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Walk into the paradise
by Uli (18.09.2003)
„Vergiss es, Patricia, vergiss es einfach. Ich bin mit dir gekommen, mehr kannst du nicht von mir verlangen.“ Ja, er hat wohl Recht, es steht ihr nicht zu, über sein Leben zu bestimmen, aber hätte sie ihn einfach seinem Schicksal überlassen sollen? Plötzlich wird sie wütend. Sie hat verdammt viel aufgegeben für ihn, gegen den Willen ihres Vaters hat sie alles in Deutschland zurück gelassen, gerade als es ihr endlich wieder gut ging, als sie meinte, eine neue Liebe gefunden zu haben. „Verdammt noch mal Jimmy, hast du vergessen, dass du es warst, der mir diesen Brief geschickt hat, der mich angefleht hat, nach Irland zu kommen und ihm zu helfen?“ Jimmy schaut sie schweigend an, aber was sie in seinen Augen liest, sagt viel mehr als Worte. „Ich habe dir nie einen Brief geschrieben und das weißt du genau!“ Er leugnet ganz einfach die Existenz des Briefes und beharrt auf seiner Behauptung, sie sei einfach gekommen und habe ihm sein Leben kaputt gemacht, habe ihn aus seinem Paradies vertrieben. Er sitzt immer noch im Gras vor der Fuchsienhecke und als er anfängt zu reden wünscht sich Patricia, er hätte weiter geschwiegen. „Du hast mir meine Liebe genommen, Patricia, meine Liebe und meinen besten Freund. Wie konntest du so grausam sein?“ Sie fängt an zu zittern bei dem Gedanken an das, was geschehen ist, sie würde es ihm so gerne begreiflich machen, aber sie hat nicht mehr die Kraft dazu.
Es regnete, als sie ankam in Dublin, und sie hatte keine Ahnung, wo sie ihren Bruder suchen sollte, aber sie wusste, sie würde ihn finden, sie musste ihn finden, es war seine einzige Chance, aus dem Sumpf aus Alkohol und Drogen, in dem er seinem Brief nach zu schließen die letzten Monate verbracht hatte, herauszukommen. Sie sprach Passanten an und fragte, wo sich junge, lebenshungrige Menschen aufhalten, die nichts anderes tun wollen als ihr Leben genießen, und es dauerte nicht lange, bis jemand ihr den Weg zu dem kleinen Park hinter der St.-Patricks-Cathedral erklärte. Und plötzlich war es ganz einfach, Jimmy zu finden, viel einfacher als sie gedacht hatte. Sie solle im Paradies nachschauen, erklärte ihr eine junge Frau, deren Augen seltsam verschleiert waren und deren Blick Patricia zeigte, dass sie sich in einer ganz anderen Welt befand, dort würde sie ihn bestimmt finden. Das Paradies! „Walk into the paradise“ war mit leuchtend gelber Farbe über die Tür des alten Abbruchhauses gesprüht, das sich im schmutzigsten Viertel Dublins befand. Plötzlich hatte Patricia Angst, Angst vor dem, was sie in diesem Haus erwartete. „Hey, Lady, hast du ’n paar Cent für mich?“, der Junge, der sie fast schüchtern ansprach, war höchstens 16, aber sein Gesicht war das eines alten Mannes, seine Haut war bleich, fast durchsichtig, und seine Haare leuchteten in grellem Rot. Erschrocken gab sie ihm einen 5-Euro-Schein, den er mit dankbarem Lächeln in seine Hosentasche steckte. Sie zeigte ihm das Foto von Jimmy, das sie bei sich trug, und sie sah das Erkennen in den Augen des Jungen. „Klar, das ist Jimbo, unser Clown, keiner ist besser drauf als er, und seine Lieder sind vom Feinsten. Du findest ihn hinten in Carols Zimmer.“ Hoffnung stieg in Patricia auf. Jimmy schien es gut zu gehen. Vielleicht war doch alles nicht so schlimm wie sie befürchtet hatte.
Ihre Hände waren eiskalt, als sie das Zimmer betrat. Jimmy und das Mädchen lagen auf dem Bett und sein Anblick erschreckte sie bis ins Mark. Ganz dünn war er geworden, sein Gesicht war blass und eingefallen und seine schönen langen Haare, auf die er immer so stolz gewesen war, waren zu verfilzten Rastazöpfen geworden. Einen kurzen Moment konnte sie Freude in seinen Augen erkennen, als er sie sah, ja mehr noch, sie sah, wie sehr er sich nach ihr und ihren Geschwistern sehnte, aber nur Sekundenbruchteile später wurde sein Blick kalt und ein Ausdruck von Abwehr und Zorn erschien auf seinem Gesicht. „Was willst du?“, fragte er und am liebsten wäre sie einfach aus dem Zimmer gerannt, aber stattdessen stand sie einfach da und wusste nicht, was sie sagen sollte. „Ich..., ich..., Jimmy, ich komme wegen des Briefes, den du mir geschrieben hast, ich bin hier, um dir zu helfen, um dich abzuholen.“ Mit großen Augen schaute er sie an. „Was für ein Brief? Ich habe dir keinen Brief geschrieben und du brauchst mir auch nicht zu helfen, es geht mir gut, besser als es mir mit euch je gegangen ist.“ Das Mädchen, das mit ihm im Bett lag, richtete sich auf und schaute Patricia neugierig an. Sie war wunderschön, lange schwarze Haare umrahmten ihr Gesicht und ihre Augen waren ganz dunkel, fast schwarz. Noch nie hatte Patricia ein so schönes Mädchen gesehen und doch war da ein Ausdruck von Gleichgültigkeit in ihrem Gesicht, der davon zeugte, dass sie schon einiges mitgemacht hatte im Leben. „Carol“, stellte das Mädchen sich vor und hielt Patricia die Hand hin, aber Jimmy wartete gar nicht, bis Patricia sie nahm.
„Geh, Patricia“, sagte er und seine Stimme war eiskalt. „Geh dahin, wo du hergekommen bist, und sag ihnen, es geht mir gut, ich bin frei, endlich frei!“ Sein Blick erlaubte keine Widerrede. Er wandte sich wieder dem Mädchen zu, begann, sie zu küssen, sie zu streicheln, als sei Patricia gar nicht im Raum. Einen Augenblick blieb sie noch stehen, dann drehte sie sich um und fing an zu laufen. Durch ihre Tränen hindurch sah sie den Mann, der ihr entgegen kam, viel zu spät. Mit voller Wucht rannte sie gegen ihn und die kleine Tasche, die er in der Hand hielt, fiel ihm aus der Hand und ihr Inhalt ergoss sich auf den Boden. Patricia erstarrte, als sie die Spritzen und die kleinen Tüten, gefüllt mit Heroin, sah, die direkt vor ihr auf dem Boden lagen. „Sorry“, murmelte sie und wollte weiterlaufen, aber der Mann hielt sie am Arm fest. „Du bist neu hier, nicht? Siehst gar nicht aus wie ein Junkie, aber bei manchen dauert es eben, bis man was davon merkt. Wie wär’s mit ’nem Schuss?“ Sie zwang sich, ihn anzulächeln. „Nee, heute nicht, ich hab’s eilig, aber vielleicht komme ich morgen wieder. Sag mal, kennst du Jimmy?“ „Jimbo? Klar, er ist mein bester Freund, bist du eine Freundin von ihm?“ Sie nickte nur stumm und konnte ihre Augen nicht von dem harten, listigen Gesicht des Mannes nehmen. „Ich bin Gary“, sagte er, „wenn du wiederkommst, frag einfach nach Gary, ich kann dir alles besorgen, was du brauchst!“
Ihr war todschlecht, als sie in der kleinen Pension ankam, und ihr war klar, dass sie etwas unternehmen musste. Sie konnte Jimmy nicht hier lassen, er würde sterben ohne ihre Hilfe. Sie musste ihn herausholen aus dieser Hölle, koste es, was es wolle. Am nächsten Tag mietete Patricia ein kleines Häuschen außerhalb von Dublin. Er würde nicht mit ihr nach Deutschland kommen, das war ihr klar, aber sie würde ihn zwingen, das Paradies zu verlassen und mit ihr zu kommen in dieses kleine Haus. Dort, ganz allein mit ihm, würde sie den Kampf gegen seine Sucht aufnehmen. Es war schon dunkel, als sie wieder im Paradies ankam. Er war allein in Carols Zimmer und seine Augen waren verschleiert wie die all der andere jungen Menschen, die sie im Paradies gesehen hatte.
„Was willst du?“, fragte er, als er sie bemerkte, und sie wusste, dass sie jetzt stark sein musste, stärker als er. Die Drohung, das Paradies und all seine Freunde, die nicht lassen konnten von den Drogen, auffliegen zu lassen, kam ihr erstaunlich ruhig über die Lippen und die Angst in seinen Augen zeigte ihr, dass sie den richtigen Weg gefunden hatte. „Ich komme nicht mit“, seine Stimme war ganz leise, ganz schwach, sie hatte keine Ahnung, was für Drogen er genommen hatte, aber sie mussten ziemlich stark sein. „Oh doch, das wirst du“, sagte sie und wunderte sich, wie fest und kalt ihre Stimme klang. „Du wirst mit mir kommen oder ich gehe allein und komme mit der Polizei wieder!“ Erschrocken starrte er sie an und sein Blick tat ihr so weh, dass sie nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte. Sie wollte ihn in ihre Arme nehmen, ihn ganz festhalten, aber das ging nicht. Es gab nur diesen einzigen Weg. Noch eine Weile saß Jimmy schweigend auf dem Bett, dann nahm er wortlos seine Gitarre und ging neben ihr her zu dem Taxi, das draußen auf sie wartete.
Der Entzug war schlimm, viel schlimmer als Patricia es sich vorgestellt hatte, aber noch viel schlimmer war der Hass, den sie in Jimmys Augen sah. So oft versuchte sie, ihm alles zu erklären, aber er gab ihr gar keine Chance, er redete sich einfach ein, alles sei in Ordnung gewesen und sie sei einfach in seine Welt eingedrungen und hätte sein Leben zerstört. Sie tat alles, um es ihm schön zu machen in dem kleinen Häuschen, sie kochte seine Lieblingsgerichte, aber er schien es gar nicht zu merken, er saß den ganzen Tag nur da und brütete vor sich hin und so lebten sie nebeneinander her wie zwei Fremde, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Und jeden Morgen wachte sie auf und hatte Angst, er könne nicht mehr da sein.
Als Jimmy aufsteht, versucht Patricia nicht, ihn zurückzuhalten. Schon lange ist ihr klar, dass sie ihn gehen lassen muss, dass sie ihn hier nicht halten kann, dass seine einzige wirkliche Chance auf ein neues Leben die schonungslose Konfrontation mit seiner Vergangenheit, seinem Leben im Paradies ist, aber sie erträgt den Gedanken ganz einfach nicht, dass er es nicht versteht, dass er nie wieder zu ihr zurückkommt, dass er zugrunde geht an diesem Ort, der so schmutzig, so menschenunwürdig ist. Sie hört, wie er das Haus betritt, und sie weiß, wohin sein Weg ihn führen wird, und sie weiß auch, dass sie nichts tun kann, um ihm zu helfen, nichts außer hier auf ihn zu warten und daran zu glauben, dass er es begreifen wird. Sie will ihm nachlaufen, aber sie kann nicht und so bleibt sie einfach im Gras sitzen, Tränen laufen ihr übers Gesicht und die Furcht, ihren Bruder für immer zu verlieren, nimmt ihr den Atem.
Patricias Portemonnaie liegt auf der kleinen Kommode im Gang und Jimmy hat noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen, als er hineingreift und ein paar Scheine herausnimmt. Sie hat ihn gegen seinen Willen hierher geholt und er hat das Spiel mitgespielt, viel zu lange, aber jetzt ist Schluss, jetzt wird er in sein wirkliches Leben zurückkehren, in sein Paradies, zu Carol, seiner großen Liebe, und zu Gary, seinem besten Freund. Er sieht die wunderschöne Landschaft auf seiner Fahrt nach Dublin gar nicht, mit geschlossenen Augen sitzt er im Bus und in Gedanken ist er ganz weit weg. So weit weg, dass er erschrocken zusammenzuckt, als der Fahrer die O’Connell-Street ausruft. Schnell springt er auf und verlässt den Bus und dann geht er den Weg, den er schon so oft gegangen ist, dass er ihn auch in stockfinsterer Nacht und sogar mit verbundenen Augen finden würde, den Weg zu seinem Paradies. Auf der Treppe sitzen zwei Jungen mit hohlen Augen und blassen Gesichtern, die ihn neugierig mustern. „Hey, Jimbo, bist du das?”, fragt er eine von ihnen schließlich. „Siehst gut aus, warst in Kur was?“ Jimmy nickt nur kurz und geht weiter, den Gang entlang bis zu dem kleinen Zimmer, in dem er die schönste Zeit seines Lebens verbracht hat, mit Carol, seiner Traumfrau. Er klopft nicht an, er betritt einfach den Raum, der erfüllt ist von ihrem Parfum, einer aufregenden Mischung aus Patchouly und Moschus, einem Duft, der ihn an seine wilden Nächte mit Carol erinnert. Sie liegt auf dem Bett und schläft, ihr langes schwarzes Haar bedeckt ihr schönes Gesicht und Jimmy fühlt eine Woge von Liebe und Zärtlichkeit in sich aufsteigen, ein Gefühl, das er glaubte, verloren zu haben in den letzten Monaten in diesem Haus mit seiner Schwester.
Er wagt nicht, sie zu berühren, viel zu groß ist seine Angst, sie wird ihn wegschicken, weil er sie einfach im Stich gelassen hat. Carol seufzt tief auf im Schlaf und er will sie in seine Arme nehmen, aber irgendetwas hält ihn zurück, ein Gefühl, das ganz tief aus seinem Innern kommt, das er nicht deuten kann. Er schaut sich im Zimmer um und erst jetzt bemerkt er, wie schmutzig es ist, überall liegen Zigarettenkippen auf dem Boden, Plastikbecher mit undefinierbaren Flüssigkeiten sind auf dem Tisch verteilt und dann sieht er die Spritzen auf Carols Nachtisch liegen. Die Spritzen! Jimmy wird schwindlig und wie durch einen Nebel sieht er plötzlich eine Szene vor sich, er sieht sich selbst, wie er das Paradies betritt und mit schnellen Schritten auf Carols Zimmer zuläuft:
Es war Carols Geburtstag und es ging ihm gut an diesem Tag, er stand ganz früh auf und warf ein paar dieser Tabletten ein, die ihm immer dieses Gefühl von Schwerelosigkeit vermittelten. Dann nahm er seine Gitarre und fuhr mit dem Bus in die Innenstadt von Dublin. Es waren schon viele Leute unterwegs und es dauerte nicht lange, bis er genug Geld zusammen hatte für das T-Shirt, das er ihr kaufen wollte, ein schwarzes mit einem wunderschönen großen indianischen Motiv auf der Vorderseite, Carol liebte indianische Motive und Jimmy war sicher, sie würde zauberhaft aussehen in diesem T-Shirt. Mit dem T-Shirt und einem Strauß roter Rosen machte er sich wieder auf den Weg ins Paradies und ging mit schnellen Schritten auf Carols Zimmer zu, sie würde sich sicher wahnsinnig freuen. Ganz leise, um Carol, die immer bis mittags schlief, nicht zu wecken, öffnete er die Tür und betrat das halbdunkle Zimmer, in dem die Vorhänge noch zugezogen waren. Und was er dann sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Er konnte nichts sagen, sich nicht bewegen, konnte nur stumm zuschauen, was sich vor seinen Augen abspielte:
Gary, sein bester Freund, und Carol, seine Carol, lagen nackt auf dem Bett und waren so in ihr Tun vertieft, dass sie Jimmy gar nicht bemerkten. „Gib es mir, Gary, gib es mir“, hörte er Carol stöhnen, und er stand einfach da und sah Garys erregten Körper und seine Carol, die sich über Gary beugte und so bezahlte für den Schuss, den Gary ihr wenig später setzte. Heroin! Sie hatten sich geschworen, niemals Heroin zu nehmen, ein paar Tabletten, ein paar Joints, aber doch kein Heroin! Er hatte geglaubt an ihre Liebe, an ihre Zukunft, die jetzt wie ein Kartenhaus vor ihm einstürzte. Sein bester Freund war ein Dealer und seine Freundin ein Junkie. Jimmy stöhnte auf, das Geschenk fiel ihm aus den Händen und Carol drehte sich zu ihm um, ihr Gesicht sah aus wie das eines Engels, als sie schwankend vom Bett aufstand und auf ihn zukam. „Jimmy, Jimmy, es ist wunderbar, komm, probiere es auch, du schwebst, du fühlst dich, als ob du fliegen könntest. Gary, lass es Jimmy auch probieren, es ist doch mein Geburtstag heute!“ Das Grinsen in Garys Gesicht war mehr als Jimmy ertragen konnte. Seine Faust traf ihn mitten ins Gesicht und dann lief er nach unten zu den Jungs, die immer alle möglichen Drogen auf Lager hatten. Von dem Geld, das er noch übrig hatte, kaufte er alles, was er kriegen konnte, und dann schrieb er den Brief: „Hilf mir, Patricia, hol mich hier raus, sonst werde ich sterben. Bitte komm! Jimmy“.
Der Brief! Er hat ihn wirklich geschrieben. Plötzlich weiß er alles wieder. Mehr als diese paar Worte brachte er nicht zustande, aber es gelang ihm, den Brief in ein Kuvert zu stecken, mit Patricias Adresse zu versehen und zur Post zu bringen! Als er am nächsten Morgen aus seinem Rausch erwachte, konnte er sich an nichts erinnern. Er verdrängte das Geschehene einfach und lebte weiter mit Carol zusammen, als sei nichts geschehen. Er tat so, als sähe er die Einstiche auf ihren Armen nicht, als bemerke er den fremden Geruch an ihrem schönen Körper einfach nicht. Er betäubte sich mit Tabletten, Alkohol und allen Drogen, die er bekommen konnte, jeden Tag aufs Neue, und redete sich ein, alles sei in Ordnung, bis Patricia kam und ihn holte. Patricia hat ihn nicht angelogen, sie ist nur gekommen, weil er sie um Hilfe angefleht hat. Und sie kennt ihn gut, besser als jeder andere. Sie wusste, dass die einzige Möglichkeit, ihn zum Mitkommen zu überreden, die war, ihm zu drohen, seine Freunde anzuzeigen, das Paradies auffliegen zu lassen. Seine Freunde! Er hat keine Freunde hier, sein einziger wahrer Freund ist seine Schwester und die hat er so sehr verletzt, dass sie wahrscheinlich schon auf dem Weg nach Deutschland ist. Jimmy wirft einen letzten Blick auf die schlafende Carol, er streicht ihr sanft übers Haar und plötzlich wacht sie auf, dreht sich um und schaut ihm mitten ins Gesicht. Ihre Haut ist ganz weiß, fast grau, unter ihren Augen liegen tiefe Schatten und ihre Pupillen haben die Größe von Stecknadelköpfen. Überall an ihrem Körper sieht er die Einstiche.
Verwirrt schaut sie ihn eine Weile an und spricht dann mit langsamer, undeutlicher Stimme: „Jimmy? Bist du das Jimmy? Ich wusste, du würdest zu mir zurückkommen. Komm ins Bett, Jimmy, komm und liebe mich!“ Sie schlingt ihre Arme um seinen Hals und plötzlich wird ihm eiskalt. Seine Carol gibt es nicht mehr, sie ist tot, gestorben an dem Tag, an dem Gary ihr die erste Spritze gesetzt hat. Sanft löst er ihre Arme von seinem Hals. „Leb wohl, Carol“, flüstert er, „leb wohl!“ Sie schaut ihn verwirrt an und fällt dann wieder in ihren Dämmerschlaf. Er legt die Scheine, die er aus Patricia Portemonnaie genommen hat, auf den Tisch, und dann fängt er an zu laufen, raus aus Carols Zimmer, raus aus dem Ort, den er für das Paradies gehalten hat, der aber nichts anderes ist als die Hölle. Per Anhalter fährt er zurück zu dem kleinen Haus, das Patricia mit so viel Liebe für ihn eingerichtet hat, und die Vorstellung, sie könne nicht mehr da sein, erfüllt ihn mit so viel Angst, dass er spürt, wie ihm Tränen in die Augen steigen, als er sie auf der Liege im Garten liegen sieht.
Sie schläft und sie sieht wunderschön aus und doch ist ihr Gesicht gezeichnet von Kummer und Sorge und er weiß, dass allein er dafür verantwortlich ist. Er läuft auf sie zu und zieht sie in seine Arme. „Es tut mir so leid, Patricia, es tut mir so leid...“, ist alles, was er herausbringt und er sieht die Angst in ihren Augen, als sie ihn ansieht. „Warst du... hast du...?“ „Nein, ich habe keine Drogen genommen, ich hab’ es kapiert, Tricia, ich hab’ es endlich kapiert!“ Sie sagt lange nichts, hält ihn einfach nur fest und es tut so gut, ihre Wärme zu spüren. Schließlich nimmt sie sein Gesicht in ihre Hände und schaut ihm liebevoll in die Augen. „Es ist gut, Jimmy, es ist alles gut“, flüstert sie und nie hat er sie mehr geliebt als in diesem Augenblick...
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