14.10.2006

Christuskirche Reutlingen

(Ja, sie können es noch...)

Erzählt von Uli

Eine neue Tour der Kellys war angesagt, eine Kirchetour im Akustik-Stil, und die Wellen unter den Fans schlugen hoch. Die Kellys in der Kirche? Was ist das denn? Die Vorstellung von hysterisch kreischenden Fans, die in wildem Galopp über die Kirchenbänke springen, um sich dann vorne am Altar auf das Objekt ihrer Begierde zu stürzen, drängte sich förmlich auf. Und Absperrungen in einer Kirche? Undenkbar irgendwie. Andererseits hatte es ja im Phantasialand auch ohne Absperrungen ganz gut geklappt, warum also nicht auch in einer Kirche?

Von der Musik her konnte ich mir die Kellys sehr gut in einer Kirche vorstellen, als großer Kathy-Fan habe ich ja sozusagen Erfahrung mit Kirchen und ich weiß, dass der Begriff „Konzert in einer Kirche“ nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit gähnender Langeweile oder nur frommem Gerede. Nein, ich denke alle, die jemals Kathy in einer Kirche erlebt haben, wissen, was bei so einem Konzert abgehen kann, welch tolle Stimmung da herrschen kann. Also beschloss ich, für meine Anja und mich von den vielen Terminen einen auszusuchen, der zeitlich und fahrtechnisch okay für uns wäre. Nach regem Aussortieren blieben noch zwei Termine übrig: Reutlingen am 14.10. und Frankfurt am 29.10., ein Blick auf den Kalender zeigte zwar, dass das ein Sonntag ist, aber da montags drauf bei uns die Herbstferien beginnen, würde es also kein Problem mit der Schule geben, wenn Anja spät ins Bett käme. Ich konnte mich nicht so richtig entscheiden, bis ich dann hörte, dass Maren auch nach Frankfurt fahren würde und sogar noch eine Karte übrig hatte. Kurz darauf bot Jani mir eine weitere Frankfurt-Karte an und die Sache war gebongt! Alles klar, Anja und ich sind in Frankfurt dabei.

Dass ich mich dann doch noch entschloss, auch nach Reutlingen zu fahren, war sozusagen, auch wenn sie gar nichts davon wusste, der Verdienst meiner Freundin Doro, die nur unweit von Reutlingen wohnt, und die ich zudem schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Im Urlaub am Bodensee, als ich eine kleine Geburtstagskarte für sie kaufte, entschloss ich mich spontan, sie sozusagen als Geburtstagsgeschenk zum Konzert einzuladen, nur wenn sie wollte natürlich. Die Antwort kam postwendend: Ja klar, sie würde sehr gerne mit mir und Anja nach Reutlingen kommen. Somit war auch das geklärt, ich ließ mir zwar ewig Zeit mit dem Kartenkauf, aber zwei Tage vor dem Konzert hingen dann die Reutlingen-Karten an meiner Pinwand und ich war mir irgendwie nicht ganz sicher, ob ich mich nun auf dieses Konzert freuen sollte oder nicht, meine Gefühle waren mehr als gemischt, klar, die Aussicht, die Kellys endlich mal wieder live zu sehen und vor allem zu hören, war toll, aber wie würde das Konzert werden? Nein, ich gehöre nicht zu den absoluten Paddy-Anhängerinnen, aber der Gedanke, dass er wieder fehlen würde, gefiel mir gar nicht, und der Gedanke, dass Paul mit auf der Bühne stehen würde, gefiel mir noch weniger. Sorry, ich weiß, dass viele regelrecht fasziniert von ihm sind, aber mich hatte er bei Roncalli so überhaupt nicht beeindruckt, er berührt mich nicht und er gehört für mich einfach nicht dazu, und ich gebe es ehrlich zu, ich hoffte sehr, dass er nur für die Begleitung zuständig sein und keine eigenen Lieder singen würde, das ist vielleicht blöd, aber es war das, was ich dachte, was ich fühlte.

Und so vergingen die Tage bis zum Konzert mit gemischten Gefühlen. Würden sie es wieder schaffen, mich tief im Innern zu berühren oder war diese Zeit jetzt endgültig vorbei? Mit diesen Gedanken machte ich mich am Samstag gegen 14.00 Uhr auf den Weg zu meiner Freundin, vorher hatte ich noch in Anjas Schule bei einer Veranstaltung geholfen. Dienst in der Schule am Tag eines Kelly-Konzerts? Gott bewahre, das hätte es zu früheren Zeiten niemals gegeben, da hätte ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um da rauszukommen, aber die Zeiten haben sich doch offensichtlich drastisch geändert, nur so ist es zu erklären, dass ich seelenruhig das Mittagessen in der Schule ausgab, obwohl ich genau wusste, dass ich nur wenige Stunden später die Kellys sehen und hören würde. Was mir dann allerdings doch sehr zu denken gab, war die Tatsache, dass ich es allen Ernstes fertig brachte, mich auf dem Weg zu meiner Freundin, den ich schon zig Male gefahren bin, zu verfahren, ich fuhr und fuhr immer Richtung Reutlingen und wunderte mich mehrfach, dass ich da heute Dinge sah, die ich sonst nie gesehen habe, andere Dinge jedoch, die ich sonst immer sah, irgendwie wie vom Erdboden verschwunden waren. Als ich schließlich die Ortseinfahrt von Reutlingen passierte, wo ich doch eigentlich noch gar nicht hinwollte, war mir klar: Da ist was schief gelaufen und zwar gründlich. Na bravo! Von wegen dem Kellywahnsinn entronnen...

Da ich mich nun in der Reutlinger Gegend so überhaupt nicht auskenne und ich ja bekanntermaßen zudem noch einen „wahnsinnig guten“ Ortssinn habe, gab es also nur eine Möglichkeit: Spontan wenden und die Strecke zurückfahren, so lange, bis ich irgend etwas Bekanntes sehen würde. Und so fuhr ich dann und fuhr und fuhr, bis ich endlich die Ausfahrt „Filderstadt“ sah. Filderstadt! Ja, an dieser Ausfahrt fahre ich doch immer vorbei auf dem Weg zu Doro. Also schnell rausgebraust, gewendet und zurück in Richtung Schnellstraße. Und da sah ich auch wieder die Schilder „Tübingen – Reutlingen“, das musste richtig sein, auf jeden Fall. Ich bog also in diese Richtung auf die Schnellstraße ein und siehe da – nur wenig später erkannte ich die Abzweigung nach Metzingen, die ich doch immer nehmen muss und an der ich vorhin irgendwie tranmäßig vorbeigefahren sein musste. Echt toll gemacht, Uli! Behaupte bitte nie wieder, die Kellys könnten dich eventuell kalt lassen!!!! Eine halbe Stunde später, wann war das?, vielleicht so gegen 16.00 Uhr?, saßen wir dann endlich wohlbehalten in Doros Wohnzimmer und tranken erst mal ein großes Mineralwasser auf den Schreck, na also, geht doch!

Unter ortskundiger Führung fuhren wir dann wenig später los und kamen auch völlig problemlos an diesem großen Einkaufscenter in Reutlingen an, wo wir das Auto abstellen wollten, da Doro sich nicht sicher war, ob man an der Kirche würde parken können. Wir machten einen kleinen Spaziergang zur Kirche, na ja, eigentlich war es ein riesiger Umweg, wie wir später feststellten, aber was soll’s? Ein bisschen Bewegung hat ja noch keinem geschadet! Wann waren wir an der Kirche? Ich würde mal schätzen zwischen 16.30 Uhr und 17.00 Uhr und ich war ja nun sehr gespannt, wie viele Leute da sein würden und ob es womöglich wirklich Nummern geben würde, wie ich vorher noch so im Scherz zu Doro gesagt hatte. Es waren dann nicht wirklich viele Leute da, ein kleines Häufchen drängte sich vor dem Eingang, an dem ein Schild „Eingang für Karteninhaber“ hing, woraus ich messerscharf schloss, dass es dann wohl noch einen zweiten Eingang geben würde. Wir suchten uns ein Plätzchen, an dem wir uns einigermaßen bequem und ohne die dringende Gefahr einer Blasenentzündung niederlassen konnten (na ja, so ganz begannt war die Gefahr nicht, das Mäuerchen war nicht unbedingt anheimelnd war, aber eine andere Sitzgelegenheit war irgendwie nicht zu finden), und beobachteten von dort aus das Treiben vor dem Eingang. Wirklich viel passierte nicht, einige Mädels kamen mit Essen und Trinken bewaffnet von jenem oben erwähnten Einkaufscenter zurück und bei dieser Gelegenheit erkannten wir dann auch, dass wir eigentlich nur ein kleines Wegchen hätten gehen müssen statt unseres Spaziergangs!

Irgendwann fiel mir dann dieses Mädchen auf, das einen Block oder ein Heft bei sich trug, in das sie immer, wenn neue Leutchen kamen und zu ihr hingingen, emsig etwas schrieb. Das interessierte mich ja nun sehr, waren da wirklich Nummernausgeber am Werk? Die Bestätigung erhielten wir auch prompt von zwei Fans, die mit roten Nummern auf dem Arm an uns vorbei gingen. Nummern? Es werden tatsächlich Nummern verteilt? Ja, so war es, es wurden Nummern verteilt und man war jetzt, inzwischen war es irgendwas nach 17.00 Uhr, immerhin bei Nummer 43 angekommen. Ein paar Mädels brachten dann vor irgendwoher zwei dieser äußerst stabilen Flatterbänder an, mit denen sie die kleine Schlange, die sich inzwischen vor dem „Karteninhaber-Eingang“ gebildet hatte, seitlich gegen Eindringlinge sicherten. Hm, ob das wohl gut gehen würde? Ich bekam es nicht mit, denn kurze Zeit später ging ich mit Anja ins Einkaufscenter zur Toilette und als wir zurück kamen, saßen unsere Doro und das Mädel im Rollstuhl samt Freundin, neben denen Doro sich niedergelassen hatte, zwar noch brav an ihren Plätzen, aber vor dem besagten Eingang stand niemand mehr, alle schienen wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Ja wie? Waren die jetzt schon in der Kirche oder wie? Und warum saß Doro dann noch hier draußen?

Doro klärte uns folgendermaßen auf: Kaum waren wir weg, kam ein sehr netter Mann im Anzug vorbei (nein, es war NICHT Joey, es war wohl ein Kirchenmitarbeiter oder so, auf jeden Fall war es jemand, der mit dem Einlass zu tun hatte), den Doro fragte, ob die Behinderten separat in die Kirche gelassen würden. Die Rollstühle dürften hinten rein, meinte der nette Mann wohl freundlich, worauf Doro (sie ist nicht so blöd auf den Mund gefallen wie ich das immer bin) fragte, ob wir uns da denn anschließen könnten, da wir ja auch Behindertenausweise haben. Der Mann war sehr nett, wie schon gesagt, und Doro fand ihn gleich noch viel netter, als er dies bejahte. Puh, somit war ein Problem gelöst. Anja würde NICHT mitten drin sein, falls es zu irgendwelchen hysterischen Ausbrüchen oder Drängeleien beim Einlasse kommen sollte. Besagter Mann löste dann wohl auch die Schlange vor dem „Karteninhaber-Eingang“ auf, indem er meinte, dass die Fans hier falsch stehen, dass der Einlass nämlich auf der anderen Seite stattfinden würde, an dem Eingang, den ich mit Anja beim Umrunden der Kirche gesehen hatte, an dem allerdings ein Schild mit der Aufschrift „Abendkasse“ hing.

Ich hab nicht gesehen, was dann abging, aber ich kann es mir lebhaft vorstellen und jeder, der schon einmal auf einem Kelly-Konzert war, kann das wahrscheinlich auch. Alle rannten los wie von der Tarantel gestochen, um sich am anderen und dann hoffentlich richtigen Eingang die besten Plätze zu sichern, und das Nummernsystem war somit endgültig dahin. Also ich muss ja sagen, ich hätte mich nicht besonders gefreut, wenn ich da schon lange vor diesem Eingang ausgeharrt hätte in der sicheren Annahme, dass ich dann auch als Erstes in die Kirche darf, und dann jemand kommt und mir erklärt, dass jetzt plötzlich alles ganz anders ist. Man hätte sich ja dann das „Karteninhalber“-Schild auch einfach sparen können oder? Manchmal ist die Organisation wirklich nicht einfach zu verstehen und ich war wirklich sehr froh, dass uns das nicht betraf.

Die Zeit des Einlasses rückte näher und wir begaben uns langsam zu diesem Hintergang, durch den wir laut dem netten Herrn die Kirche betreten dürften. Irgendwie musste dort wohl auch der Backstagebereich sein, zumindest deutete die kleine Versammlung von Fans, die dort vor dem Zaun ausharrte, darauf hin. Hm, ich konnte den Sinn des Ausharrens nicht so richtig erkennen, da man nämlich inzwischen die Kellys in der Kirche beim Soundcheck hörte und somit ja die Chance, dass da jetzt einer rauskommt, eher gering war, aber vielleicht sah ich das ja auch einfach falsch, vielleicht würden sie sich ja einer nach dem anderen vom Soundcheck wegschleichen und rauskommen zu ihren Fans. Aber nein – wie ich es mir gedacht hatte, beglückte KEIN Kelly-Mitglied die wartenden Fans mit seiner Anwesenheit. Inzwischen waren noch ein paar Rollstuhlfahrer dazu gekommen und schließlich war es dann auch 19.00 Uhr und jemand kam an den kleinen Zaun und bat dringend darum, dass alle Leute, die das Konzert besuchen wollten und eine Karte, aber KEINEN Behindertenausweis hatte, doch nach vorne zu dem Abendkasseneingang zu gehen, nun, es dauerte ein Weilchen, aber schließlich verstanden es alle und die Rollstühle und dann auch wir durften in die Kirche.

Wir setzten uns in die zweite Reihe und was man sah, versprach ein wunderschönes Konzert. Patricias Harfe stand auf der Bühne, auf der Bühne? Ne, eigentlich gab es keine Bühne, es gab lediglich diese winzige Erhöhung, auf der der Altar stand und auf dieser Erhöhung waren die Instrumente aufgebaut, das Keyboard stand da, eben die Harfe und auch ein Akkordeon, diverse Gitarren standen rum und so ein großes Streichinstrument, fragt mich jetzt bitte nicht, wie das heißt, und ganz links stand Angelos Schlagzeug in etwas abgespeckter Form. Anja betrachtete sich das Teil und fragte sofort: „Und wo ist bitte der Hocker?“ Ja, das Kind kennt sich aus. Da stand wirklich kein Schlagzeug-Hocker, stattdessen aber eine Art rechteckige Kiste aus Holz, ein bisschen sah es aus wie ein Lautsprecher. Aha! Angelo musste also auf einem Holzteil sitzen heute, hm, vielleicht sind das jetzt die neuen „Gesundheitssitze“ für Schlagzeuger? Oder man hatte seinen Hocker irgendwo vergessen? Merkwürdigerweise stand aber am Keyboard einer, so ein schöner gepolsterter wie der von Anjas Schlagzeug eben. Wir haben nicht herausgefunden, was es mit dem Holzteil auf sich hatte, aber Angelo nahm später tatsächlich darauf Platz.

Und während ich mich noch so ein wenig umschaute, begann der Einlass-Sturm, anders kann ich es nicht ausdrücken. Diese typischen Geräusche lagen plötzlich in der Luft, dieses Flirren und dann kamen sie angerannt, einige kreischten sogar ein bisschen. Und es war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es wurde gerannt wie blöd und in den Kirchenbänken hin- und hergesprungen, immer in der Hoffnung, noch einen besseren Platz zu finden. Also ich habe gedacht, diese Zeiten sind vorbei, aber offensichtlich sind sie es nicht und ich war wirklich froh, dass meine Anja schon drin war. Ja, ich weiß, ich habe jetzt leicht reden, ich hatte ja auch einen Platz ganz vorne, aber ehrlich, ich hätte mir keine Nummer geholt, ich hätte mich eben mit Anja hinten angestellt und mir dann einen Platz gesucht, der eben noch frei ist. Die Kirche füllte sich recht schnell und irgendwann hörte man Leute eine Treppe hoch trampeln, als die Empore oben geöffnet wurde. Ich glaube, es waren wirklich alle Plätze besetzt und ganz zum Schluss setzten sich sogar noch ein paar Leute ganz vorne auf den Boden, auch kein schlechter Platz eigentlich!

Inzwischen war es 20.00 Uhr, glaube ich jedenfalls, ich habe nicht auf die Uhr geschaut, und ganz plötzlich kam Jimmy durch die Tür, die zum Klo (und wohl auch zum Backstagebereich) führte und betrat die Erhöhung, er hatte einen Kilt an, dicke weiße Wollsocken und braune Schuhe, dazu trug er ein weißes T-Shirt und darüber ein khakifarbenes Hemd, anfangs war der oberste Knopf noch offen, aber später machte er ihn aus mir völlig unerfindlichen Gründen zu, ist der so verfroren? Es war doch nicht kalt in der Kirche! Und irgendwie sah Jimmy anders aus als früher, gar nicht mehr so dünn, fast ein bisschen dick im Gesicht, ungewohnt irgendwie. Er hielt dann eine kleine Rede und meinte, dass wir ja hier in einer Kirche seien und dass Fotografieren ja eigentlich verboten sei. Die Atmosphäre hier sei so besonders und da würden die Blitze einfach stören. Er wolle aber gerne einen Deal machen. Beim letzten Lied dürften alle flashen, so viel sie wollten, aber er würde dann ankündigen, wann es soweit wäre. Und während Jimmy so redete, saß der Pfarrer der Kirche kaugummikauend in der ersten Reihe und machte ein Foto nach dem anderen, ganz eifrig hantierte er mit seinem Foto, es war irgendwie witzig anzusehen, so überhaupt nicht pfarrermäßig.

Jimmy kündigte dann an, dass seine Geschwister gleich kommen würden, und verschwand dann wieder durch die Tür, aus der er gekommen war. Und wenig später ging das Licht in der Kirche aus und – tatsächlich – sie kamen auf die Bühne bzw. vor den Altar. Gastmusiker Matthias nahm am Keyboard Platz (auf dem gepolsterten Hocker), Joey stellte sich ganz rechts an die Wand, Patricia und Maite neben ihn, Jimmy in die Mitte, hinten stand noch ein Gastmusiker (Jens?) an diesem großen Streichinstrument und Angelo begab sich zu seinem Schlagzeug und setzte sich, als ob das so gehört, auf diese komische kleine Holzkiste, die ein wenig aussah wie ein Lautsprecher. Aha, anscheinend doch ein neuer Gesundheitsstuhl für Schlagzeuger, vielleicht sollte ich mal nachfragen im Rockshop, wo wir Anjas Schlagzeug gekauft haben? Aber fehlte da nicht jemand auf der Bühne? War da nicht noch Bruder Paul angekündigt? Noch ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, hörte ich von hinten diesen typischen Klang von Pauls Drehleier. Ah, der Gute rollte das Feld von hinten auf! Und da ging er auch schon den Kirchengang entlang an uns vorbei und gesellte sich neben Jimmy und das erste, was mir auffiel, war die Hose.

Ihr erinnert euch an Joeys gelbe Bändelhose, die mit den Knöpfen unten an der Seite, die er immer so schön mit einem grünen Seidenband als Gürtel drapierte? Genau so eine Hose trug Paul, allerdings war sie aus Leder und wurde mit Hosenträgern gehalten, auch eine clevere Lösung eigentlich, die irische Lösung, wie unser Bekannter sagen würde. Zu der Fast-Bändelhose trug er eine der alten weißen Kelly-Blusen, glaube ich jedenfalls, aber vielleicht täusche ich mich ja auch und das waren alles Original-Paul-Klamotten, wer weiß es schon.

Auf jeden Fall standen sie dann alle versammelt auf der Bühne/vor dem Altar und nach dem Drehleierstück kam das für mich absolut schönste Lied des Konzerts: „Madre tan Hermosa“. Jimmys Stimme klang so wundervoll durch die Kirche, dass ich nur denken konnte: „Wow, sie können es noch, sie können tatsächlich nur mit ihren Stimmen und ein wenig Begleitung die Menschen der Herzen öffnen!“ Neben mir hörte ich Doro schon leise schluchzen, sag ich ja, sie können es noch! Doch, Kirchen sind ja wohl geradezu ideal für diese Stimmen! Die brauchen doch gar kein großes technisches Equipment, die können doch singen! Und zum ersten Mal an diesem Tag war ich einfach nur glücklich darüber, dass ich mich entschieden hatte, mit Anja nach Reutlingen zu fahren, und Doro sah auch absolut überwältigt aus, die vorher festgestellte kleine Panne mit ihrem Foto, dessen Akkus sie zumindest vermeintlich extra morgens noch aufgeladen hatte, die jetzt aber offensichtlich total leer waren, schien vergessen. Na ja, und ich hatte ja auch noch meinen Foto dabei und war eigentlich wild entschlossen, wie von Jimmy erlaubt bei den letzten Liedern ein paar Fotos zu machen, wo ich doch schon mal so günstig saß.

So, kommen wir kurz zu den Klamotten: Jimmy und Paul habe ich ja schon, Joey trug eine dunkelbraune Hose mit ganz feinen Nadelstreifen und dazu einen beigefarbenen Pullover, gefiel mir besser als sein Anzug und im Gegensatz zu Jimmy sah er aus, als hätte er abgenommen, seinen rechten Arm zierte eine Gips-Schiene (vom Stockcar-Rennen bei Stefan Raab? Ich hab das nicht gesehen, aber ich nehme es einfach mal an). Sehr interessant war auch seine Frisurenlösung. Die Haare waren zum Zopf geflochten, den er aber UNTER seinem Pullover versteckt trug. Hm, wie wär’s einfach mit Abschneiden, Joey? Oder ne, tu’s bitte nicht, sonst bin ja ich wieder die, die am meisten daran auszusetzen hat. Er sah schlecht aus, fand ich, so abwesend irgendwie oder besorgt, wenn ich Joey heute sehe, vermisse ich jedes Mal den „alten“ Joey, den wilden Joey, den Rocker eben, der anscheinend irgendwo in der Versenkung verschwunden ist.

Patricia hatte den grünkarierten Rock an, den sie bei Roncalli oft getragen hat, und dazu so eine rosa Bluse irgendwie und Pumps und diesen komischen Gürtel über dem Rock, mir gefällt dieses Outfit nicht besonders. Maite schien im ganz im Gegensatz zu Jimmy unter Anfällen von fliegender Hitze zu leiden, ihre Füße steckten nämlich ohne Strümpfe in einfachen Riemensandalen ( na ja, MIT Strümpfen hätte das zugegebenermaßen auch ein wenig merkwürdig angemutet) und sie sah ein bisschen aus wie früher, sie trug einen weißen Unterrock mit so kleinen Spitzen unten dran, darüber einen sagen wir mal lilafarbenen Rock und darüber eine rosa Bluse. In ihre Haare hatte sie ein grünes Band geschlungen und um den Hals hing eine lange afrikanische Kette, die aber bald verschwand, weil sie sie offensichtlich beim Tanzen störte. Und jetzt muss ich gleich mal was zum Thema Maite loswerden: Ich hab viel darüber gelesen, wie dick sie noch sei und dass sie die Pfunde ihrer Schwangerschaft noch nicht los geworden ist. Ja, das stimmt, sie ist noch ziemlich rund, aber ist das wirklich so wichtig? Ist eigentlich außer mir niemandem aufgefallen, wie wahnsinnig glücklich Maite aussieht? Sie ist so hübsch, so bildhübsch und das Glück strahlt nur so aus ihrem Gesicht. Also, mich hat es überhaupt nicht gestört, dass sie nicht rank und schlank ist, ich fand es einfach nur schön, wie glücklich ihr Baby sie offensichtlich macht. Jetzt hab ich den Angelo noch vergessen, er hatte natürlich wie immer eine Jeans an und darüber ein weißes Hemd und Pferdeschwanz, wie immer also, nichts Spektakuläres.

So, kommen wir jetzt aber wieder zum Konzert:

Nach „Madre tan Hermosa“ ertönten Klänge, die mir irgendwie wahnsinnig vertraut und doch fast schon fremd waren. Ne, das kann nicht sein, die werden doch jetzt nicht „Good neighbour“ singen? OHNE Johnny? Das geht doch gar nicht. Aber es ging – und wie! Da war total Stimmung plötzlich in dieser Kirche und alle schunkelten in den Bänken, wow, ja, doch, sie können es noch, selbst in dieser drastisch reduzierten Besetzung! Und sie sahen – von Joey mal abgesehen – so fröhlich aus, so glücklich, sie strahlten das aus, was ich immer so sehr an ihnen geliebt habe, heute noch liebe und wohl immer lieben werde: Liebe zur und Freude an ihrer Musik, ja, das sind meine Kellys! Patricia trat dann vor und begann allen Ernstes „Wearing of the green“ zu singen, wow, das gibt’s doch gar nicht. Und wieder war da dieses Phänomen, das ich schon so oft auf Konzerten beobachtet habe, sie singen ein ganz altes Lied und du stehst da und singst mühelos den Text mit, als hätte er sich ganz tief in dein Herz eingegraben, klingt kitschig, ich weiß, aber bei mir ist das so. Die Texte der alten Lieder kann ich einfach, die sind einfach da, viel mehr da als die der neueren Lieder. Ganz vorne links tanzten ein paar Mädels zu dem Lied, das war so schön, einfach nur schön.

Jimmy kündigte an, dass sein Bruder Joey jetzt ein Lied über wahre Liebe singen würde und Joey trat nach vorne, immer noch sah er irgendwie völlig unbeteiligt aus, aber dann fing er an zu singen, wow, ich liebe True love! Über seine Kinder sang er und darüber wie viel Liebe sie ihm geben und wie stark sie ihn machen und es war so schön, wie er da stand und mit der Hand eine „orgelpfeifenartige“ Bewegung machte, als streiche er über die Köpfe seiner Kleinen! Schön, einfach schön!

Dann war Patricia dran mit „First time“ und bevor sie zu singen begann, sprach sie ein paar Worte darüber, dass sie sich sehr freuen, dass heute so viele gekommen sind und dass sie damit gar nicht gerechnet hätten. Richtig ehrfürchtig stand sie da vorne vor dem Altar, ganz ernst war ihr Gesicht, als sie sprach. Mensch Patricia, natürlich kommen wir, ist doch gar keine Frage!

Maite kam vor und sagte, dass sie jetzt ein Lied über Liebe singen wird und darüber, was Liebe bedeuten kann, dass sie nicht immer nur zwei Menschen betrifft oder so ähnlich. Und dann hörte ich da plötzlich jemanden dieses „It’s easy when you’re sorry and your’re lonely“ singen, das ich so wahnsinnig schön finde, am schönsten vom ganzen Lied, und für einen winzigen Moment dachte mein armes krankes Hirn, da singt Paddy... Ja, ich weiß, er ist weg, ich bin zwar naiv, aber so blöd auch wieder nicht, aber das war ein ganz merkwürdiger Moment, in dem mir so grausam klar wurde, wie sehr er mir doch fehlt, „mein kleiner Paddy“, der so immer so sehr mein Mutterherz berührt hat. Allerdings muss ich sagen, dass Angelo das supergut gesungen hat, echt klasse! Und auch Maite gefiel mir richtig gut, wie sie sang.

Total fetzig ging es weiter mit einem irischen Stück ohne Gesang, so ähnlich wie Kathys Morrigan, total klasse und total irisch, und endlich konnten wir von unseren Plätzen aufspringen und klatschen. Vorne tanzten wieder diese Mädchen und Maite, die sich ihrer afrikanischen Ketten entledigt hatte, rannte zu ihnen hin und tanze mit ihnen. Dann schnappte sie sich ein total süßes Mädchen mit langen blonden Haaren, das sie mit seiner ebenso hübschen Mama ganz vorne vor der ersten Reihe auf dem Boden saß, und tanzte mit dem Mädchen, allerdings ging Maite schon bald die Puste aus. „Puh, diese Kleine“, japste sie und fragte das Mädchen, wie es heißt. Es war ein schöner Name, aber ich hab ihn trotzdem vergessen. Das Mädchen gab Maite dann noch ein kleines Kuscheltier und eine Kette (ich glaube mit einem Maria-Anhänger) und Maite stand ganz gerührt da und fragte, ob das Mädel was dagegen hätte, wenn sie diese Kette „auf ihr kleines Baby hängt“.

Angelo erhob sich von seiner „Schlagzeugkiste“ und kam nach vorne. Er würde jetzt ein Lied singen, das davon handelt, dass man immer wieder versagt im Leben, man aber trotzdem immer auf Gott vertrauen kann. „I trust in you“ sang er dann, ich mag dieses Lied, mir gefällt es sogar sehr gut, und es war unheimlich schön, Jimmy und Joey dabei zu sehen, Jimmy stand an Angelos Schlagzeug und Joey lehnte rechts an der Wand und beide sangen mit geschlossenen Augen „I trust in you“ mit, immer wieder, Joey sah fast ein wenig trotzig aus dabei und ich hätte zu gerne gewusst, was ihm gerade durch den Kopf ging.

Es folgte einer meiner persönlichen Höhepunkte des Konzertes: Jimmy nahm seinen Platz wieder ein und meinte grinsend, dass jetzt ein Lied käme, das viele kennen, und dass wir es gerne mitsingen dürfen, wenn wir den Text können. Kurze Pause. Dann meinte er, natürlich könnten auch die mitsingen, die das Lied nicht kennen. Nun, das ist wohl Jimmy-Logik, dazu sage ich jetzt nichts. Und dann sang er „Nanana“, wow, wie ich dieses Lied liebe! Und wieder war da dieses Phänomen: Auch wenn man das Lied schon ewig nicht mehr gehört hat, man kann den Text, völlig ohne Probleme.

Als nächstes kam „He’s got the whole world in his hands“ und da war Maite natürlich in ihrem Element. Sie tanzte, sie sang, sie hüpfte und ging dann zu einem Mädchen im Rollstuhl hin und ließ sie singen. Es war so schön zu sehen, wie sehr das Mädchen sich freut, total begeistert sang sie mit und tanzte dann sozusagen mit ihrem Rollstuhl mit Maite (das war so ein elektrisch betriebener). „Wenn Maite mal ausfällt, kannst du bei uns mitmachen!“, rief Jimmy ganz laut, und ergänzte dann: „Ne, du kannst auch mitmachen, wenn Maite da ist!“ Und das Mädchen im Rollstuhl strahlte!

Der nächste Höhepunkt folgte, habe ich schon erwähnt, dass ich „Angels flying“ total liebe? Das ist so schön, wenn Joey dieses Lied singt, und in dieser Kirche klang es besonders schön, einfach wow! Allerdings sah Joey immer noch so blass und mitgenommen aus, sollte ich da vielleicht einen Ersatzmann gefunden haben, der mein Mutterherz anrühren kann??? Vielleicht hatte er ja auch nur Schmerzen in der Hand oder im Arm, ich weiß es nicht, aber ich fand einfach, dass das nicht der Joey war, den ich kenne.

Maite kam wieder nach vorne, noch strahlender als vorher, und erzählte, dass sie in diesem Jahr 5 Babys bekommen hätten, als erster sei Angelo dran gewesen, dann sie, dann Joey und dann Jimmy und dann auch noch Paul und alle hätten Mädchen bekommen, nur Paul hätte alle überrascht mit einem Jungen. Und jetzt werde sie ein Lied singen, das sie mit 13 Jahren für ihre Mama geschrieben hätte, sagte sie, und dass ihre Mama in diesem Jahr bestimmt ganz besonders stolz auf die neuen Babys sei. Ja, Maite, das ist sie, ganz bestimmt! Wir könnten ruhig mitsingen bei „Every Baby“, meinte sie, aber sie hätte den Refrain etwas geändert, wir sollten einfach mal zuhören und dann mitsingen. Hm, na ja, sooo wahnsinnig hat sie ja den Refrain nun nicht geändert, die Melodie ein wenig, aber der Text ist geblieben oder höre ich jetzt schon schlecht? Es war jedenfalls sehr schön, wie sie sang, und fast noch schöner fand ich, wie die schon vorher erwähnte bildhübsche Mama mit ihrer ebenso bildhübschen Tochter mit dem schönen Namen vorne auf dem Boden saß, ganz fest hielt sie ihre Kleine und lauschte mit geschlossenen Augen dem Lied.

Wieder ein wenig rockiger ging es weiter mit „Let my people go“ und wieder vermisste ich den alten wilden Joey und als nächstes sangen sie den Gospel-Song „Oh Mary don’t you weep“, also mir hat das richtig gut gefallen, aber Doro neben mir war so überhaupt nicht überzeugt davon, hm, Geschmäcker sind eben verschieden. Auch das nächste Lied war ganz nach meinem Geschmack, „Lord can you hear my prayer“ nämlich, wow, ich liebe dieses Lied und die Stimmung in der Kirche kochte inzwischen richtig, alle sangen und tanzten, soweit das in den Kirchenbänken eben möglich war, und Jimmys Stimme hallte unheimlich laut und kraftvoll durch die Kirche, absolut genial!

Und dann erzählte Maite, dass sie jetzt ein Lied singen würden, das ihr Papa vor vielen Jahren komponiert hätte und es folgte... „Take my hand“, ne, also das doch geht ja jetzt wirklich nicht, „Take my hand“ ohne Paddy? Für mich unmöglich! Maite gab sich wirklich große Mühe, sie lief den Kirchengang entlang, setzte sich dann neben ein Mädchen und nahm es an der Hand und schließlich standen fast alle Leute in den Bänken und hielten sich an den Händen, aber irgendwie wartete ich immer nur darauf, dass „mein Kleiner“ jetzt da irgendwo auftaucht, tat er aber nicht. Ne, dieses Lied hätte ich ganz klar weg gelassen.

Dafür gefiel mir das nächste Lied dann wieder ganz besonders gut, „San José“ gehört zu meinen absoluten Lieblingsliedern, ich liebe es, wie sie das singen. Und dann standen sie plötzlich alle da in der kellytypischen Verbeugung. Ja wie? Ist das jetzt schon aus oder was? Das kann jetzt aber nicht sein! Doch, sie gingen tatsächlich nach hinten, aber Jimmy und Patricia und auch Matthias blieben noch stehen bzw. sitzen und Jimmy erzählte, dass Patricia noch was hätte, sie hätte furchtbar viel geübt, damit sie das jetzt singen könnte. Und dann stand Patricia da in dieser Kirche, in der Hand hielt sie so eine Mappe, auf der stand „The wedding symphony“ oder so und innen drin waren Notenblätter, und was sie dann sang, war keine Heiratssymphonie sondern das „Ave Maria“, wow, wunderschön und glockenhell klang ihre Stimme durch die Kirche, total schön so zum Augenschließen und einfach nur lauschen.

Und dann waren sie tatsächlich weg und ich konnte es kaum glauben. Ne, das tun die nicht, die kommen ja hoffentlich noch mal wieder oder? Merkwürdigerweise ging allerdings das Licht schon an, ne jetzt Leute, das ist nicht euer Ernst, ich weiß ja nicht, wie viel Uhr es ist, aber das war eindeutig zu kurz, viel zu kurz. Offenbar sah Maite das genauso, denn sie stand plötzlich wieder auf der Bühne und meinte, sie habe gerade bemerkt, dass sie ja nur eineinhalb Stunden gespielt hätten und das gehe ja so nicht. Na, das meine ich aber auch!!! Sie setzte sich dann mit ihrer Gitarre auf einen Hocker und erzählte, dass sie jetzt ein Lied singen würde, das sie in Afrika anhand eines Zitates aus der Bibel geschrieben hätte, und überhaupt sprach sie noch ein paar Sätze über ihre Zeit in Afrika, wie schön es dort war, wie wenig sie gemacht und wie viel sie dafür bekommen hätte, ich fand es sehr schön, was sie sagte, aber ich glaube nicht, dass man weiter hinten viel verstanden hat. Dann kündigte sie „My grace is sufficient“ an, ganz ehrlich, ich fand es nicht so toll, aber das ist Geschmackssache.

Sie verschwand wieder, aber jetzt wollten die Fans es wissen. Die ersten packten schon zusammen, aber nach und nach wurde es immer lauter in der Kirche, es wurde gejubelt, nach Zugaben gerufen und ganz laut auf den Bänken rumgetrampelt, einige Minuten vergingen, und dann... ja, dann kamen Angelo, Jimmy und Patricia wirklich noch mal wieder, Jimmy sah aus, als hätte er bereits seine Schlafanzughose angezogen, so ein schwarz-weiß kariertes übrigens äußerst eng sitzendes Teil, doch, der Gute hat ziemlich zugelegt, das muss man schon sagen! Über der Schlafanzughose trug er nun ein rotes Sweat-Shirt und Angelo in seiner unglaublichen Art betrachtete sich Jimmy eine Weile und meinte dann trocken: „Schöne Hose hast du, Jimmy!“ Seinen Gesichtsausdruck dabei muss man eigentlich gesehen haben. Ich liebe es, wenn er das tut! Jimmy entschuldigte dann Joey, der sei schon gefahren, meinte er, „ne, der ist schon mal losgelaufen!“

Und dann, als alles schon fast vorbei war, folgte das absolute Knüllerlied dieses Konzerts, „Babylon“, wow, Babylon in einer Kirche! Und alle tanzten, sangen und lachten und der Pfarrer machte auch weiterhin munter seine Fotos und kaute seinen Kaugummi. Und Jimmy sang und sang und schrie immer wieder, ob wir nach Hause wollten oder ob wir noch Feuer hätten, immer wieder mussten wir „fire“ singen, aber er wollte einfach nicht zufrieden sein. Später meinte er dann lachend, dass das ein Trick sei, und der klappt immer. Leute, die Kirche kochte inzwischen, glaubt es mir, ja, doch die Kellys passen in Kirchen, sag ich doch, Kathy passt da auch rein, warum also nicht auch ihre Geschwister?

Bruder Jim wollte immer noch nicht gehen und Angelo, der das Treiben während des letzten Liedes in der ihm eigenen coolen Art relativ unbeeindruckt beobachtet hatte, schnappte sich diese kleine Holzkiste oder auch Gesundheitsschlagzeughocker genannt, schleppte es zu Jimmy und Patricia nach vorne und setzte sich drauf. Gemeinsam sangen sie dann „A closer walk with thee“, ein wunderschöner Gospelsong, fand ich jedenfalls. Angelo trommelte dazu ein wenig auf seinem Gesundheitshocker herum.

Und dann gingen sie endgültig und ein wunderschöner Abend war zu Ende. Wir gingen noch auf die Toilette und brauchten so lange, dass wir Doro eine kleine Begegnung mit Paul vermasselt haben (sorry, war keine Absicht), und als wir dann auf dem Weg zu unserem Auto am Backstagebereich vorbei mussten, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Trauben von Fans umringten die Kelly-Autos, die gerade wegfuhren, es blitzte wie wild und ein paar ganz Geistesgestörte rannten auch noch hinter den Autos her. Also wirklich Leute, diese Zeiten sollten doch eigentlich vorbei sein oder? Da hätte ich auch keinen Bock, noch rauszukommen und Autogramme zu geben. Wir fuhren Doro heim und ohne mich ein einziges Mal zu verfahren, kamen wir dann auch wieder in good old Rheinstetten an.

Und seitdem frage ich mich, was ich von dem, was ich da in dieser Kirche gehört und gesehen habe, halten soll. Sie können es noch, soviel steht fest, sie können immer noch allein mit ihren Stimmen die Herzen der Menschen berühren, aber haben sie auch mein Innerstes berührt, so wie früher? Ich frage es mich noch heute und ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Ich fand das Konzert schön, wunderschön sogar, aber es war nicht so wie ich das von früher her kenne, dass ich noch Tage danach im Tran herumlaufe, dass ich es gar nicht erwarten kann, wieder auf ein Konzert zu gehen. Und das lag zu einem ganz großen Teil daran, dass Paddy nicht da war, ja, er fehlt mir, er fehlt mir sehr und er wird mir immer fehlen. Natürlich werde ich nach Frankfurt fahren mit meiner Anja, die total begeistert war von dem Konzert, aber ich weiß nicht, ob ich auch ohne sie fahren würde. Ich weiß nicht, was da passiert ist, ich nehme einfach mal an, es liegt daran, dass es da im Moment zwei andere Stimmen gibt, die ich in meinem Herzen singen höre, wie ich es unlängst so kitschig formuliert habe, und irgendwie tut es weh, dass alles nicht mehr so ist wie es war, aber es ist so und was auch immer passiert, die vielen wunderschönen Erinnerungen an all das, was ich mit dieser Familie erlebt habe, was sie mir gegeben haben, die kann mir keiner nehmen, die werde ich für immer und ewig in meinem Herzen tragen. Boah, was für einen Kitsch schreibe ich denn hier? Ich hör jetzt einfach auf, Leute, wir sehn uns, ganz bestimmt! Ich ohne Kelly-Konzerte? Ne, das geht doch gar nicht...