Wastin' all my time

by Uli (26.09.2002)

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hat, geht sie zum Tisch, ganz langsam, fast schwankend, weil sie das Gefühl hat, ihre Beine würden sie nicht mehr tragen. Sie setzt sich auf einen Stuhl, ihr Kopf dröhnt und sie fühlt nichts als Leere in sich, grenzenlose Leere und Einsamkeit. Sie wird ihn verlieren, aber hat sie das nicht schon lange gewusst? Als Krankenschwester hätte sie schon lange sehen müssen, was mit ihm los ist, aber sie wollte es einfach nicht wahrhaben, sie hat sich wieder und wieder eingeredet, ihre Liebe sei stark genug, um ihn aus dem Sumpf herauszuholen, obwohl sie in der Klinik schon so oft gesehen hat, dass das nicht möglich ist. Ihr Hände zittern, als sie vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer aufschließt und leise hineingeht. Er liegt im Bett und schläft, die Medikamente, die sie ihm gegeben hat, werden noch ein paar Stunden wirken, und wenn er wieder richtig zu sich kommt, wird er schon weit weg sein von hier. Sie setzt sich zu ihm aufs Bett und betrachtet lange sein schlafendes Gesicht, als wolle sie jedes winzige Detail in sich aufnehmen, weil die Erinnerung alles ist, das ihr bleiben wird. Wie ein kleiner Junge sieht er aus, er atmet tief und regelmäßig und der trotzige Ausdruck um seinen Mund ist fast verschwunden. Sie spürt ein Gefühl von Zärtlichkeit und unendlicher Liebe in sich aufsteigen, ganz vorsichtig beugt sie sich über ihn und haucht ihm einen Kuss auf die Wange. Schlaftrunken öffnet er die Augen und schaut sie mit verschleiertem Blick an. „Hallo Kleines“, flüstert er undeutlich und zieht sie in seine Arme, während ihr Kopf schmerzt von den vielen Erinnerungen, die darin herumschwirren.

Schon als sie ihn zum ersten Mal sah an diesem Abend in dem kleinen Pub, war sie von seiner Ausstrahlung fasziniert. Da war etwas an ihm, eine Mischung aus Melancholie und Sucht nach Leben, sie konnte es nicht definieren, aber als er ihr in die Augen sah, war ihr klar, was passieren würde. Ob sie etwas trinken wolle, fragte er sie, und sie ließ sich von ihm einladen, obwohl sie so etwas normalerweise nicht tat. Wie gebannt hing sie an seinen Lippen, als er ihr erzählte, dass er gerade erst angekommen sei in Dublin und dass er eine Wohnung suche. Woher er kam, wollte er ihr nicht verraten und sie fragte auch nicht nach, es ging sie ja nichts an. Der Abend wurde lang und schließlich bot sie ihm an, bei ihr auf der Couch zu übernachten. Als er ihr lange in die Augen schaute und dann sagte: „Bist du sicher, dass du das willst?“, wusste sie, er würde bleiben, und das tat er. Die ersten Wochen mit ihm waren wunderschön, er war der interessanteste Mann, der ihr je begegnet war, rebellisch und zärtlich zugleich, und sie verbrachten lange Nächte damit, über Gott und die Welt zu diskutieren und jedes Mal war sie aufs Neue fasziniert von seiner Art, die Dinge zu sehen. Es schien, als wolle er jede Minute, jede Sekunde seines Lebens auskosten, wie ein Süchtiger nach Abenteuern kam er ihr manchmal vor. Aber damals ahnte sie ja noch nicht, nach was er wirklich süchtig war.

Wenn sie in der Klinik war, brachte er die Wohnung in Ordnung und wenn sie abends nach Hause kam, stand das Essen schon auf dem Tisch. Sie war tatsächlich so naiv zu glauben, es würde immer so bleiben, aber schon bald wurde sie mit der Realität konfrontiert. Es war an einem Freitag und sie hatte sich spontan entschlossen, früher zu gehen und ihn zu überraschen. Als sie aus dem Bus stieg, sah sie auf der anderen Straßenseite vor dem Supermarkt diese Penner, die sich mit Schnaps gegen die herbstliche Kälte zu schützen versuchten, und er stand mitten unter ihnen mit einer Schnapsflasche in der Hand. Bestimmt eine Verwechslung, versuchte sie sich einzureden, und ging nach Hause in der Hoffnung, ihn dort vorzufinden. Aber er war nicht da und als er zwei Stunden später nach Hause kam, fiel ihr zum ersten Mal seine Schnapsfahne auf, als er sie zur Begrüßung küsste. Zum ersten Mal? Hatte sie es wirklich vorher nicht bemerkt oder wollte sie es einfach nicht merken? Ja, zum Essen trank er immer Wein und danach auch hier und da einen Schnaps, „zum Verdauen“, wie er immer sagte, aber waren da nicht schon länger ganz deutliche Anzeichen gewesen? Manchmal zitterten seine Hände, wenn er morgens aufstand und dann verließ er regelmäßig die Wohnung, um Brötchen zu holen, und wenn er zurück kam, war er aufgekratzt und fröhlich, manchmal aber auch richtig streitsüchtig. Hatte sie es nicht in Wahrheit schon längst geahnt?

Wahrscheinlich hätte sie schon viel früher etwas unternehmen sollen, aber sie war so verliebt und sie hatte solche Angst, ihn zu verlieren, dass sie viel zu lange die Augen verschloss und es einfach nicht wahrhaben wollte. Nur ein einziges Mal, als er wieder einmal schwankend und nach Alkohol riechend nach Hause kam, sprach sie ihn darauf an und seine Reaktion war so heftig, dass sie ihr Angst machte. Ja, vielleicht trinke er manchmal ein bisschen viel, schrie er sie an, aber es sei sein Leben und es ginge sie nichts an, was er mache, schließlich sei sie nicht seine Mutter. Er hätte schon so viel Zeit vergeudet, hätte ein Leben gelebt, das er nicht leben wollte und in dem er sich wie ein Gefangener vorkam. Und jetzt wolle er nur noch leben und jeden Tag mit all seinen Sinnen genießen, und dazu gehöre auch ab und zu ein bisschen Alkohol und hier und da ein Joint. Und wenn es ihr nicht passe, könne er ja gehen! Sie sagte nichts mehr, aber seit diesem Abend wusste sie, dass sie ihn eines Tages verlieren würde. Irgendwann hörte er auf, sich um den Haushalt zu kümmern, den ganzen Tag lungerte er in Dublin herum und oft kam er nächtelang nicht nach Hause. Mehr als einmal packte sie seine wenigen Sachen zusammen und nahm sich vor, ihn hinauszuwerfen, wenn er das nächste Mal auftauchte, aber wenn er dann vor ihr stand, wenn sie ihn „Hallo Kleines, da bin ich wieder“ sagen hörte, wenn sie sein Lächeln sah, seine Lippen auf den ihren fühlte und seine zärtlichen Hände, die ihren Körper liebkosten, dann konnte sie einfach nicht mehr klar denken, dann wollte sie nur noch mit ihm zusammen sein und es war ihr egal, welchen Preis sie dafür zahlen musste.

Als er schließlich für vier Wochen spurlos verschwand, suchte sie die ganze Stadt nach ihm ab, aber niemand wusste, wohin er gegangen war. Sie konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, wie betäubt schleppte sie sich ins Krankenhaus zur Arbeit und wenn sie nach Hause kam, saß sie nur noch da und weinte. Und dann, vor zwei Tagen, fand sie ihn auf der Straße vor ihrem Haus im Dreck liegend, er war nur noch ein Schatten seiner selbst, seine Haut war grau und seine Kleidung schlabberte an seinem dünnen Körper. „Hallo Kleines“, lallte er, als er sie sah, „nimmst du mich mit hoch?“. Sie schleppte ihn in ihre Wohnung, ließ ihm ein heißes Bad ein und half ihm beim Ausziehen. Als er in die Wanne stieg, sah sie die Einstiche an seinen Armen und in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie nur eine einzige, wenn auch winzige Chance hatte, ihm zu helfen. Sie nahm die Schlaftabletten, die der Arzt ihr gegen ihre Schlafstörungen verschrieben hatte, und löste ein paar davon in einem Glas Tee auf. Sie brachte ihm den Tee an die Badewanne und er trank die Tasse in einem Zug aus. Als er schläfrig wurde, brachte sie ihn ins Bett und wartete, bis er fest schlief.

Dann schloss sie die Tür ab, ging in die Küche und holte den kleinen Zettel aus der Kommode, den er aus seiner Jeans gezogen hatte, kurz nachdem er bei ihr eingezogen war. Nur eine Telefonnummer stand darauf, sonst nichts. „Meine letzte Verbindung zu meinem alten Leben“, hatte er gesagt und den Zettel zerrissen. Es war eine innere Eingebung gewesen, die sie den Zettel später aus dem Mülleimer nehmen und wieder zusammen kleben ließ, als hätte sie damals schon geahnt, dass sie die Telefonnummer einmal brauchen würde. Zwei Mal legte sie den Hörer auf, ohne auch nur ein Wort zu sagen, bevor sie es endlich wagte, sich zu melden. Sein Bruder war am Apparat und sie erzählte ihm schonungslos, was passiert war und dass sie nicht mehr weiter wusste. Der Mann zögerte keine Sekunde. Er werde den nächsten Flug nehmen, versicherte er ihr, und sie solle ihn auf jeden Fall so lange fest halten.

Fast mit Gewalt drängt sie ihre Gedanken zur Seite, während sie seine warmen, weichen Hände fühlt, die sich unter ihre Bluse schieben und zärtlich ihren Bauch liebkosen. Sie weiß, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, und plötzlich ist sie wild entschlossen, jede einzelne Minute davon auszukosten. Ganz nah schmiegt sie sich an ihn, sie fühlt die Wärme seines Körpers und sein Verlangen und dann kann sie endlich aufhören zu denken und als sie sich lieben, ist es wie ein Rausch, aus dem sie nie wieder aufwachen möchte. Er ist viel zu benommen von den Medikamenten, die sie ihm gegeben hat, um wahrzunehmen, wie verzweifelt sie sich an ihn klammert, er sieht nicht die Tränen, die ihr über die Wangen laufen und er hört auch nicht ihr unterdrücktes Schluchzen. Sie hält ihn ganz fest und wie ein schlafendes Baby liegt er in ihren Armen und sie möchte ihn nie wieder loslassen.

Als es läutet, möchte sie am liebsten einfach nicht aufmachen, aber sie weiß, dass es sein muss. Wahrscheinlich wird er sie hassen für das, was sie tut, aber sie darf jetzt nicht an sich denken, es geht nur um ihn, um seine Zukunft, um sein Leben. Der Mann, der vor der Tür steht, ist ganz blass vor Sorge um seinen Bruder. Zusammen holen sie ihn aus dem Schlafzimmer und er ist immer noch so benommen, dass er sich willenlos zum Auto führen lässt. Erst als er schon angeschnallt im Wagen sitzt, öffnet er erstaunt die Augen: „Hey, Joey, was machst du denn hier?“, lallt er und sie sieht die Tränen in den Augen seines Bruders. Sofort nickt er wieder ein und sie nimmt ihn ein letztes Mal in die Arme. „Leb wohl, Jimmy“, flüstert sie und küsst ihn auf die Wange. Der Mann gibt ihr die Hand und verspricht ihr, dass er sich um ihn kümmern wird, dass er ihm helfen wird, wieder zurecht zu kommen mit seinem Leben, und in seinen Augen sieht sie, dass sie ihm vertrauen kann. „Danke“, sagt er noch, bevor er ins Auto steigt, und sie schaut ihm nach, bis sie die Rücklichter nicht mehr erkennen kann. Dann geht sie ins Haus und setzt sich wieder an den Tisch. Ihr ist kalt und sie zieht ihre Strickjacke enger an sich. Sie hat das Richtige getan, das weiß sie, aber sie weiß nicht, wie sie ohne ihn leben soll. Noch lange sitzt sie da auf ihrem Stuhl und starrt ins Leere. Erst, als sie sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten kann, geht sie ins Bett und schläft sofort ein, den zotteligen Teddy, den er ihr geschenkt hat, fest an sich gedrückt. Und dann träumt sie einen wunderschönen Traum: Die Tür zu ihrer Wohnung geht auf, er steht da mit klarem Blick und er sagt die Worte, auf die sie warten wird, wie lange es auch dauert: Hallo Kleines, ich bin wieder da...