True love

by Uli (09.06.2001)

Dies ist eine kleine Geschichte über Liebe, über wahre Liebe und darüber, was wahre Liebe bedeutet. Auch diese Geschichte ist frei erfunden.

Sie war in Südfrankreich im Urlaub und versuchte, das Buch zu lesen, das sie aus einer Laune heraus in der Bücherei ausgeliehen hatte, ein Buch über eine große, alles verzehrende Liebe, über die wahre Liebe. Sie hatte schon ein paar Seiten gelesen, aber irgendwie kam sie nicht weiter, weil ihre Gedanken immer wieder abschweiften. Wahre Liebe! Was war schon wahre Liebe? Gab es das wirklich oder war es nicht nur eine Erfindung von Dichtern, ein großes Gefühl, nach dem sich jeder sehnt? Wahre Liebe – was bedeutete das wohl? Ganz allein lag sie in ihrem Liegestuhl am Strand, das Buch auf ihren Knien. Es war kein schöner Tag heute, deshalb hatte sich keiner an den Strand gewagt, aber sie liebte es, das Rauschen des Meeres zu hören, nichts als das Rauschen des Meeres und ab und zu das Geschrei einer Möwe. Sie stand auf und ging langsam ans Meer, ließ den Sand durch ihre Hände gleiten und genoss die frische Brise mit all ihren Sinnen.

Wieder kam ihr das Wort in den Sinn: Wahre Liebe. War es wahre Liebe, die sie für IHN empfand? Für IHN, in den sie sich mit 15 Jahren verliebt hatte, ohne ihn überhaupt zu kennen? Sechs Jahre war es jetzt her, dass sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, auf diesem Konzert, zu dem ihre Freundin sie mitgeschleppt hatte. Ein Bekannter ihrer Freundin ließ sie durch den Hintereingang in die Halle, lange vor den vielen Menschen, die vor der Halle standen. Schon als ER auf die Bühne kam, war es um sie geschehen. Sie sah sein Lächeln, seine strahlendblauen Augen, seine geröteten Wangen, sie hörte seine Stimme, seine wunderschönen Lieder und sie wusste, ihr Herz würde immer ihm gehören. Aber sie sah auch die vielen Mädchen, die seinen Namen kreischten, die ihre Hände nach ihm ausstreckten und ihn mit den Augen verschlangen. Nein, so wollte sie nicht werden, das nahm sie sich ganz fest vor.

Sie sah IHN oft, sehr oft, auf jedem Konzert in ihrer Nähe, und ihre Liebe wuchs, sie fühlte sich auf seltsame Weise mit ihm verbunden, obwohl sie nie ein einziges Wort mit ihm gewechselt hatte. Nein, sie wollte ihm nirgendwo auflauern, wollte ihn nicht belästigen, auch wenn es ihr größter Wunsch war, ihn nur einmal zu treffen, nur ein einziges Mal mit ihm zu reden. Sie spürte, wie schlecht es ihm ging und es brach ihr fast das Herz, aber sie konnte ihm nicht helfen. Alles, was sie tun konnte, war, ihn in Ruhe zu lassen, ihn sein Leben leben zu lassen. Sie hörte die Gerüchte über ihn, über diese und jene Freundin und es tat ihr weh, manchmal so sehr, dass sie sich wünschte, sie hätte ihn nie gesehen. Aber da waren seine Lieder, wunderschöne Lieder, die ihr so viel Kraft gaben und ihr so viel Freude brachten. Ihre Freunde hielten sie für ein bisschen verrückt, weil sie nicht abließ von ihrer Liebe zu ihm, einer Liebe, von der sie wusste, dass sie sich nie erfüllen würde, gegen die sie sich aber nicht wehren konnte, so sehr sie es auch versuchte. Oft saß sie ganz allein irgendwo in der Natur und träumte vor sich hin, träumte von IHM und von der wahren Liebe, die sie wohl niemals finden würde. So gerne wollte sie ihm sagen, was sie für ihn empfand, sie schrieb ihm Briefe, unzählige Briefe, die sie dann zerriss und wegwarf, Briefe, die von Liebe handelten und von ihrem größten Wunsch: ihn glücklich zu sehen, so glücklich, wie sie ihn gerne machen würde.

Und jetzt stand sie hier am Strand, es hatte zu regnen begonnen, dicke Tropfen fielen auf das Buch über die große Liebe. Während sie das Buch in ihr Handtuch einwickelte, um es vor dem Regen zu schützen, schweiften ihre Gedanken schon wieder ab. Was ER jetzt wohl machte? Ob es IHM gut ging oder schlecht? Warum musste sie immer an IHN denken, an einen Menschen, den sie gar nicht kannte und der trotzdem ihr ganzes Herz ausfüllte? War das wahre Liebe? Sie wusste es nicht und wahrscheinlich würde sie auch nie eine Antwort darauf finden. Als der Regen stärker wurde, packte sie hastig ihre Sachen zusammen und rannte zu dem kleinen Café an der Strandpromenade, wo schon viele Menschen unter den großen Sonnenschirmen saßen und sich etwas Leckeres zum Essen oder zum Trinken gönnten, um sich ein wenig vom schlechten Wetter abzulenken. Sie fand noch einen freien Tisch und setzte sich auf einen der beiden Stühle, ihre Strandtasche stellte sie auf den anderen.

Eine heiße Schokolade bestellte sie sich, denn es war kühl geworden, der Regen schien den Sommer verdrängt zu haben, es hatte höchstens noch 15 Grad und das im Juli in Südfrankreich, sie konnte es kaum fassen. Während sie spürte, wie das warme Getränk ihre Kehle hinablief, merkte sie, wie diese Melancholie sie überkam, die sie manchmal hatte, wenn sie sich ganz allein fühlte und genauso ging es ihr jetzt. Sie hatte einen langen Kampf mit ihren Eltern ausgefochten, bis sie ihr endlich erlaubt hatten, ganz allein in Urlaub zu fahren, zum ersten Mal in ihrem Leben. Den kleinen Ort in Südfrankreich hatte sie ausgesucht, weil es der Geburtsort ihrer Mutter war. Auch heute noch, nach all den Jahren in Deutschland, sprach ihre Mama viel lieber französisch als deutsch. Die Ruhe wollte sie genießen, jeden Tag am Strand liegen und dieses Buch über die wahre Liebe lesen, das sie jetzt achtlos auf den Tisch gelegt hatte. Wahre Liebe! Wo gibt es so etwas schon. Schon wollte sie der Bedienung einen Wink geben, dass sie bezahlen wollte, da hörte sie eine seltsam vertraute Stimme in fast akzentfreiem Französisch fragen, ob der Platz neben ihr noch frei sei.

Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Das konnte nicht sein! Und doch wusste sie, es war wahr, noch bevor sie in sein Gesicht geschaut hatte. Mit geröteten Wangen blickte sie zu ihm hoch und nahm hastig ihre Tasche von dem kleinen Stuhl, während sie fieberhaft überlegte, was sie jetzt sagen sollte. ER war es, der da vor ihrem Tisch stand und sie arglos anlächelte, während sie meinte, er müsse es ihr ansehen, aber wie hätte er das können, er kannte sie doch gar nicht. Und ihr Französisch war dank ihrer Mutter so gut, dass er sie gar nicht für eine Deutsche halten konnte. Sie war überwältigt, wie gut er aussah. Sein Gesicht war leicht gebräunt und der Wind spielte in seinen langen Haaren. Er trug Jeans und dieses blau-weiße Ringelshirt, das sie so an ihm liebte, auch wenn sie es bis jetzt nur auf Fotos gesehen hatte.

Sie brachte keinen einzigen Ton heraus, konnte ihn nur stumm anschauen, aber er lächelte sie weiter an und sie sah Funken in seinen blauen Augen tanzen, als freue er sich auf etwas ganz Besonderes. Und dann fing er einfach ein Gespräch mit ihr an und erzählte ihr, dass er mit seiner Freundin verabredet sei, aber er sie viel zu früh dran und sie komme sowieso immer zu spät. Seine Freundin! Sie spürte den Stich in ihrem Herzen, es tat weh, obwohl sie es ja eigentlich wissen musste. Sie nahm all ihren Mut zusammen und antwortete ihm, ihre Stimme klang seltsam fremd und dünn, aber er merkte es nicht. Neugierig betrachtete er das Buch, das immer noch auf dem Tisch lag, und dann fragte er völlig unvermittelt: „Wahre Liebe, glaubst du daran?“ Er sah so jung aus und so lieb, dass sie plötzlich jede Scheu verlor und von sich zu erzählen begann, davon, dass sie tief in ihrem Herzen an die wahre Liebe glaube, dass sie aber noch auf der Suche danach sei. „Das war ich auch, so lange, sehr lange, und dann, eines Tages, als ich schon fast nicht mehr daran geglaubt habe, stand sie plötzlich vor mir!“ Wieder sah sie das Glück in seinen Augen und der Schmerz in ihrem Herzen ließ langsam nach. Ja, er war glücklich und war es nicht genau das, was sie wollte?

Dann sah sie, wie ein Leuchten sein Gesicht erhellte und sie sah auch das Mädchen, das ihm zuwinkte. Er müsse jetzt gehen, meinte er und lächelte wieder dieses bezaubernde Lächeln. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, als er aufstand, ein wenig ungeschickt, denn er stieß an das Buch und es fiel zu Boden. Sie bückten sich beide und griffen gleichzeitig danach und ihre Hände berührten sich für einen winzigen Augenblick und ihre Blicke trafen sich. Sie sah erst Verwirrung, dann Begreifen in seinen Augen und ihr war klar, dass er in diesem Moment erkannte, dass sie keine Französin war und auch, was sie für ihn fühlte. Zögernd erhob er sich und stand einen Moment lang da, als wisse er nicht, was er sagen solle. Ein kurzer Gruß noch und schon war er bei dem Mädchen, das an der Straße auf ihn wartete. „Geh nicht“, wollte sie rufen, „bleib bei mir, ich hab’ doch so lange darauf gewartet, dich endlich kennen zu lernen. Und ich hab’ dich doch so lieb!“, aber sie blieb einfach stehen und sah ihm nach. Mit Tränen in den Augen stand sie da, das Buch in der Hand, und sah zu, wie er seiner Freundin etwas ins Ohr flüsterte, und dann kam er ganz plötzlich noch einmal an den kleinen Tisch zurück.

„Weißt du, was wahre Liebe ist? Jemanden gehen zu lassen, auch wenn man ihn am liebsten festhalten möchte, jemandem sein Glück zu gönnen, auch wenn es einem weh tut. Auch du wirst sie finden, die wahre Liebe, glaub mir, irgendwo da draußen ist jemand, der wartet auf dich, nur auf dich, so wie sie auf mich gewartet hat. Es ist schön zu wissen, dass es dich gibt!“ Er schaute ihr noch einmal in die Augen und nahm sie einfach in den Arm und hauchte ihr einen Kuss auf den Mund, sie spürte seine weichen Lippen auf den ihren und es fühlte sich ein wenig an wie die sanfte Berührung eines Schmetterlings. Und dann war er weg und sie blieb zurück und spürte, wie ihr eine Träne die Wange hinablief. Es tat weh, furchtbar weh, aber sie wusste plötzlich, sie hatte das Richtige getan all die Jahre, sie hatte ihn nie bedrängt, hatte ihn sein Leben leben lassen.

Sie hat IHN nie wieder getroffen, aber sie hat gelernt, ihr Herz für andere zu öffnen. Heute lebt sie in einer glücklichen Beziehung. Ob es wahre Liebe ist, wird die Zeit zeigen. Aber ein kleines Plätzchen in ihrem Herzen gehört immer noch IHM und manchmal, wenn sie einen Schmetterling fliegen sieht, glaubt sie, seine weichen Lippen auf ihrem Mund zu spüren. Und nie wird sie seine Worte vergessen: Wahre Liebe heißt, jemanden gehen zu lassen, auch wenn man ihn am liebsten festhalten möchte, jemandem sein Glück zu gönnen, auch wenn es einem weh tut...