Wie neuerdings jeden Morgen vor dem Frühstück ging Paddy Kelly zum Joggen. Anfangs war das eine echte Quälerei für ihn, aber mittlerweile war er froh, dass sein Bruder Joey ihn zum Laufen überredet hatte, es gab ihm so viel, es ging ihm viel besser als noch vor ein paar Wochen. Nach einer Stunde im Wald fühlte er sich jedes Mal wie neu geboren. Und inzwischen lief er so schnell, dass auch seine hartnäckigsten Verfolgerinnen nicht mehr mithalten konnten. Es war kalt an diesem Morgen, kalt und feucht, kein besonders schönes Wetter zum Laufen. Ein wenig fröstelnd begann er seinen Lauf und ihm wurde langsam wärmer, als er plötzlich meinte, ein ganz leises Wimmern zu hören. Was war das? Hatte er sich getäuscht? Nein, da war es wieder, ganz schwach und leise wie das Wimmern eines kleinen Babys. Paddy hielt an und stöberte in dem Gebüsch herum, hinter dem er das Wimmern vermutete. Er konnte nichts finden und wollte schon weiter laufen, als er es wieder hörte, diesmal ein bisschen lauter. Und dann sah er es: ein kleines braunes Bündel, das hilflos unter dem Busch lag. War das etwa ...? Ja, da lag ein ganz kleines Hundebaby und schrie, so laut es eben schreien konnte, um sein Leben. Paddy nahm den kleinen Kerl auf den Arm und schaute ihn sich an. Er blickte in zwei schwarze Knopfaugen, aus denen ein unbändiger Lebenswille leuchtete. Das kleine Kerlchen schmiegte sich zitternd an ihn und Paddy fühlte, wie ausgekühlt das Hundchen war. Er wurde wütend. Wer konnte einem kleinen Hund so etwas antun, ihn einfach aussetzen bei diesem Wetter in dem sicheren Wissen, dass er das nicht überleben würde? Wie herzlos waren die Menschen nur geworden? „Na du“ sagte er sanft, „du bist ja ein ganz Süßer. Weißt du was, ich nehme dich mit und ich verspreche dir, dass du es gut haben wirst bei mir. Ich werde immer für dich da sein und dich nie allein lassen, nie!“ Er wickelte Sam, wie er das kleine Bündel spontan genannt hatte, in seine Jacke und brachte ihn auf dem schnellsten Weg zum Tierarzt. Dieser untersuchte den Kleinen und meinte, es sei ein Wunder, dass er noch lebte, er sei wohl ein besonders zäher kleiner Kerl. Unter Paddys liebevoller Fürsorge entwickelte sich Sam prächtig, keiner wusste, was für einer Rasse er angehörte, aber er war ein wirklich niedlicher kleiner Kerl mit seinem weichen braunen Fell und seinen wachen schwarzen Knopfaugen. Schon nach kurzer Zeit war er der Liebling der ganzen Familie. Jeder wollte mit ihm spielen und er wurde von allen Seiten verwöhnt. Sams Herz aber gehörte Paddy. Jeden Abend kam er in sein Zimmer und gab erst Ruhe, wenn Paddy ihm ein paar Lieder vorsang und er dann bei ihm im Bett schlafen durfte. Jeden Tag ging Paddy mit seinem neuen Begleiter zum Joggen und er fühlte sich immer besser. Ja, er freute sich richtig auf die neue Tour, die im Sommer beginnen sollte. Natürlich wurden auch die Fans, die jeden Tag vor Schloss Gymnich herum lungerten, auf den kleinen Sam aufmerksam. Sie lockten ihn mit den verschiedensten Leckereien und der kleine zutrauliche Kerl witschte oft durch die Gitterstäbe am Tor nach draußen, was bei den Fans immer wahre Begeisterungsstürme auslöste. Paddy war das gar nicht recht. Oft nahm er sich vor, das Tor mit Maschendraht zu sichern, damit sein kleiner Freund nicht mehr ausbüchsen konnte, aber er vergaß es dann immer wieder. Eines Tages waren besonders viele Fans vor dem Tor, es war ein schöner Frühlingstag, da kamen sie immer gern. Paddy war mit Sam im Park und hörte die Mädchen rufen. Er war gut gelaunt und ging ans Tor, um ein paar Autogramme zu geben. Sam sprang fröhlich hinter ihm her, als eines der Mädchen diese Hundekuchen auspackte, die er so gerne mochte. Er rannte los und sprang durch die Gitterstäbe. „Sam, bleib hier“ rief Paddy ihm genervt nach, als er das Quietschen von Reifen hörte und sah, wie Johnnys Mercedes um die Ecke bog, verfolgt von ein paar besonders hartnäckigen Verehrerinnen. Und dann ging alles ganz schnell. Paddy sah das Auto, das auf Sam zuschoss, er wollte laufen, wollte den kleinen Kerl in Sicherheit bringen, aber er war wie gelähmt und konnte nur untätig zusehen, wie Johnnys Wagen den Hund erfasste. Der kleine Körper wurde durch die Luft geschleudert und blieb dann regungslos auf der Erde liegen. Paddy stand bewegungslos da und sein Verstand weigerte sich, das Entsetzliche zu glauben. Erst Minuten später fing er an zu schreien und rannte los. Auch Johnny stand unter Schock, er wachte erst wieder auf, als er seinen Bruder schreien hörte. Paddy stand vor ihm mit dem kleinen blutigen Bündel auf dem Arm, Tränen liefen ihm übers Gesicht, er war völlig aufgelöst. Johnny nahm seinen Bruder am Arm und sagte nur: „Steig ein, wir fahren zum Tierarzt. Paddy, es tut mir so furchtbar leid, ich habe ihn nicht gesehen, wirklich nicht ...“ Dann sah er die Fans, die ihre Fotoapparate gezückt hatten, und er brüllte sie an, wie er noch nie gebrüllt hatte. „Verschwindet doch endlich, haut ab, seht ihr denn nicht, was hier los ist??“ Wie ein Besessener raste Johnny quer durch Köln, aber der Verkehr war viel zu dicht, er kam nicht voran. Paddy saß totenbleich auf dem Beifahrersitz und hielt seinen blutenden Hund in den Armen. „Du darfst nicht sterben, Sam, bitte bleib bei mir“ stammelte er vor sich hin. Dann ging gar nichts mehr, auf dem Kölner Ring war alles zu. Kurzentschlossen sprang Paddy aus dem Auto und rannte, rannte um das Leben seines kleinen Hundes. Er spürte Sams Herz schlagen, aber er spürte auch, dass er immer schwächer wurde. Nein, es durfte nicht sein, er würde es nicht ertragen. Der Tierarzt sah das Blut an Paddys Kleidung, seinen Haaren, seinem Gesicht und erschrak. Wenn der kleine Kerl so viel Blut verloren hatte ... Vorsichtig hob er ihn auf den Behandlungstisch. Sein Blick wurde noch ernster. „Ich fürchte, er hat schwere innere Verletzungen, wir müssen sofort operieren. Bitte warte hier draußen.“ „Nein“ antwortete Paddy ungewohnt scharf, „ich habe ihm versprochen, dass ich ihn nie allein lassen werde, ich gehe da mit rein und bleibe bei ihm!“ Die Operation war schwierig und der Ausgang ungewiss. Regungslos stand Paddy da, als das Herz des kleinen Sam zwei Mal stehen blieb und der Tierarzt ihn zwei Mal wieder ins Leben zurück holte. Er fühlte sich so furchtbar hilflos. Auf der Bühne, wenn sie ihm alle zujubelten, fühlte er sich manchmal wie ein Gott, aber jetzt wurde ihm schmerzlich bewusst, wie wenig das im Leben zählte. Er konnte gar nichts tun und es tat so furchtbar weh, dass er glaubte, sein Herz müssen zerspringen. Er liebte diesen kleinen Kerl so sehr, er wusste nicht, was er tun würde, wenn ... Aber Sam überstand die Operation und der Tierarzt meinte, wenn er die Nacht überleben würde, hätte er zumindest eine Chance. Im Moment aber läge Sam im Koma und niemand könne sagen, ob und wann er aufwachen würde. „Kann ich denn gar nichts tun?“ fragte Paddy unter Tränen. „Doch, bleib bei ihm, zeig ihm, dass du ihn lieb hast, alles andere liegt jetzt nicht mehr in unserer Hand!“ Inzwischen war auch Johnny in der Tierarztpraxis eingetroffen und setzte sich zusammen mit seinem Bruder an das Bettchen des Hundes. Es tat ihm so leid, was passiert war, er wollte sich entschuldigen, seinen kleinen Bruder irgendwie trösten, aber er fand keine Worte. Als sich ihre Augen trafen, erkannte Johnny zum ersten Mal, wie ähnlich Paddy ihm war. Ja, er konnte gut den immer gutgelaunten Paddy spielen, aber in seinem Herzen war er so sensibel, konnte ihm so leicht weh getan werden. Keiner kannte das besser als Johnny. „Paddy, ich ...“ begann er, aber sein Bruder schaute ihn nur ernst an. „Du kannst nichts dafür, Johnny, es war nicht deine Schuld, ich hätte dafür sorgen müssen, dass der Maschendraht am Tor angebracht wird, ich allein trage die Schuld daran, was passiert ist. Oh Gott, was habe ich nur getan, dass ich so bestraft werde? Dieser kleine Hund hat mir die Freude am Leben zurück gegeben, warum wird er mir jetzt wieder genommen? Johnny, ich verstehe das alles nicht, warum ist das Leben so grausam?“ Johnny nahm seinen kleinen Bruder in die Arme und dann weinten sie gemeinsam, um den kleinen Sam, um ihre Mutter... Noch nie hatte sich John mit seinem Bruder so verbunden gefühlt. „Paddy, gib nicht auf, bitte. Wie sagt Joey immer? Wenn du ans Aufgeben denkst, hast du schon aufgegeben. Er kann es schaffen, daran müssen wir ganz fest glauben!“ Verzweifelt wartete Paddy darauf, dass Sam aufwachte, aber auch viele Stunden später lag er noch im Koma. Plötzlich kam Paddy ein Gedanke: „Johnny, kannst du mir bitte meine Gitarre holen? Ich werde ihm die Lieder vorsingen, die er abends immer so gerne hört.“ Und dann saß Paddy da am Bett seines verletzten Hundes und sang, sang mit einer Stimme, die seinem Bruder fast das Herz brach. Noch nie hatte er ihn so singen gehört, da war so viel Liebe, so viel Verzweiflung in seiner Stimme. Irgendwann ging Johnny dann nach Hause und auch Paddy konnte sich nicht mehr aufrecht halten und fiel in einen unruhigen Schlaf, seine Hand lag immer noch auf dem Kopf des kleinen Hundes. Er wachte auf, weil er etwas Raues, Warmes an seinen Fingern spürte. Als er die Augen aufschlug, sah er Sam, der sich mühsam aufgerappelt hatte, um seine Hand abzulecken. Und wieder erkannte er in den kleinen schwarzen Knopfaugen diesen unbändigen Lebenswillen. Die Tränen, die Paddy übers Gesicht liefen, waren Tränen der Freude. „Ich habe so gehofft, dass du es schaffst, Kleiner“ sagte er nur. „Ich hab’ dich doch so lieb!“ Der Tierarzt meinte, das sei jetzt schon das zweite Wunder, das er mit diesem kleinen Hund erlebt hatte. Dann gab er Paddy einen Brief, den ein paar Mädchen für ihn abgegeben hatte. ES TUT UNS LEID stand da nur und es lagen ein paar Negative bei, die ihn zeigten, tränenüberströmt und mit seinem blutenden Hund auf dem Arm. Hatten sie es endlich verstanden? Als er mit Sam zum Schloss zurück kam, lag vor dem Tor ein Paket. FÜR SAM stand darauf. In dem Paket waren die Hundekuchen, die Sam so gerne fraß, und ein Zettel, auf dem stand: WIR WERDEN EUCH IN ZUKUNFT IN RUHE LASSEN, DENN WIR LIEBEN EUCH WIRKLICH UND WOLLEN EUCH NICHT WEH TUN. Ja, anscheinend hatten sie verstanden ...
Diese Geschichte möchte ich all denen widmen, die die Kellys lieben, ohne sie zu verfolgen, die sie so akzeptieren wie sie sind und die sich noch mit ihnen freuen können, wenn sie glücklich sind.