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Red shoes
by Uli (14.07.2001)
Carmen aber ließ sich durch nichts und niemanden von ihrem Traum abbringen und eines Tages wurde er dann wirklich wahr. Sie war inzwischen 25 Jahre alt und arbeitete als Verkäuferin in dem kleinen Gemischtwarenladen und sie sparte alles Geld, das sie verdiente, für ihren Schuhladen. Als sie dann wieder einmal bei Carlos im Laden war und ein paar wunderschöne rote Lackschuhe anprobierte, die viel zu teuer für sie waren, bemerkte sie zum ersten Mal, wie schlecht der alte Mann aussah. Auf ihre Frage hin, ob ihn etwas bedrücke, meinte er nur, die Arbeit in seinem Schuhladen würde allmählich zu beschwerlich für ihn, aber keines seiner Kinder sei daran interessiert, den Laden zu übernehmen. Carmen wurde heiß und ihr hübsches, von wilden schwarzen Locken umrahmtes Gesicht glühte vor Aufregung, als sie ihm die Frage stellte, die über ihr ganzes weiteres Leben entscheiden sollte. Ob er ihr den Laden übergeben würde??? Sie war bereit, all ihr Erspartes zu opfern für ihren Traum. Carlos schaute sie lange an und nickte dann langsam. Ja, er könne sich keine bessere Nachfolgerin vorstellen, meinte er nur.
Schon am nächsten Tag begann Carmen mit Feuereifer, den kleinen Laden umzuräumen. Alles war so dunkel und viel zu eng, nichts entsprach Carmens Vorstellung von ihrem Schuhladen. Sie schuftete Tag und Nacht, stellte Regale um, begann die Wände in hellen, freundlichen Farben zu streichen und hängte hübsche Gardinen an den Fenstern auf. Noch zwei Tage, dann wollte sie ihren Laden eröffnen. Es war schon nach 20.00 Uhr und sie stellte gerade das alte Grammophon, das sie von ihrem Großvater geerbt hatte, auf einen kleinen Tisch und schaltete es ein, als es an der Tür klopfte. Wer wollte jetzt um diese Zeit noch etwas von ihr, der Laden hatte doch noch gar nicht offen? Mit ihren mit gelber Wandfarbe bekleckerten Händen strich sie sich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn und ging, wie sie war, nämlich in alter, schmutziger Arbeitskleidung, zur Tür. Sie hatte nicht vor, jemanden hereinzulassen, aber als sie die Tür öffnete, wusste sie sofort, wer da vor ihr stand. ER war es, ihr Märchenprinz, auf den sie wartete, seit sie ein kleines Mädchen war. Er war groß, mindestens einen Kopf größer als die kleine, zierliche Carmen, und schlank und stand ein bisschen verlegen vor ihr in seiner merkwürdigen Aufmachung. Er trug einen schwarzen Smoking und hielt in der Hand eine große Tüte, aus der ein rotes Etwas herausblitzte. Wie von Zauberhand lag plötzlich eine seltsame Magie über dem noch geschlossenen Schuhladen. Carmen konnte sich nicht losreißen von seinen Augen, wunderschönen hellblauen Augen, in denen eine faszinierende Mischung aus Melancholie und Leidenschaft lag, sein Gesicht war geradezu ebenmäßig schön und sein Mund lächelte ein schüchternes und doch bezauberndes Lächeln.
Carmen war wie gelähmt, sie konnte nichts sagen sondern nur die Tür öffnen und ihn hereinlassen. Sie kam sich furchtbar lächerlich vor in ihrer schmutzigen Arbeitskleidung, aber er schien es gar nicht zu bemerken. „Bitte entschuldigen Sie meinen Überfall“, meinte er fast schüchtern, „aber ich brauche unbedingt ein paar rote Schuhe zu diesem Kleid“. Er öffnete die Tüte und das schönste Kleid, das Carmen jemals gesehen hatte, kam zum Vorschein, ein Kleid, ganz aus roter Seide und mit stilisierten Blüten bestickt. Unwillkürlich hielt sie den Atem an. Woher kam dieser Mann und was wollte er hier? Er passte nicht in das kleine Dorf mit seinen langen blonden Haaren, die ihm fast bis zu den Hüften reichten, und dem Smoking, den er trug. Als habe er ihre Frage erraten, antwortete er: „Ich feiere Verlobung morgen, und ich möchte meine Braut mit diesem Kleid überraschen, aber es fehlen mir noch die Schuhe dazu und ich habe viel zu viel Zeit verloren, weil ich mich furchtbar verfahren habe. Ihr Laden schien mir die letzte Rettung zu sein.“ Wieder blitzte dieses unwiderstehliche Lächeln in seinem Gesicht auf, das Carmen schier den Atem nahm. Beklommen stieg sie auf die Leiter und holte die wunderschönen roten Lackschuhe aus dem Regal, die sie so liebte. Welche Größe seine Verlobte hätte, wollte sie wissen, aber er konnte es ihr nicht sagen. Er schaute sie abschätzend an und meinte dann: „Ich glaube, Sie müssten ihre Größe haben. Würden Sie mir einen Gefallen tun? Ziehen Sie das Kleid und die Schuhe an, bitte, ich möchte so gerne sehen, wie es aussieht!“
Nein wollte Carmen sagen, aber sie konnte nicht, der Zauber, der von diesem Mann ausging, war zu stark. Folgsam ging sie in ihr kleines Büro, streifte mit zitternden Händen die schmutzigen Kleider ab und wusch sich gründlich die Hände, um das traumhafte rote Kleid nicht zu beschmutzen. Dann kämmte sie ihre schwarzen Haare, wusch flüchtig ihr Gesicht und zog ganz langsam und vorsichtig das wunderschöne Kleid an. Nie würde sie den Blick vergessen, mit dem er sie ansah, als sie auf ihn zuging. Sie sah Bewunderung darin und noch viel mehr als das. Minutenlang standen sie da und schauten sich nur an und ihre Blicke schienen ineinander zu versinken. „Die Schuhe“, murmelte Carmen schließlich verlegen und er reichte ihr den Karton. Sie zog sich die Schuhe über und dabei sah sie sich selbst in dem großen Wandspiegel. Wie schön sie aussah in diesem Kleid und diesen Schuhen. Wie eine Prinzessin und neben ihr stand der ihr Prinz, auf den sie schon so lange gewartet hatte. Es war eine Szene wie in einem Märchen, das Grammophon spielte und sie beide standen da und sagten kein Wort. Und dann nahm er sie einfach in seine Arme und in diesem Moment schien sich der kleine, unscheinbare Schuhladen in einen wunderschönen Ballsaal zu verwandeln und Carmen und der Fremde tanzten miteinander, als hätten sie nie etwas anderes getan. Sie tanzten lange, sehr lange, und sie fühlte sich so sicher und so wohl in seinen Armen. Sie wollte nicht, dass er sie jemals wieder losließ. Und die ganze Zeit sahen sie sich in die Augen, die so viel sagten, mehr als tausend Worte. Langsam, ganz langsam näherten sich seine Lippen den ihren, sie roch seinen warmen, männlichen Duft... Und dann, ganz plötzlich, hörte das Grammophon auf zu spielen und einen Moment lang sah er aus, als erwache er aus einem Traum. Sofort ließ er sie los und der Zauber wich einer seltsamen Beklommenheit. „Es tut mir leid“, sagte er, „ich muss gehen!“ Mit glühenden Wangen rannte sie in ihr Büro, zog rasch das Kleid aus und gab es ihm zusammen mit den Schuhen. „Ich hoffe, sie passen“, meinte sie noch, er legte ein paar Geldscheine auf den Tisch und dann war er weg und Carmen blieb zurück, gefangen in dem Zauber, den er über sie gebracht hatte.
Sie konnte nicht hoffen, ihn jemals wiederzusehen, aber nach diesem Abend wusste Carmen genau, wie sie ihren Schuhladen nennen würde: „Carmens magic Shoe Ballroom“, Carmens zauberhaften Schuhballsaal. Sie hängte an den Wänden Bilder von Tanzstars auf und den ganzen Tag lief Musik in ihrem Laden. Natürlich hatte sie sich inzwischen eine CD-Anlage gekauft, aber das alte Grammophon stand immer noch auf seinem Platz auf dem kleinen Tisch, als warte es nur darauf, für die zauberhafte Dame in den roten Schuhen und ihren Traumprinzen zum Tanz aufzuspielen. Auf dem Platz vor ihrem magischen Schuhballsaal stellte Carmen kleine Tische und Stühle auf und jeder ihrer Kunden bekam Kaffee und Kuchen. Schon bald wurde Carmens Schuhladen zu einem der beliebtesten Geschäfte am Ort, die Leute kamen gerne zu ihr, sie berichteten über die Freuden und Sorgen des Alltags und wussten, Carmen hatte für jeden ein offenes Ohr und ein freundliches Wort. Der schönste Tag aber war der Sonntag, da wurde getanzt in Carmens Laden, alle halfen, die Regale zur Seite zu schieben, und die Leute kamen von nah und fern, „Carmens magic Shoe Ballroom“ war geradezu eine Sensation in dem kleinen unscheinbaren Ort. Die Männer mochten Carmen und sie hatte viele Verehrer, aber mehr als Freundschaft schenkte sie keinem, denn ihr Herz gehörte dem Traumprinz, mit dem sie getanzt hatte, nur einen Abend lang, den sie aber nie vergessen konnte. Und tief in ihrem Innern spürte sie, dass das Schicksal noch etwas für sie bereit hielt, aber sie vermied es, länger darüber nachzudenken, was es wohl sein würde.
So vergingen viele Jahre und Carmen wurde alt und grau, aber ihre Liebe vergaß sie nie. Jeden Tag stand sie in ihrem Schuhladen und immer, wenn sie das Grammophon betrachtete, dachte sie an ihn und den Zauber, der über dem kleinen Laden gelegen hatte, als sie getanzt hatten. Das Leben ging seinen gewohnten Gang, ihr Laden lief gut und immer noch waren die Sonntage am schönsten, wenn viele Leute zum Tanzen in den kleinen Schuhladen kamen. Und dann, eines Tages, geschah etwas Seltsames: Erstaunt betrachteten die Leute, die bei Kaffee und Kuchen vor Carmens Laden saßen, den alten Mercedes, der langsam die Straße entlang fuhr und direkt vor dem kleinen Schuhladen anhielt. Ein fremder Mann stieg aus, ein Mann, den keiner hier vorher jemals gesehen hatte, aber jeder spürte die Ausstrahlung, die von ihm ausging. Seine blonden, von leichten grauen Fäden durchzogenen Haare reichten ihm fast bis zu den Hüften und er trug einen altmodischen, verblichenen Smoking, in der einen Hand hielt er ein paar zerschlissene rote Lackschuhe und in der anderen ein verwaschenes rotes Seidenkleid. Die Menschen beobachteten interessiert, wie der alte Mann den Schuhladen betrat. Carmen sah ihn nicht, sie sortierte gerade Schuhe in die Regale ein, sie bemerkte ihn erst, als sie sich umdrehte und er direkt vor ihr stand.
Seine Augen waren noch genauso schön wie damals, aber jetzt lag unsagbarer Schmerz und Trauer darin. Sie wusste, was geschehen war, noch bevor er zu sprechen begann. „Sie ist gestorben letzten Herbst und seitdem ist es so furchtbar einsam in dem großen Haus. Heute morgen habe ich beim Aufräumen in der Truhe, in der sie alle ihre Schätze aufbewahrte, meinen Anzug, das Kleid und die Schuhe gefunden und jetzt bin ich hier und weiß eigentlich gar nicht, was ich hier will“, sagte er völlig hilflos, bevor seine Stimme brach. „Aber ich weiß es“, sagte Carmen sanft, nahm ihm die roten Schuhe und das Kleid aus den Händen und hielt ihn dann in ihren Armen, während er leise weinte. „Es ist alles gut“, flüsterte sie sanft, „es wird alles wieder gut!“ Sie wusste, er war endlich da, der Moment, auf den sie gewartet hatte, seit er vor vielen Jahren ihren kleinen Laden verlassen hatte. Vorsichtig nahm sie sein Gesicht in ihre Hände und versank in seinem Blick und wieder sprachen ihre Augen mehr als Worte. Dann nahm sie das Kleid und die Schuhe und ging sich umziehen. Das Grammophon spielte schon, als sie herauskam, er hatte es angestellt. Er nahm sie in seine Arme und dann tanzten sie, tanzten genau wie damals und sein Zauber erfüllte den ganzen Schuhladen. Carmens Gäste beobachteten fasziniert Carmen, die wunderschön aussah in dem zerschlissenen Seidenkleid, und den alten Mann im Smoking, wie sie durch den Laden tanzten, als hätten sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan. Und jeder spürte den Zauber, der in der Luft lag. Als die beiden den Schuhladen verließen, war der Ausdruck von Schmerz und Trauer aus den Augen des Fremden verschwunden und Carmen sah aus wie ein ganz junges Mädchen, das sich auf seine erste große Liebe freut...
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