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Rain of roses
by Uli (12.03.2002)
„Es ist wegen Diana, unserer besten Tänzerin. Ich habe dir erzählt von dem neuen Ballett, das wir aufführen werden, und in dem sie die Hauptrolle tanzen soll, die Rosenprinzessin. Und jetzt...“, wieder fing Barby an zu schluchzen, sie klammerte sich an ihrem Bruder fest und es dauerte lange, bis Paddy schließlich die ganze schreckliche Wahrheit über Diana erfuhr. Er kannte das Mädchen, er hatte sie ein paar Mal gesehen, als er Barby von der Ballettschule abgeholt hatte. Diana war 16 und der unumstrittene Star der Ballett-Truppe, wer sie einmal tanzen gesehen hatte, konnte sich nicht mehr von ihrem Anblick lösen, sie sah aus wie eine Fee mit ihrer zierlichen Figur und ihrem langen blonden Haar, aber sie war sich ihrer Ausstrahlung gar nicht bewusst, sie war schüchtern und ruhig und hatte keinerlei Starallüren. Ihr Leben gehörte dem Tanz und ihr größter Traum war es, die Hauptrolle in dem neuen Ballett zu bekommen, die Rosenprinzessin zu tanzen, und als die Rollenbesetzung bekannt gegeben wurde, schien es, als würde ihr Traum wahr werden. Jeden Tag übte sie von morgens bis abends, ihr ganzes Leben drehte sich nur noch um diese Aufführung, bis sie vor einer Woche während der Proben zusammenbrach, völlig unerwartet, und niemand wusste, was mit ihr los war.
Die schreckliche Wahrheit stellte sich nur drei Tage nach ihrem Zusammenbruch im Krankenhaus heraus. Dianas ganzer Körper war von Krebsgeschwüren zerfressen, sie hatte die Schmerzen monatelang ignoriert, hatte sich eingeredet, es würde vorübergehen, zu groß war ihre Angst, in die Klinik zu müssen oder womöglich nie mehr tanzen zu können. Und jetzt war es zu spät, die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun, es gab keine Hoffnung auf Heilung für sie. Höchstens noch drei Monate hätte sie zu leben, versuchten ihr die Ärzte schonend beizubringen. „Die Ballettlehrerin hat es uns heute erzählt“, brachte Barby schluchzend hervor, „mein Gott, Paddy, sie ist doch noch so jung und so schön, ich kann einfach nicht glauben, dass sie sterben muss!“ Paddy war betroffen. Wie grausam konnte das Leben manchmal sein. Was hatte dieses Mädchen getan, dass es so jung sterben musste? So gerne wollte er Barby trösten, aber er fand keine Worte. Unsicher schaute er in ihr Gesicht und sah, wie Barbys Blick sich veränderte, wie der Schmerz in ihren Augen einer wilden Entschlossenheit wich. „Ich war bei ihr im Krankenhaus und habe ihr versprochen, dass ich ihren Traum wahr machen werde, dass sie sie tanzen wird, die Rosenprinzessin, aber alleine schaffe ich das nicht. Wirst du mir helfen, Paddy? Ich... ich hab’ ihr versprochen, dass du mitkommst morgen.“ Barby schaute ihn fast flehentlich an. „Du weißt, dass sie in dich verliebt ist oder???“ Ja, natürlich hatte er gemerkt, dass Diana ihn anhimmelte, und er hatte sich immer ein wenig amüsiert darüber, wie sie errötete und schüchtern den Blick senkte, wenn er sie anschaute. Manchmal hatte er ein paar freundliche Worte an sie gerichtet, ihr ein Lächeln geschenkt, mehr aber nicht, das war seine Art, mit verliebten Teenagern umzugehen. Er war nicht besonders erfreut über Barbys Einfall, aber er brachte es nicht übers Herz, ihr das zu sagen. „Ja, wenn du möchtest, werde ich mitkommen ins Krankenhaus“, sagte er leise und drückte seine Schwester an sich.
Als er Diana am nächsten Tag im Krankenhaus sah, konnte er kaum glauben, was seine Schwester ihm erzählt hatte. Sie saß in ihrem Bett, ihre blonden Haare lagen wie Engelslocken um ihr Gesicht und als sie ihn sah, röteten sich ihre Wangen und ihre Augen begannen zu leuchten. Konnte so ein Mädchen aussehen, das bald sterben muss? Sie bemerkte seinen fragenden Blick und lächelte ihm schüchtern zu. „Doch, es ist wahr“, sagte sie leise, „auch wenn es nicht so aussieht. Ich werde sterben in wenigen Wochen und ich habe keine Angst davor. Ich habe es gefühlt, lange bevor die Ärzte es mir gesagt haben. Und Barby hat mir versprochen, dass mein großer Traum wahr wird, dass ich die Rosenprinzessin sein werde. Mehr will ich nicht.“ Wie stark sie ist, dachte Paddy unwillkürlich, aber er war sich nicht sicher, ob es nicht nur der erste Schock, das Nicht-Begreifen ihrer tödlichen Krankheit war, das sie so stark scheinen ließ. Paddy begleitete Barby zu einem Gespräch mit der Leiterin der Ballettschule und erkundigte sich, ob man die Aufführung nicht vorverlegen konnte, damit Diana ihre Rolle doch noch tanzen konnte, aber die Leiterin schüttelte nur traurig den Kopf. Die Zeit würde nicht reichen und es wäre viel zu gefährlich für Diana, weiter tanzen zu üben. Wut blitzte in Paddys Augen auf. „Zu gefährlich?“, fragte er. „Was kann zu gefährlich sein für jemanden, der sowieso bald sterben muss?“ Aber ob er wollte oder nicht, er musste sie akzeptieren, die Entscheidung der Leiterin.
Abends saß Paddy noch lange im Schlosspark und dachte über Dianas Schicksal nach. Die leuchtenden Augen des Mädchens gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf, ihre Stärke ließ ihn nicht mehr los. Sie würde sterben und sie wusste es, aber sie hatte noch diesen einen Traum, der wahr werden musste, koste es was es wolle. Während Paddys Blick über den Rasen des Parks schweifte, sah er plötzlich eine Szene vor sich: Er sah ein wunderschönes Mädchen mit der Figur einer Elfe und dem Gesicht eines Engels über den Rasen schweben und ein Meer von Rosen ergoss sich über sie, als sie sich am Ende der Vorstellung verbeugte. Ja, er würde ihren Traum wahr machen, hier im Park von Schloss Gymnich, sie würde sie tanzen, die Rosenprinzessin, nur ein einziges Mal, aber er wusste, das war genug für sie. So verrückt dieser Gedanke auch wahr, Paddy wusste plötzlich, er würde alles dafür tun, diesem Mädchen seinen letzten Wunsch zu erfüllen.
Barby und Paddy wussten, dass sie nicht viel Zeit hatten, und sie arbeiteten Tag und Nacht. Paddy übernahm die Organisation und Barby verwandelte den Schlosspark von Gymnich in ein wunderschönes Zauberland, alles war geschmückt mit Rosen und die gesamte Dekoration der Ballettschule wurde im Park aufgebaut. Nur ein paar Tänzer würden Diana bei der Aufführung unterstützen, es sollte ganz allein ihr Tanz sein, der Tanz ihres Lebens. Sie war mit ihren Eltern ins Schloss gezogen und es war immer ein Arzt da, um ihr beizustehen, sollte sich ihr Gesundheitszustand verschlechtern. Tagsüber übte Diana, so viel es ihr möglich war, und abends, wenn Paddy nach Hause kam, saß sie mit ihm vor dem großen Kamin und hörte mit leuchtenden Augen die Geschichten an, die er ihr aus seinem Leben erzählte. Längst hatte sie ihre Scheu abgelegt und winkte ihm glücklich zu, wenn er das Schloss betrat. Sie war so neugierig wie ein kleines Mädchen, wollte jede Kleinigkeit aus seinem Leben wissen, und er unterhielt sich gerne mit ihr. Da war so viel Freude, so viel Glück in ihren Augen, dass es ihm manchmal die Tränen in die Augen trieb, wenn er daran dachte, wie wenig Zeit ihr noch blieb. Er wusste gar nicht, dass er es war, der sie so glücklich machte, dass der Gedanke an den Tod ihr keine Angst bereitete. Manchmal nahm er sie sanft in den Arm und er fand es schön, wie sich ihr warmer Körper in seine Arme schmiegte, aber er war immer darauf bedacht, ihr keine Hoffnungen zu machen, sie nicht glauben zu lassen, dass er mehr für sie empfand als Freundschaft. Er wollte sie nicht aus Mitleid belügen, ihr etwas vormachen, dass es nicht gab.
Und dann war der Tag da, an dem Dianas größter Wunsch sich erfüllte. Viele Menschen waren zu der Aufführung gekommen und standen in dem wunderschön geschmückten Schlosspark, als die Musik zu spielen begann und sich langsam die große Glastür öffnete und Diana heraus auf die Terrasse trat. Paddy stand ein wenig abseits, er wollte kein Aufsehen erregen, es sollte allein ihr Tag sein. Sie sah aus wie ein Engel in ihrem mit roten Rosen geschmückten Ballettkleid, ihre blonden Haare fielen ihr über die Schultern und er wusste, dieses Lächeln in ihrem Gesicht, dieses Leuchten in ihren Augen würde er nie vergessen. Ihr Blick schweifte suchend umher und als sie ihn entdeckte, winkte sie ihm strahlend zu und ganz plötzlich begann sein Herz schneller zu schlagen und ein wunderschönes Gefühl breitete sich in ihm aus. Hatte er es wirklich nicht bemerkt in den letzten Wochen oder wollte er es nur nicht zulassen? Ja, ohne es zu merken, hatte er sich verliebt in dieses Mädchen, das so viel Lebensfreude ausstrahlte, obwohl es am Rande des Todes stand. Er sah, wie sie die Augen schloss und sich ganz dem Rhythmus der Musik hingab und dann begann sie zu tanzen und der Schlosspark wurde zu ihrem Königreich, zum Reich der Rosenprinzessin. Gebannt beobachtete er Dianas elfenhaften Tanz, mit leichten Schritten bewegte sie sich über den Rasen und für eine Weile gab es keine Krankheit, keinen Tod mehr, es gab nur noch ihren Tanz, ihren Traum, der heute wahr wurde. Er konnte den Blick nicht von ihr lösen, ihre Anmut verzauberte ihn und ihre Blicke und das Lächeln, das sie ihm immer wieder schenkte, trafen ihn mitten ins Herz.
Und als sie sich strahlend verbeugte, öffnete sich das riesige Netz, das über den Schlosspark gespannt war, und Tausende von Rosen fielen vom Himmel und hüllten die wunderschöne Rosenprinzessin in ein Meer von Rosen ein. Tränen liefen ihr über die Wangen, aber in ihren Augen lag alles Glück der Welt. Sie drehte sich zu Paddy um und streckte die Hand nach ihm aus und er ging ganz langsam auf sie zu und schloss sie in seine Arme. „Danke“, hörte er sie flüstern, ganz tief atmete er den Duft ihrer Engelshaare ein und dann nahm er ihr schmales Gesicht ganz sanft in seine Hände und noch bevor er es aussprach, sah sie in seinen Augen, was er für sie fühlte. „Ich hab’ dich lieb, kleine Rosenprinzessin, ich hab’ dich sehr lieb!“ Sein Kuss war sanft und zärtlich und er spürte, wie sie in seinen Armen zitterte vor Glück.
Die letzten zwei Wochen vor ihrem Tod wich er nicht von ihrer Seite. Jeden Mittag saß er mit ihr im Park und hielt sie in seinen Armen und aus ihren großen Augen in dem schmalen Gesicht leuchtete das Glück. „Ich möchte dir gerne etwas sagen“, sagte sie eines Nachmittags. „Ohne dich zu kennen, habe ich mich in dich verliebt, weil du so wunderschöne Haare hast und weil du so hübsch bist. Aber jetzt weiß ich, wie unwichtig dein Aussehen ist. Das, was da drin ist“, sie legte ihre Hand auf sein Herz, „das, was da drin ist, ist noch viel schöner als das, was man sieht! Mein Traum, die Rosenprinzessin zu tanzen, wurde wahr, aber der schönste Traum meines Lebens bist du und ich werde ihn mitnehmen, diesen Traum, in die Welt, in der ich gehen werde. Du wirst für immer bei mir sein. Ich liebe dich, Paddy!“ Er konnte nicht antworten, konnte sie nur anschauen, während ihm Tränen die Wangen hinabliefen. „Weine nicht, Paddy, bitte weine nicht! Ich werde da oben sitzen auf meiner Wolke und auf dich Acht geben und vielleicht denkst du ab und zu an mich, wenn du die Rosen blühen siehst!“ Ganz fest hielt er sie und flüsterte ihr ins Ohr: „Niemals werde ich dich vergessen, niemals, meine Rosenprinzessin!“ Noch am selben Abend verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch und er hielt sie ganz fest, als könne er so das Schreckliche verhindern. Ein letztes Mal küsste sie ihn und flüsterte: „Ich werde auf dich warten im Paradies!“ Und er saß da und hielt sie in seinen Armen, bis sie sanft hinüberglitt in den tiefen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt. Noch lange saß er an ihrem Bett und betrachtete ihr Engelsgesicht, das so friedlich, so glücklich aussah, und dann ging er hinüber in sein Zimmer, nahm seine Gitarre und begann zu spielen.
Dianas Beerdigung war eine der schönsten, die es auf dem kleinen Waldfriedhof je gegeben hatte. Der Pfarrer hielt eine wunderschöne Rede vor dem weißen mit unzähligen Rosen geschmückten Sarg, um den sich viele Menschen versammelt hatten. Viele Leute sprachen ein paar Worte über Diana, am ergreifendsten aber war der Vortrag des jungen Mannes mit den langen brünetten Haaren, der irgendwie deplaziert auf dem Friedhof wirkte mit seiner hochgekrempelten hellen Hose, dem grauen Sweatshirt und seinen nackten Füßen, die in ausgelatschten Birkenstock-Sandalen steckten. Er hatte eine kleine Rede vorbereitet, aber er warf den Zettel weg und sagte nur einen Satz: „Wenn der Himmel jemals einen Engel auf die Erde geschickt hat, dann war es Diana.“ Und mit lauter Stimme rief er zu den Wolken hinauf: „Ich werd’ dich nie vergessen, meine Rosenprinzessin. Ich liebe dich!“ Und dann begann er auf seiner Gitarre zu spielen und trotz der Tränen, die ihm über die Wangen liefen, zitterte seine Stimme nicht, kraftvoll klang sie über den kleinen Waldfriedhof, als er das Lied sang, das er in der Nacht ihres Todes für sie geschrieben hatte: „Rain of roses“. Und er war ganz sicher, dass seine Rosenprinzessin ihn hörte da oben auf ihrer Wolke...
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