Stay beside me

by Uli (November 2000)

Jimmy Kelly war ein echter Draufgänger-Typ. Er lebte sein Leben, ohne groß darüber nachzudenken, ob es richtig war oder nicht, was er tat. Er hatte so viele Frauengeschichten, dass seine Geschwister manchmal Wetten abschlossen, wie lange seine nächste Liebelei halten würde. Ja, er kam gut an bei den Frauen mit seinen wilden langen Haaren, seiner schlanken Figur und seinem attraktiven Gesicht. Am meisten aber liebten sie seinen jungenhaften Charme und das Lachen in seinen Augen, damit hatte er noch jede Frau bekommen, die er wollte, aber keine seiner zahllosen Freundinnen hatte es geschafft, sein Herz zu erobern, bis zu dem Tag, an dem er Mary-Anne kennen lernte. Zum ersten Mal sah er sie an einem herrlichen Herbsttag im Jahre 1996, kurz nachdem die ganze Familie in ihr neues Haus in Irland gezogen war. Jimmy, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern, machte einen Streifzug durch die wunderschöne Landschaft von Cobh, und dabei kam er auch zu diesem versteckt gelegenen kleinen See, dem Lake of Hope, wie ihn die Einwohner des kleinen Fischerdorfes nannten. Übermütig sprang er auf das Wasser zu, als er die zarte Person bemerkte, die neben einer versteckt im Wald gelegenen Hütte am Ufer des Sees auf einer Decke saß und etwas zu lesen oder zu schreiben schien. Sie war so in sich versunken, dass sie ihn gar nicht bemerkte. „Hallo, schöne Lady“ rief Jim in seiner unbekümmerten Art und er sah, wie sie erschreckt zusammen zuckte und sich dann zu ihm umdrehte. „Oh Gott, haben Sie mich erschreckt“ war alles, was sie hervor brachte. Jimmy gefiel, was er sah. Lange dunkle Locken umrahmten das blasse, zierliche Gesicht, sie war nicht wirklich schön, nein, aber in ihren Augen lag eine Wärme, die Jimmy noch bei keiner anderen Frau gesehen hatte. Er konnte die Farbe ihrer Augen nicht bestimmen, mal schimmerten sie blau, dann grün und dann wieder grau. Um ihre Pupillen war ein bernsteinfarbener Ring und die kleinen braunen Punkte in ihren Augen sahen aus, als ob Sterne darin tanzten. Sein Blick versank in diesen Augen und zum ersten Mal in seinem Leben fehlten ihm die Worte. Er war fasziniert von diesem Gesicht. Sie schaute ihn lange an und als sie ihn dann anlächelte, verliebte er sich auf der Stelle in die süßen Grübchen, die sich auf ihren Wangen bildeten. „Hallo“ sagte sie, „ich bin Mary-Anne Lexter, und wer sind Sie? Ich kann mich nicht erinnern, Sie hier schon einmal gesehen zu haben!“ Auch sie schien fasziniert von ihm zu sein. Er setzte sich zu ihr auf die Decke und als sie sich unterhielten, kam es ihm vor, als kenne er sie schon ewig. Sie sprachen über Gott und die Welt und brachen erst auf, als es schon dunkel war. Jimmy brachte sie nach Hause und lud sie für den nächsten Abend zu seiner Familie zum Essen ein. Er wusste nicht, was mit ihm los war, da war ein Gefühl in seinem Herzen, das er bisher nicht gekannt hatte, und in seinem Bauch schienen Tausende von Schmetterlingen zu tanzen. Daheim erzählte er seiner Schwester Patricia, zu der er ein ganz besonders enges Verhältnis hatte, von seiner neuen Bekanntschaft. Seine Augen leuchteten und sein Gesicht glühte, als er Mary-Anne beschrieb. „Hey, Jimmy, du wirst dich doch nicht verliebt haben“, neckte ihn seine Schwester zärtlich. Verliebt? War er wirklich verliebt? Er konnte es nicht sagen, er wusste nur, dass er für Mary-Anne etwas ganz Besonderes empfand. Auch seine Geschwister waren begeistert von ihr, als sie sie am nächsten Abend kennen lernten. Sie war fünf Jahre jünger als Jimmy und hier in Cobh aufgewachsen. Sie hatte keine Geschwister und seit ihre Eltern vor sechs Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren lebten sie und ihre Großmutter allein in dem kleinen Haus in der Nähe des Hafens. Tagsüber half sie ihrer Großmutter bei der Arbeit in dem kleinen Drugstore, den ihr Vater aufgebaut hatte, aber so oft es ging, war sie draußen, sie liebte die Natur und die Tiere, die man dort beobachten konnte. An den Wochenenden schlief sie immer draußen am See in dieser kleinen Hütte im Wald, die ihr Vater für sie gebaut hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war. Während sie von ihren Erlebnissen in der wunderschönen Umgebung von Cobh erzählte, konnte Jimmy nicht den Blick von ihr wenden, diese Grübchen machten ihn ganz verrückt. Spät am Abend brachte er sie nach Hause und vor ihrer Haustür nahm er sie in seine Arme. Sie schmiegte sich an ihn und er fühlte die Wärme ihres zarten Körpers. Fragend schaute er ihr in die Augen, in denen sich der Mond spiegelte, und sie nickte nur und lächelte. Als er sie küsste, wusste er, dass sie die Liebe seines Lebens war. Er wollte keinen Tag mehr ohne sie sein, wollte sein ganzes Leben mit ihr verbringen, und das Strahlen in ihren Augen zeigte ihm, dass es ihr genauso ging. „Da gibt es ein Lied, das ich vor langer Zeit geschrieben habe, ich wusste damals nicht, wem ich es widmen sollte, aber jetzt weiß ich, für wen ich es geschrieben habe. Nur für dich, auch wenn ich dich damals noch gar nicht kannte. As long as you stay beside me it will be okay! Ich will nie mehr ohne dich sein.“ Glücklich lächelte sie ihn an. Von diesem Abend an verbrachten sie jede freie Minute gemeinsam. Am liebsten trafen sie sich am Lake of Hope, an diesem geheimen Platz, den nur sie beide kannten und an dem sie sich absolut unbeobachtet wussten. Eines Abends trafen sie sich wie so oft in der kleinen Hütte im Wald und beide spürten, dass heute ein ganz besonderer Abend war. Mary-Anne hatte den ganzen Tag damit verbracht, die kleine Hütte herzurichten und etwas Leckeres für ihren Jamie zum Essen zu zaubern, der schlichte Holztisch war festlich gedeckt und mit Kerzen geschmückt. Sie war noch nie mit einem Mann zusammen gewesen, ja, da gab es flüchtige Bekanntschaften, aber sie hatte immer gewusst, eines Tages würde sie die Liebe ihres Lebens treffen. Sie hatte keinerlei Erfahrung in der Liebe, aber heute wollte sie Jimmy mehr geben als nur Küsse. Sie hatte ein wenig Angst, aber nur ein ganz kleines bisschen, denn sie wusste, er würde behutsam sein und ihr nicht weh tun. Jimmy strahlte, als er am Abend zur Hütte kam und sie sah. Sie hatte ihr schönstes Kleid angezogen und sah sehr hübsch aus. Als sie das Essen zum Tisch brachte, fand sie auf ihrem Teller ein kleines in blaues Papier eingeschlagenes Päckchen. Fragend schaute sie ihn an. „Na los, mach es schon auf“ meinte Jimmy in seiner burschikosen Art. Als sie den Ring sah, einen schlichten schmalen Goldreif mit einem winzigen Brillantsplitter, traten ihr Tränen in die Augen, Tränen des Glücks und der Freude. „Ist das ein ...?“ Jim wurde plötzlich ganz ernst. „Ja, es ist ein Verlobungsring. Mary-Anne, ich weiß, du bist die Frau meines Lebens und ich möchte dich fragen, ob du meine Frau werden willst!“ Ganz schnell sprach er diesen Satz, als habe er Angst vor ihrer Antwort. Sie konnte nur nicken, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. „Ja, Jamie my love, ja, ja, ja, und heute nacht möchte ich deine Frau sein!“ Als sie sich liebten in dieser Nacht, zum ersten Mal, schien die Welt stehen zu bleiben, es gab nur noch sie beide und es war schöner, als sie es sich je erträumt hatten. Jimmy wusste, dass er ihr erster Mann war, und auch er fühlte sich wie beim ersten Mal, er glaubte, sein Herz müsse zerspringen vor Liebe. „Jamie, my love“, flüsterte sie, als sie danach in seinen Armen lag, „ich weiß, dies ist eine Liebe für die Ewigkeit. Versprich mir, dass, was immer auch passiert, du mich niemals vergessen wirst!“ Er verstand den Sinn ihrer Bemerkung nicht, aber wie sollte er auch ahnen, welch trauriges Geheimnis sie vor ihm verbarg. Die Liebe zu ihr hatte einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, er war so ausgeglichen und zufrieden wie noch nie in seinem Leben, denn er wusste, er hatte die Frau gefunden, mit der er alt werden wollte. Mary-Anne war so glücklich in dieser Nacht, sie hätte die ganze Welt umarmen können. Fast vergaß sie ihre Krankheit, von der sie ihm nicht erzählen konnte, dafür liebte sie ihn viel zu sehr, einer seltenen, unheilbaren Herzkrankheit. Sie wusste nicht, wie alt sie werden würde, aber seit sie Jimmy kannte, war sie nicht mehr traurig darüber. Sie hatte die Liebe gefunden, konnte es etwas Schöneres geben? Sie heirateten in aller Stille in der kleinen Kapelle von Cobh und niemand freute sich mehr für Jimmy als Patricia, seine Lieblingsschwester. Bald sprach er nur noch davon, wie gerne er ein Kind hätte, und es dauerte nicht lange, da ahnte, ja wusste Mary-Anne, dass sie ein Kind erwartete. Ihr alter Hausarzt, der ihr die Schwangerschaft bestätigte, wollte sie zu einem Schwangerschaftsabbruch überreden, denn er fürchtete, dass ihr schwaches Herz die Strapazen einer Geburt nicht überstehen würde. Sie erschrak nur kurz, dann wusste sie, was sie tun würde. Sie nahm ihrem Arzt das Versprechen ab, ihrem Mann nichts von ihrer Krankheit zu erzählen. Sie war bereit, ihr Leben zu geben, um ihrem geliebten Jamie seinen größten Wunsch zu erfüllen. Jimmy war völlig aus dem Häuschen, als sie ihm von der Schwangerschaft berichtete, wie ein kleiner Junge sprang er vor Freude im Haus herum und rief alle Leute an, die er kannte, um es ihnen zu erzählen. Er wich nicht mehr von ihrer Seite und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Nur Patricia, die oft bei dem jungen Paar zu Besuch war, sah die Sorgen in Mary-Annes Gesicht. Eines Tages, als Jimmy nicht da war, fragte sie sie, was mit ihr los sei und unter Tränen erzählte ihr Mary-Anne von ihrer Krankheit und davon, dass sie sich solche Sorgen um ihren geliebten Jamie machte. Was würde aus ihm werden, wenn sie nicht mehr da war? Patricia weinte mit ihr und versprach ihr, sich um Jimmy und auch um das Baby, das er haben würde, zu kümmern, sollte ihr etwas passieren. „Wie sehr musst du meinen Bruder lieben, dass du dein Leben für ihn geben willst, gibt es denn gar keine Hoffnung?“ Mary-Anne schaute sie nur traurig an. Als die Wehen einsetzten und Jimmy sie ins Krankenhaus brachte, sagte sie zu ihm: „Jamie, my love, versprichst du mir etwas? Wenn mir etwas passieren sollte, kümmere dich um unser Kind und erzähle ihm von mir, sag’ ihm, wie sehr ich euch beide liebe, wirst du das tun?“ Jimmy freute sich zu sehr auf das Kind, um sich der Bedeutung ihrer Worte klar zu werden. Die Ärzte in der Klinik taten alles, um Mutter und Kind zu retten, obwohl sie wussten, dass es für die Frau keine Rettung geben konnte, ihr Herz würde weder die Strapazen einer Geburt noch die Narkose für einen Kaiserschnitt überstehen. Jimmy wollte unbedingt dabei sein bei der Geburt, aber die Ärzte schickten ihn gegen seinen Willen aus dem Zimmer, als sie erkannten, wie schlimm es um Mary-Anne stand. Es war wie ein Wunder, dass sie während der Entbindung nicht starb, aber kurz nachdem sie ihre Tochter gesehen hatte, fiel sie ins Koma. Sie wachte noch einmal auf, als Jimmy an ihrem Bett saß und weinend ihren Namen rief. Bevor sie für immer die Augen schloss, flüsterte sie ihm zu: „Jamie my love, bitte vergib mir, ich kann nicht bei dir bleiben. Kümmere dich um unsere Tochter, hörst du? Ich liebe dich, mehr als mein Leben!“ Als sie in seinen Armen starb, starb auch ein Teil von ihm. As long as you stay beside me it will be okay. Warum hatte sie ihn verlassen? Die Vorfreude, die er all die Monate auf sein Kind gehabt hatte, verwandelte sich in Hass, grenzenlosen Hass. Nein, er wollte dieses Kind nicht haben, das ihm die einzige Frau genommen hatte, die er je geliebt hatte. Noch in derselben Nacht verschwand er spurlos. Es war Patricia, die sich um Mary-Annes Beerdigung kümmerte und sich des kleinen Mädchens annahm. Mary-Annes Großmutter wollte es so, sie wollte auch, dass ihre Tochter in Deutschland beerdigt würde, denn sie wusste nicht, wie lange sie noch leben würde und Patricia hatte ihr versprochen, sich um Mary-Annes Grab zu kümmern. Also nahm Patricia die kleine Mary, wie sie das Mädchen in Erinnerung an seine Mutter nannte, mit nach Deutschland, nachdem sie das Haus in Irland verkauft hatten. Ein Jahr verging, ohne dass sie etwas von Jimmy hörten, dann hielt seine Schwester es nicht mehr aus. „Ich werde nach Irland fahren und ihn suchen und ich komme erst wieder, wenn ich ihn gefunden habe.“ Sie brachte die kleine Mary zu Kathy und packte nur ein paar Kleider ein, ein Foto von Jimmy und Mary-Annes Tagebuch, das ihre Großmutter ihr gegeben hatte. „Jamie, my love“ stand in Mary-Annes zierlicher Handschrift darauf. Patricia wusste nicht, wo sie ihn suchen sollte, aber sie war sicher, dass das enge Band der Geschwisterliebe sie zu ihrem Bruder führen würde, wo immer er auch war. Sie hatte sich keinen Plan gemacht, sie fuhr einfach immer ihrem Gefühl nach und irgendwann kam sie in Cobh an. Sie mietete sich ein Zimmer in dem kleinen Hotel und machte sich auf die Suche nach ihm. Ein alter Fischer erzählte ihr schließlich von dem „Mann mit dem gebrochenen Herzen“, der abends oft in die kleine Fischerkneipe am Hafen kam und dort traurige Lieder über seine verlorene Liebe sang. Angeblich wohnte er irgendwo in einer kleinen Hütte im Wald, aber der Fischer konnte nicht sagen, wo die Hütte sich befand. Patricia war sich sicher, dass es sich bei dem Mann, von dem ihr der Fischer erzählte, um ihren Bruder handelte. Sie ging jeden Abend in die Fischerkneipe, aber Jimmy kam nicht. Eines Tages lief sie scheinbar ziellos durch die Umgebung von Cobh, als sie an einen kleinen See kam. Hatte Jimmy nicht immer von einem Lake of Hope gesprochen? Sie ging einfach weiter, ohne darüber nachzudenken, wohin ihr Weg sie führen würde, und dann, in einer kleinen versteckten Lichtung, fand sie ihn. Sie erschrak über seinen Anblick. Seine Haare waren verfilzt und strähnig, die Wangen eingefallen und die Augen leer. Er saß auf einer Decke, neben sich ein paar leere Rotweinflaschen, und starrte sie ungläubig an. „Tricia, du? Was willst du hier? Ich möchte niemanden sehen, lass mich allein!“ Sie ging auf ihn zu, wollte ihn in ihre Arme ziehen, aber er stieß sie weg. „Lass mich, lass mich doch einfach in Ruhe hier sterben, ich will nicht mehr leben ohne Mary-Anne, warum hat sie mich nur verlassen?“ Plötzlich wurde Patricia wütend. „Jimmy, weißt du denn nicht, was sie für dich getan hat? Sie hat ihr Leben gegeben, um dir deinen größten Wunsch zu erfüllen, sie hat dir eine kleine Tochter geschenkt, obwohl sie wusste, dass sie es nicht überleben würde. Weißt du überhaupt, wie sehr sie dich geliebt hat?“ „Sie hat mich nicht geliebt, sonst wäre sie bei mir geblieben!“ „Verdammt, Jimmy, was ist nur los mit dir? Ich verstehe deinen Schmerz genau oder hast du vergessen, dass wir unsere Mutter verloren haben, als wir noch Kinder waren? Aber unser Dad ist nicht einfach abgehauen, er hat sich um uns gekümmert, weil er unsere Mutter geliebt hat, mehr als sein Leben! Er hätte uns niemals im Stich gelassen. Ich werde gehen, wenn du willst, aber ich möchte dir etwas geben." Sie reichte ihm Mary-Annes Tagebuch. "Ich wohne in dem kleinen Hotel am Hafen, aber ich werde nicht mehr lange bleiben! Eigentlich wollte ich dich mit nach Hause nehmen, aber wenn du meinst, du musst hier bleiben ...“ Dann ging sie und er blieb alleine zurück. Lange hielt er das kleine Buch in den Händen. Was sollte er mit diesem Buch, es würde ihm seine Liebe nicht zurück bringen. Aber irgendwann fing er doch an, das Tagebuch zu lesen, und mit jeder Seite, die er las, bröckelte die Mauer, die er um sein Herz gebaut hatte, mehr. Was er las, war die Geschichte einer Liebe für die Ewigkeit, die Geschichte von Mary-Annes Liebe zu ihm. Sie hatte gewusst, wie krank sie war, aber aus Liebe hatte sie geschwiegen. Er las, welche Qualen es ihr bereitet hatte, nicht mit ihm darüber reden zu können, aber auch, welches Glück er in ihr Leben gebracht hatte. Ja, sie war so glücklich mit ihm gewesen, dass sie bereit war, ihr Leben zu geben, um ihm den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen. Die letzen Sätze hatte sie am Tag vor der Geburt ihrer Tochter geschrieben: „Jamie, my love, ich weiß, ich kann nicht mehr lange bei dir sein. Bitte verzeih mir, ich wäre so gerne mit dir alt geworden, aber meine Krankheit ist stärker als ich. Aber glaube mir, was immer du auch tust, wo immer du auch bist, in deinem Herzen werde ich bei dir sein, bei dir und unserer kleinen Tochter. As long as we stay together it will be okay. Ich bin nicht traurig, dass ich gehen muss, also sei du es auch nicht. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, denn ich durfte deine Frau sein. Liebe ist stärker als der Tod. Deine Mary-Anne“. Tränen liefen ihm übers Gesicht, während er las, endlich, endlich konnte er weinen und ein bisschen Wärme drang in sein gefrorenes Herz ein. Er ging zu Patricia ins Hotel, duschte und rasierte sich und wusch sich die Haare und noch am selben Abend flog er mit ihr nach Deutschland. Er hatte nur noch einen Wunsch: Seine kleine Tochter zu sehen. Patricia hatte ihr jeden Tag von ihm erzählt, ihr Fotos gezeigt und ihr erzählt, dass das ihr Daddy sei und dass er bestimmt bald kommen würde. Sein Herz klopfte, als sie bei Kathy ankamen. „Wo ist sie?“ fragte er und in diesem Moment ging die Tür des Kinderzimmers auf und ein kleines Mädchen kam heraus, ihr Gang war noch ein wenig wackelig, aber sie kam direkt auf ihn zu. Um ihren kleinen Mund sah er einen entschlossenen, ja fast trotzigen Ausdruck, den er nur allzu gut kannte, er sah ihn jedes Mal, wenn er in den Spiegel schaute. Er hockte sich auf den Boden, damit sein Gesicht auf gleicher Höhe mit ihrem war, und schaute sie unsicher an. Zwei Augen blickten ihn neugierig an, zwei Augen, deren Farbe er nicht genau bestimmen konnte, mal schimmerten sie blau, mal grünlich und dann wieder grau. Um die Pupillen hatten sie einen bernsteinfarbenen Ring und die braunen Punkte in ihren Augen sahen aus, als ob Sterne darin tanzten. „Mary“, flüsterte er weinend,, „ich bin dein Daddy“ und als das kleine Mädchen lächelte, bildeten sich auf ihren Wangen zwei niedliche Grübchen, die er nur zu gut kannte. „Daddy?“ fragte sie staunend, als er sie in seine Arme nahm. Ihr kleiner Körper schmiegte sich an ihn wie damals der ihrer Mutter, er spürte, wie zwei warme kleine Arme sich um seinen Hals legten, und die Mauer um sein Herz brach endgültig zusammen. Am nächsten Tag ging er mit ihr auf den Friedhof zum Grab ihrer Mutter. Es war ein regnerischer, windiger Tag und der Himmel hing voller Wolken. Lange saß er vor dem Grab und hielt Zwiesprache mit seiner verstorbenen Frau. „Bitte verzeih mir, Mary-Anne, ich war so ein verdammter Egoist. Ich dachte nur an meinen Schmerz und habe darüber völlig vergessen, wie unendlich du mich geliebt haben musst, dass du bereit warst, dein Leben für mich zu geben. Bitte verzeih mir!“ In diesem Moment riss der Himmel für einen kurzen Moment auf und die Sonnenstrahlen ließen den weißen Grabstein leuchten. Er hätte schwören können, am Himmel ein Gesicht zu sehen, zwei Augen von undefinierbarer Farbe, in denen Sterne tanzten, und der Wind flüsterte ihm zu: „Es ist alles gut, Jamie my love, ich werde immer bei euch sein! As long as we stay together it will be okay ...” An diesem Nachmittag kehrte langsam, ganz langsam das Lachen in Jimmy Kellys Augen zurück. Er begann wieder zu leben. Nie wieder würde er sein kleines Mädchen alleine lassen. Und wenn sie ein bisschen größer war, würde er mit ihr nach Irland fahren zu dem kleinen See, dem Lake of Hope, und dort würde er ihr von ihrer Mutter erzählen, der wunderbarsten Frau der Welt.

Für alle, die Jimmy mögen