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Search for truth
by Uli (29.04.2005)
Als er sich vor mehr als einem halben Jahr entschlossen hat, alles hinter sich zu lassen, sich in die Einöde hier mitten in den Bergen zu begeben, da hatte er noch gar keine Ahnung, was hier auf ihn zukommen würde, er wusste, dass es nicht einfach werden würde, aber niemals hätte er es sich so schwer vorgestellt. Er war an einem Punkt in seinem Leben angekommen, an dem ihm klar wurde, dass er so nicht weitermachen konnte, dass er gar nicht mehr er selber war, dass er nur noch handelte wie eine Maschine, wie eine Marionette, deren Fäden andere ziehen. Es war ihm alles andere als leicht gefallen, einfach zu gehen, aber ihm war klar, dass es sein musste, dass er Zeit für sich selber brauchte, um sich darüber klar zu werden, was er wollte, wie sein Leben weitergehen sollte.
Viele Wochen verbrachte er damit, die Bibel zu lesen und zu beten, und er fand viele Antworten, die er schon so lange suchte, aber die alles entscheidende Antwort, die, wer er war und was er mit seiner Zukunft anfangen sollte, fand er nicht. Tag für Tag saß er in der kleinen Hütte fernab von jeglicher Zivilisation, die er nur ganz selten verließ, um sich im Dorf ein paar Lebensmittel zu besorgen, Tag für Tag saß er da und wartete auf ein Zeichen, das ihm den Weg zeigen würde, aber so sehr er sich auch bemühte, so sehr er auch versuchte, abzuschalten, seinen Geist frei zu machen für das, was er sich ersehnte, was er sich so sehr wünschte, er konnte einfach keinen Hinweis finden und irgendwann wurde ihm klar, dass die Wahrheit, die er suchte, in ihm selbst lag, irgendwo war die Antwort auf all seine Fragen, irgendwo tief in ihm, aber wie sollte er sie finden, er wusste doch gar nicht mehr, wer er eigentlich war, was er eigentlich wollte.
An diesem Tag beschloss er, die Hütte zu verlassen und zu laufen, einfach in die Natur hinauszugehen, zu gehen, bis seine Füße ihn nicht mehr tragen würden. Vielleicht war sein Geist zu aufgewühlt von den vielen Fragen, die ihn beschäftigten, vielleicht brauchte er die völlige Erschöpfung, um endlich eine Antwort zu finden. Zwei Tage lang ging er ununterbrochen durch die wunderschöne Landschaft, zwei Tage lang beschäftigte er sich nur mit der Natur, mit den Blüten und ihrem Duft, mit den kleinen Käfern, die seinen Weg kreuzten, er lauschte dem Gesang der Vögel, den Geräuschen der Dunkelheit, die ihn in der Nacht umgab, und nach und nach spürte er, wie sein angespannter Körper zur Ruhe kam, wie ihn eine wohlige Erschöpfung überkam, die ihn schließlich am Ende des zweiten Tages zu seiner Hütte zurück führte.
Er schläft die ganze Nacht durch, ohne auch nur ein einziges Mal aufzuwachen, und er hört die Stimmen erst, als sie schon fast an der Hütte sind. „Schau mal, Opa, da ist eine Hütte, hier ist bestimmt jemand, der uns helfen kann!“ Die Stimme klingt jung, sehr jung, und sie erinnert den jungen Einsiedler an etwas, aber er kann nicht sagen an was. Langsam kriecht er aus dem Bett, jeder einzelne Muskel tut ihm weg von seiner langen Wanderung, und er braucht eine ganze Weile, bis er an der Tür ist, und als er vor ihr steht, ist er sich nicht sicher, ob er den alten Mann und den Jungen wirklich hereinlassen möchte, aber es erscheint ihm unhöflich, es nicht zu tun. „Siehst du, Großvater, ich wusste, hier wird uns jemand helfen“, hört er den Jungen sagen, als er langsam die Tür öffnet, und als er ihm in die Augen schaut, zuckt er unwillkürlich zusammen, einen Moment lang weiß er nicht, was er sagen soll, er steht nur da und schaut in diese dunkelblauen Augen, aus denen die Lebensfreude leuchtet.
Mit roten Wangen steht der Junge da und wischt sich mit der Hand eine widerspenstige Strähne seines langen Haares aus der Stirn. „Hallo“, ruft der Junge unbekümmert und als er lächelt, bilden sich zwei niedliche Grübchen auf seinen Wangen. „Hallo, können Sie uns helfen, mein Großvater hat sich eine Blase gelaufen und wir brauchen ganz dringend ein Pflaster oder wenigstens ein bisschen kaltes Wasser, um seinen Fuß zu kühlen.“ Die Stimme des Jungen überschlägt sich fast vor Eifer und der junge Einsiedler spürt, wie sein Herz sich zusammen krampft. Nur mühsam kann er atmen, so sehr berührt ihn der Anblick dieses Jungen, der immer noch strahlend lächelnd vor ihm steht und auf eine Antwort wartet. Wieder streicht er sich mit dieser typischen Bewegung das Haar aus der Stirn und der junge Mann hat das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen, in einen Spiegel, der ihm ein Bild aus der Vergangenheit zeigt, ein Bild von dem, was er einmal war, von dem, was er für immer verloren hat.
Der alte Mann kühlt seine Wunde mit kaltem Wasser und auch ein Pflaster finden sie in den Vorräten der Hütte. Und als der Alte sich in dem alten Sessel, der sicher schon viele müde Wanderer beherbergt hat, ein wenig ausruht, sieht der Junge die Gitarre, die seit vielen Monaten unberührt in der Ecke der kleinen Hütte steht. Seine blauen Augen beginnen zu leuchten: „Sie sind Musiker?“ Das Gesicht des Einsiedlers verfinstert sich, aber der Junge scheint es gar nicht zu bemerken. „Sagen Sie doch, sind Sie Musiker, können Sie Gitarre spielen?“ „Ich...“, ganz leise ist die Stimme des jungen Eremiten. „Ich war einmal ein Musiker, aber das... das ist lange her, das war vor langer Zeit, ich habe schon ewig nicht mehr auf der Gitarre gespielt.“ Die Spannung im Gesicht des Jungen lässt seine Wangen noch rosiger werden. „Darf ich ...?“, fragt er mit leuchtenden Augen und auf das fast unmerkliche Nicken des Einsiedlers hin nimmt er die Gitarre aus der Ecke des Zimmer hervor und beginnt zu spielen und schon bei den ersten Klängen glaubt der einsame junge Mann, sein Herz müsse zerreißen.
Die Stimme des Jungen ist ganz klar und rein, seine Finger zupfen die Saiten der Gitarre mit einer Anmut, wie man es nur ganz selten hört, und wieder steigen Bilder vor den Augen des Einsiedlers auf, er sieht sich selbst neben seinem großen Bruder sitzen, der ihm geduldig die ersten Gitarrengriffe erklärt, er sieht das Leuchten in seinen Augen, das Glühen seiner Wangen, er sieht genauso aus wie dieser Junge, der jetzt neben ihm in dieser kleinen Hütte sitzt und voller Leidenschaft seine Lieder singt.
„Er will Musiker werden“, sagt der Großvater des Jungen stolz, „schon mit vier Jahren hatte er diesen Wunsch, und ich tue alles, um ihn ihm zu erfüllen.“ Unmerklich zuckt der junge Einsiedler zusammen. Dieser Junge erinnert ihn so sehr an sich selbst, an den Menschen, der er einmal war, dass es fast weh tut, Melodien schieben sich in seinen Kopf, viele wunderschöne Lieder, die er selbst geschrieben hat, die er den Menschen schenken wollte. Er war nie schwer für ihn, ein Lied zu schreiben, er musste sich nicht anstrengen, es war, als trüge er alle diese Lieder ganz tief in seinem Herzen, als würden sie nur darauf warten, bei der passenden Gelegenheit ihren Weg zu seinem Publikum zu finden.
„Gefällt es Ihnen?“ Die Stimme des Jungen reißt in aus seiner Versunkenheit. „Ja“, seine Stimme klingt belegt, „ja, du hast eine wunderschöne Stimme und dein Gitarrenspiel ist hervorragend. Wer hat dir das beigebracht?“ Die Wangen des Jungen glühen jetzt fast. „Mein Vater hat mir das Gitarrespielen beigebracht und meine Mutter das Singen, bevor sie bei einem Autounfall ums Leben kamen“, erzählt er unbekümmert. „Meine Mama hat immer gesagt, dass Singen das Schönste ist, das es im Leben gibt, und dass Musik die Herzen der Menschen öffnet.“ „Keep on singing“, die Stimme des jungen Einsiedlers ist so leise, dass man seine Worte kaum versteht, er sieht aus, als sei er weit weg, irgendwo in einer anderen Welt, zu der nur er Zutritt hat, in die er keinen anderen hineinlässt, er merkt gar nicht, wie aufmerksam der alte Mann ihn betrachtet, er sitzt einfach nur da und kann seinen Blick nicht von diesem Jungen wenden, der viel zu früh seine Eltern verloren hat und der doch so voller Lebensfreude ist.
„Darf ich Ihnen noch etwas sagen?“, die Stimme des jungen Einsiedlers ist ganz leise, als der Junge und sein Großvater viel später ihre Sachen zusammen packen, um ihre Wanderung fortzusetzen. Fragend schaut der alte Mann ihn an. „Lassen Sie ihn Musiker werden, wenn es wirklich sein Wunsch ist, unterstützen Sie ihn, wo sie nur können, denn er ist wirklich außerordentlich begabt, aber sorgen Sie dafür, dass er auf dem Boden bleibt, wenn er Erfolg hat, sorgen Sie dafür, dass er niemals vergisst, wer er ist und wo er herkommt, bitte sorgen Sie dafür, das er sich niemals selbst verliert.“ Fast flehend klingt die Stimme des jungen Mannes und der Alte schaut ihn eine Weile schweigend an. „Kann ich das?“, fragt er dann leise, „steht es in meiner Macht, solchen Einfluss auf sein Leben zu nehmen?“ Langsam schüttelt der alte Mann den Kopf. „Nein, ich glaube, das kann ich nicht, ich kann versuchen, ihn selbstbewusst genug zu machen, damit er sein Leben meistern kann, ich kann ihm zeigen, dass ich hinter ihm stehe, welchen Weg er auch immer einschlägt, aber ich kann nicht für ihn entscheiden, ich kann ihm seine Erfahrungen nicht abnehmen, die muss er selber machen, auch wenn sie manchmal weh tun.“
Bestürzt sieht der alte Mann die Tränen in den Augen des jungen Einsiedlers, er sieht so jung aus plötzlich, so hilf- und schutzlos wie ein kleines Kind, das seine Mama verloren hat. „Komm her, mein Junge“, flüstert der Alte instinktiv und der junge Mann lässt sich von ihm in die Arme nehmen und beginnt zu weinen und der alte Mann hält ihn einfach fest, er stellt keine Fragen, er sagt nichts, er hält den jungen Einsiedler einfach nur in seinen Armen, bis sein Schluchzen nachlässt, bis er ihn mit seinen tiefblauen Augen anschaut, in denen so viel Schmerz, so viel Einsamkeit zu sehen ist. „Was soll ich tun?“, fragt er verzweifelt, „was soll ich denn nur tun?“ „Du weißt es, du kennst deinen Weg, ich habe ihn in deinen Augen gesehen vorhin, als mein Junge spielte, du weißt sehr genau, welchen Weg du gehen willst, dir ist es nur nicht bewusst. Schau in dein Herz“, sagt der alte Mann sanft, „schau ganz tief in dein Herz, dort wird Gott dir zeigen, welchen Weg er für dich bestimmt hat.“
Als der alte Mann und der Junge die Hütte verlassen haben, sitzt der Einsiedler lange da und schaut ins Leere. Was hat der alte Mann gemeint? Wie kann dieser alte Mann wissen, wo seine Bestimmung liegt, wenn er es selber nicht weiß? Schau in dein Herz! Sein Blick fällt auf die Gitarre, die der Junge wieder in die Ecke der kleinen Hütte gestellt hat, ganz langsam geht er darauf zu, ganz vorsichtig, als hätte er Angst, sie zu zerbrechen, nimmt er sie in die Hand und beginnt zu spielen, seine wunderschöne Stimme hallt durch die kleine Hütte und mit jedem Lied, das er singt, kehrt ein wenig Glanz in seine erloschenen Augen zurück, seine Wangen röten sich und in seinem Kopf hört er immer noch die Stimme des alten Mannes: Schau in dein Herz, dort findest du deinen Weg! Ist das die Wahrheit, die er so verzweifelt sucht? Wurde dieser Junge ihm geschickt, um ihm zu zeigen, dass die Musik sein Weg ist, dass der Weg, den er gegangen ist, bevor der Ruhm einen anderen Menschen aus ihm gemacht hat, der richtige war? Lange sitzt er da und horcht in sich hinein und die Bilder, die er vor sich sieht, werden immer klarer, immer bunter. Er sieht einen Jungen mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen, er sieht sich selbst und plötzlich weiß er wieder, wer er ist, wer er immer war. Er ist Musiker, Musiker mit Leib und Seele, sein Herz ist erfüllt von seinem tiefen Glauben an Gott und von seiner Musik und welchen Weg er auch immer gehen wird, die Musik wird ihn begleiten...
Für Paddy: Ich wünsche dir, dass du die Wahrheit findest, die du suchst...
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