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Take my hand
by Uli (10.07.2002)
Keiner der Fischer, die gesehen hatten, wie die junge Frau ins Wasser fiel, konnte später genau sagen, ob sie wirklich gefallen oder ob sie absichtlich von der Brücke, die über den großen See führte, gesprungen war. Sie alle waren viel zu sehr mit ihrer Arbeit auf dem Fischerboot beschäftigt, um auf die Frau zu achten, die jetzt völlig durchnässt und ohne Bewusstsein an Deck des Bootes lag. Es war schon fast Mitternacht und um diese Zeit waren nicht mehr viele Touristen unterwegs, Finnland war keines der Länder, das ausgeflippte Touristen anzog, die bis spät in die Nacht die Gegend unsicher machten. Die Menschen, die hier ihren Urlaub verbrachten, suchten die Ruhe, nicht die Hektik. Was sie sehen wollten, war die wunderschöne Landschaft, keine Diskotheken. Deshalb kam es nicht allzu oft vor, dass die Fischer noch Touristen trafen, wenn sie ihren allabendlichen Fang ans Ufer brachten. Neugierig standen die Männer um die junge Frau herum. Ihre Haut war blass und ihr zartes Gesicht wurde von langem blonden Haar umrahmt. Eigentlich sah sie gar nicht aus wie eine Fremde, mit ihrer hellen Haut hätte sie auch gut eine Einheimische sein können, aber keiner der Fischer kannte sie und alles, was Hinweise auf ihre Identität hätte geben können, war für immer verschwunden auf dem tiefen Grund des Sees. Es dauerte nicht lange, bis der Krankenwagen kam und die immer noch bewusstlose Frau ins nächste Krankenhaus brachte.
Zur selben Zeit irgendwo in Irland:
„Nein, nein..., Barby..., nein....!“ Schweißnass schreckte der junge Mann aus seinem Albtraum auf. „Es ist alles okay, Paddy, es war nur ein Traum!“ Die hübsche Frau nahm ihren Mann zärtlich in ihre Arme. „Es ist alles gut, ich bin bei dir!“ Es war nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass er nachts schreiend aus dem Schlaf hoch schreckte, aber noch nie hatte ein Traum ihn so sehr mitgenommen wie dieses Mal. „Nein, Darling, das war kein Traum, das kann einfach kein Traum gewesen sein. Meiner Schwester ist etwas passiert, etwas Schlimmes, und ich muss ihr helfen!“ Er ließ sich nicht beruhigen und die hübsche junge Frau machte sich große Sorgen. „Paddy, hör mir doch bitte zu. Deine Schwester ist kein kleines Mädchen mehr, sie kann gut auf sich selbst aufpassen, sie braucht dich nicht, sonst hätte sie sich ja wohl irgendwann gemeldet und wäre nicht einfach sang- und klanglos aus deinem Leben verschwunden!“ Natürlich hatte Mary-Jane Recht, wie immer, und ganz langsam wurde Paddy ruhiger, aber dieses Gefühl von Angst wollte einfach nicht aus seinem Herzen weichen. Mary-Jane machte ihm ein Glas heiße Milch und als er se getrunken hatte, fühlte er sich ein wenig besser und wollte gerade wieder ins Bett gehen, als das Telefon klingelte.
Es war Maite, seine Schwester, und sie war sehr aufgeregt und besorgt. Auch sie war von demselben Albtraum gequält worden wie ihr Bruder und es war nicht das letzte Mal in dieser Nacht, dass das Telefon läutete. Alle riefen sie an, sogar John aus Spanien, und alle hatten sie denselben Albtraum gehabt und sie waren sich ganz sicher, dass Barby etwas zugestoßen war und sie die Hilfe ihrer Geschwister brauchte. Irgendwie war es seltsam. So lange hatten sie nichts mehr voneinander gehört und jetzt, in dieser einen Nacht, schien es, als habe ein Traum sie alle aneinander erinnert, als habe dieser Traum etwas längst vergessen Geglaubtes wieder zum Vorschein gebracht: Den Zusammenhalt, die tiefe Vertrautheit, die zwischen den Geschwistern immer geherrscht hatte und die vor ein paar Jahren verloren gegangen war. Maite war die letzte, die etwas von Barby gehört hatte, vor ein paar Monaten hatte sie kurz bei ihr angerufen und ihr erzählt, dass sie ihre Therapie endgültig beendet hatte und sich jetzt einen großen Traum erfüllen wollte: Eine lange Reise nach Finnland, dem Land der Vorfahren ihrer Mutter. Schon immer hatte Barby davon geträumt, dieses Land einmal zu durchreisen, und jetzt endlich war sie in der Lage, diesen Traum wahr zu machen. Als alle Versuche der Geschwister, Barby telefonisch zu erreichen scheiterten, schlug Johnny spontan vor, sich in Helsinki zu treffen und sich von dort aus auf die Suche nach ihrer Schwester zu machen. Und so unsinnig dieser Vorschlag auch zu sein schien, alle Geschwister stimmten ohne zu zögern zu. Zu stark war das Gefühl von Furcht in ihren Herzen. Sie alle waren sich ganz sicher, dass etwas passiert sein musste. Paddy buchte schon für den nächsten Morgen die Flüge für sich und seine Geschwister.
Es dauerte lange, bis die junge Frau aus ihrer tiefen Bewusstlosigkeit erwachte, sehr lange, und als sie endlich die Augen aufschlug, war darin nichts als völlige Verwirrung zu sehen, Verwirrung und Angst. Sie konnte auf keine der Fragen nach ihrem Namen und ihrer Herkunft eine Antwort geben, offensichtlich hatte der Unfall eine schwere Amnesie bei ihr ausgelöst und keiner der Ärzte konnte sagen, wie lange diese anhalten würde. Den ganzen Tag lag die Patientin apathisch im abgedunkelten Zimmer im Bett und jedes Mal, wenn eine der Krankenschwestern den Vorhang zur Seite zog, um ein wenig Licht hereinzulassen, fing sie an zu schreien und zu wimmern. Niemandem gelang es, zu ihr vorzudringen. Nachdem ihre körperlichen Verletzungen verheilt waren, verlegte man sie auf die psychotherapeutische Station zu Doktor Nils Sörensen, einem jungen Arzt, der durch seine sensible Art, mit den Patienten umzugehen, schon große Heilungserfolge erzielt hatte. Jeden Tag kam er ins Zimmer der neuen Patientin, betrachtete sie und sprach mit leiser Stimme zu ihr, aber sie regagierte nicht, schaute ihn nur mit ihren großen blauen Augen verwirrt an. „Wie eine Elfe sieht sie aus mit ihrer hellen Haut, den blauen Augen und ihren blonden Haaren“, dachte Nils, und er wusste, er würde nichts unversucht lassen, der jungen Frau zu helfen.
Während des Fluges nach Helsinki hatte Paddy Zeit, über die letzten Jahre nachzudenken und darüber, wie es hatte passieren können, dass die Geschwister, die so viele Jahre lang alles gemeinsam gemacht hatten, sich nach der Auflösung der Band so sehr voneinander entfernt hatten. War es wirklich nur wegen der großen räumlichen Entfernung, die sie trennte, passiert oder war der Zusammenhalt und die starke Bindung zueinander, dieses Gefühl, sich in jeder Situation auf die anderen verlassen zu können, nur eine Illusion gewesen, nur eine Lüge für die Fans? Anfangs hatten sie alle noch sehr oft miteinander telefoniert, hatten sich getroffen, sooft es möglich war, aber dann, ganz langsam und schleichend, schien das Interesse für die anderen mehr und mehr zu erlöschen. Zum ersten Mal stellte Paddy fest, dass es eigentlich immer er gewesen war, der die Familientreffen organisiert hatte, und dann in der Zeit, in der es ihm alles andere als gut ging, in der er ständig etwas Neues ausprobierte, immer auf der Suche nach sich selbst war, hatte er einfach nicht mehr die Kraft, sich ständig bei seinen Geschwistern zu melden. Und irgendwann, kurz bevor er Mary-Jane kennen lernte, war der Kontakt dann völlig eingeschlafen.
Nach seinem Umzug nach Irland hatte er all seinen Geschwistern eine Karte mit seiner neuen Anschrift und seiner Telefon-Nummer geschickt, aber bis gestern Nacht hatten seine Schwester und Brüder sich nicht mehr bei ihm gemeldet und mit der Zeit hatte er sie fast vergessen, zumindest hatte er das geglaubt. Er liebte sein neues Leben mit Mary-Jane. Mary-Jane! Paddy war der ganz festen Überzeugung, dass der Himmel selbst sie ihm geschickt hatte, sie war so eine wundervolle, zärtliche Frau, die ihm die Freude am Leben wieder gegeben hatte. Niemals hätte er geglaubt, dass eine Frau ihm so viel geben könnte, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen. Sie liebte ihn aus ganzem Herzen, ihn, Paddy Kelly, nicht den Star, der er früher einmal gewesen war. Seit er mit ihr in Irland lebte, war Friede und Glück in sein Leben zurück gekehrt und als sie ihm vor vier Jahren den kleinen Danny schenkte, wusste er endlich, dass das große Glück, von dem er immer geträumt hatte, Wirklichkeit geworden war. Es war jetzt erst wenige Stunden her, dass er sie und seinen Sohn am Flugplatz zum Abschied geküsste hatte, aber er vermisste die beiden jetzt schon. Wenn er die Augen schloss, sah er ihr hübsches Gesicht vor sich und ihre grauen Augen, aus denen die Lebensfreude strahlte. Wenn er die Augen schloss, konnte er den sanften Kuss ihrer Lippen auf den seinen spüren und die Berührung ihrer Hand, mit der sie ihm zärtlich zum Abschied durch die Haare, die er inzwischen wieder schulterlang trug, strich.
Die Ansage des Kapitäns, dass sie in wenigen Minuten landen würden, riss Paddy aus seinen Tagträumen. Er fühlte einen leichten Anflug von Unruhe und ängstlicher Freude, als er das Flugzeug verließ und die große Schalterhalle betrat. Und als er sie dann sah, musste er unwillkürlich lächeln. Als hätten sie sich abgesprochen, trugen wie auch er alle von ihnen eines der alten Bühnenoutfits, die sie nach der Auflösung der Band unter sich aufgeteilt hatten. Wären da nicht die Zeichen der Zeit gewesen, die sich unaufhaltsam in die Gesichter der Geschwister gegraben hatten, man hätte meinen können, es sei erst gestern gewesen, dass sie alle zusammen auf der Bühne gestanden hatten. Keiner von ihnen konnte sagen, warum sie ausgerechnet diese alten, verstaubten Kleider angezogen hatten, es schien, als hätte jeder von ihnen eine Eingebung gehabt. Und auf dem Boden der Flughafenhalle standen verschiedene Gitarren und andere Musikinstrumente, die sie alle mitgebracht hatten. Langsam ging Paddy auf seine Geschwister zu, stellte seine Gitarre zu den anderen und blieb schließlich zögernd stehen. Und dann war es Maite, die auf ihren Bruder zulief und ihn so fest umarmte, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. „Hi Paddy, schön dich zu sehen“, flüsterte sie zärtlich und Paddy fühlte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Erst in diesem Moment wurde ihm wirklich bewusst, wie sehr er sie alle vermisst hatte in den letzten Jahren!
Er wunderte sich, wie wenig sich seine Geschwister verändert hatten. John und Angelo trugen ihre Haare schulterlang wie er, nur Joey hatte immer noch seinen langen Zopf, von dem er sich nie getrennt hatte und Jimmys Haare waren nie wieder lang geworden, nachdem er sie vor vielen Jahren spontan hatte abschneiden lassen. Patricia war noch schöner als damals und am meisten war Paddy von Kathy beeindruckt. Aus der schicken Dame, die sie ein paar Jahre lang gewesen war, war wieder die natürliche, wundervolle Frau geworden, die ihm und seinen Geschwistern viele Jahre lang die Mutter ersetzt hatte. Paddy hielt sie ganz fest, als sie ihn umarmte, und fühlte wieder diese Geborgenheit, die er schon als kleiner Junge gespürt hatte, wenn sie ihn in ihren Armen hielt. Der einzige, dem er zögernd gegenüber stand, war John, er hatte den großen Streit nicht vergessen, den sie gehabt hatten, als John damals als Erster die Band verlassen hatte und mit Maite nach Spanien gezogen war. Aber ein Blick in die Augen seines älteren Bruders genügte, um ihm zu zeigen, wie viel er ihm immer noch bedeutete. „Schön, dich zu sehen, alter Junge“, war alles, was Paddy mit rauer Stimme hervorbrachte, als Johnny ihn in seine Arme zog. Noch lange standen sie in der großen Halle und sprachen miteinander, als wollten sie die verlorenen Jahre aufholen, als hätten sie Angst davor, sich wieder zu verlieren. Wie immer war es dann der praktisch veranlagte Johnny, der die Rede darauf brachte, warum sie eigentlich hier waren, um nach ihrer Schwester zu suchen nämlich. Sie hatten keinen Plan, keine genaue Vorstellung darüber, wie sie Barby finden sollten, aber ohne es auszusprechen, wusste jeder von ihnen, wie sie vorgehen würden. Auf den Straßen würden sie spielen, so wie früher, und jeder einzelne von ihnen war sich ganz sicher, dass sie Barby finden würden, irgendwo, irgendwann. Ihre Musik würde sie zu ihr führen, dessen waren sich die Geschwister auf seltsame Weise sicher. Keiner von ihnen hatte viel Geld dabei, es würde sich schon ein Weg finden, wo sie übernachten konnten. Und alles, was sie brauchten, war in den kleinen Rucksäcken, die sie alle trugen, verstaut.
Nils Sörensen war am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Alle seine Versuche, seine neue Patientin wieder ins Leben zu holen, waren gescheitert, er fand keinen Zugang zu ihr, es schien, als habe sie sich völlig vom Leben abgewandt, regungslos lag sie in ihrem dunklen Zimmer im Bett und starrte ins Leere. Nils machte sich große Sorgen um die Frau, er wollte ihr so gerne helfen, aber er wusste beim besten Willen nicht wie. Er konnte an nichts anderes mehr denken, fast den ganzen Tag verbrachte er an ihrem Bett und vernachlässigte dabei fast seine anderen Patienten. Aber die kleine Elfe, wie er sie zärtlich nannte, schein ihm keine Chance geben zu wollen, so sehr er sich auch um sie bemühte, sie schien ihn gar nicht wahrzunehmen. „Schlaf schön, kleine Elfe“, flüsterte Nils und drückte seiner Sorgenpatientin einen Kuss auf die bleiche Stirn, bevor er die Klinik verließ. Er konnte nicht genau definieren, was er für diese fremde Frau fühlte, aber es war viel mehr, als er als Arzt eigentlich für eine Patientin fühlen durfte, das war Nils längst klar, aber er konnte sich nicht dagegen wehren, so sehr er es auch versuchte.
Seufzend verließ er ihr Zimmer und machte sich auf den Weg in die Stadt. Da war so viel, das er noch zu tun hatte für das Sommerfest der Klinik, das in weniger als einer Woche stattfinden sollte. Ein großes Fest sollte es werden zum fünfzigjährigen Bestehen der Klinik und er hatte versprochen, sich um eine Band Während er ziellos durch die Altstadt lief, bemerkte Nils Sörensen, dass sein Magen knurrte, und er beschloss, etwas essen zu gehen, aber in Gedanken war er immer noch in der Klinik und bei der jungen Frau, deren Schicksal ihn so sehr beschäftigte. Als er die Musik hörte, wollte er weitergehen, aber da war etwas in den Stimmen der Musiker und in ihren Liedern, das ihn stehen bleiben ließ. Sie sahen aus wie aus der Hippie-Zeit entsprungen, die Frauen trugen lange bunte Kleider, die Männer alte Lederhosen und mittelalterliche Blusen, ihre schulterlangen Haare flatterten im Wind, ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen leuchteten. Und die Leidenschaft, mit der sie ihre Lieder sangen, traf Nils Sörensen mitten ins Herz. Sein Hunger war von einer Minute auf den anderen verflogen, er wollte nur noch hier stehen und diesen Menschen lauschen, die da mit ihren Gitarren auf der Straße standen und ihre Lieder sangen, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.
Sie hatten sich nicht abgesprochen, welche Lieder sie singen würden, es kam alles ganz von alleine. All die alten Lieder, die sie früher auf der Straße gesungen hatten, früher, als sie noch nicht an den Erfolg dachten, als ihre Musik noch ihr Leben war, waren plötzlich wieder da. Sie hatten keine Textblätter dabei, keine Noten, und doch wusste jeder einzelne von ihnen, was er zu singen und zu spielen hatte. Sie spürten den Wind in ihren Haaren, auf ihren Wangen, und wenn sie in die glücklichen Gesichter der Menschen sahen, die ihnen zuhörten, dann wussten sie, dass alles gut werden würde. Mit dem Geld, das die Menschen ihnen in die aufgestellten Hüte warfen, bezahlten sie ihre Übernachtung, jeden Tag spielten sie an einem anderen Ort, immer darauf wartend, dass sie eines Tages ganz plötzlich vor ihnen stehen würde, Barby, ihre verlorene Schwester. Als dann dieser Mann sie ansprach und sie mit leuchtenden Augen fragte, ob sie nicht Lust hätten, auf einem Klinikfest zu spielen, mussten sie nicht lange nachdenken. Natürlich wollten sie den kranken Menschen gerne eine Freude machen und so sagten sie gerne zu.
Nur wenige Tage später betraten sie den großen Park der Klinik, wo Doktor Nils Sörensen sie schon empfing. Eine Stunde sollte der Auftritt dauern, meinte er, und er sei ganz sicher, dass sich seine Patienten sehr darüber freuen würden. Und das taten sie. Die Musik schien auf die meist psychisch gestörten und sehr labilen Menschen in der Klinik eine sehr positive Wirkung zu haben, schon nach den ersten Liedern begannen sie aufgeregt mit den Füßen zu wippen und ein paar von ihnen tanzten fröhlich durch den Park. Und dann, bei „Take my hand“, dem letzten Lied, das die Geschwister spielten, öffnete sich plötzlich die Tür der Klinik und eine elfenhaft wirkende junge Frau betrat mit unsicheren Schritten den Park. „Barby“, rief Maite und lief auf ihre Schwester zu, um sie zu umarmen, aber Barby schaute sie nur mit seltsam ausdruckslosen Augen an und ging an ihr vorbei auf die kleine improvisierte Bühne zu, auf der ihre anderen Geschwister immer noch spielten und sangen. Ganz langsam stieg Barby auf die kleine Bühne und dann tat sie etwas, das Nils Sörensen Tränen in die Augen steigen ließ. Sie nahm einen ihrer Brüder an die Hand und begann mit ihm zu tanzen, ganz langsam, ganz in sich versunken, als wisse sie gar nicht, wo sie sich befand. Paddy wagte nicht, seine Schwester anzusprechen, instinktiv erkannte er, dass sie sich irgendwo in einer ganz anderen Welt befand und ihn gar nicht richtig wahrnahm. Sanft nahm er sie in seine Arme und tanzte langsam mit ihr über die kleine Bühne und sie schmiegte sich in seine Arme, er roch den Duft ihrer Haare, und sah ihr zartes Gesicht, das von einem fast unwirklich anmutenden Lächeln überzogen war. Wäre da nicht diese Leere in ihren Augen gewesen, hätte man meinen können, sie sei richtig glücklich.
Als die letzten Töne des Liedes verklungen waren, löste Barby sich von ihrem Bruder, verbeugte sich und ging mit langsamen Schritten wieder durch die Tür in die Klinik. Nils Sörensen erklärte den Geschwistern, was mit Barby passiert war. Er hoffte so sehr, dass er sie mit der Hilfe ihrer Schwestern und Brüder wieder in die Wirklichkeit zurückholen könne, aber es gelang ihm nicht. Sie erkannte keinen ihrer Geschwister und noch immer begann sie zu weinen, wenn man die Vorhänge in ihrem Zimmer zurück zog. Schließlich gab Nils schweren Herzens dem Wunsch der Geschwister, ihre Schwester mitzunehmen, nach, nachdem Paddy ihm versprochen hatte, ihn ständig über Barbys Gesundheitszustand zu informieren. Sie entschieden, dass Barby bei Johnny in Spanien leben sollte, er hatte einen großen Bauernhof und seine Frau Maite kannte Barby und wollte sich gerne um sie kümmern. Der Abschied voneinander fiel den Geschwistern schwer, aber sie alle wussten, dass sich von nun an wieder öfter sehen würden.
Paddy konnte seine Freude über das Wiedersehen mit Mary-Jane und Klein-Danny kaum in Worte fassen. Sein Herz schien überzufließen vor Liebe, als er die beiden am Flughafen stehen sah, und wieder einmal dankte er Gott dafür, dass er sie ihm geschickt hatte. In den nächsten Wochen las er alles, was er finden konnte, über Amnesie und darüber, wie man sie heilen kann. „Manchmal kann es hilfreich sein, wenn die Menschen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden“, las er und war es nicht ein Lied aus ihrer Vergangenheit gewesen, das Barby für einen kurzen Moment aus ihrer Apathie gerissen hatte? Als er am Abend mit Johnny telefonierte, um sich nach Barby zu erkundigen, kam sein kleiner Sohn Danny ins Zimmer. „Wer ist da dran, Daddy?“, fragte der Kleine und als er lächelte, bildeten sich auf seinen Wangen zwei niedliche Grübchen. In diesem Moment fasste Paddy einen Entschluss. „Ich komme zu dir mit meiner Familie, es wird Zeit, dass du sie kennen lernst“, sagte er zu seinem Bruder und schon am nächsten Tag flog er mit Mary-Jane und Danny nach Spanien.
Johnny schloss seine Schwägerin Mary-Jane mit einem herzlichen Lächeln in seine Arme und als Paddy dann Johnnys Reaktion auf den kleinen Danny sah, musste er lachen. „Paddy, das ist... es ist unglaublich, er sieht genau aus.....!“ Genauso reagierten alle, die Paddy als Kind gekannt hatten und jetzt seinen Sohn kennen lernten. Die Ähnlichkeit war einfach verblüffend, Danny sah genauso aus wie sein Vater als Kind ausgesehen hatte, dieselben dunkelblauen Augen, dieselben brünetten schulterlangen Haare, dieselben Grübchen, und wenn Danny lächelte, schien die Sonne aufzugehen. „Warte nur, bis du ihn singen hörst“, sagte Paddy stolz, „seine Stimme ist noch schöner als deine, als du ein Junge warst!“ Johnny brachte Paddy und seine Familie auf den großen Bauernhof und nachdem sie Maite und die Kinder begrüßte hatten, gingen die Brüder zu Barby. Johnny hatte ihr ein wunderschönes Zimmer eingerichtet, an den Wänden hingen alte Fotos und sie hatte ein traumhaftes Himmelbett, wie sie es sich als Kind immer gewünscht hatte. „Wie geht es ihr?“, fragte Paddy zaghaft, aber Johnny schüttelte nur traurig den Kopf. Immer noch lag Barby den ganzen Tag im abgedunkelten Zimmer, sie aß nur wenig und schlief viel und schien die Menschen um sie herum kaum wahrzunehmen. Keiner der Ärzte, bei denen Johnny mit ihr gewesen war, hatte an ihrem Zustand etwas ändern können.
Leise öffnete sich die Tür und der kleine Danny, der nicht nur das Aussehen seines Vaters sondern auch seine Neugier geerbt hatte, betrat das Zimmer. Paddy nahm ihn an der Hand und führte ihn an Barbys Bett. „Siehst du, das ist deine Tante Barby“, sagte er leise, „sie ist sehr krank, aber wir alle hoffen, dass sie bald wieder gesund wird.“ Sanft streichelte Danny das blasse Gesicht der schlafenden Barby und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. „Hallo, Tante Barby“, flüsterte der Junge und in diesem Moment öffnete Barby die Augen. Lange schaute sie Danny an und plötzlich verschwand der verwirrte Ausdruck aus ihren blauen Augen. „Paddy, Paddy, wo kommst du denn her?“, fragte sie mit ganz klarer Stimme und Paddy wollte sie in seine Arme nehmen, aber dann erkannte er, dass sie gar nicht ihn meinte. „Warum ist es denn hier so dunkel, Paddy?“, fragte Barby und nahm den kleinen Danny an der Hand. „Lass und nach draußen gehen, bestimmt scheint die Sonne! Es ist so ein schöner Tag, lass uns singen und tanzen!“ Mit angehaltenem Atem beobachtete Paddy, wie sein kleiner Sohn Barby nach draußen auf die Terrasse führte, nach draußen ins Licht, nach draußen ins Leben. Und als dann die wunderschöne Stimme seines Sohnes durch den Garten hallte und sich mit Barbys mischte, hielt Mary-Jane ihren Mann ganz fest und er schämte sich seiner Tränen nicht.
Lange blieb Barby mit Danny im Garten und als sie wieder ins Zimmer zurück kamen, waren auch die letzten Schleier aus Barbys Augen verschwunden. Sie ging auf ihren Bruder zu und nahm in ihre Arme. „Du bist Paddy, nicht wahr, und du hast einen wundervollen Sohn“, sagte sie. Und dann erzählte sie ihm, wie sie in Finnland auf der Brücke gestanden und die Fischer bei ihrer Arbeit beobachtet hatte, und davon, wie das große Boot sich der Brücke genähert hatte, wie sie geblendet worden war von diesem unerträglich hellen Licht, mit dem das Boot den See ausleuchtete. Sie hatte nichts mehr gesehen, das Licht war viel zu hell gewesen, und dann hatte sie das Gleichgewicht verloren und war ins Wasser gefallen, ins Wasser und damit in eine ganz andere Welt, in eine Welt voller Dunkelheit, in der sie kein Licht ertragen konnte und aus der sie nicht mehr herausfand.
Schon am nächsten Tag kamen alle Geschwister mit ihren Familien zu Johnny nach Spanien und sie feierten ein rauschendes Fest. Spät am Abend klingelte es noch einmal und Johnny bat Barby, die Tür zu öffnen. Sie konnte sich nicht genau erinnern, wo sie den blonden Mann, der vor der Tür stand, schon einmal gesehen hatte, aber in seinen Augen lag so viel Liebe, dass Barby sofort wusste, das war der Mann, auf den sie schon immer gewartet hatte. „Willkommen im Leben, kleine Elfe“, sagte Nils und zog Barby zärtlich in seine Arme...
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