Too many ways

by Uli (24.05.2002)

Eine große Glasscheibe war es, die Johannas junges Leben von einem Tag auf den anderen völlig veränderte. Es war nur ein Zufall, dass es sie traf, sie war einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Die Nachforschungen ergaben, dass die große Scheibe, die der Geländewagen auf seiner Ladefläche transportierte, ordnungsgemäß befestigt war, und niemand konnte sich erklären, wie es passieren konnte, dass sich die Scheibe aus der Verankerung löste, als der Geländewagen an der Ampel bremsen musste, genau an der Ampel, an der Johanna mit ihrem Fahrrad stand und darauf wartete, dass sie auf Grün schaltete. Es grenzte an ein Wunder, dass ihr hübsches Gesicht unverletzt blieb, aber die Schäden, die die Glassplitter an der Hornhaut ihrer Augen verursachte, stürzte sie in eine Schattenwelt, in eine graue Welt ohne Licht und ohne Farben, eine schreckliche Welt für ein sechzehnjähriges Mädchen! Nur der bedingungslosen Liebe ihrer Mutter hatte Johanna es zu verdanken, dass sie ganz langsam lernte, sich in der Welt zurecht zufinden, die sie nur noch ganz schemenhaft und wie durch ganz dichten Nebel erkennen konnte. Sie lernte Blindenschrift und nach und nach verlor sie ihre Verzweiflung und ihre Bitterkeit und wurde wieder das fröhliche, unbeschwerte Mädchen, das sie vor ihrem Unfall gewesen war.

Und heute, fast 20 Jahre später, führte Johanna ein völlig selbständiges Leben, sie liebte es, auf Reisen zu gehen, auch wenn sie die Schönheit fremder Länder nicht sehen konnte, da war so viel, das sie mit ihren Sinnen wahrnahm, sie roch den Duft fremder Gewürze, tauchte ein in den betörenden Geruch exotischer Blüten und lauschte dem Zwitschern fremder Vögel. Johanna war glücklich, auch wenn sie wusste, dass ihr größter Wunsch sich wohl nie erfüllen würde, der nach einem Mann an ihrer Seite, nach einer eigenen kleinen Familie. Nein, sie wollte niemandem zur Last fallen, sie brauchte keine Hilfe, sie schaffte alles ganz allein. Niemals hatte sie daran gedacht, dass eines Tages die Medizin so weit fortschreiten würde, dass es Ärzten möglich sein würde, ihr das verlorene Augenlicht zurück zugeben, bis sie den aufgeregten Anruf ihrer Mutter bekam. Sie hatte eine Sendung über eine ganz neue Methode gesehen, mit der das Sehvermögen von Menschen, die wie Johanna in einer Schattenwelt lebten, fast völlig wieder hergestellt werden konnte, und sie hatte sich sofort in der Uni-Klinik erkundigt. Der Arzt hatte ihr große Hoffnungen gemacht! Johanna wurde ein wenig schwindlig, als ihre Mutter ihr freudestrahlend von dieser unglaublichen Neuigkeit berichtete. War es wirklich möglich? Gab es wirklich eine Möglichkeit, dass sie wieder sehen konnte? Plötzlich bekam Johanna Angst. So lange schon lebte sie in ihrer grauen Welt, wie würde sie reagieren, wenn sie alles wieder ganz klar sehen würde? Was, wenn bei der Operation etwas schief gehen würde und sie ihr restliches Leben in völliger Dunkelheit verbringen musste? Nein, Johanna konnte sich nicht so schnell entscheiden, sie brauchte ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Ihre Mutter war sehr enttäuscht, als sie ihr ihren Entschluss mitteilte, aber Johanna hatte kein schlechtes Gewissen. Es waren ihre Augen und es war ihr Leben und sie war diejenige, die es leben musste, sie ganz allein.

Spontan fuhr sie zum Bahnhof und kaufte ein Zugticket nach Spanien, zu einem winzigen kleinen Dorf, in dem sie zwei Wochen verbringen wollte, zwei Wochen allein mit sich selbst und der Natur. Zwei Wochen, so hoffte sie, würden reichen, um sich darüber klar zu werden, ob sie die Operation wirklich wollte, ob sie wirklich bereit war für ein neues Leben in einer Welt voller Farben, aber auch voller Hektik und Stress. Schon als sie aus dem Zug ausstieg, wusste Johanna, dass sie an einem wunderschönen Ort gelandet war, ganz tief atmete sie den Duft der mediterranen Kräuter ein und lauschte dem abendlichen Zirpen der Grillen. Das einzige Gasthaus am Ort hatte keine Fremdenzimmer, aber der Wirt bot ihr trotzdem eine Bleibe für eine Nacht an. Und dann sagte er ihr, dass ganz weit draußen auf dem Land ein Bauer wohnte, der ab und zu Zimmer vermietete. Ein sei ein richtiger Einsiedler geworden, seit seine Frau ihn vor ein paar Jahren verlassen hatte, er sei nicht sehr gesprächig und käme selten ins Dorf, er lebte ganz alleine auf dem großen Bauernhof, aber seine Gäste bewirtete er immer ganz vorzüglich. Da Johanna keine Ahnung hatte, ob es auf dem Bauernhof, der sich laut Aussage des Wirtes fernab von jeglicher Zivilisation befand, ein Telefon geben würde, rief sie ihre Mutter an und teilte ihr Namen und Telefon-Nummer des Gasthauses mit, damit sie sie in Notfällen erreichen konnte. Am nächsten Morgen nahm sie das Angebot des Wirts des Gasthauses, sie zu dem abgelegenen Bauernhof zu bringen, gerne an. Erst nach langem Klopfen öffnete sich die Tür und Johanna konnte schemenhaft einen Mann erkennen, der einen großen Strohhut auf dem Kopf trug und ihr mit einer Stimme ein Zimmer anbot, die Johanna erschauern ließ. Noch nie hatte sie so viel Einsamkeit in einer Stimme gehört.

Das Zimmer roch frisch und sauber und das Bettzeug war duftig und weich. Ja, sie wusste, hier würde sie sich wohlfühlen! Abends verwöhnte ihr neuer Gastgeber sie mit einem wundervollen Mahl, das er selbst zubereitete, und Johanna fühlte sich auf seltsame Weise geborgen in seiner Gegenwart. Nach dem zweiten Glas Wein veränderte sich seine Stimme ein wenig und als er ihr von seinen Schafen und den Oliven, die er auf dem großen Gelände züchtete, erzählte, glaubte sie fast ein wenig Freude darin zu hören. Sie schlief wie ein Baby in dem großen Bett und als sie am nächsten Morgen herunterkam, erwartete er sie schon mit frischem Brot und Milch, selbstgemachter Butter und Käse. Schon nach drei Tagen dachte Johanna nicht mehr an die Operation, die ihr bevorstand, sie fühlte sich so wohl hier und genoss jede Minute mit dem Fremden. Abends saßen sie lange auf der Terrasse vor seinem Haus und unterhielten sich und er kam Johanna gar nicht vor wie ein Bauer, aber sie wagte nicht, ihn danach zu fragen, denn sobald sie ihm eine persönliche Frage stellte, wechselte er sofort das Thema und sie akzeptierte es. Nach einer Woche nahm er sie auf seinem Traktor mit auf die Felder zur Olivenernte. Sie konnte die Oliven nicht sehen, aber das machte nichts, sie fuhr einfach mit den Fingern an den großen Büschen entlang und ertastete so die frischen Oliven. Ab und zu steckte sie sich eine in den Mund und kostete sie und sie hätte niemals damit gerechnet, dass frische Oliven so wundervoll schmeckten. Um die Mittagszeit breitete er eine große Decke aus und Johanna aß mit großem Appetit das frische Brot und der schwere Rotwein, den sie dazu tranken, ließ sie sich warm und müde fühlen. Sie ließ sich einfach ins von der Sonne gewärmte Heu fallen und atmete diesen wundervollen Duft ganz tief ein, während sie spürte, wie das Heu sie im Nacken kitzelte. Und die ganze Zeit saß er neben ihr mit seinem großen Strohhut und betrachtete sie.

Johanna wusste nicht, wie schön sie war und wie anmutig sie sich bewegte. Sie hatte keine Ahnung, wie traumhaft ihre rotbraunen Locken in der Mittagssonne glänzten und wie wundervoll ihr Gesicht aussah, wenn sie lächelte. „Darf ich dich etwas fragen?“, hörte sie ihn sagen und seine Stimme klang gar nicht mehr traurig, gar nicht mehr einsam. Ob sie schon immer blind gewesen sei, wollte er wissen, und sie erzählte ihm von ihrem Unfall und davon, wie schön sie das Leben fand, auch ohne Farben. Und dann beschrieb er ihr, wie blau der Himmel hier in Spanien war, in welch frischem Grün die Wiesen leuchteten, auf denen die Schafe grasten, er erzählte ihr vom grünlichen Blau des großen Sees hinter seinem Grundstück und davon, wie wundervoll der Anblick der glutroten Sonne war, wenn sie unterging und sich im Wasser spiegelte, und wie leuchtend die Sterne abends am Himmel funkelten. Johanna schloss die Augen und für einen Moment glaubte sie wirklich, den Himmel und die Sonne zu sehen. Es war noch nicht spät, als er sie auf dem Traktor zum Haus zurück brachte, aber Johanna war so müde von der Sonne und vom Wein, dass sie beim Absteigen vom Traktor ein wenig strauchelte und ihm direkt in die Arme fiel. Einen Moment lang hielt er sie ganz fest und instinktiv legte sie die Arme um seinen Hals, sein großer Strohhut kitzelte an ihrer Stirn und für einen kurzen Augenblick berührten sich ihre Gesichter. Das Gefühl, das sie dabei empfand, verwirrte Johanna. Aber bevor sie sich darüber klar werden konnte, was sie für ihn fühlte, ließ er sie auch schon sanft auf den Boden gleiten und führte sie ins Haus. Sie war viel zu müde, um sich noch Gedanken über diesen Mann und ihre Gefühle für ihn zu machen, wie ein Stein sank sie ins Bett und schlief sofort ein. Irgendwann am Abend wurde sie von leisem Gesang geweckt, da spielte jemand Gitarre und er sang dazu mit einer Stimme, die sie mitten ins Herz traf. In diesem Moment wusste sie, dass sie ihn liebte und dass sie bei ihm bleiben würde, wenn er es wollte. Nein, sie brauchte ihre Augen nicht, dieser wundervolle Mann würde für sie beide sehen. Sie tastete sich die Treppe hinunter und folgte dem Klang seiner Stimme und seiner Silhouette, die sie schemenhaft vor dem großen Kamin erkennen konnte.

„Es ist wunderschön“, sagte sie leise, „was ist das für ein Lied?“ Langsam ließ er die Gitarre sinken und wieder war da diese Verzweiflung in seiner Stimme, als er ihr leise antwortete: „Es ist ein Lied, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe. Es handelt davon, dass es im Leben viele verschiedene Wege gibt und dass man oft nicht weiß, wie man sich entscheiden soll. Aber das ist nur ein Lied. Manchmal lässt das Leben einem keine Möglichkeit, sich zu entscheiden, manchmal wird einfach auf grausame Weise für einen entschieden, ohne dass man auf irgendeine Weise Einfluss darauf nehmen kann!“ Er sprach von ihrem Unfall, dachte sie, und lächelte ihn an. „Ich bin nicht traurig darüber, dass ich nicht mit den Augen sehen kann, ich sehe mit dem Herzen besser als mancher Mensch mit gesunden Augen“, meinte sie nur und setzte sich neben ihn auf das große Lammfell, das sich wunderbar weich und warm anfühlte. Er nahm sie ganz vorsichtig in seine Arme und ganz plötzlich begann er zu erzählen, davon, dass er früher ein ganz anderes Leben gelebt hatte, davon, dass er verheiratet gewesen war, und dann sprach er von seiner Frau, die er so sehr geliebt hatte, die aber schon lange fortgegangen war. Johanna war betroffen. „Warum ist sie gegangen, warum nur?“ Aber sie bekam keine Antwort. Es schien, als habe er ihr schon viel mehr erzählt, als er eigentlich wollte, von einer Minute auf die andere zog er sich in sein Schneckenhaus zurück und wurde wieder der wortkarge, traurige Mensch, der er gewesen war, als der Gastwirt sie zu ihm gebracht hatte. Sie hob die Hände und wollte sein Gesicht umfassen, aber er hielt ihre Hände fest. „Nein“, sagte er nur, „bitte nicht!“ und da war wieder die Einsamkeit in seiner Stimme. Was nur war mit diesem Mann geschehen, was hatte ihn so sehr verletzt? Johanna ließ die Hände sinken und als er sie wieder an sich zog, schmiegte sie sich einfach an ihn und hörte auf, über sein Schicksal nachzudenken. „Lass mir ein bisschen Zeit, lass mir noch ein bisschen Zeit, ich kann nicht darüber reden, noch nicht“, hörte sie ihn flüstern und mit dem ganz klaren Instinkt einer Blinden fühlte sie, dass sie ihm sehr viel mehr bedeutete als nur ein Feriengast. Er brachte sie wieder ins Bett und deckte sie sanft zu und dann nahm er ganz vorsichtig ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie und sie konnte seine Tränen auf ihren Wangen fühlen. Erschrocken fragte sie ihn, warum er weinte, aber er sagte nur leise: „Es ist nur weil..., weil das Leben vielleicht doch nicht so grausam ist, wie ich dachte!“.

Johanna schlief längst wieder und träumte den schönsten Traum ihres Lebens, träumte von ihm und davon, wie sie mit ihm leben würde, wie sie ihn wieder glücklich machen würde, als im Wohnzimmer das Telefon klingelte. Sie hörte nicht, wie er erst leise, dann immer lauter und aufgeregter mit jemandem redete, sie hatte keine Ahnung, dass er nach dem Telefongespräch noch lange in seinem Wohnzimmer saß und weinte, wie hätte sie auch ahnen sollen, dass mit diesem Anruf seine ganze Welt zusammenbrach, dass alles, von dem er in den letzten Wochen geträumt hatte, sich in Nichts auflöste? Am nächsten Morgen schickte er sie weg und die Worte, mit denen er es tat, brachen Johanna das Herz. Er hätte wohl ein bisschen viel getrunken gestern Abend und es würde sicher nicht gut gehen mit ihnen, sagte er kalt, und es sei wohl besser, sie würde abreisen, denn es gäbe keine gemeinsame Zukunft für sie. Johanna reiste noch am selben Tag zurück nach Deutschland, wo ihre Mutter sie freudestrahlend empfing. Der Arzt hätte angerufen und sie könnte schon in einer Woche operiert werden. Johanna dachte nicht nach, als sie ihre Einwilligung zu dem Eingriff gab, sie konnte nicht mehr denken, nicht mehr fühlen, es kam ihr vor, als sei sie tot, getötet von dem Mann, in den sie sich verliebt hatte und in dem sie sich anscheinend so sehr getäuscht hatte.

Die Operation verlief noch besser, als die Ärzte es erwartet hatten, und nur zwei Wochen später hatte Johanna ihr volles Sehvermögen wieder erlangt. Ihre Mutter holte sie vom Krankenhaus ab und brachte sie nach Hause. Sie war so glücklich, aber Johanna konnte sich nicht freuen über die bunten Farben, die die Ärzte ihr zurückgegeben hatten, ihr kam es vor, als sei die Welt um sie herum grauer als je zuvor, aber ihre Mutter war so euphorisch, dass sie den Schmerz ihrer Tochter gar nicht bemerkte. „Und?“, plapperte sie munter drauf los. „Und? Wann wirst du ihn anrufen und es ihm sagen??“ Ihn anrufen? Johanna hatte keine Ahnung, was ihre Mutter meinte. „Ich habe doch mit ihm gesprochen, Johanna, ich weiß von ihm. Als die Ärzte mir den Termin für die Operation genannt haben, habe ich in dem Gasthaus angerufen, wo du die erste Nacht in Spanien verbracht hast, du hattest mir doch den Namen genannt, erinnerst du dich? Und der Wirt hat mir erzählt, dass du schon lange nicht mehr bei ihm wohnst sondern bei diesem John Kelly, bei diesem Einsiedler-Bauern, der sich nach seinem Unfall nach Spanien zurück gezogen hat! Er war ein bisschen merkwürdig am Telefon, als ich ihm von der Operation erzählte, es kam mir vor, als hörte er mir gar nicht zu, als wolle er es dir nicht sagen, aber schließlich versprach er mir, dass er dir alles ausrichtet und dir sagt, du sollst nach Hause kommen!“ John Kelly? Unfall? Ja, Johanna erinnerte sich. Da war diese irische Musikgruppe und da war ein schlimmer Unfall, bei dem sich der älteste Sohn der Musikerfamilie schlimme Kopfverbrennungen zugezogen hatte. Es war bei einem Video-Dreh geschehen, eine der großen Fackeln, die sie aufgestellt hatten, war umgefallen und hatte seine langen Haare in Brand gesteckt. Das Feuer hatte sich rasend schnell über seinen Kopf und sein Gesicht ausgebreitet und es war ein Wunder gewesen, dass er den Unfall überlebt hatte. Danach war er mit seiner Frau nach Spanien ausgewandert und man hatte nichts mehr von ihm gehört.

Johanna wurde heiß und kalt zugleich. Seine Abwehr, als sie sein Gesicht berühren wollte! Sein Strohhut! Seine wunderschöne Stimme, als er auf der Gitarre für sie spielte! Plötzlich wurde ihr alles klar. Er hatte an diesem Abend nicht von ihrem Unfall gesprochen sondern von seinem eigenen. Er hatte gedacht, sie würde ihn nicht verlassen, weil sie die Verbrennungen nicht sehen konnte. Er hatte sie nicht weg geschickt, weil er sie nicht liebte sondern nur, weil er Angst davor hatte, sie würde ihn verlassen, wenn sie sein Gesicht sehen könnte!! Johanna nahm das nächste Flugzeug nach Spanien. Das kleine Dorf war noch viel schöner, als sie es sich vorgestellt hatte, und der Himmel sah genauso aus, wie er ihn ihr beschrieben hatte, strahlend blau. Als sie auf den Bauernhof kam, sah sie ihn sofort. Er saß mit seiner Gitarre im Heu, den großen Strohhut hatte er abgenommen und Johanna konnte die roten Narben auf seinem kahlen Kopf sehen. Ganz langsam ging sie auf ihn zu und das Lied, das er sang, ließ ihr Tränen in die Augen steigen. Es war das Lied, das er an dem Abend gesungen hatte, als ihr klar wurde, dass sie ihn liebte. Sie wagte es nicht, auf ihn zuzugehen und so blieb sie einfach stehen und hörte seinem Gesang zu und ihr Herz wollte überschäumen vor Liebe.

Als er sich umdrehte und sie sah, schlug er sofort die Hände vor sein Gesicht, aber Johanna lief zu ihm und nahm seine Hände fast gewaltsam weg. Tränen liefen ihm über die Wangen, als sie mit ihren Fingern ganz sanft über seine Narben strich. Da waren viele Narben auf seinen Wangen, viele große, rote Narben, aber Johanna sah sie gar nicht. Sie sah nur seinen Mund, der so viel Zärtlichkeit versprach, und seine Augen, wunderschöne blaue Augen, in denen Johanna so viel Schmerz sah und so viel Angst. Sie küsste seine Wangen, seine Augen, seinen Mund, sie küsste jede Stelle seines entstellten Gesichts. „Sie ist nicht gegangen, nicht wahr? Du hast sie weg geschickt, genau wie mich. Manchmal trifft das Leben grausame Entscheidungen, die man nicht beeinflussen kannst, hast du gesagt, aber das ist nicht wahr. Es gibt immer einen Weg, man muss nur den Mut haben, ihn auch zu gehen. Ich liebe dich, John, und ich möchte mein Leben mit dir verbringen, aber das kann ich nur, wenn du es auch möchtest, wenn du meine Liebe zu dir zulässt!“ Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so da stand und sein Gesicht liebkoste, aber als er sie endlich in seine Arme zog und sein Mund den ihren fand, da wusste sie, dass alles gut werden würde. Er würde nie mehr einsam sein, nie mehr...