Roses of red

by Uli (24.09.2002)

„Lass mich doch in Ruhe und hau endlich ab“, fauchte die dreizehnjährige Maite ihren kleinen Bruder an. „Ich hab dir gesagt, ich will alleine sein!“ Mit traurigen Augen schaute Angelo seine Schwester an. „Och Mann, und mit wem soll ich dann Fußball spielen?“ Schon seit Wochen war Maite so unausstehlich, genauer gesagt seit dem Tag, als sie diesen Typen zum ersten Mal gesehen hatte. Er stand am Rand des Fußballfeldes, auf dem Maite und Angelo jeden Nachmittag mit den anderen Jungs ihre Matches austrugen, und Angelo fand ihn einfach nur affig. Er schien sich wahnsinnig cool vorzukommen mit seiner dunklen Sonnenbrille und der Zigarette im Mundwinkel. „Schau dir mal diesen Lackaffen an“, wollte Angelo zu seiner Schwester sagen, aber dieser merkwürdige Ausdruck in ihrem Gesicht ließ ihn die Worte hinunterschlucken. Mit offenem Mund und großen Augen starrte sie diesen Typen an, als hätte sie noch nie vorher einen Jungen gesehen. Und als der Typ sich zu ihr umdrehte, seine Sonnenbrille absetzte und ihr ein wie er bestimmt meinte unwiderstehliches Grinsen schenkte, konnte Angelo beobachten, wie sich Maites Gesicht in eine knallrote Tomate zu verwandeln schien. Seit diesem Tag war alles anders, stundenlang blockierte Maite das Bad und wenn sie endlich wieder herauskam, sah sie aus wie ein Papagei, ihre Augenlider schillerten in den buntesten Farben und ihre Lippen leuchteten in grellem Rot. „Maite ist verliebt“, erklärte Kathy ihrem kleinen Bruder, als er sich bei ihr ausweinte, „lass ihr Zeit, bestimmt wird sie bald wieder mit dir Fußball spielen.“

Aber nichts dergleichen geschah. Sie fand immer neue Ausreden, Angelo nicht mitzunehmen, und immer häufiger hatten sie heftigen Streit deswegen, so wie gerade eben. „Hau doch ab, du blöde Kuh“, murmelte Angelo vor sich hin und wischte mit einer heftigen Bewegung die Tränen der Wut von seinen Wangen. Er würde sich neue Freunde suchen müssen, wenn das so weiter ging, aber wen? Er hing mit wahrer Affenliebe an seiner Schwester, immer hatten sie alles zusammen gemacht und jetzt war sie so gemein zu ihm. Angelo verstand die Welt nicht mehr. Traurig zog er sich in seine Kajüte zurück und hörte ein bisschen Musik, aber selbst das wollte ihm keine Freude bereiten. Und dann kam Maite zurück und er sah sofort, dass etwas passiert war: Ihre Augen waren gerötet und sie hatte hektische Flecken im Gesicht. „Ist alles in Ordnung, Maite?“, fragte Angelo ganz verstört, aber sie schien ihn gar nicht wahrzunehmen. „Lass mich, ich bin müde und gehe ins Bett“, sagte sie leise und er sah sie den ganzen Abend nicht mehr. Selbst zum Abendessen tauchte sie nicht auf. Angelo hatte keine Ahnung, was geschehen war, und sie sprach auch nicht darüber, aber er war sich ganz sicher, dass es mit diesem Lackaffen zu tun hatte! Die nächsten Tage verbrachte Maite im Bett und so sehr ihr kleiner Bruder sich auch bemühte, sie aufzuheitern, es gelang ihm nicht. „Du verstehst das nicht, du bist viel zu jung“, war die immer gleich lautende Antwort, die er auf seine besorgten Fragen erhielt.

Fast eine Woche dauerte es, bis Angelo wieder Zugang zu seiner Schwester fand. Wieder war sie nicht zum Abendessen erschienen und er packte ihr ein paar Sachen auf ein kleines Tablett, ging damit in ihre Kajüte und setzte sich zu ihr aufs Bett, wo sie sich unter ihrer Bettdecke verkrochen hatte. „Weißt du was?“, fragte er betont forsch. „Dieser Typ ist ein Arschloch, wenn es dir wegen ihm so schlecht geht. Maite, bitte, lach doch wieder, ich hab’ dich so lieb und ich ertrage es nicht, wenn du so traurig bist.“ Ganz langsam zog er die Bettdecke weg und nahm seine Schwester vorsichtig in die Arme. Sie wehrte sich nicht und plötzlich brach es aus ihr heraus: „Er beachtet mich einfach nicht, Angelo, ich habe einfach keine Chance bei ihm. Da sind diese aufgedonnerten Tussis mit ihren tollen Figuren, was soll ich dicker Trampel da schon ausrichten?“ Tränen liefen Maite übers Gesicht und Angelo wusste nicht, was er sagen sollte. „Du bist doch kein dicker Trampel, Maite, ich hab dich lieb so wie du bist!“ Dankbar schaute sie ihn an, zog die Decke zur Seite und er kroch zu ihr ins Bett und schließlich schliefen die beiden dicht aneinander gekuschelt ein. Als Maite am nächsten Morgen endlich ihre Kajüte wieder verließ und wieder am Familienleben teilzunehmen begann, hoffte Angelo, jetzt würde alles wieder so werden wie früher, aber seine Schwester war immer noch traurig und gereizt.

Und dann kam eines Tages dieser Bote und brachte eine langstielige rote Rose, an der eine kleine Karte befestigt war: „Ich mag dich, Maite!“ stand darauf. Maite strahlte wie ein Honigkuchenpferd über dieses unerwartete Geschenk. „Er mag mich, Angelo, er mag mich“, sagte sie fröhlich zu ihrem Bruder, als sie sich nach dem Abendessen wieder in Maites Kajüte zurück gezogen hatten, und betrachtete verträumt ihre Rose. Jede Woche kam der Bote mit einer roten Rose und Maite wurde wieder zu der fröhlichen Schwester, die Angelo so liebte. Sie kam auch endlich wieder mit ihm zum Fußballplatz und warf ihrem Schwarm, der fast jeden Tag mit seinen Freunden am Rand des Platzes stand, schmachtende Blicke zu. „Was meinst du, Angelo, ob ich ihn ansprechen soll?“, fragte sie ganz aufgeregt, nachdem der Bote die fünfte Rose gebracht hatte. „Ich weiß nicht recht, Maite, vielleicht solltest du.....?“ Aber Maite war nicht zu bremsen. Er hatte ihr Rosen geschickt, warum sollte sie noch warten? Am nächsten Tag machte sie sich besonders hübsch, zog ihren neuen Rock und die schöne Bluse an, schminkte sich und stibitzte ein wenig von Patricias Parfum, das sie so mochte. „Ich werde ihn ansprechen heute Abend“, verkündete sie ihrem Bruder, der sie mit seltsamen Gesichtsausdruck betrachtete. „Was ist?“, fragte sie ungeduldig, weil Angelo aussah, als ob er etwas sagen wollte. „Sag es nicht, ich weiß, du findest es nicht gut, aber heute werde ich zum Angriff übergehen, ob es dir passt oder nicht!“

Als Maite abends beim Fußballplatz ankam, stand er da mit seinen Freunden und ihr Herz schlug Purzelbäume, als sie ihn sah. Sie atmete tief durch und ging dann entschlossen auf ihn zu. „Hi“, sagte sie und hoffte, er würde nicht merken, wie sehr ihre Stimme zitterte. „Hallo Kleine“, hörte sie ihn sagen, und plötzlich war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie es wirklich tun sollte. Aber sie hatte es sich ganz fest vorgenommen und wie sagte ihr Vater immer: Wenn du etwas wirklich haben willst, darfst du nicht untätig herumsitzen und warten, du musst aktiv werden und es dir nehmen. „Ich wollte mich für die schönen Rosen bei dir bedanken und dir sagen, dass ich dich auch mag“, sprudelte es aus Maite heraus und ihr Herz klopfte bis zum Hals. Jetzt würde er sie bestimmt in seine Arme nehmen und ihr seine Liebe gestehen. „Rosen? Was für Rosen? Sag mal, wie kommst du auf diese Schnapsidee? Meinst du, weil ich dich mal angegrinst habe? Mensch Mädel, schau dich doch mal an. Du wirst ja wohl nicht im Ernst annehmen, ich würde mich mit so was in der Öffentlichkeit zeigen!“ Maite fühlte, wie flammende Röte ihr Gesicht überzog, ihre Beine schienen nachzugeben und sie hörte das Lachen der Jungen wie durch einen Schleier. Sie wollte sich umdrehen und weglaufen, aber sie war wie gelähmt und sah nur diesen hämisch grinsenden Jungen vor sich, von dem sie geglaubt hatte, er würde sie mögen.

Und dann ging alles so schnell, dass Maite gar nicht reagieren konnte. Sie sah Angelo aus dem Gebüsch springen, sein Gesicht war vor Wut verzerrt und er schrie die älteren Jungs an: „Was glotzt ihr so blöd? Hört sofort auf, über meine Schwester zu lachen!“ Der Lackaffe drehte sich zu ihm um und sagte spöttisch: „Na wunderbar, der Retter naht! Nimm die Dicke mit, Kleiner, und am besten lasst ihr euch hier nicht mehr blicken.“ Maite sah, wie Angelo ganz rot im Gesicht wurde, er ballte die Hände zu Fäusten, holte aus und schlug dem Jungen, der sie so gedemütigt hatte, mitten ins Gesicht. Natürlich hatte er keine Chance gegen die Älteren und nur wenige Minuten später lag er mit blutender Nase im Dreck. Erst jetzt löste sich Maite aus ihrer Erstarrung. Sie lief zu ihrem Bruder und half ihm auf. Ihre Augen blitzten, als sie sich noch einmal zu den Jungen, umdrehte, die immer noch lachend da standen. „Ihr kommt euch wohl sehr toll vor, einen kleinen Jungen zu schlagen und ein Mädchen zu verspotten, weil sie dick ist. Echt toll! Lass uns nach Hause gehen, Angelo. Ich muss auf beiden Augen blind gewesen sein, mich in so einen Idioten zu vergucken.“ Ohne die Jungs noch eines Blickes zu würdigen, hakte sie ihren kleinen Bruder unter und machte sich mit ihm auf den Heimweg. „Da ist etwas, das ich dir sagen muss, Maite“, sagte Angelo leise, und ein Blick in seine Augen ließ sie erkennen, was er meinte. „Du hast...?“, fragte sie ungläubig. „Ich wollte doch nur, dass es dir wieder gut geht, Maite, ich wollte, dass du wieder fröhlich bist, deshalb hab’ ich die Rosen bestellt.“ „Du bist ein Scheusal, Angelo, und eigentlich sollte ich dir jetzt auch noch eins auf die Nase hauen“, drohte Maite ihrem kleinen Bruder, aber sie konnte nicht verhindern, dass sie laut lachen musste über sein erschrockenes Gesicht. „Du hast mich wirklich lieb oder?“, fragte sie ihren Bruder leise und ohne seine Antwort abzuwarten, nahm sie ihn in den Arm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Am nächsten Tag suchten Angelo und Maite sich einen neuen Fußballplatz zum Spielen...