gesicht? Paddy wusste es nicht und er wagte auch nicht, es zu fragen. Eigentlich hatte er ihnen erzählen wollen, wer er war und woher er kam, aber nun beschloss er, es nicht zu tun. Diese Menschen hatten ihn angenommen, ohne zu wissen, wer er war, ohne seine Geschichte zu kennen, und so sollte es bleiben. Er wollte kein Star für sie sein, sie sollten nur den Menschen in ihm sehen, sonst nichts.
Schon am nächsten Tag begann Paddy, den Mönchen bei ihrer Arbeit zu helfen, stundenlang arbeitete er auf dem großen Feld vor dem Kloster, jätete Unkraut im Klostergarten oder half in der Küche. Er war so fasziniert von diesen Menschen, die in selbstgewählter Armut lebten und doch viel mehr hatten als so manche Menschen, die sich in einem Leben des Wohlstandes verloren hatten, die keine Werte mehr kannten, nur noch nach immer mehr Geld und Macht strebten. Diese Mönche aber waren glücklich mit ihrem Leben und mit ihrer Liebe zu Gott, die ihnen auf alle Fragen eine Antwort zu geben schien. Da war so viel Fröhlichkeit und so viel Liebe in den Augen dieser Männer, dass Paddy sich schon bald gar nicht mehr vorstellen konnte, jemals woanders gelebt zu haben. Seine Vergangenheit war nur noch ein Schatten, der ihn ab und zu streifte, längst dachte er nicht mehr an Ruhm oder Geld, er hatte etwas Wichtigeres gefunden, eine Gemeinschaft, in der jeder den anderen akzeptiert, ohne zu fragen, was er hat oder was er ist. Die vielen Gespräche, die er mit Bruder Pierre führte, brachten ihm so viel, er wollte alles wissen über Gott und das Leben mit ihm, und sein alter Freund wurde nicht müde, ihm mit jedem Tag mehr über das Leben im Kloster zu vermitteln. Und niemals stellte er auch nur eine Frage über Paddys Herkunft, über seine Familie oder über das Leben, das er früher geführt hatte. Der alte Mann mochte ihn sehr, das konnte Paddy in seinen Augen sehen, und eines Abends, als er von der Arbeit vom Feld kam und Bruder Pierre ihn schon mit einem großen Glas kalter Milch erwartete, stellte Paddy ihm die Frage, die schon lange in seinem Herzen brannte: „Kann ich bei euch bleiben, Bruder Pierre? Es ist so schön hier und durch meinen Glauben an Gott, den ich ohne euch niemals gefunden hätte, habe ich gelernt, das Wesentliche im Leben zu erkennen: Glaube und Liebe. Mehr brauche ich nicht.“ Der alte Mann schaute ihn lange an und nickte dann langsam. „Du kannst bleiben, junger Bruder, wir alle sind froh, dich in unsere Gemeinschaft aufzunehmen.“ Paddy schien es, als sei das der schönste Satz, den er je gehört hatte. Er bereitete sich gründlich auf seine Aufnahme in den Franziskaner-Orden vor, jeden Tag las er in der Bibel, immer war er der Erste, der morgens zum Morgenlob in der Kirche war und oft nahm er den ganzen Tag nur Wasser zu sich als Zeichen seines Glaubens. Fasten reinigt den Geist, pflegte Bruder Pierre immer zu sagen, und genauso war es. Nie konnte Paddy klarer denken als an den Tagen, in denen er nichts aß.
Aber dann, kurz vor Paddys endgültiger Aufnahme in den Franziskaner-Orden, passierte etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte, etwas, das all seine Pläne wieder ins Wanken brachte: Einen musikalischen Abend wollten die Mönche zur Feier des heiligen Franziskus veranstalten und Paddy war überrascht über die Vielzahl der Instrumente, die sie in dem großen Festsaal zusammentrugen. Fast jeder der Mönche griff sich ein Instrument und als sie anfingen zu spielen, fühlte Paddy plötzlich eine heftige Sehnsucht in sich aufsteigen, er wollte mit ihnen spielen, mit ihnen singen, er wollte ihnen alle seine Lieder vorspielen, wollte sie teilhaben lassen an seiner Musik und ihnen erzählen, wie viel Freude sie ihm brachte. Aber da war eine Scheu in ihm, die er nicht kannte, er hatte Angst, Angst davor, dass sie ihn wegschicken würden, wenn sie herausfanden, wer er wirklich war. Er unterdrückte den Impuls, sich auch eine Gitarre zu greifen, und sang stattdessen leise die Lieder mit, die sie spielten. Es wurde ein wunderschöner Abend und sein Körper war von einer wohligen Müdigkeit erfüllt und doch konnte er nicht einschlafen, als er viel später in seiner kleinen Kammer lag. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu seinen Liedern zurück, zu seinen Geschwistern und zu seinen Freunden, die er plötzlich fast schmerzhaft vermisste. War es wirklich richtig, was er tat? Wollte er wirklich sein altes Leben hinter sich lassen und hier bleiben, hier bei diesen Mönchen, die ihm so viel beigebracht, ihn so viel gelehrt hatten, die ihm den Weg gezeigt hatten, nach dem er so lange gesucht hatte? Noch vor zwei Tagen war er sich ganz sicher gewesen, aber plötzlich hatte er Angst vor dem, was er im Begriff war zu tun. Lange lag er in seinem Bett, ohne auch nur eine Minute Schlaf zu finden, und dann stand er auf und lief zu dem großen Festsaal, in dem noch immer die Instrumente standen. Fast ehrfürchtig nahm er eine der Gitarren in die Hand und begann zu spielen und zu singen, da waren so viele Lieder in seinem Herzen, sie waren einfach da, er hatte keine einzige Note zu Papier gebracht, seit er hier war, aber jetzt kam es ihm vor, als hätte er tief in seinem Innern unzählige neue Lieder geschrieben, die nur darauf warteten, endlich gesungen zu werden. Es war schon fast hell, als er wieder in seine Kammer ging, und es blieb ihm nicht mehr viel Zeit, sich vor dem Morgenlob ein wenig auszuruhen.
Als Bruder Pierre ihn nach der Messe zu sich rief, klopfte Paddys Herz vor Aufregung, hatte er doch keine Ahnung, was sein alter Freund ihm sagen würde. „Ich will nicht wissen, wer du bist oder woher du kommst, ich beurteile Menschen nicht nach ihrer Herkunft, aber was ich heute Nacht gehört habe, hat mich zu einer Entscheidung kommen lassen.“ Nervös lächelte Paddy den alten Mann an. Er hatte ihm zugehört heute Nacht. Würde er ihn jetzt wegschicken, weil er nicht die Wahrheit über seine Herkunft gesagt hatte? Plötzlich glaubte Paddy, keine Sekunde mehr außerhalb des Klosters leben zu können. „Schick mich nicht weg, bitte!“, Paddy schrie diesen Satz fast heraus. Seine ganze Geschichte, alles, was er den Mönchen nicht hatte erzählen wollen, sprudelte plötzlich aus ihm heraus, mit geröteten Wangen saß er da und versuchte, Bruder Pierre begreiflich zu machen, warum er es ihm nicht erzählt hatte. Schweigend hörte der alte Mann ihm zu und als Paddy geendet hatte, schaute er ihn lange an und legte ihm dann beide Hände auf die Schultern. „Du kannst bleiben, wenn du willst, Patrick, ich würde dich gerne immer um mich haben, da ist so viel Wärme in dir, so viel Liebe“, sagte er mit leiser Stimme, „aber ich glaube nicht, dass Gott diesen Weg für dich gewollt hat. Ich habe die Lieder gehört, die du heute Nacht gespielt hast, und ich musste weinen, so sehr berührten sie mich. Du hast eine Gabe, Patrick, die nur sehr wenige Menschen haben. Mit deinen Liedern erreichst du die Herzen der Menschen, du berührst sie tief in ihrem Innern. Man muss nicht Mönch sein, um seinen Glauben zu leben, es gibt viele andere Möglichkeiten und du hast die schönste, die es nur geben kann: deine Musik. Geh hinaus in die Welt, bezaubere die Menschen mit deinen Liedern, erzähle ihnen von Gott und von deinem Glauben.“ Bruder Pierre sah, wie die Verzweiflung aus dem Gesicht seines jungen Freundes verschwand, er sah die Tränen, die in Paddys Augen schimmerten, aber er sah auch, dass es keine Tränen der Verzweiflung waren sondern Tränen der Freude, der Freude auf sein neues Leben, sein neues Leben mit Gott.
Schon am nächsten Tag verließ Paddy das Kloster und Bruder Pierre überreichte ihm zum Abschied einen wunderschönen perlmuttfarbig schimmernden Rosenkranz. „Ich bin immer für dich da, Patrick, denk daran. Aber ich glaube, du hast den Weg gefunden, den du gehen willst.“ Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des alten Mannes aus, als sein Blick auf die braunen Sandalen fiel, die er seinem jungen Freund vor vielen Monaten als Schutz gegen den steinigen Waldboden gegeben hatte, und die auf Paddys vielen Waldspaziergängen und während der Feldarbeit mächtig gelitten hatten, „mit diesen Schuhen kann doch gar nichts schief gehen...“. Paddy umarmte seinen väterlichen Freund unter Tränen. „Ich werde dich niemals vergessen, Bruder Pierre, und ich werde wiederkommen, so oft ich kann. Und die Schuhe, die Schuhe werde ich tragen, bis sie auseinanderfallen, waren sie es doch, mit denen mein neues Leben angefangen hat.“ Paddy fuhr die Strecke nach Köln durch, ohne eine einzige Pause zu machen. Und dann stand er mitten in der Nacht vor Maites Tür, sie öffnete ihm verschlafen und er sah so viele Fragen in ihren Augen, dass er nicht wusste, wo er anfangen sollte zu erzählen. Da war so viel, das er ihr sagen wollte, er wollte sie und all seine Geschwister teilhaben lassen an der Freude, die er in seinem Herzen fühlte, aber er fand nicht die Worte, ihr von seinen Erlebnissen im Kloster zu erzählen. Plötzlich hatte er Angst, Angst, dass sie ihn auslachen oder sich über ihn lustig machen würde. „Jetzt sag schon, wo warst du?“, hörte er Maites fröhliche Stimme, aber er konnte es ihr nicht sagen. „Im Urlaub“, war alles, was er herausbrachte.
Auch in den nächsten Wochen, in denen die Geschwister mit den Proben zur neuen Tour begannen, war er nicht in der Lage, seinen Geschwistern von seinen Erlebnissen zu erzählen. Er fühlte sich plötzlich, als gehöre er nicht mehr hierher, als sei er in einer falschen Welt, in der er nicht mehr leben wollte. Seine Sehnsucht nach Bruder Pierre und der Ruhe und Geborgenheit des Klosters wurden von Tag zu Tag größer, aber er konnte doch nicht zurück. Er hatte sich entschieden, sein altes Leben weiterzuleben, und diese Entscheidung konnte er nicht mehr zurücknehmen. Nach den Proben ging er immer sofort nach Hause und erst dort, wenn er ganz allein in seinem Wohnzimmer saß und den Rosenkranz betete, fand er wieder ein bisschen Zuversicht, gab ihm sein Glaube an Gott die Kraft, am nächsten Tag wieder mit den anderen zu proben und so zu tun, als sei alles beim Alten. Er wollte ihnen so gerne seine neuen Lieder vorspielen, aber wieder hielt ihn die Angst, sie könnten ihn auslachen, ihn als durchgeknallten Spinner beschimpfen, davor zurück. Und so spielte er jeden Tag mit den anderen das Konzertprogramm durch, ohne auch nur ein einziges neues Lied dazu beizutragen. Es verging kein Tag, an dem Maite ihn nicht fragte, was mit ihm los sei, und er hätte ihr so gerne von den wunderschönen Dingen erzählt, die er erlebt hatte, aber er fand einfach nicht die passende Gelegenheit. Und jetzt war es zu spät, jetzt hatte er seine Schwester fast geschlagen dafür, dass sie ihm nur eine Freude machen wollte. Wie hätte sie wissen sollen, dass diese alten braunen Sandalen für ihn die letzte Verbindung zu dem waren, das ihm so sehr fehlte, zu seinen Freunden im Kloster, die seinen Glauben teilten und die verstanden, was er fühlte.
Paddy zuckt erschrocken zusammen, als Maite plötzlich vor ihm steht. Er war so in seine Gedanken versunken, dass er gar nicht gehört hat, wie sich die Tür zu seinem Garderobenraum langsam öffnete und sie den Raum betrat. Tränen schimmern in Maites Augen, als sie die alten ausgelatschten Sandalen vor ihm auf den Boden stellt. „Es tut mir leid, Paddy, ich dachte, du würdest dich freuen über die neuen Schuhe, ich... Verdammt, wie soll ich wissen, was mit dir los ist, wenn du nicht mit mir redest?“ Ihre Stimme versagt und Tränen laufen ihr über die Wangen. Ungestüm zieht Paddy sie in seine Arme. „Nein, Maite, nicht dir muss es leid tun, MIR tut es leid, furchtbar leid sogar, du konntest doch nicht wissen, was die Schuhe mir bedeuten.“ Er zieht Maite auf den Stuhl neben seinem und dann erzählt er ihr alles und als er fertig ist und das Lächeln in Maites Gesicht sieht, weiß er, er hat das Richtige getan. „Ich bin froh, dass du wieder bei uns bist, Paddy, du weißt ja gar nicht, wie sehr du mir gefehlt hast in der unendlich langen Zeit, als du wie vom Erdboden verschwunden warst. Aber wenn du eines Tages feststellst, dass dir deine Musik nichts mehr gibt, dass du den Rest deines Lebens mit diesen Mönchen verbringen willst, dann werde ich das verstehen, so schwer es mir auch fällt. Aber wie konntest du nur auch nur einen Augenblick glauben, ich würde dich auslachen wegen deines Glaubens? Ich liebe dich, Paddy, und es spielt keine Rolle für mich, ob du an Gott, den Teufel oder sonst was glaubst. Die Hauptsache für mich ist, dass du glücklich bist mit dem, was du tust. Und glaub mir, nie wieder werde ich deine Schuhe wegwerfen!“ Paddys strahlendes Lächeln lässt die Sonne in Maites Herz aufgehen. Ohne Strümpfe steigt er in die alten ausgelatschten Sandalen und nimmt Maite an der Hand. „Alles klar, kleine Schwester“, sagt er mit fester Stimme, „und jetzt lass uns auf die Bühne gehen, da draußen warten ein paar Leute auf uns. Ach ja, und noch was: Ich werde das Programm heute Abend ein wenig ändern, es gibt da ein paar neue Lieder, die ich euch und den Menschen da draußen unbedingt vorspielen muss...“
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